Gefrorene Sterne

Gibt es etwas Lautloseres als Schnee? Er ist so irdisch, wie jede andere Naturerscheinung, und hat doch etwas ganz und gar Unirdisches, Magisches in seiner Lautlosigkeit. Wie er die Wege verwischt, alle Klänge dämpft und die vertraute Welt plötzlich neu und unberührt erscheinen lässt. Jede einzelne Flocke hat die Gestalt eines Sterns. Keiner wie der andere. Gefrorene Sterne, die die Erde in ihrem Winterschlaf beinahe liebevoll zudecken. Die Natur schläft und wartet. Jeder Moment im Leben ist wie eine Schneeflocke, ein einzigartiger, leuchtender Stern. In ihrer Gesamtheit sind sie einfach Leben. Nicht mehr und nicht weniger.
© gabi m. auth

Aufbruch

Die Nacht so tief.
Kein einziger Stern.
Die offene Tür wie
ein drohendes Tier.
Der alte Teddy
dort auf dem Bett,
starrt traurig und leer,
sein einziges Auge
sieht nichts mehr.

Ein Rucksack voll
geliebtem Plunder.
Ein leeres Herz.
Kein Raum für Wunder.
Der Elfenzauber
ertrank im Moor,
ein Gesicht zu nah,
ein Lächeln aus Blei,
die Krone verloren.

Der goldene Ritter
im Rost erstarrt,
verstörender
Albtraum
in der Nacht.
Papi sagt ihr Haar
sei hell wie Elfengold.
……………………
Sie fühlt sich so alt.

Daddys kleine Fee
geht heut fort,
ohne Blick zurück,
ohne Abschiedswort,
verlässt ihren Teddy,
vertraut dem Wind,
beendet den Albtraum
ein Leben beginnt.
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Blauer Tag

Heute ist ein Tag für Purzelbäume,
lichtblauer Tag mit weißen Tupfen.
Und ich bin im Blau,
tanze, hüpfe, räkele mich
wohlig,  brumm-selig.
Trunken von dem verrückten
kleinen Freudenlied,
das in mir summt.
© gabi m. auth

Etwas war anders

Das Leben knirscht.
Dein Wintergesicht
in mein Hirn geätzt,
vergesse ich nicht.

Eisblumenblau
dein letzter Blick.
Etwas war anders,
sahst nicht zurück.

Sitz nun allein hier
am Meeresgrund,
warte auf Sommer,
auf gelb im grau und

verriegle die Augen.
Hör meinem Herzen
beim Stolpern zu.
So wirr. So vertraut

tropft Stille in den
aufgewühlten Sinn.
Ich öffne die Hände
und es fliegt dahin.

Da lass ich ziehen,
das Du und Ich,
dein Sommergesicht.
Gischt bleibt zurück.

Dazwischen ich
für mich.
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Spatz in der Hand

