Spatzentage 7

Eine Woche ist der Findevogel jetzt bei uns und voller Federn. Wenn er sich aufplustert und tschilpt, bekommt die Redewendung „Schimpfen wie ein Rohrspatz“ einen Sinn.
Ich rufe in der Taubenklinik an und erzähle, dass der Federling nicht mehr richtig satt wird. Die nette Frau am Telefon sagt, dass ich vorbeikommen soll und sie wird mir Handaufzuchtfutter geben. Endlich. Das ist das, das ich nirgendwo gefunden habe.
Mit Mehlwürmern, Nestlingsfutter und Heimchen rette ich uns über den Tag. Heimchen schmecken dem Piepmatz offensichtlich, aber er schreit so oft nach Futter, dass ich dem Nachmittag und dem Moment entgegenfiebere, wo ich zur Taubenklinik fahren kann.
Falls sich jemand fragt, warum der Kleine noch keinen Namen hat, wir wissen immer noch nicht, ob er ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich tendiere zu Mädchen. T hält ihn für einen Kerl. Mhmmm. Also heisst er erst mal Piepmatz oder Federling.
Endlich sitze ich auf dem Roller und rase Richtung Taubenklinik. In diesen Tagen sitze ich irgendwie ständig auf dem Roller und gebe Gas, immer zwischen füttern und Alltagspflichten.
Der Name Taubenklinik ist etwas irreführend. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Vogelklinik und im Wartebereich sitzen Menschen mit Vogelkäfigen in allen Größen. Es gibt auch die typischen Brieftaubenboxen. Irgendwie irre, eine ganze verdammte Klinik nur für Vögel. Ich fühle mich gleich gut aufgehoben mit meinem Anliegen und bekomme schließlich ein Tütchen mit einem gelblichen Pulver, das wie Flaschennahrung für Säuglinge aussieht, von Milupa, Hipp, oder wie sie alle heißen. Ab und zu ein Mehlwurm, Heimchen und das Nestlingsfutter soll ich weiter zusätzlich füttern. Das Tütchen ist nicht besonders groß. Wenn ich in eine Verkehrskontrolle komme, nehmen die mich mit, weil sie denken es wär’ irgendeine dämliche Droge. Ich rase trotzdem auch auf dem Rückweg. Ich weiß, der Piepmatz hat Hunger.
Der Vogelbaby-Brei wird mit einer 1ml Spritze in den Schnabel gegeben. Nachdem ich dem Kleinen die erste Spritze gegeben habe, schreit er sofort nach mehr. Das Zeug scheint zu schmecken. Es riecht irgendwie fruchtig. Insgesamt zieht der Federling sich 3ml weg. Nicht schlecht für so einen Winzling. Dann plustert er sich auf, spreizt die Flügel, zieht einzelne Federn durch seinen Schnabel und glättet mit dem Schnabel den Federflaum an seinen Schultern, bevor er den Kopf zur Seite dreht und einschläft. Eigentlich sollte das Zeug wie ein Energy drink wirken.
Aber er hat solange Hunger gehabt, dass er wahrscheinlich vom Schreien müde ist. Seine Bewegungen werden jetzt ausladender. Ich denke, er braucht mehr Platz und Bewegungsfreiheit, um seine Muskeln zu trainieren und sich aufs Fliegen vorzubereiten. Ein Vogelkäfig muss her, am besten einer, der groß genug ist, dass der Winzling schon ein bisschen darin flattern kann. Bei Ebay Kleinanzeigen werde ich fündig und mache für den nächsten Tag einen Abholtermin aus.
Bei der Schmusestunde nach der letzten Fütterung am Abend, erzähle ich dem Federling von seiner neuen Bleibe.
„Du wirst dann schon bald fliegen, und wir werden dich nach draußen tragen. Zuerst schaffst du es vielleicht nur auf einen der unteren Äste am Baum, dann in die Baumkrone, und irgendwann bis in die Wolken, “ sage ich.
„Tschilp Tschilp, “ sagt er.
Er sieht mich mit schräg geneigtem Kopf an. Sein Schnabel wirkt kaum noch zu groß. Er drückt sich kurz hoch auf seine Beine, als wolle er seine Beinmuskeln erproben. Dann schmiegt er seinen warmen Federbauch in meine Handfläche. Den Schnabel unter einen Flügel gesteckt, schläft er ein.
Das pustet mich total durch und weg. Völlig schachmatt sage „Ich zu ihm, „ich glaube, ich liebe dich, Federling.“
Ist wirklich wahr, genau das habe ich verdammtnochmal gesagt.
Okay, er ist ein Spatz, ich bin ein Mensch. Ich weiß das. Vielleicht möchte mich jetzt jemand für durchgeknallt halten.
Bitte, tut euch keinen Zwang an.

Bunt: für T, Paul Wallfisch, Gina, die Jungs von Reichtum Plakat Erde und den Mann mit dem gelben Hut

Golden leuchtet das Bier
Groß sind die Gläser,
tiefblau der Himmel
so tintenblau.

Sommerblau summen Worte
zwischen dir und mir
und dem Mann mit dem
großen gelben Hut.
Worte wie Junikäfer,
helle Glühwürmchen
Silben in blau.

Golden leuchtet das Bier
Groß sind die Gläser,
tiefblau der Himmel
so tintenblau.

Zigaretten rotglühend
und weißer Rauch,
der zum Himmel steigt.
Lust auf Musik, auf
laute wie leise Töne,
verbindet uns hier
sonnengelbfroh.

