Eine Nacht für Juli Quartalslesung dritter Teil

Elsa hält ihr die Zigarettenschachtel hin. Die Zigarette fühlt sich glatt und neu an.
„Filterzigaretten haben so etwas makelloses“, sagt Juli, „meine selbst gedrehten sehen von Anfang an krumm und benutzt aus“.
Elsa lacht. Ein großes Lachen, bei dem Juli sich beinahe entspannt fühlt.
„Ich wollte dir heute Morgen nicht zu nahe treten. Keine Ahnung wieso, aber alle Patientinnen, mit denen ich gesprochen hatte, haben von ihren Eierstöcken erzählt. Meine Frage war eine Art Verlegenheitsscherz, um ins Gespräch zu kommen.“
Juli sieht in das freundliche Gesicht, spürt, wie ihre Augen überfließen wollen, versucht, die Tränen mit den Händen zu stoppen.
„Oh Gott“, stammelt Elsa, „kann ich was für dich tun? Ich wusste ja nicht“
Juli schüttelt den Kopf. Sie reibt mit dem Unterarm über die Augen, eine schnelle Bewegung, eigensinnig, verärgert, als ob sie nicht nur Tränen wegwischen will.
„Du hast keine Ahnung“, sagt sie, „ich könnte dir die Geschichte erzählen, aber sie ist lang, und ich weiß nicht genau, wo sie anfängt.“
Elsa gibt ihr ein Taschentuch.
„Ich hab die ganze Nacht Zeit.“
Juli putzt sich die Nase, zerknüllt das Taschentuch in der Faust, senkt den Kopf. Mit den hellbraunen, kurzen Haarfransen erinnert sie an ein zerzaustes Amseljunges. Sie mustert Elsa mit einem abschätzenden Blick aus den Augenwinkeln.
„Ach verdammt, was soll’s, wenn du es echt hören willst. Gibst du mir noch eine von deinen Kippen?“
Wer wäre besser geeignet zum Reden, als eine Mitpatientin, eine wie Elsa, die sie danach nie wieder sehen würde?
Sie zündet die Zigarette an, zieht den Rauch tief in die Lungen, genießt einen Moment den herben Geschmack des Tabaks auf der Zunge und taucht ein in den Raum, in dem ihre Geschichte sich verbirgt.

Ich weiß nicht. Wo soll ich anfangen? Mit Sven und Eric? Nach der Sache mit Frank? Oder mit meinen Eltern? Ja, meine Eltern, ich fange bei ihnen an. Ich muss ungefähr sieben gewesen sein, als ich kapierte, dass mein Vater nicht der Held war, für den ich ihn hielt. Mitten in der Nacht hatte mich ein Poltern im Treppenhaus geweckt, ich huschte zur Zimmertür, öffnete sie einen Spalt und blinzelte hindurch.
Der Geruch von Zigarettenrauch, Bier und Frikadellen mit Senf stahl sich in den Flur und kroch mir in die Nase, als Vater zur Wohnungstür hereinkam.
„Is was später geworden“, sagte er zu meiner Mutter, die in ihrem verwaschenen, gelben Morgenmantel in der Schlafzimmertür stand. Vater tastete sich mit schlurfenden Schritten ins Wohnzimmer. Man hörte die Sprungfedern des Sofas knarren, als er sich hinsetzte. Ich konnte mir gut vorstellen, wie er da saß, nach vorne gebeugt, mit hängendem Kopf, die Arme schlaff auf den Schenkeln. Ich hatte ihn tausend Mal so sitzen sehen, wenn er nach Bier roch.
Mutter ging in die Küche. Ich wusste, dass sie ihm Brote schmierte. In der Stille schwoll das Schaben des Brotmessers zusammen mit dem Geräusch des Wasserkessels zu einem einsamen Rhythmus an.
Als Mutter das Tablett durch den Flur trug, hielt sie ihren Rücken angestrengt gerade.
Ich schlich in die Diele, linste durch die halb geöffnete Wohnzimmertür, rieb mir den Schlaf aus den Augen.
Vaters Anblick ließ sich nicht wegwischen.