Wie ein dunkler Fleck liegt er auf dem gepflasterten Hof. Zwischen den Ställen und dem Wohnhaus. Im Schatten. Noch fast nackt. Nur an den Flügeln, dem winzigen Kopf und am Rücken zeigen sich erste flaumige Ansätze des Gefieders.
Das Tschilpen der Spatzen klingt unverändert. Wie gewöhnlich sitzen sie in der Dachrinne aufgereiht. Am Dachfirst entdecke ich eine Öffnung, hinter der ich das Nest vermute. Von dort ertönt seit Tagen das unablässige Schreien der Nestlinge nach Nahrung.
Eine Stimme fehlt nun.
Behutsam hebe ich den kleinen Vogel vom Boden auf und bette ihn in meine Hand. Seine Lider sind geschlossen. Die zarte Wölbung lässt das Rund der Augen erahnen. Knapp darunter,  der gelbe Schnabel, der wie ein hilfloses Lächeln aussieht und viel zu groß scheint für den feingliedrigen Kopf. Der Spatz schmiegt den Bauch in meine Hand, die langen, ungelenken Beine eng an den Körper gezogen, embryonal. Nahezu gewichtslos. Archaisch wirkt der Nestling, fast wie ein winziger Flugsaurier. Er atmet.
Der ganze Körper ein Atmen, ein Heben und Senken, ein Ausdehnen und Zusammenziehen. Zwischendurch öffnet sich leicht der Schnabel, als ob er mehr Luft in sich hineinziehen wolle, Luft und Leben. Dann ein verlorener, krächzender Laut, fast unhörbar, nicht zu vergleichen mit dem Schreien der Geschwister dort oben am Dach. Einen Moment zeigt sich seine feine Zunge.
Wie muss die Lunge gepresst sein durch den Aufschlag auf den harten Stein. Das Haus ist ungefähr fünf Meter hoch, der freie Fall unendlich weit für einen jungen Vogel, der die Flügel noch nicht zum Flug ausbreiten kann.
Ich bedecke den Findling vorsichtig mit der hohlen Hand, wünschte, ich könnte ihn in sein Nest zurücktragen.
Unerreichbar.
In meinem Inneren nistet jetzt ein beunruhigend vertrautes Gefühl. Es dehnt sich allmählich aus. Ein pochendes Wundsein im Herzen und ein Zusammenballen im Bauch.
Als Kind wollte ich alles retten, unterschiedslos, Wespen aus halbvollen Limonadengläsern, Vögel mit gebrochenen Flügeln, oder junge, mutterlose Katzen, denen ich Milch aus einer Puppennuckelflasche einflößte.
Das Gefühl, das ich nun in mir spüre, ist wie ein inneres Aufbäumen, ein energisches Nein zu dem lautlos wartenden Tod. Ein trotziger Griff nach Leben, nach Erhalt jedes winzigen Lebens, besonders eines Lebens, das erst begonnen hat. Ich will, dass diesem Spatz ein Federkleid wächst, will, dass er die Augen öffnet und mit flinken Kopfbewegungen die Umgebung beobachtet. Ich will, dass er mit den anderen in der Dachrinne sitzt und tschilpt. Ich will, dass er die Flügel ausbreitet und fliegt, der ganze Körper ein jubelnder Flug am Himmel.
– Ich will –
In meinen Händen spüre ich das Auf und Ab des Atems und den feinen Herzschlag.
Ich werde kämpfen.
Vorsichtig, aber energisch hauche ich auf den zerbrechlichen Körper, eine erste Hilfe, um ihn vor dem Auskühlen zu schützen. Kurz wende ich meinen Blick von dem Findling ab, nach oben, zum Küchenfenster, rufe zu meinem Mann hinauf, er soll ein Nest aus Wärmeflasche und Wollsocken bauen. Dann hauche ich weiter auf das Vögelchen in meinen Händen.
Jetzt öffnet sich der gelbe Schnabel, und es krächzt aus ihm heraus.
Wie hilflos, dieses Krächzen, dieser Schnabel, diese fest an den Körper gepressten Flügel, dieser Mensch mit einem gestürzten Vogel in der Hand.
Wann habe ich angefangen zu weinen?
Meine Hände müssen das Vögelchen wärmen. Ich kann die Tränen nicht wegwischen, neige den Kopf zur Schulter und reibe die Wange an meinem Pullover trocken. Ich hauche wieder und wieder auf den kleinen Vogel in meiner Handhöhle, im gleichmäßigen Rhythmus meines eigenen Atems.
Wird sein Atmen angestrengter, der Herzschlag langsamer?
Ganz leise entschlüpft er sich und mir, als ob sich sein Leben durch meine Finger gestohlen hätte. Die Brust hebt und senkt sich nicht mehr.
Kein Herzschlag.
Ich öffne meine Hände, blicke auf die zerbrechliche Kreatur. Das Köpfchen ist leicht zur Seite geneigt, der große Schnabel zusammengepresst, so anrührend verletzbar, so schmerzlich still. Mit einem Finger streiche ich über die spärlichen Federn.
Die Entscheidung über Leben und Tod liegt nicht in meiner Macht.
Ich stehe vor dem Haus, ein totes Spatzenbaby in der Hand und verstehe.
© gabi m. auth

Veröffentlicht in Lebensmomente,  litarische Anthologie, Methusalem Verlag 2014. Weiterlesen

Sysiphos

Tag für Tag ein Loch in die Mauer sprengen.
Die unbarmherzige Faust im Sonnengeflecht
spüren. Ohnmächtig.  Wehrlos blutend.
Zusehen, wie die Mauer sich lautlos schließt.
Wieder und wieder.
Das höhnische Kreischen der Krähen im Wind.
Weinen. Verzweifeln. Weitergehen. Immer auf der Suche.
Unterwegs die zurückgehaltenen Gefühle herauswürgen.
Sinnlos vermodernde Meilensteine.
© gabi m. auth

Eurydike

Wir wollten
den gleichen Weg gehen.
Mondkind
Wir spucken das Höllenfeuer
einfach aus, hast du gesagt.