Golden leuchtet das Bier
Groß sind die Gläser,
tiefblau der Himmel
so tintenblau.

Weiß funkelnder
Klang der Gitarre,
Erdbraun der Bass,
gelbgrün getupfter,
Schlagzeug-sound
Umarmen ein Keyboard
schwarz, rot und weiß

Golden leuchtet das Bier
Groß sind die Gläser,
tiefblau der Himmel
so tintenblau.

Die violette Stimme,
manchmal rot-orange
und der Farbenrausch
von Rotwein bis Whisky,
aber trunken bin ich
von Wasser, Musik
Freundschaft und dir.
Golden leuchtet das Bier
Groß sind die Gläser,
tiefblau der Himmel
so tintenblau.

Nur ein Konzert
nur Klang und Gefühl
und Lachen und Reden
und tanzen, ja tanzen
alles findet sich
hält sich und löst sich
bunt wie das Leben.

Golden leuchtet das Bier
Groß sind die Gläser,
tiefblau der Himmel
so tintenblau.
© gabi m. auth

Spatzentage 6

Manchmal klingt das Tschilp Tschilp des Federlings schon richtig erwachsen.
Mehr so, wie Lebensfreude, und weniger wie Hunger. Heute kamen viele Twitter und whatsapp Nachrichten auf meinem Smartphone an. Ich weiß nicht, wer das kennt, aber bei mir werden die immer mit so einem Tschilp-Ton gemeldet. Der Piepmatz hat auf jede verdammte Meldung geantwortet. Seine Flügel sehen schon richtig spatzenmäßig aus, und bei der Handkuschelrunde bewegt er seinen Kopf so, wie große Spatzen es tun, ein wenig schräg geneigt mit einem Blick in meine Richtung. Das Federkleid an seinem Bauch ist dichter geworden. Man erkennt auch schon das typische braun-weiße Muster.   Manchmal glättet er die Federn an seinen Flügeln mit dem Schnabel, so wie ich mir die Haare kämme.  Danach plustert er sich auf und sieht aus wie eine kleine, wuschelige Kugel mit Augen und einem Schnabel dran.
Irgendwie wird er nur nicht mehr richtig satt. Ich wühle mich wieder mal durch eine verdammte Million Google-Einträge. In einem der Foren steht, dass das Nestlingsfutter, dass er bekommt, nicht gut für Vogelbabies ist. Mist. Dann entdecke ich die ausdrückliche Warnung vor Mehlwürmern.  Oh nein. Nestlinge sollen die auf gar keinen Fall essen. Ästlingen darf man ab und zu einen geben. Aber was ist er denn nun? Ein Ästling oder ein Nestling?
Ein Ästling, erfahre ich, ist ein Jungvogel, der sein Nest verlassen hat, aber noch von den Eltern versorgt wird. Ich entscheide, dass Federling so jemand ist.
In anderen Foren steht übrigens, dass Mehlwürmer klar gehen, wenn man die Köpfe knackt. Das ist typisch für den welt-weiten-Wühltisch. Einfach jeder tut seine Meinung kund, verkauft sie als Tatsachen und man muss für sich selber herausfinden, was denn nun stimmt. Ich bin dafür, dass man verpflichtet wird, ein könnte vor seine eigenen Ansichten zu stellen. Etwa so, die Erde könnte eine Scheibe sein. Oder, die Erde könnte eine Kugel sein.
Quod erat demonstrandum.
Okay, Ich rase also mit dem Roller zur nächsten großen Zoohandlung und frage nach geeignetem Futter. Die Leute da sind nett, haben aber nur das Zeug, dass der Federling sowieso schon bekommt. Sie bieten mir Heimchen an. Im Internet steht, dass Jungspatzen die essen dürfen.
Ich nehme sie. Als ich bezahle, wünscht die Verkäuferin mir viel Vergnügen beim Heimchen fischen. „Wieso?“ frage ich.
„Weil die aus der Schachtel hüpfen.“
Ach du Schande, ich sehe mich schon durch die Wohnung hechten und Heimchen jagen.
„Kann man die einfrieren?“ frage ich
Die Verkäuferin lacht und sagt, dass das die meisten so machen und die Viecher kurz vor dem Verzehr wieder auftauen. Dann empfiehlt sie mir noch, wegen des Futters zur Taubenklinik zu fahren. Wusste nicht mal, dass es so was hier gibt. Aber ist irgendwie logisch. Ich meine, ich lebe schließlich im Pott und wir sind so etwas wie die Hochburg der Taubenzucht.
Ich bin erleichtert.

