Ich bin Shirin

Ich bin Shirin.
Das ist das Einzige, das ich weiß.
Aber vielleicht stimmt auch das nicht.
Vielleicht ist es falsch, wie alles andere.
Wie mein Leben.

Ich bin Shirin.
Sie sagen, sie haben mich
am Strand gefunden, aber
kann man einen Menschen finden
wie ein Stück Strandgut.

Ich bin Shirin.
Alles, woran ich mich erinnere,
ist dieser Name und die Farbe des Bootes,
in dem wir saßen, meine Umi und ich,
zusammen mit dreihundert anderen.

Ich bin Shirin
Das Meer brennt in den Augen.
Es schmeckt wie Tränen.
Umi kommt nicht mehr.
Es gibt nur noch mich.

© gabi m. auth

Tatort

Menschen können nicht fliegen wie die Vögel.
Wenn sie sich über die Wolken heben, sitzen sie meist in langen Metallröhren mit starren Flügeln, die von kräftigen Motoren in der Luft gehalten werden.
Manchmal,  stürzen sie, rasen hilflos in eine Tiefe, in der sie zerbrechen, Mensch wie Maschine.
So wie in Südfrankreich.
Und über den Trümmern erhebt sich das Weinen und Klagen der Mütter und Väter, der Brüder, Schwestern, Kinder und der Freunde all jener, die Herz an Herz verbunden waren mit den Gestürzten.
Und Viele, die nicht getroffen sind, klagen mit in ihrer Betroffenheit der Verschonten, halten erschrocken, voller Mitgefühl , aber erleichtert die Hände ihrer Liebsten, davon gekommen, doch ahnend, die einzige Sicherheit im Leben ist der Tod.
Und manchmal die Liebe.

Menschen können nicht unbegrenzt schwimmen, nicht wie die Fische, die sich frei in den Meeren zwischen den Kontinenten bewegen.
Wenn Menschen die Meere durchqueren, sitzen sie meist in schwimmenden Kisten, die von kräftigen Motoren vorwärts bewegt werden.
Manchmal sind diese Kisten die einzige Hoffnung auf ein Leben ohne  Hunger, Krieg und Angst. Sie sind oft alt und leck, und sie sinken, ziehen die Menschen mit sich  in die Tiefe und in die Weite des Ozeans, wo die Kraft schwindet und die Lungen sich füllen mit Tränen des Mittelmeeres .

Körper tanzen auf den Wellen, unbeweint, fremd, ungerufen bis der letzte Atemzug verklingt, ein krampfhaftes Gluckern.
Stille.
Wer kennt die  Namen?  Wer lauscht dem Weinen und Klagen der Väter und Mütter, der Brüder, Schwestern, Kinder und Freunde?
Manchmal klingt Schweigen so schrill, dass es schmerzt.
Und nach der Tagesschau kommt Tatort, es gibt Chips.  Werden Thiel und Börne es richten?

© gabi m. auth

Gesichter

Manche sehen aus wie Blumen, Margeriten oder Rosen. Rosen sind sehr beliebt. Andere sind wie Fabelwesen, kleine, pinkfarbene Drachen, blaue Einhörner und Mangas. So etwas in der Art eben.
Dann gibt es die prosaischen oder die politischen, die nur einen Schriftzug tragen. Irgendwie trotzig.
Und da sind natürlich die, die ein Gesicht haben, das wie ein Gesicht aussieht, ansprechend wie ein echter Ansprechpartner.
Oft ist das Abbild ihres Gesichtes schon viele Jahre alt, vielleicht sogar aus der Kindheit. Oder es ist das Gesicht von jemand anderem.
Manchmal weiß ich es.
Ein anderes Mal weiß ich es nicht und frage auch nicht danach.
So viele Gesichter in diesem Buch, so viele Phrasen, bunte Bilder und Plattitüden.
Katzen sind beliebt und weise Sprüche. Oh ja.
Dazwischen immer wie auch eine Perle, ein Edelstein oder zumindest ein Halbedelstein, etwa eine wunderschöne Musik, ein berührender kleiner Film, oder Texte, die so voller Leben scheinen.
Und dann findet sich in manchen Momenten ein echter Austausch, einer, der anregt, der Lust auf mehr macht oder nachhallt wie ein geflüstertes Geheimnis.
Und ich spüre einen Hauch des Menschen hinter dem Gesicht, gleich eine winzigen, warmen Brise mitten im Winter.
Hin und wieder wird so ein Gesicht dann klarer, eine Stimme am Telefon ergänzt das Bild und selten, sehr selten, stehe ich auf einem Platz mitten in der Stadt, die Sonne scheint und eine Person kommt auf mich zu. Ein Gesicht aus dem Gesichtsbuch hat plötzlich einen Körper, einen Gang, eine Mimik und zwei lebendige Augen, die den ganzen Menschen offenbaren.
Wir lachen und freuen uns, dass wir den Sprung gewagt haben.
Und einmal mehr wird klar, dass das Gesichtsbuch, ja, dass die ganze virtuelle Welt im besten Fall eine Gehhilfe ist, wenn es richtig gut läuft, sogar eine, die eine Freundschaft begründen kann.
So ganz real.