Doch du hast dich verlaufen
im Dickicht
deiner Vergangenheit.
Hingst äonenlang
in deinen Abgründen.

Und ich,
auf schmalem Grat,
hielt weiter deine Hand.
mein ganzes Sein
zum zerreißen gespannt.

Das Gewicht deiner Angst
zerrte so schwer.
Das lange Entsetzen
in unseren Augen,
als ich dich los ließ.

Du stürztest lautlos

So mache ich mich auf den Weg
weiter zur Sonne.
So müde. So schwer.
Steine in meiner Seele.
Staub in meinem Herz.

Nacht.

Finde ich hinaus,
in den Tag,
bist auch du
nicht verloren.
Vielleicht .
© gabi m. auth

Leben ist Traum

Auf den Straßen
sterben
die Schmetterlinge,
torkeln
mit staubversengten Flügeln
am Rande der Highways.
Todestaumel.
Schmerz.
Niemand hört
ihr lautloses Weinen
außer denen,
die folgen wollen.
Wohin gehen die Schmetterlinge,
wenn sie tot sind?
© gabi m. auth

Nicht seine Welt

Er steht an der Wand mit den Wochenplänen. Ein großer, stämmiger Typ mit tätowiertem Kopf. Von der Stirnmitte bis zum Nacken zieht sich ein stoppelkurzer Streifen Haare. Irokesenschnitt. Die äußeren Ränder seiner Ohren sind mehrfach gepierct. Eine Goldkreole neben der anderen. Bis zu den Ohrläppchen. Sein mächtiger Oberkörper steckt in einem karierten Hemd, das am Hals weit geöffnet ist.
Drei Reihen Gold blitzen dort in der kleinen Kuhle unterhalb des Adamsapfels. Sie bilden einen leuchtenden Kontrast zu der rotbraunen Haut, die seltsam lederartig aussieht und mich an einen Leguan erinnert. Eine Fleecejacke mit indianischem Muster spannt sich über den Schultern. Die Beine, in braunen Tarnhosen, stemmen sich gegen den abgetretenen PVC Boden.
Wir wollen uns erden, scheinen die Füße in den abgetretenen Turnschuhen zu schreien, erden gegen die Angst, gegen das verfickte Gefühl in einem schlechten Traum festzustecken. Die rechte Hand ist zur Faust geballt. Die linke umklammert eine abgewetzte Sporttasche aus schwarzem Nylon.
Reglos steht er da, die Kiefer fest aufeinander gepresst. Der Blick aus leicht zusammengekniffenen, braunen Augen schweift wie Halt suchend durch den Raum. Er taxiert die nüchterne Einrichtung. Weiße Resopaltische, schwarze Stühle. Es ist Essenszeit. An allen Tischen sitzen Patienten, essen, reden, lachen. Das Summen der Gespräche wabert wie eine unsichtbare, amorphe Masse durch den Raum.

Ich schließe die Augen und fühle mich in ein Freibad versetzt. Als ob sie meine Assoziation bekräftigen will, schickt die Sonne ein breites Lächeln durchs Fenster. Ich fühle es auf den Wangen wie ein zärtliches Nichts, öffne die Augen, beobachte den neuen Patienten. Indianer, nenne ich ihn in Gedanken. Verloren sieht er aus. Wie er da an der Wand steht im Aufenthaltsraum einer Reha Klinik für psychosomatische Erkrankungen. Seine imposante Breite sendet Einsamkeit aus. Und Angst. Ich spüre fast, wie sie von seinen Schultern durch den leicht angewinkelten Arm in die geballte Faust strahlt. Wenn die Angst übermächtig würde, könnte diese ledrige, rotbraune Faust nach vorne schnellen.
Wo so eine Faust hinhaut, da wächst kein Gras mehr, flüstert es in meinem Kopf.
Blöder Machospruch, denke ich.
Der Indianer hat sich nicht einen Millimeter bewegt. Sein Blick geht jetzt über die Köpfe der Patienten ins Leere. Ich stehe auf, gehe auf ihn zu.
„Hat dir schon einer gezeigt, wo du deinen Kram abstellen kannst?“
Ich deute auf die Sporttasche die traurig vor seinen Beinen hängt. Viel scheint da nicht drin zu sein. Er sieht mich an, prüfend.
„Ja. Brauch ich nicht. Ich halt die Sachen bei mir“, knurrt er. „Das hier macht mich aggro. „Ist nicht meine Welt.“
Wir schweigen. Was soll ich ihm schon sagen?
Ist nicht seine Welt. Meine ist es auch nicht. Darum sind ja alle hier. Weil es nicht ihre Welt ist. Weil sie sich vor der Kälte nach Innen verkrochen haben. Die Türen verschlossen und den Schlüssel verschluckt.
„Das geht Vielen am ersten Tag so“, antworte ich. „Ist einfach ein komisches Gefühl, aber das wird nach ein paar Tagen besser“.
Ich lächele. Er steht und sieht mich an. Ein Blick vor dem die Jalousien sich für einen winzigen Moment geöffnet haben. Dahinter ahne ich einen dunklen Gang, unbegehbar, vollgestopft mit zerschlagenen Kinderwünschen.
Ein verlassener Junge von mindestens vierzig Jahren vor einem verlassenen Mädchen.
„Willste nicht wenigstens die Jacke ausziehen?“
Ich zeige in Richtung Garderobe. Er scheint einen Moment nachzudenken. Schließlich nickt er. Sein Gesicht entspannt sich ein wenig als er sich umdreht und zum Kleiderständer geht. Ich sehe hinterher. Das Drachentatoo in seinem Nacken leuchtet blauschwarz. Ist nicht meine Welt scheinen seine Schultern zu sagen.
Ist es meine Welt, frage ich mich.
Aber wessen Welt soll es denn sonst sein, wenn nicht unsere?
© gabi m. auth