Spatzentage 5

Mit Quark und Ei ist der Piepmatz nicht mehr zufrieden. Er isst Mehlwürmer, kleine Bröckchen von dem Nestlingsfutter und ein paar Erbdeerhäppchen.  Ich habe gelesen, dass Nestlinge kein Wasser brauchen, weil die Eltern ja alles einspeicheln. Das würde mir besonders bei den Mehlwürmern schwerfallen.  Also gebe ich ihm Wasser mit einer Pipette.  Er liebt es. Er unterscheidet die Pipette von der Pinzette. Manchmal dreht er den Kopf weg, wenn ich ihm ein Bröckchen  Futter mit der Pinzette hin halte, aber sperrt gierig den Schnabel auf, wenn er die Pipette sieht.
Beim Füttern und besonders beim warmhalten in meiner Hand, rede ich mit dem Kleinen.  Ja, klar, ich rede mit ihm. Das braucht er doch. Er ist zwar kein verdammter Säugling, aber ein Baby. Im Nest hat er ständig das Tschilpen der anderen Spatzenbabies gehört. Ich schnalze manchmal ein bißchen mit dem Mund. Das hält dem Vergleich mit einem echten Tschilp Tschilp nicht stand, aber ich finde, ich mache das schon ganz gut.
Und, ich erzähle ihm eben alles Mögliche. Was man so reden kann, wenn man mit einem Federling spricht. So, „Wahnsinn, deine Flügel sind ja wie verrückt gewachsen. Und dein Bauch ist ganz plustrig von Federn und gar nicht mehr völlig nackt. Ich sehe dich schon fliegen, kleiner Zirper, ganz hoch oben. Du wirst es lieben. Ist bestimmt ein tolles Gefühl.“
So ein Zeug eben. Wie man mit einem Säugling sprechen würde.
T hört zu und findet mich nun doch ein wenig skurril. „Sprichst du da mit dem Spatzen?“, ruft er aus dem Wohnzimmer.
„Ja, was denn sonst? Denkst du etwa ich führe schon Selbstgespräche?“
“ Mhmm…“ sagt er.
Aber im Ernst, warum sollte ein Spatzenbaby, das aus dem warmen Nest gefallen ist, nicht das verdammt normale Bedürfnis nach Zuwendung haben, die über simples Füttern hinausgeht?
Eben drum.
Er will jetzt häufiger als alle zwei Stunden gefüttert werden, und er spreizt manchmal schon die Flügel wie ein großer Spatz. Ein Anblick, der mich weg pustet.
„Bald wirst du bei Deinem Schwarm sein“, flüstere ich und, dass er ein wunderschöner Federling ist.

Spatzentage 4

Ich öffne die Augen. Zwanzig nach sechs. Ich bin von der Stille wach geworden. Ich hab keinen Wecker gehört. Ist ja okay, wenn man frei hat. Aber ich höre auch kein Tschilpen aus dem Bad, und das treibt mich nervös aus dem Bett . Für alle, die sich wundern, warum der Piepmatz im Bad steht, dafür ist der Kater verantwortlich, dem ich nicht so recht zutraue, den Kleinen als neuen Mitbewohner anzusehen, und nicht als Ergänzung des Speiseplans.
Okay, als ich die Badezimmertüre öffne, kommt der erste vertraute Ton und mit ihm die Freude an dem Federling. Der Schnabel sperrt sich auf in Erwartung des Futters. Ich atme aus und hole die Futterdose. Ich hatte schon befürchtet….
T und ich verbringen den Tag Zuhause mit Gartenarbeit, chillen und Spatz füttern. Der Kleine kommt mir schon viel vitaler vor. Die abendliche Kuschelrunde ist inzwischen ein Ritual, das er zu mögen scheint.
Wenn ich mich dann ganz nah mit dem Ohr zu seinem Kopf neige, höre ich ein winziges Schnalzen und Zierpen, ein XS Geräusch, das völlig anders klingt als der XXL Futterschrei. Ich glaube, es bedeutet: Ich fühl mich wohl und sicher. Zumindest hoffe ich das.

