Englisches Tagebuch: wild garlic

Wild garlic on the hill.
wild, wild garlic.
All that milky stars
and those tiny blue bells,
blue like the sky at dawn,
waving a sparkling carpet
between the gnarled old trees.
It makes me feel free like
a dreaming beauty, living
in an ancient fairytale.
But my eyes are wide open
And there is no dream at all.
So my heart stands still.
wild, wild garlic,
wild garlic on the hill.

© g.m.auth

Englisches Tagebuch Teil 6. Über den Hügel

„In England existiert ein weit verzweigtes Netz öffentlicher Wegerechte, deren Geschichte zum Teil bis ins Mittelalter zurückreicht.  Eigentümer eines Grundstückes, über das ein öffentliches Wegerecht verläuft, dürfen dieses Recht nicht einschränken und müssen darauf achten, dass Benutzer des Weges nicht durch die Nutzung durch den Eigentümer gefährdet sind.“
Was wären wir ohne Wikipedia und all die Nerds, die dort so emsig Fakten sammeln. Dafür spende ich gerne ab und zu ein paar Dukaten.
Gut, nun wissen wir also, dass wir  bei der Erkundung der englischenCountryside nicht fürchten müssen, dass ein gereizter Stier aus den Büschen stürmen und auf uns zurasen wird, um sein Revier zu verteidigen. Das gibt uns ein sicheres Gefühl bei unserer ersten Expedition, auf einen Hügel hinter Beaminster. Zusätzlich sind wir gerüstet mit einer Flasche Wasser und einer Dose englischer Drops. Wir folgen dem public footpath durch ein Holzgatter und über eine Weide. Zwei Pferde trotten auf uns zu. Wir haben keine einzige, verdammte Möhre dabei. Die Pferde beschnuppern uns zur Begrüßung und erlauben uns, sie am Hals zu kraulen. „Tut uns leid, wir haben keinen Leckerbissen für euch“, flüstere ich dem größeren der beiden, einem jungen Apfelschimmel ins Ohr. Er schnaubt leise. Sein Atem trifft warm meinen Arm.
„Next time we’ll bring you some carrots“, sage ich sicherheitshalber noch mal auf Englisch. Er nickt und begleitet uns auf dem Weg zum nächsten Tor. Wir erzählen ihm, dass er ein verflixt sympathischer Typ ist, a nice guy. Zwischendurch bleibe ich stehen und rupfe ein paar saftige Grasbüschel, die hinter dem Zaun wachsen, grün und saftig, an einer Stelle, die ein hungriges Pferdemaul nicht erreichen kann. Unser Wegbegleiter nimmt vorsichtig das Büschel aus meiner Hand. Sein Maul fühlt sich weich und warm an. Zufrieden kauend geht er neben uns her. Ich könnte schwören, dass er mir aus seinen dunkel glänzenden Augen zuzwinkert, bevor er sich mit einer nonchalanten Bewegung seines Halses an T. wendet. T. spricht Englisch mit ihm. Ich vermute, sie haben so ein Männergespräch und gehe einen Schritt schneller. Am Gatter müssen wir unseren Begleiter zurücklassen Wir winken ihm zum Abschied zu. Er galoppiert mit wehender Mähne über die Weide. Seine Hufe rappen von Lebensfreude. Ein Lachen kitzelt in meiner Kehle. Ich lasse es fliegen. Jetzt führt uns der Weg steil in die Höhe. Meine Muskeln nörgeln, fühlen sich noch eingerostet von der Reise. Ich gebe ihr Gemecker weiter an niemand bestimmtes, sehe in die Wolken, hoffe, dass Groß Britannien unsere Anstrengung zu würdigen weiß. Vögel zwitschern. Ich verbuche es als Anerkennung. Auf halber Höhe passieren wir ein weiteres Tor. Wenige Schritte dahinter, zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch, fahren meine Synapsen unvermittelt Achterbahn. Kindheitserinnerungen flattern durch meinen Kopf, Bilder aus alten Märchenbüchern, die ich mit meiner Oma las. Über den Hügel ist ein Teppich aus winzigen Blüten gewachsen, zarte weiße Sterne und zierliche blaue Glocken. Dazwischen ragen verwegene Baumgestalten auf, bei denen ich fast damit rechne, dass sie erwachen und schwerfällig losmarschieren. Unwillkürlich setzen wir unsere Füße vorsichtiger und flüstern während wir durch den Zauberwald gehen. Auf einem umgekippten Baumstamm sitzt ein Squirell, ein Eichhörnchen. Es ist größer als die, die ich aus dem Stadtpark Zuhause kenne und graubraun statt fuchsrot. Mit flinken, kleinen Bissen knabbert es an einer Nuss, die es zwischen den Vorderpfoten hält. Seine Augen sind wie glitzernde schwarze Perlen. Ein kurzer Blick huscht in unsere Richtung. Mister Squirell gestattet uns ein Foto, bevor er flink einen Baum hinauf klettert, wo er nach wenigen Sekunden im dichten Laubwerk verschwindet. Wir waren nicht sicher, ob es vielleicht auch eine Missis Squirell gewesen sein könnte. Die Bereitschaft, sich fotografieren zu lassen, spricht dafür.