Durch Günter Grass habe ich verstanden, was Literatur bedeutet

Rosarote Zeilen

Ich habe Angst, dass Literatur jetzt tot ist. Denn Günter Grass ist tot.

Mit verlaufener Schminke und verquollenen Augen sitze ich auf der Arbeit und versuche zu erklären, warum es so schlimm ist, dass ein 87-jähriger Mann gestorben ist.

Die einen sind Fan von Robbie Williams. Für mich war der alte Mann in Tweedanzügen und Pfeife im Mund mein Popstar. Seine Sätze sind Musik.

Durch ihn habe ich verstanden, was Literatur ist, welche Macht Worte haben. Wer das Wort hat, hat die Macht. Wer schreiben kann, ist mächtig. Und ja, er war mächtig, jedes einzelne seiner Worte haut mich um.

Meine Mitschülerinnen haben sich 2002 mit 17 im Normandie-Urlaub in den 20-jährigen Kellner verliebt. Ich habe mich in den 74-jährigen Günter Grass verliebt. In jeden endloslangen Satz auf 819 Seiten „Blechtrommel“. Pflichtlektüre Abi.

Auf Dias sieht man mich nie ohne diesen dicken Wälzer: Strand, Gartenliege, Bett. Günter und Oskar Matzerath…

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mein bester Freund

Mein bester Freund
warst du,
einer fürs Kino,
oder für Konzerte,
und zum reden,
ganz besonders
zum reden.

Etwas an dir
ließ mich hören,
zuhören, stundenlang,
ein sehendes Hören,
ich sah dich an
und mochte, wie
dein Reden aussah.

Und dein Lächeln,
leise, und trotzdem
durchmaß es den Raum
wie mit leichten,
federnden Schritten,
Vorbote eines
neuen Gefühls.

Das Erstaunen, als
wir es entdeckten,
das füreinander
neu sein und
dieses Gefühl
in der Brust,
wie Flügelschlag.

Liebe nannten wir es.
Und wir lachten.
In deinen Augen
sah ich meine Frage
gespiegelt, wie
ein flimmerndes
Nichtbegreifen.

Warum gerade du?

Wir sind geblieben,
einfach so,
und das Staunen
blieb mit uns
die ganze Zeit
Liebende und
Beste Freunde.

© gabi m. auth

Apollos Atem

Wie es riecht, so unbeschreiblich,
süßwürzig, luftigfrisch
nach aufbrechender Erde,
nach sprießendem Grün, und
nach Staub in den Sonnenstrahlen.

Winzige Blüten recken
ihre blauen Köpfe ins Licht,
und die Vögel, sie jubeln
und singen und hören nicht auf,
ein Chor der Lust auf Leben

Apollos belebender Atem
streicht liebevoll schelmisch
über jedes Wesen, die großen,
wie die allerkleinsten, und es lacht
und lacht, und alles lacht mit, Frühling.
© gabi m. auth

Ostern – Nachdenken über Gott Teil 2

Ist Gott ein Hoax, eine
Fehlermeldung, mit der wir uns
in die Irre führen lassen?
Äonenlang.
Oder führen wir uns selbst?
Religion, ein Denkfehler?
Einer, der uns die Unschuld raubt
und uns abtrennt von uns selbst,
vom Bewusst-Sein und
von der Erkenntnis des Lebens.
Bewegungslos,
in Fesseln vergehend,
vertrocknende Seitenarme
des ewigen Flusses.
Religion lässt genug Wasser,
um nicht zu verdursten,
doch nie genug,
um ohne Durst zu sein.
Durst, den es nicht gäbe
ohne Religion, und,
ohne Gottesidee.
Gott los sein, das Leben
annehmen in seiner Fülle,
in seinem Nichts und Alles.
Vorletzter Satz,
des Nazareners am Kreuz,
Mein Gott, warum
hast Du mich verlassen?
Oder in anderer Übersetzung,
Mein Gott,
wie hast Du mich erleuchtet.
Sie schließen einander nicht aus.
Im Loslassen der Religion,
und der Gottesidee,
in der Verlassenheit, ruhen
Erlösung und Erleuchtung.
Und unabwendbar
klingt der letzte Satz
Es ist vollbracht.
Die Gottverlassenheit,
ein Fluch, oder der
Keim der Auferstehung?
© gabi m. auth