Spatzentage 3

Sechs Uhr morgens.
T. schläft noch tief und fest neben mir im Bett. Vielleicht träumt er von England. Der Wecker und sein dröges Miep Miep sind heute deaktiviert. Mein Leben tickt allerdings jetzt im Vogeltakt. Ob ich frei habe oder nicht, ungefähr um sechs wird gefüttert.
Der Federling schreit. Ich husche mit einem Lächeln ins Badezimmer, wo sich schon der aufgesterrte Schnabel aus dem Kartonnest reckt. Wer hätte gedacht, dass ich noch mal mit Freuden um sechs Uhr aufstehen würde? Ich, Madame mein-Biorythmus-lässt-aufstehen-vor-sieben-nicht-zu.
Es gibt wieder dieses Quark-Ei Gemisch. Nach dem Frühstück will ich Mehlwürmer und Aufzuchtfutter besorgen. Vorsichtshalber bitte ich T, sich um den Spatz zu kümmern, während ich einkaufe.
Als ich zurück komme, liegt der Kleine satt und zufrieden in seinem Heu-auf-Wärmflasche-Nest. Die Fütterung scheint gut geklappt zu haben. T ist äußerlich pragmatischer als ich, aber ich bin überzeugt, dass der Piepmatz einen Platz in  seinem Herz erobert hat.
Die Mehlwürmer sehen aus wie etwas, vor dem ich normalerweise schreiend wegrennen würde. Okay, das ist übertrieben, aber auf jeden Fall wie etwas, um das ich einen sehr großen Bogen  machen würde. Sie sind dankenswerterweise in einer hochwandigen durchsichtigen Kunststoffdose. Ich hoffe, sie ist auch wirklich hoch genug.  Es wimmelt und wimmelt nämlich. So orange und madenweiß. Man muss die Dinger im Kühlschrank aufbewahren, damit sie länger haltbar sind. Sie halten auch dann höchsten zwei Wochen, bevor sie sich verpuppen und später zu irgendwelchen Käfern werden.
Zwei und zwei zusammengezählt sagt, es könnten Mehlkäfer sein. Keine Ahnung, ob es die überhaupt gibt. Keine Lust, Tante Google zu fragen. Bei der nächsten Futterrunde stehen jedenfalls außer Quark mit Ei auch Mehlwürmer auf der Speisekarte. Den ersten findet der Federling lecker. Bevor ich ihm einen zweiten geben kann, ruft T aus dem Wohnzimmer:
„Gibst du ihm lebende Mehlwürmer?“
„Nein, ich spieße sie auf. Dann sind sie doch kaputt.“
„Nee, sind sie nicht. Im Internet steht, dass man ihre Köpfe kaputt machen muss, weil sie sich in den Magenwänden des Vogels festfressen können.“
Verdammter Mist. Ich fische mit der Pinzette zwei von den Dingern aus der Schachtel und sehe sie mir genauer an. Sie haben tatsächlich eine rötliche, kugelige Verdickung an einem Ende. Offensichtlich der Kopf. Darunter sind ein paar winzige Krabbelbeine, mit denen sie sich fortbewegen.
Irgendwie tun sie mir leid, als sie versuchen, der Pinzette zu entkommen. Ich zerquetsche trotzdem ihre Köpfe. Es knackt wie ein Hundefloh.
Ich frage mich, was mit mir nicht stimmt. Ich meine, ich bin Vegetarierin und kille hier grad Mehlwürmer, damit so ein kleiner Spatz sie essen kann. Vermutlich wurden sie speziell für diesen Zweck gezüchtet. Und das Gewimmel in der Schachtel sieht verdammt nach Massentierhaltung aus. Verstörend irgendwie.
Andererseits nimmt man ja auch Antibiotika, um Bakterien zu töten. Ab wann gilt eigentlich ein Wesen als Tier und als Lebe-Wesen? Natur ist eine komplexe und geheimnisvolle Angelegenheit, wo Leben und Tod ihren Platz haben und das vermutlich im perfekten Gleichgewicht. Manchmal denke ich, wir wissen zwar viel,  haben aber trotzdem keine Ahnung.
Wie auch immer, der Federling jedenfalls mag Mehlwürmer und bekommt sie auch bei der nächsten Fütterung. Das Nestlingsfutter ist  nicht so sein Ding, aber es gibt ja immer noch Quark-Ei-Brösel.
Am Abend, nach der letzten Mahlzeit halte ich den Winzling  in den Händen. Er hat in der kurzen Zeit bereits mehr Federn bekommen. Sein kleiner Körper passt perfekt in meine Handwölbung. Ich halte ihn lange so. Zwischendurch öffnet er kurz die Augen, wendet den Kopf in meine Richtung und sieht mich an. Das macht mich ganz schwach, als wäre ich selber so klein und hilflos. Als ich später im Bett liege, habe ich vor dem Einschlafen, wie einen Abdruck auf der Handfläche, immer noch das Gefühl, als hielte ich ihn in der Hand .
Ich lasse mich selten mit Haut und Haaren auf ein anderes Lebewesen ein. Keine Ahnung wieso.
Warum es mich jetzt bei dem Piepmatz so erwischt, weiß ich nicht. Es ist einfach so, sobald ich ihn höre, sehe, füttere, oder in der Hand halte, pustet es mich innerlich weg.

Spatzentage 2

Ich träume. Sommerwiesen in der Toskana, das Zirpen der Zikaden, Vogelgezwitscher. Die Luft riecht nach Hitze und Rosmarin. Schön. Der Gesang der Vögel wird lauter, gräbt sich mit drängender Energie in meine Ohren. Trommelfelle vibrieren.
Ich öffne die Augen. Keine Spur von blauem Sommerhimmel. Grau und dämmrig ist das Schlafzimmer. Ich sehe auf den Wecker. Viertel vor sechs. Noch etwas über eine Stunde bis er loslegt.
Doch aus dem Badezimmer tönt bereits jetzt das hungrige Rufen eines Spatzenbabies. Es klingt nach maximaler Verzweiflung. Noch schneller käme ich, glaube ich, nur dann aus dem Bett, wenn es brennen würde.  Ich hole mir die Dose mit der Quark-Ei Mischung und trage den Karton mit unserem teilgefiederten Gast behutsam ins Esszimmer. Das Schreien wird lauter, schwillt an, bis das erste Bröckchen im Schnabel gelandet ist, dann stoppt es ein paar Sekunden und fängt unvermindert von vorne an. So geht es etwa fünf Minuten.  Zum Glück hat T. den Zahnstocher, den ich zum Füttern benutze abgerundet.
Der kleine Spatz schenkt mir einen kurzen Blick aus einem Auge. Dann schiebt sich ein graues Augenlid von unten über die Pupille.  Der Federling schläft satt und zufrieden ein. Ich tapse zurück ins Bett, wo T. noch friedlich schläft. Er sieht fast so zerzaust aus wie der Spatz.  Großartig, dass ich heut nicht arbeiten muss, denke ich und dass wir danach beide noch zwei Tage frei haben. Ich wühle mich in meine Decken und schalte um auf Kuschelmodus, aus dem mich Ts. Wecker eine Stunde später wieder zurück pfeifft mit seinem nervigen Miep, Miep, Miep. Er wird unterstützt von einem hungrigen Tschilpen  aus dem Bad. Ich versenke erneut Quark-Ei-Bröckchen im Schnabel des Federlings. In meinem Hals spüre ich dabei so einen seltsamen Kloß. Ich spüle ihn später mit Kaffee weg.
Frühstück am Laptop ist besser, als man vermutet. Vor allen Dingen, wenn es in den unendlichen Weiten des virtuellen Raumes etwas über Spatzen und ihre Brut zu lesen gibt.
Mein Fazit nach eineinhalb Stunden: Ich brauche Mehlwürmer, Handaufzuchtfutter und eine riesige Kiste Geduld.
Und, ich weiß jetzt, dass mein kleiner Ziehvogel jede zweite Stunde gefüttert werden muss, aber dafür nachts von circa 22 Uhr bis morgens um sechs schlafen wird. Es scheint, als wären Spatzenbabies in dieser Hinsicht den menschlichen Babies ähnlich.
Okay, dann stelle ich mich eben innerlich auf einen anderen Lebensrythmus ein. Und ehrlich, ich freue mich darauf.
Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, schreit der kleine Findevogel wieder nach Nahrung. Nach dem Füttern nehme ich ihn in meine Handhöhle. Im Nest sitzen die Jungen dicht gedrängt beieinander. Ich meine, wie soll er sich wohl fühlen, wenn er hier immer nur alleine in seinem Kartonnest liegt?  So völlig ohne Körperkontakt?  Der alte Fritz hat mal ein Experiment mit Babies gemacht. Sie wurden rundum versorgt, aber nicht gestreichelt oder im Arm gehalten. Sie haben  nicht überlebt. Grausam oder?
Ich bin überzeugt, dass auch ein Spatzenbaby kuscheln möchte.
Ich spreche leise zu ihm. Ja, ich spreche mit einem Spatzen. Ich erzähle ihm, was für ein wunderschönes Wesen er ist und wie groß und kräftig er bald sein wird.
Er antwortet nicht.
Sein winziger Körper fühlt sich ganz warm an in meinen Händen. Ich habe gelesen, dass Vögel eine höhere Körpertemperatur haben, als Menschen ungefähr  39° bis 42°.
„Es ist ein verdammtes Geschenk, dich in den Händen zu halten und groß ziehen zu dürfen,  Federling“, sage ich und spüre wie meine Augen ein bisschen überlaufen, als er ein winziges, leises Zirpen und so etwas Ähnliches wie ein Schnalzen von sich gibt.
Glück hat manchmal kleine Federn.