Englisches Tagebuch Teil 5: Beaminster Church

Beaminster ist ein kleiner, alter Ort mit einer noch älteren, Kirche aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Fast fühle ich mich in diese Zeit versetzt, als ich umringt von typisch englischen Natursteinhäusern durch die engen Gassen gehe. Hier wurde das Buch  Tess d’Urbanville von Thomas Hardy verfilmt, der ein Kind Dorsets war.
Auch  der kleine Ort, in dem Dumbledore seine Kindheit verbrachte, ähnelt im Film dem, in dem wir hier gelandet sind.
Ich würde jetzt gerne erzählen, dass an unserem ersten Tag die Sonne scheint, das Wetter gebärdet sich jedoch wie eine unzufriedene Ehefrau. Wolkenverhangen, diesig. Immerhin weint der Himmel nicht.
Wir haben uns aus dem Haus gewagt, um den Ort zu erkunden und entdecken den alten Friedhof, der wie in einer brüderlichen Umarmung die Kirche umschlingt.
Der älteste Grabstein, von 1420, gibt keinen Namen preis.  Er neigt sich müde zur Seite,  so weit, dass man ihn stützen möchte. Überhaupt scheinen die meisten Steine archaisch und schief, die Inschriften verwittert, die Oberflächen von ockerfarbenen und weißgrauen Flechten überzogen.
Ein greiser, ein sterbender Ort für die Verstorbenen, erzählt wortlos die Geschichte der Vergänglichkeit, liebevoll überschattet von knorrigen Bäumen, deren mächtige Kronen zu singen scheinen.
Während T.  mit der Kamera zu verewigen versucht, was nicht ewig sein kann, sitze ich auf einer Bank und genieße Ruhe.  Vereinzelt kriechen Sonnenstrahlen  durch die Wolkendecke wie vorwitzige Kinderfinger ins Nutellaglas und  verschwinden genauso schnell wieder.
Als T. die Fototour beendet, betreten wir die Kirche. Der Raum, der uns umfängt, hat nichts gemeinsam mit den ernsten, in schwermütigem Schweigen verharrenden katholischen Kirchen, die ich zum Beispiel in Italien gesehen habe. Die, in denen es so stark nach Weihrauch riecht, dass die Stirnhöhle bebt.
Das Gotteshaus in Beaminster hat etwas heiteres, fast verspieltes, scheinbar immer in Auflösung und Wandel begriffenes. Achtet mich, aber nehmt mich nicht zu ernst, scheint es zu flüstern und verströmt seinen Geruch nach vergilbtem Papier, Staub und feuchtem Mauerwerk.
Rechts neben der Eingangstür entdecken wir die Kinderecke. An einer Pinwand hängen Listen, in die die Kinder sich für Back oder Bastelaktionen eintragen können. An einem runden, ferrariroten Plastiktisch, Marke Ikea klobig, sitzen  Puppen, handgestrickt aus bunter Wolle. Alle haben sie sorgfältig aufgestickte, lächelnde Gesichter. Fast unheimlich.
Ich stelle mir die Ladies der Gemeinde vor, wie sie bei einer Tasse Tee und ein paar Scones mit clotted cream, die Nadeln schwingen.
Wir müssen lachen. Es ist so schräg, so exzentrisch, so zum Verlieben britisch.
Vor dem Verlassen der Kirche erwerbe ich gegen eine Spende noch The Dorset cooking book. Die Rezepte wurden von Gemeindemitgliedern gesammelt.
Der Erlös aus dem Verkauf soll dem Erhalt der Kirche dienen.
Ich denke, sie hat es verdient.