Er aß mit unsicherer Hand, den Blick auf den Teller geheftet. Mutter stand vor ihm, sah ihn an, stumm, die Arme verschränkt, die Lippen zusammengepresst, bis es aus ihr herausplatzte,
„Du bist besoffen! “
Sein Gesicht erstarrte. Rot und schief sah es aus. Die Hand stockte mitten im Griff nach der nächsten Wurststulle.
„Dummer Bauerntrampel.“
Er schleuderte den Teller mit den Broten, von denen eines gegen die Wand klatschte. Im Zeitlupentempo rutschte es
die Tapete hinunter und zog einen breiten Leberwurststreifen hinter sich her.
Ich stand mit nackten Füßen auf dem Linoleum, kaute auf der Unterlippe, starrte die Tür an, hörte meine Eltern brüllen, eine millionenfach abgespulte Litanei von Beleidigungen, Vorwürfen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Ich dachte, die würden nie wieder aufhören.
Mein Hals fühlte sich eng an, so als ob mir ganz langsam die Luft ausginge, immer ein bisschen weniger, bis keine mehr da wäre.
Frierend schlich ich zurück ins Kinderzimmer, wo ich im Bett lag, die kalten Füße aneinander reibend, die Decke über den Kopf gezogen, auf Stille wartend. Meine kleine Schwester schlief mit geöffnetem Mund in ihrem Bett. Ihr gleichmäßiges Atmen klang laut und nervtötend in meinen Ohren.
Ich weinte nicht. Nicht wie damals, als ich klein war und ohne Licht nicht einschlafen konnte. Vater hatte mich geschlagen und das Licht gelöscht.
Damals, ja, da lag ich heulend im dunklen Zimmer und starrte in die Schatten.
Ein Leberwurstbrot auf einer Tapete. Warum sollte ich darüber weinen?
Ich hatte begriffen, dass unser Familienleben nicht in Ordnung war. Das Gefühl klebte sich an meine Fersen, verfolgte mich durch die Kindheit wie ein unverwechselbarer Geruch, der an mir haften blieb, wie sehr ich auch versuchte, ihn abzustreifen. Ich wollte einen nüchternen Vater, ich wollte eine Familie, wie meine Freundinnen sie hatten.
Nüchtern war er mein König.
Wenn er getrunken hatte, sah er aus, als würde er zusammenschrumpfen, saß mit stierem Blick vor dem Fernseher und ließ die Fingernägel gegeneinander klacken.
Klack und klack und klack.
Ein jämmerliches Geräusch.
Früher haben wir ihn manchmal von der Arbeit abgeholt. Der Weg führte über eine Brücke. Meine Beine waren kurz, die Brücke lang. Schwindelerregend.
Am anderen Ende sah ich ihn oft schon auftauchen, eine vertraute Gestalt im grauen Mantel. Und ich rannte so schnell ich konnte über die Brücke, die mich in den Abgrund zu zerren schien, stürzte mich in die sicheren Arme meines Vaters.
Wie ich mich sicher fühlen konnte, obwohl er mich schlug?
Schwer zu sagen.
Als mein Meerschweinchen starb, bettete er es in eine Zigarrenkiste und bastelte ein kleines Holzkreuz mit einer Münze im Schnittpunkt der Hölzer.
So ein Vater war er.
Ich wusste, dass er dreiundvierzig in den Krieg gezogen war, zur Kriegsmarine wie sein großer Bruder, von dem nur noch ein Foto übrig war, das in Omas Wohnzimmerschrank stand. Das und ein Brief vom Reichskriegsministerium, in dem stand, dass er als Held gestorben sei. Oma bewahrte das Schreiben in ihrer Bibel auf.
Vater war mit neunzehn Jahren nach Sibirien verfrachtet worden. Jedes Jahr zu Weihnachten kroch die Erinnerung in ihm hoch wie eine verdorbene Mahlzeit, die man nicht verdauen kann. Ein unverzichtbarer Teil unseres Weihnachtsfestes. Es begann am Heiligen Abend in der Kneipe mit diesem Morgenbesäufnis unter Männern, das sie Frühschoppen nannten. Zuhause warteten wir ungeduldig und voll Hoffnung, ob er rechtzeitig kommen würde, um den Baum zu schmücken. Das war sein Vorrecht. Ganz gleich, wie angetrunken er war, er hängte penibel, ohne dass seine Hand jemals zitterte, einen Lamettafaden neben den anderen auf die Zweige.