Spatzenzeit

Es war glaube ich John Lennon, der gesagt hat: Leben ist das, was passiert, während du damit beschäftigt bist, Pläne zu machen.“
Wer auch immer es gesagt hat, der Mann hatte verdammtnochmal Recht.
An dieser Stelle sollte der nächste Teil des Englandtagebuchs stehen. Für alle, die es gerne lesen, es wird natürlich weitergehen, sofern das Leben meine Pläne berücksichtigt.
Nur eben nicht jetzt.
Das liegt daran, dass Juni ist.
Die Spatzen haben ihre Nester am Dach des Pferdestalls gebaut, der sich an unser Haus lehnt wie ein Greis, der Wange an Wange neben seiner Frau auf der Parkbank sitzt.
Wie immer in dieser Jahreszeit höre ich das Schreien der Nestlinge unter dem Dach.
Wie jedes Jahr hoffe ich, dass sie überleben.
Jeden verdammten Juni seit ich hier wohne, fallen ein paar von ihnen aus dem Nest, stürzen auf den Steinboden vor dem Haus. Meistens sind sie sofort tot. Einige von den sehr jungen, noch fast nackten Spatzen, die fast wie kleine Saurier aussehen, starben wenige Minuten, nachdem ich sie gefunden hatte, in meinen Händen. Zwei von ihnen, die schon erste flaumige Federn hatten, überlebten immerhin einige Tage.
Ja ja, ich weiß, es sind nur kleine Spatzen, nichts weiter, sagen manche.
Für mich ist das anders. Ich bin so eine alte Hippie-Else, eine, die im Freibad Wespen aus dem Becken fischt und auf die Wiese trägt, wo sie trocknen und dann weiter fliegen. Klar schimpfe ich auch auf die verdammten Wespen, wenn sie mich mal stechen, aber beim nächsten Mal trage ich sie wieder aus dem Wasser. Als Kind habe ich wohl erwartet, dass sie mich als „besonders nützlich“ kennzeichnen, so dass alle ihre Wespenkollegen das Zeichen sehen und mich verschonen. Wenn ich es genau betrachte, bin ich in meinem Leben tatsächlich nur drei Mal von einer Wespe gestochen worden. Ich nehme an, die drei waren nicht gut im Zeichen lesen. Oder aber sie haben mich auf diese Weise gekennzeichnet und ich seh’s nur nicht.
Egal, was nun die Rettung der gefallenen Spatzenbabies angeht, es blieb jedes traurige Mal bei dem Versuch. Keiner der kleinen Findevögel hat überlebt. Und ja, ich habe geheult. Obwohl ich die Aussichtslosigkeit meiner Versuche  nicht vergesse,  will ich keines von ihnen hilflos dort am Boden liegen lassen wo Pferde, Reiter, Hunde und Katzen vorbei laufen und wo die Eltern keine Chance haben, ihr Junges weiter zu füttern. Ich meine, ich könnte es nicht.  Für mich sind es Babies, atmende, fühlende, kleine Federlinge, die das Potential des freien Falls genaus so in sich tragen wie das des freien Fluges. Alleine das macht sie uns Menschen ähnlich.
Okay, also, wie gesagt, es ist Juni, da fallen  die Spatzen aus dem Nest. Und vor mir auf dem Hof, direkt neben der Mülltonne, hockt plötzlich so ein schreiender kleiner Nestling. Es gibt keine richtige Beschreibung für das Gefühl, das der Anblick dieses winzigen Wesens in mir auslöst. Alles in mir geht auf standby mit Ausnahme dieses namenlosen XXL Gefühls.
Und ehe du bis zehn zählen kannst, sitzt das Vögelchen in einem Karton voller Heu in meinem Badezimmer und ich erinnere mich nur vage, wie es dorthin gekommen ist. Der Kleine ist nicht ganz so federlos wie seine verstorbenen Vorgänger. Er hat sogar schon winzige Schwungfedern an den Flügeln. Wie er da so zusammengekauert im Nest sitzt, könnte man ihn fast für vollständig halten, wäre da nicht dieser übergroße Schnabel mit den gelben Mundwinkeln. Ich weiß nicht, ob sich das jemand vorstellen kann, der es noch nie gesehen hat. Wenn der Winzling nur ein wenig die Flügel spreizt und versucht, sich wärmesuchend tief in das Heu zu graben,   dann sieht man, dass er unter den Flügeln und am Bauch noch nackt ist. Seine Haut ist etwas rötlicher, aber im Grunde genau wie unsere Haut.  Ich lege ihm eine Wärmeflasche unter das Heu und koche ein Ei.
Vor kurzem habe ich gesehen, wie ein Nestling gefüttert wurde. Der Tierarzt hatte Quark verordnet, verrührt mit gekochtem Eigelb und geriebenem Zwieback. Kleine Bröckchen dieser Mischung wurden auf einen Zahnstocher gespießt und dem Vogelbaby vorsichtig tief in den weit geöffneten Schnabel gesteckt.
Es kommt mir so vor, als hätte das Leben mir den Crash Kurs in Vogelaufzucht beschert, weil ein Spatzenbaby auf mich wartete. Oder war es am Ende umgekehrt?
Wie auch immer, mein halb gefiederter Nestling bekommt Quark mit Ei und Zwieback. Er sperrt den Schnabel so weit auf, dass man meinen könnte, er wäre ein Schnabel auf Beinen, ziemlich langen, wackeligen Beinen, die ihm das Aussehen eines Flugsauriers geben. Wenn der Schnabel geschlossen ist verleiht er dem winzigen Spatzengesicht etwas clowneskes, wegen der gelben Schnabelränder, die aussehen wie ein aufgemalter Clownsmund. Ein trauriger kleiner Clown, der Hunger hat und friert.