Englisches Tagebuch Teil 4: Glockenklang

Katholische Kirchenglocken haben für meine Ohren etwas Alttestamentarisches.
Dieses tiefe Bum Bom Bom Bum Bum Bom.
Das erinnert mich an Gott, wie er erhobenem Zeigefinger im brennenden Dornbusch erscheint, eine Steintafel in der Hand, eine Augenbraue leicht hochgezogen, im Gesicht diesen Ausdruck von du-sollst-keine-anderen-Götter-neben-mir-haben.
Ein Klang, in dem eine düstere Vorahnung des unendlichen ora et labora schwingt. Scharen von Gläubigen ziehen am inneren Auge vorbei zum Gottesdienst. Manche freiwillig, andere zwangsverpflichtet, sich unwürdig fühlende Diener der zehn Gebote, die sie sich kaum alle merken, geschweige denn ständig befolgen können.
Ganz anders das Geläut anglikanischer Glocken mit ihrem fast jazzigen Dam Da Dam Da Da Dam Dam Da Dam Da Da Dam.
Sie scheinen eher zum Spiel zu rufen, statt zur Arbeit. Neutestamentarisch.  Ein lasset-die-Kindlein-zu-mir-kommen swingt in ihrem Klang, und ein -kommt alle, die ihr mühselig und beladen seid – oder so etwas Ähnliches.
Ein kluger Gott, der das Dienen zum Spiel macht für seine Anhänger , die gebunden werden mit leuchtenden Seidenbändern, so zart, kein Gramm leichter als rasselnde Ketten, aber so unendlich viel hipper.

Englisches Tagebuch Teil 3: Banksy versus Yoghananda oder from Dover to Beaminster

Die Strecke von Dover nach Dorset zieht sich wie immer in die Länge. Ich könnte fast schwören, dass sie jedes Mal ein paar Meilen länger wird. England ist nicht zufällig das Land von Hogwarts und Dumbledore. Zum Glück sind an einem Feiertag nur wenige LKWs unterwegs und wir haben freie Fahrt auf der Autobahn Richtung London, wo sich normalerweise  ein Autokonvoi, der länger ist als Voldemorts Schlange, in Richtung Hauptstadt schiebt .
Hinter London verwandelt sich die Autobahn in eine Schnellstraße, die ihren Namen vermutlich beim Bingo gewonnen hat, eine Art mehrspurige Landstraße, ungefähr alle acht Kilometer unterbrochen  durch einen Kreisverkehr. Slow down steht auf der Fahrbahn und dann ab in den Roundabout und wieder Gas geben.
T. hat den Linksverkehr gut drauf, vielleicht hat er eine vorinstallierte Linksfahrer App. Es ist vermutlich trotzdem anstrengend, links zu fahren wie alle hier, aber im Gegensatz zu den anderen das Steuer auf der falschen Seite zu haben.
Ich biete sicherheitshalber keinen Fahrerwechsel an. T. würde sich sowieso nicht darauf einlassen. Ich meine, wer möchte seine Reise schon in einem Krankenhaus beginnen, oder wohlmöglich in einem Sarg? Wobei der Gedanke, über den Klippen von Charmouth oder am Golden Cap als Asche in den Wind gestreut zu werden, begleitet vom Klagelied der Möwen, etwas seltsam Anziehendes hat.
Muss aber noch nicht sein.
T. teilt meine Auffassung offensichtlich und kutschiert uns unversehrt ans Ziel, vorbei an Stonehenge, das rechts neben uns majestätisch still in der Abendsonne ruht. Früher konnten Besucher sich ungehindert zwischen den riesigen Steinen bewegen. Inzwischen ist das ganze verdammte Ding eingezäunt. Schwer zu sagen, wovor es mehr geschützt werden muss, vor Graffity Künstlern mit Rucksäcken voller Spraydosen oder vor Esoterik Freaks, die sich mit Seidenbändern an die Steine fesseln und keltische Lieder chanten.
Banksy versus Yoghananda. Ich schätze, Banksy wäre mir lieber.
Wir erreichen unser Cottage in Beaminster kurz vor Mitternacht.
Müde, glücklich, allways in love with Dorset.