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Minenfelder

Gestern, neulich, oder irgendwann spät abends, in einer Facebook Autorengruppe. Ein junger Mann, sympathisch aussehend, freundlich, lud ein Gedicht hoch. Er bat um Anmerkungen.
Und schon eierten wir über das Minenfeld der Lyrik, auf dem man schnell daneben treten kann und

B O O M.

Die Kommentare pitchten hin und her, Pingpongbälle der literarischen Gelehrsamkeit und freundlich aufbauende Botschaften aus dem Genre wenn ich deinen Text lobe, lobst du beim nächsten Mal auch meinen und wir sind beide glücklich.

Ich gebe zu, diese Art von win win Beifall liegt mir nicht. Der Text wurde als Gedicht, als Lyrik hochgeladen, las sich jedoch wie ein Schlagertext. Nichts dagegen einzuwenden. Atemlos durch die Nacht verkauft sich Millionenfach. Irgendwie Geschmacksache. Andererseits gibt es ein Handwerk des Schreibens, das viele Autoren gerne mit der Begründung, Schreiben sei Kunst und Kunst kann alles, in den Staub treten. Ich habe immer ein wenig den Verdacht, sie reden gern von künstlerischer Freiheit, wenn sie das verschmähte Handwerk nicht beherrschen.
Es kam das Unabänderliche. Ich hatte mir geschworen, es nicht mehr zu tun, aber ich tat es. Ich tat es schon wieder. Ich wies auf handwerkliche Mängel hin. Ich verglich das Gedicht mit einem Schlagertext. Und. Gott, ja, ich wagte es die Formulierung  Ich werde dich nie mehr vergessen, als abgenutzt und als nah am Kitsch zu bezeichnen.
Ein anderes Gruppenmitglied fragte, ob der Verfasser Türke sei. Nun, ja, sein Name klang tatsächlich türkisch. Er bestätigte und wollte den Hintergrund der Frage wissen. Der Frager hüllte sich zunächst in ein nichtssagendes „Nur so“ und danach in vielsagendes Schweigen.
Der junge Dichter war verärgert.
Ich konnte seine Empfindlichkeit nachvollziehen. Aus welchem Grund könnte seine Nationalität eine Rolle spielen?
Warum ist es wichtig, ob der Verfasser eines Gedichtes Türke, Schwede oder Franzose ist?
Und plötzlich, ganz hinterhältig und ohne Vorwarnung schraubte sich ein Lied in meine Gehirnwindungen.
Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch daran. GrUp TekkAn, kein Witz, die hießen wirklich so, millionenfach geklickt bei youtube,
Wo bist du mein Sonnenlicht?
Drei junge Türken landeten einen Hit, kitschig, ein bisschen abgedroschen, und ungeheuer charmant.
Ein Hit, der in dieser Art von drei jungen Schweden nicht möglich gewesen wäre.
Und dann dachte ich an die Sprache von Orhan Pamuk oder Elif Shafak überquellend, voller Adjektive, aber nie kitschig.
Ich schrieb dem jungen Dichter meine Gedanken und dass ich in seinem Hang zur blumigen Sprache ein südländisches Temperament sähe.
Ich meine, wenn sein Name Carl Ove Knausgaard wäre, hätte ich eine ruhige, lakonische Sprache eben dem nordischen Temperament zugeschrieben. Wohingegen mich dieses Überquellende, Pralle, dieses Schnörkelige, vor Adjektiven schier explodierende bei einem Knausgaard wundern würde.
Der Jungautor teilte meinen Gedanken nicht.
Er nannte ihn Alltagsrassismus.
Vielleicht war er nur empfindlich in dieser postmodernen Pegida Welt, oder er wollte wie alle Schreibanfänger Lob und Anerkennung für seine ersten lyrischen Gehversuche ernten. Vielleicht hatte er einfach Recht.
Ich weiß es nicht und war verdattert. Alltagsrassismus. Damit hatte ich mich noch nie identifiziert. Ich lebe in einer multikulturellen Familie und habe einen bunten Freundeskreis.