Lied vom Mann sein (erster Teil) inspiriert durch ein Bild der Künstlerin Carina Hommel

Zier dich nicht Bambi,
was heißt schon Glück?
Sieh mich nicht so an,
komm schon, komm,
komm näher, ein Stück nur
Oh, ja, so ist es gut.
Nun stell dich nicht an.

Sieh mal, ich weiß,
du willst es auch,
seh’s in deinen Augen
so glänzend, so feucht.
Glück ist eine Chimäre.
Komm näher, mein Kind,
glaub mir, es ist leicht.

Leicht wie der Wind,
wie das Lied, das
meine Mutter mir sang,
Schweig und komm näher,
dein Herz pocht so laut.
Ein Stück näher nur, komm,
wirst sehn, es ist schön.

Ich halte dich fest,
so sicher und warm,
Schmerz ist ein Schatten,
nichts als ein Phantom,
wandelbar wie die Hand,
die mein Vater erhob,
damals, als er mich, als ich..

sei still und komm näher
ein Stück nur, nun komm,
Oh, ja, so, so ist es gut,
Ach, und so schnell vorbei
nur ein Hauch wie das Leben
Du weinst ja mein Kind,
sag, war da ein Schrei?

Was ist los mit dir?
Du willst es doch auch.
Glaub mir, es ist schön.
Nun sitz nicht so starr,
stumm die Knie im Arm,
das verdirbt die Lust,
darfst ja gleich gehn.

Lass das Jammern,
will dich lächeln sehn.
Ruhig, es ist gleich vorbei.
Ein Stück nur komm näher.
Oh, ja, so, so ist es gut.
Zier dich nicht Bambi,
komm, was ist schon dabei?
©gabi m. auth