Englisches Tagebuch Teil 2: Über den Kanal

Man kann sich England aus der Luft nähern, es sich in einem Flieger erarbeiten, in den man beispielsweise in Düsseldorf einsteigt und nach ungefähr einer Stunde mit feuchten Händen und erhöhtem Puls in London oder Bristol wieder aussteigt.
Man kann es sich aber auch verdienen, indem man an einem ersten Mai mit dem Auto quer durch Belgien nach Calais fährt, dort auf die Fähre geht, wo man sich möglichst noch vor dem Ablegen eine Portion Chips mit Senf und Mayonnaise holt, sich an einen Tisch setzt mit Blick auf die Hafenausfahrt und auf den Horizont starrt, wo bei klarem Wetter bereits schemenhaft die Küste Großbritanniens zu erahnen ist und mit jeder Kartoffelspalte, die im Mund verschwindet, ein Stück näher rückt.
Für mich die einzige Art auf die Insel zu reisen.
Während ich also meine Chips esse und English Breakfast Tea schlürfe, schiebt sich das Schiff durch die Hafenausfahrt in den Channel, Bugspitze voraus auf Dover zu.
Es schlingert leicht und wir beschließen an Deck zu gehen und auf den Horizont zu sehen, was in Kombination mit frischer Luft schonender für den Magen ist, besonders dann, wenn der Seegang stärker wird.
Auf dem Weg zum Außendeck geht T. vor mir her. Er hat diesen leicht wiegenden, breitbeinigen Seemannsgang.
An Deck stehen Holztische, Stühle, und Bänke mit hohen Lehnen. Kaum jemand ist hier heraufgekommen. Auf einer der Bänke sitzt eine Frau, vor sich auf dem Tisch ein Glas mit Rotwein, neben sich auf der Bank ein Buch. Sie lächelt in den Wind, der sanft mit ihren Haaren spielt.
Während T. das Deck durchstreift, die Kamera im Anschlag, lege ich mich auf eine Bank, meinen Rucksack unter dem Kopf und schließe die Augen. Unter mir spüre ich das Brummen der Motoren, liege wie in einer Wiege, die mich sacht in den Schlaf schaukelt.
Das Meer kann eine Mutter sein, liebevoll sorgend, aber auch verschlingend, wenn man nicht stark genug ist.
Als ich aufwache, sind wir ungefähr in der Mitte des Kanals. Ich hole mein Buch aus dem Rucksack, Herrndorfs Arbeit und Struktur. Seine Lust auf Leben angesichts des heranschleichenden Todes in seinem Gehirn, treibt mir die Tränen in die Augen. Ich halte es nicht lange aus, klappe das Buch wieder zu und sehe auf den Horizont.
Das Leben kann wunderbar sein, schillernd und bunt wie ein Schmetterling. Ein paar Flügelschläge, ein bisschen Taumeln im Sonnenlicht und in den Staub sinken.
So verdammt kurz.
Links gleiten jetzt die Klippen von Dover vorbei. Ich heule, wie jedes Mal und denke an diesen Robin Hood Film mit Kevin Costner – Der König der Diebe – wo er englischen Boden betritt, auf die Knie sinkt und die Stirn in den Sand presst.
Ich verzichte darauf, seine Geste nachzuahmen. Ich vermute, es würde an der Anlegestelle von Dover nicht ganz so würdevoll wirken.