Okay, dachte ich, lass uns über Alltagsrassismus reden. Lass uns über Dinge sprechen, die ich sonst ohne Urteil annehme. Lass uns sprechen darüber, dass es türkische Nachbarn gibt, die deutsche Mädchen für Huren halten. Und wenn einer ihrer Söhne sich in eine Deutsche verliebt, droht ihm Enterbung. Kinder, die einer solchen Liebe entspringen, werden von der Familie des Mannes nicht selten als Hurenbastarde bezeichnet.
Lass uns darüber reden, dass Frauen, die sich stolz verschleiern, oder das Kopftuch tragen, unverschleierten Frauen manchmal vorwerfen, Sexualobjekte zu sein, arme, von Männern missbrauchte Opfer, die das selber nicht wahrnehmen.

Andererseits, warum verdammt noch mal läuft der NSU Prozess jetzt so unauffällig im Hintergrund unserer Gesellschaft ab?
So, als ob nie etwas gewesen wäre?

Alltagrassismus ist eine Drehtür.

Ich schrieb dem jungen Dichter eine Nachricht, dass es mir leid täte, wenn meine Sätze so bei ihm angekommen seien und auch, dass ich einfach nur an GrUp TekkAn und Orhan Pamuk gedacht hätte.
Dann verließ ich die Autorengruppe wie ich es schon mehrfach angekündigt, aber nicht getan hatte. Ich fühlte mich dort schon lange fehl am Platz.
Am nächsten Tag schrieb er mir zurück. „Ich bin aus der Gruppe rausgegangen“,
und „Der Türke ist weg. Ihr seid wieder unter euch.“
Das tat weh.
Als Großmutter eines halbtürkischen Enkels, weiß ich, dass diese Reaktion am selben Zweig blüht wie die blumige Sprache, dramatisch rote Blüten südländischen Temperaments, die mit ihrem überquellenden Duft die Nasen betören oder reizen können.
Ich sehe es wieder vor mir, wie wir an einem warmen Sommerabend bei Kerzenschein im Garten saßen. Mein Mann improvisierte etwas auf der Gitarre. Und  unser siebenjähriger Enkel fing an zu singen. Er sang von König Artus, vom roten Ritter, von Schwertkampf, von Liebe und Treue. Worte, die er sich im selben Moment ausdachte, in dem sie seinen Mund verließen und zum Himmel schwebten. Er sang in melodischen Schnörkeln. Ein bisschen klang es wie der Gebetsruf ein Muezzin vermischt mit einem Hauch von Poetry Slam.
Zum Niederknien.

Ich mag GrUp TekkAn. Ihren Text hätte ich allerdings in einer Autorengruppe handwerklich bemängelt. Und ich hätte ihnen südländisches Temperament bescheinigt.
Eine großartige Sache, diese blumige Sprache, aber bitte, wenn Ihr schreiben wollt, lernt doch, sie so wunderbar zu benutzen wie Orhan Pamuk oder Elif Shafak. Lernt das Handwerk.
Und dann hoffe ich, dass wir uns begegnen in einer Zeit, in der Rassismus nicht hinter jeder Ecke vermutet wird, direkt neben dem Ärger, der uns ja laut eines lakonisch deutschen Textes von Stephan Stoppok nicht anschmieren kann.
Glück auf.
Und beim nächsten Mal erzähle ich vielleicht, wie ich es schaffte, dass der Rassismusvorwurf flugs gegen den des Antisemitismus ausgetauscht wurde.
© gabi m. auth

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