Isola Sicilia

Kann dich nicht verlieren,
dein Name unvergänglich
in mein Herz gebrannt,
ein süßes Feuermal.
Mit heißen Fingern wühlte
der Scirocco sich
in meine Augen, bis sie
halb blind und starr
schemenhafte Kräfte
auf den Feldern ahnten.
Die tanzten silbern dort
und schön.

Betörend und kühl salbte
Tramontana die Wunden
meiner Nacht, wehte in
mein glühendes Hirn,
bezwang die Geister,
und lehrte mich sehen.
Unbegreifliche Schönheit
der Vergänglichkeit.
Abblätternde Farbe
auf einer alten Tür,
sanft verwitternd
wie das Leben.

Wie ich dich hasste, als
in der Glut des Sommers,
Schmetterlinge starben,
zerbrechliche Flügel
betäubt im Straßenstaub,
einer für jeden meiner Träume.
Und wie liebte ich dich, wenn
Abendsonne das Leben färbte,
ein graublaues Meer aus
Zärtlichkeit und Gier nach Leben
mich in den Armen wiegte,
unbegreiflich still.

Leuchtende Insel, du
schöne, stolze Königin,
geschändet, verraten ,
tausendfach geschmäht.
Offenbartest, was ich bin
und heiltest den Schmerz
einer Leidenschaft, der
unheilvollen, vergifteten,
die niemals atmete.
Als die Trauer zerrann,
wurde Freiheit geboren,
das Kind der Liebe.
© gabi m. auth

Um drei ist Kaffeezeit

Um drei ist Kaffeezeit,
sie tanzen dumpf den Reigen,
unberührt von Herz oder Verstand,
rechts-seit-schritt-seit.
und rundherum im Kreise,
brav auf den Teller blickend,
niemals über seinen Rand.

Um drei ist Kaffeezeit,
sie ducken sich, wo sie nicht
treten können und treten,
wo ein anderer sich duckt
und grölen Abendland und beten,
und haben Schaum vorm Mund,
wenn sich ein Moslem muckt.

Um drei ist Kaffeezeit,
man trinkt jetzt Cappuccino.
Man ist modern, und findet Hellas toll.
Dem faulen Griechen allerdings,
dem würde man gern sagen,
von nichts kommt nichts, und
dass er sich am Riemen reißen soll.

Um drei ist Kaffeezeit,
ich danke und verzichte
nehmt’s  mir nicht übel,
mit eurer Zeit habe ich
nichts am Hut, und allen
Griechen sei gesagt, ich
danke Euch für Mikis, für
seine Lieder, wie für euren Mut

Um drei ist Kaffezeit,
es lebe hoch der Stinkefinger,
den die verdienen, die voll Wut
nur lamentieren laut und schrill.
Am Un-Wesen wird nicht
die Welt  genesen, hätt einen Wunsch ich,
ich wüsste, was ich will.

Um drei ist Kaffeezeit
Zur Hölle mit dem Stumpfsinn.
Ich wünschte Freiheit uns,
und einen wachen Geist,
der Piefigkeit und Hochmut
von der Erde wehte, mal hier
mal dort, mal laut, mal leis.

Um drei ist Kaffeezeit,
ich wünschte er würd wehen,
im nahen und im fernen Osten,
in Europa, in Russland, USA.
Rund um den Globus soll er toben,
bis alle Hirne endlich sauber,
die Augen offen und die Herzen klar.

Und Liebe, als ein Kind der Freiheit,
umfange jeden, ohne Ansehen
seiner Haut und seiner Religion.
Wenn wir uns so die Hände reichten,
schlöss um die Erde sich der Kreis,
Leben kann ein wunderbarer Ort sein,
für den, der es zu schätzen weiß.
© gabi m. auth

Danke an Thomas Sonnabend und seinen Blog für die Anregung.
https://ohgottohgott.wordpress.com/2015/03/30/um-drei-is-kaffeezeit/