Englisches Tagebuch Teil 1: Belgien geloopt

England, immer wieder England, Insel, die mir Sinne und Denken anfeuert, so dass meine Füße sich fühlen wie Wurzeln und mein Körper wie Stamm und Krone eines Baumes, dessen Äste sich zum Himmel strecken und im Wind wiegen, während Vögel ihre Nester bauen bevor sie in die Morgensonne taumeln.
So einen Baum macht diese seltsam schrullige Insel aus mir.
Und das allerseltsamste ist, es fühlt sich so gut an, dass ich dort immer wieder sein will.
T. teilt meine Begeisterung. Ich bezweifle, dass er auch das Gefühl der Baumwerdung teilt.
Wir sitzen wieder einmal im Auto und fahren in Richtung Großbritannien, beziehungsweise in Richtung Frankreich zur Fähre. Wenn man vom Ruhrgebiet mit dem Auto nach Calais gelangen will, findet man sich in der Regel irgendwann in Belgien wieder, genauer gesagt auf der Autobahn durch das von Jaques Brel so liebevoll besungene platte Flanderland. An diesem ersten Mai bedeutet das, Teil eines endlosen Convois von Autos zu sein, die sich -stop and go- weiterschieben.
„Wo, verdammt, wollen die alle hin“, frage ich niemand besonderen.
„Ans Meer“, antwortet T. „ans Meer“.
Nun ja, was soll eine gelangweilte belgische Familie an einem semisonnigen Mai Feiertag auch sonst mit der Zeit anfangen?
Warum demonstrieren die eigentlich nicht, wie es sich gehört am Tag der Arbeit?
Die Landschaft schleppt sich vorbei, irgendwie unverändert, flach, unspektakulär.
Langweilig.
Ich könnte schwören, dass wir seit Stunden an demselben Stück Weideland vorbei kriechen. Allein der Anblick einer Herde von Eseln verändert ab und zu die Aussicht und lässt mich vermuten, dass wir uns möglicherweise doch fortbewegen.
Das Navi sagt, dass wir die Fähre um eine Stunde verpassen werden.
Wir fragen nach einer Umgehungsstrecke.
Das Navi sagt, dass wir über Land ungefähr fünf Minuten vor Abfahrt der Fähre im Hafen von Calais ankommen werden.
Ein guter Plan.
Also ab auf die Landstraße. Sofort wechselt die Kulisse. Statt der Esel sehen wir jetzt eine Ackerfläche samt Windmühle.
„Muss schön sein, in so einer Mühle zu wohnen“, sagt T.
Ich bin nicht sicher, ob ich zustimmen will. Ich meine, in einem runden Haus zu leben, das auf einer endlosen Fläche steht, die keine winzige Erhebung zeigt soweit das Auge reicht?
Dagegen scheinen die Türme von Mordor ein Vergnügungspark. Als Gott die Meditation erschuf, muss er in einer runden Mühle gesessen haben. Es ist einfach, alles gleich zu achten, wenn es nichts anderes gibt, einen Verstand zu leeren, in den sowieso nichts rein will.
„Verschollen in Belgien“, sage ich, schalte den CD Player ein und überlasse es den Songs von Eszther Balint die allgegenwärtige Leere und Flachheit auf eine Anhöhe aus Melancholie und Weltschmerz zu führen. Ein wohliger, sentimentaler Schauer lässt mich spüren, dass ich noch lebe.
„Ich muss pinkeln“, sage ich.
T. hält an einer Tankstelle mit Shop und Café, beide leider geschlossen, Inhaber vermutlich auf dem Weg ans Meer.
Egal, pinkeln kann man auch in dem Gestrüpp, das trotzig zwischen der Seitenwand des Gebäudes und dem Zaun des angrenzenden Ackers wächst. In Belgien dienen Zäune vermutlich zur Auffindung des eigenen Hauses.
T. raucht während ich Dehnungsübungen für meine bewegungshungrigen Bein und Armmuskeln mache.
Als wir wieder ins Auto steigen, teilt uns das Navi mit, dass wir die Fähre verpassen werden. Ist jetzt auch schon egal. Weiter geht die Fahrt durchs platte Land bis am rechten Straßenrand ein blaues Schild mit einem Kranz aus gelben Sternen das Überschreiten der französischen Grenze verkündet.
Allmählich verändert sich die Landschaft. Vive la France. Ein bisschen riecht man schon das Meer. Hundert Jahre Belgien liegen hinter uns, und der Begriff Dankbarkeit bekommt eine neue Dimension. Am Ende erreichen wir Calais zweieinhalb Stunden später als geplant und zahlen 25 Euro Aufpreis für das Ticket mit einer späteren Fähre.