Teil 8. Art Deco Café oder reality beats virtuality

T ist oft auf Twitter unterwegs.
Das wäre nicht erwähnenswert, wenn er nicht, und das ist der springende Punkt, eine Twitter-Freundin hätte, die in Beaminster lebt. Er kennt sie nur virtuell, wie das so ist bei sozialen Netzwerken im Web. Man hat massenhaft Freunde, aber die meisten von ihnen noch nie außerhalb des Internets  getroffen. Ihre Lebenswirklichkeiten berühren deine in der Tiefe des virtuellen Raumes wie angemalte Schatten. Irgendwie bizarr.
Das ist kein Neuland, das ist eher Shadowland.
Ich meine, du verbringst einen großen Teil des Tages mit diesen Leuten, siehst ihre Katzenfotos und Partybilder, auf denen sie mit einem bescheuerten Lächeln einen Caipirinha oder so etwas schwenken. Du liest vielleicht ihre Meinung über die Finanzkrise oder bloß über den European Song Contest. Ich hoffe immer, dass ihre Bilder und die Sachen, die sie über sich erzählen, real sind und nicht frei erfunden. Wie kann ich wissen, ob der lustige Typ, mit dem ich im Facebook Chat schreibe, nicht in Wirklichkeit ein ungewaschener, pickeliger Nerd mit fettigen Haaren ist, der am Laptop sitzt und zwischen zwei Kommentaren Fingernägel kaut bis Blut auf seine Tastatur tröpfelt?
Das erinnert mich an früher. An Brieffreundschaften, die durch die Bravo zustande kamen. Gibt’s die Bravo überhaupt noch? Für alle, die sie nicht kennen, das war eine Art Magazin für Teenies. In jedem Heft gab es eine Seite, auf der man Brieffreunde aus aller Welt finden konnte. Kein Witz. Ich hatte sogar mal eine Brieffreundin in Oregon. Heute besteht diese Kontakt-Seite bestimmt nur noch aus Twitter oder Facebook links. Vielleicht gibt’s die Bravo auch schon längst nicht mehr. Im Ernst, wer braucht schon solchen Kram wie einen Starschnitt von Bushido? Obwohl, Doktor Sommer kommt wahrscheinlich nie aus der Mode.
Wie auch immer. Früher schickte man also lange Briefe mit Fotos von sich. Manchmal  auch nicht von sich, sondern sicherheitshalber von dem attraktivsten Mädchen der Klasse, oder dem coolsten Jungen.  Das unvergleichliche Gefühl, wenn wieder ein Brief mit einer ausländischen Marke im Kasten lag. Nostalgie.
Ehrlich, eine Internetfreundschaft ist daneben eine Notiz-Zettel-Beziehung.
Twitter schießt sowieso den Vogel ab. Man ist dort nicht einmal befreundet, man folgt sich nur gegenseitig.  Wie in dem Märchen „Die goldene Gans“. Das ist die Geschichte von einem Typen, der eine goldene Gans mit sich herumträgt. Das Tier hat die seltsame Eigenschaft, dass jeder, der es anfasst, kleben bleibt. Und damit nicht genug, wer Einen aus der Klebe-Kette anfasst, hängt selber dran.
Klingt unglaubwürdig? Ist es auch. Märchenstund’ hat Trug im Mund, genau wie Werbung und  Politik.
Zurück zur goldenen Gans. Die Idee ist sozusagen ein Vorläufer von Twitter. Man kann sich Twitter so vorstellen, dass es Millionen von Typen mit einer goldenen Gans im Arm gibt. Und fast alle kennen sich gar nicht wirklich, aber sie kleben aneinander fest.
Okay, also T und ich, wir kennen uns tatsächlich und folgen uns gegenseitig und T und L folgen sich auch gegenseitig, aber sie kennen sich nicht real. Und L lebt in Beaminster, wo wir wie gesagt auch grad wohnen. Kann mir noch jemand folgen?
T hat bei Twitter Fotos hochgeladen von dem Hügel mit dem vielen Bärlauch und den blauen Glockenblumen.  Seine Follower, also seine Verfolger, und Millionen andere, die an der Gans kleben, können es sehen. Natürlich sieht L es auch. Sie schreibt, dass wir unbedingt ins Art Deco Café in Beaminster kommen sollen, es gäbe dort kulinarische Kleinigkeiten, die auf hungrige Gäste warten. Die feinen Haare in meinem Nacken vibrieren wie kleine Antennen, als ich ihre Nachricht lese. Das passiert immer, wenn mich im virtuellen Raum ein Hauch von Realität streift. T googelt Art Deco Café, Beaminster , und wir klicken uns durch die Bildergalerie. Das Café sieht ziemlich gemütlich aus.
„Krass, das hab’ ich bei unserer ersten Runde durch den Ort gesehen“, sage ich, und der Hauch von Realität verwandelt sich in eine frische Brise. „Ich dachte mir gleich, dass es nett sein müsste, da zur Tea-Time oder sonst wann einzulaufen.“
„Perfekt“, sagt T und schließt die Seite mit den Fotos,  „unser Frühstück für morgen ist gebucht.“
Am nächsten Vormittag betreten wir einen behaglichen Raum mit grün gestrichenen Wänden, an denen Ölbilder hängen, die vermutlich von lokalen Künstlern stammen.
Hinter einer Glastheke begrüßt uns eine hübsche, blonde Frau. Sie hat etwas Schelmisches im Blick, unterstützt von einem schüchternen Lächeln. Eine interessante Kombination.
„Das könnte L sein“, flüstert T, als wir uns an einen der kleinen Tische setzen. Ich kenne ihr Twitter-Profil-Bild und stimme ihm zu, aber ganz sicher sind wir beide nicht. Die Blonde kommt an unseren Tisch und nimmt die Bestellung auf. Falls sie Ts Twitter Freundin ist, hat sie keine Chance, ihn zu identifizieren, er hat als Profilbild ein kleines Blümchen.
T hat einen etwas schrägen Sinn für Humor.
Das Frühstück ist ein Gedicht, eine Ode an die Frische und  an das Wesentliche, was natürlich wie jedes Gedicht Geschmacksache ist. Der Schokokuchen zum Abschluss ist allerdings eher Rokkoko als Bauhaus und eine Sünde wert. Einerseits möchte ich allen empfehlen, nach Beaminster zu fahren und das Café selber zu testen. Andererseits ist es bei mir oft so dass Dinge, die mir in leuchtenden Farben geschildert werden, manchmal farblos erscheinen, wenn ich sie selber erlebe. Ich glaube, Menschen neigen zu überhöhten Vorstellungen, wenn ihnen etwas angepriesen wird. Manchmal werden diese Vorstellungen von der Realität übertroffen, ein anderes Mal eben nicht. Es ist wie beim russischen Roulette. Du weißt nie, wann die Kugel trifft.
Zurück zu der netten Bedienung. Als wir den zweiten Kaffee bestellen, fragt T, ob sie seine Twitter Freundin L ist.
„Oh, how nice, wie schön“, antwortet sie und lacht. „Ich habe in den letzten Tagen schon Ausschau nach deutschen Gästen gehalten.“ Es klingt irgendwie erleichtert.
„Ein Mal waren sogar ein paar Deutsche im Café, aber die kamen mir nicht richtig vor.“ Sie sagt es natürlich auf englisch, geht zur Theke, um unseren Kaffee zu zapfen und ruft dem Mann in der Küche zu: „Sieh mal, hier sind die beiden Deutschen, von denen ich erzählt habe.“
Der Besitzer des Cafés kommt aus der Küche zu uns an den Tisch, schüttelt uns die Hände und fragt wie uns Dorset gefällt.  „We felt in love with it“, sagen wir. Seine Mundwinkel wandern in Richtung Ohrläppchen. Ich ahne, dass er unsere Freude teilt, vermutlich schon sein Leben lang. Bevor er zurück in die Küche geht, wünscht er uns „a nice stay“. Wir  wünschen ihm einen sonnigen Tag.
Mein Blick begegnet dem von T. Es ist einer dieser makellosen Momente,  in denen man dasselbe empfindet.
Neben uns sitzen zwei alte Männer, jeder an einem eigenen Tisch. Sie reden miteinander wie Nachbarn, die sich von Haustür zu Haustür etwas zurufen. Es geht allerdings nicht ums Wetter, oder um Fußball.
„Farage hats vergeigt“, sagt der eine.
„Ach, hat er es nicht gepackt?“ antwortet der andere und nickt in seine Teetasse.
„ Ja, so ist das wohl“, sagt der erste und nickt ebenfalls. „Thus is life. So what?
Sie nicken unisono und wenden sich dem Wetter zu.
Vor zwei Tagen waren Wahlen in Groß Britannien und Nigel Farage, quasi der Frontmann seiner Partei, der UKIP, hat nicht das Ergebnis erzielt, das er sich erhofft hat. Dabei hat die UKIP unterm Strich erschreckend gut abgeschnitten.  Das Parteiprogramm  ist für meinen Geschmack ziemlich nationalistisch.
Also, damit  ich hier nicht falsch verstanden werde, ich liebe mein Land. Klingt vielleicht komisch, ist aber so. Trotz GroKo und alledem. Und die Dämmerung am Wattenmeer in Deutschland lässt meine Augen genauso leuchten wie ein stiller Hügel voller Bärlauch in Dorset. Das Bewusstsein für die eigenen Wurzeln und die eigene Kultur ist schön, solange man die eigene Wichtigkeit nicht meterhoch über allen anderen vermutet.
Die  unbequeme Idee, dass unsere Wurzeln im Grunde die gleichen sind, wartet im Schatten der menschlichen Hybris auf den Moment zum Ausbruch.
Nationalisten surfen immer so selbstverliebt auf der Idee, dass die eigene Krone mit ihren  Verästelungen die wertvollste ist. Krone der Schöpfung sozusagen. Aber Unterbäume und Herrenbäume gibt es nicht.
Die Wurzel ist Mensch.
Dieser Farage hat jedenfalls, wie ich finde,  einen köstlichen, britischen Humor. Man könnte sagen, dass ich sein Krönchen mag. Ich merke, wie sich bei dem Gedanken ein Grinsen zwischen meinen Ohren breit macht.
„Was ist so komisch“, fragt T.
„Dieser Farage ist irgendwie ein verflixt witziger Typ“, sage ich und stecke mir den letzten Bissen meines Sandwiches in den Mund.  Meine Geschmacksknospen blühen auf. Kauen, genießen, schlucken. Schweigen.
Eine alte Lady betritt das Café.  Mit einem Seufzer lässt sie die Tür hinter sich zufallen. Groß und hager steht sie einen Moment mitten im Raum. Unter ihrem Strohhut ringeln sich ein paar widerspenstig aussehende graue Locken. Ihre   purpurne Jacke leuchtet mit dem lavendelfarbenen Rock um die Wette und gewinnt. Eine große Ledertasche baumelt über der linken Schulter der Lady . In der Hand trägt sie einen Stockschirm mit Rosenmuster. Sie steuert eine Ecke des Cafés an, wo sie sich mit einem weiteren Seufzer auf die Couch fallen lässt, den Schirm an die Wand lehnt und aus ihrer Handtasche eine flache, silberne Flasche hervor kramt.
„Fuck, verdammtes alt werden“, sagt sie laut zu niemand bestimmtem und nimmt einen Schluck aus der Flasche. Ihre Augen funkeln graublau.
„Alte Knochen knirschen und werden morsch. Da wird man total depressiv.“
Ihr Satz kreist in langsam abebbenden Schallwellen durch den Raum. Die Lady schickt ein krauses Grinsen in die Runde, stellt die Silberflasche auf den Tisch, lehnt sich ächzend zurück, zieht ein Buch aus der Tasche und liest.
„Ich liebe die Briten“, sage ich.
T lacht. Ich kann mich nie entscheiden, ob ich seine Augen bei graublau oder graugrün einordnen soll.  Sie lachen auf jeden Fall immer mit.
Wir gehen zur Theke, um zu bezahlen und uns von L zu verabschieden.
„T sagt, dass du Bücher schreibst und einen Preis für dein Kinderbuch bekommen hast“, sage ich.
Sie winkt ab, „Ach das, ja, ich mache auch Musik und male. Ich weiß nicht, was daraus mal wird. Es macht mir einfach Spaß.“ Sie lächelt dieses sympathische, schüchterne Lächeln. Später höre ich mir ihre Musik bei soundcloud und bandcamp an und denke, dass sie zu bescheiden ist. Mir gefällt es, wie sie singt. Ich werde auch versuchen, ihr Buch zu bekommen.
Es ist immer wieder schön, wenn aus Virtualität Realität wird.
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