Wie silberne Vorhänge hingen sie dort aufgereiht.
Für Mutter musste alles Silber sein, die Kugeln, die Christbaumspitze, die Weihnachtsengel und die Vögel mit dem Pinselschwanz, die man an die Zweige klemmen konnte. Ich vergötterte die Vögelchen und hielt sie für verwunschene Geschöpfe, die vielleicht eines Tages fliegen würden.

Es gehörte zum Heilig-Abend-Ritual, dass Vater nach der Bescherung die Weihnachtsgeschichte vorlas. Die Geburt des Christkindes war der kürzere Teil. Danach legte er die Bibel zur Seite und wandte sich dem längeren Teil zu, der Geschichte seiner zweiten Geburt, acht Jahre nach Kriegsende, als er vor der Tür seiner Mutter
gestanden hatte. Seine Augen wurden nass, wenn er davon erzählte und manchmal holte er seine Mundharmonika aus dem Schrank und spielte das Wolgalied.
In dem Haus, in das der Krieg seine Familie verschlagen hatte, einer zum Wohnhaus umfunktionierten Synagoge, hatte auch die Familie meiner Mutter gewohnt. Mutter hatte sich in den mageren Kriegsheimkehrer verliebt. „Er war ein Charmeur“ erzählte sie gerne.
Ich glaubte ihr.
Kurz nach meinem achten Geburtstag rief er mich mit seiner feierlichen Weihnachtsstimme ins Wohnzimmer. Es muss ein Sonntag gewesen sein, aus der Küche roch es nach Braten und Gurkensalat.
„ Ich will dir etwas zeigen, Juliana.“
Er stand am Wohnzimmerschrank. In der Hand hielt er ein Buch. Einen Fotobildband, auf dessen Umschlag ein gelber Stern leuchtete. Seite für Seite blätterte er vor mir um. Unverwandt sah ich auf die Bilder. Ich konnte nicht begreifen, dass die lumpigen Berge, die aussahen, wie auf den Haufen geworfene Altkleider, Menschen sein sollten, ermordete Menschen.
„Das darf nie wieder passieren, Juli. Merk dir das, niemals wieder.“
Es klang knautschig und fremd als wäre die Zunge zu groß für seinen Mund. Seine Augen blickten mich eindringlich an, wässrig blaue Glasmurmeln mitten im Weiß der Augäpfel.
Ich nickte stumm. Wie sollte ausgerechnet ich jemals den Tod von Menschen verhindern? Am Abend lag ich im Bett und fürchtete mich, die Augen zu schließen, weil dann die Bilder zurückkamen. Ich hörte Vaters Stimme in meinem Kopf. „Niemals wieder“.
In der nächsten Zeit nahm ich manchmal heimlich das Buch aus dem Schrank. In meinem Bauch kribbelte es,
wenn ich es öffnete und mit schnellen Fingern durch die Seiten blätterte. Ich hoffte, dass das Schreckliche irgendwann verschwände. Doch es blieb unverändert anwesend, auf ewig eingeschlossen in schwarz-weißen Fotos zwischen zwei Buchdeckeln. Wenn ich Mutter danach fragte, versicherte sie, dass man in der Kleinstadt nichts mitbekommen hatte.

Ein einziges Mal unternahm sie einen Ausbruch aus der Ehe. Sie zog mit uns Kindern zu ihrer Mutter, die noch immer in der Synagoge wohnte.
Das Gebäude war aufregend anders als jedes andere Haus, das ich kannte. Eine Freitreppe führte hinauf zu der Haustür aus massivem Holz. Schnitzereien hoben sich davon ab, Symbole und Schriftzeichen, die fremd und geheimnisvoll für mich waren. Im Inneren wartete die kuppelförmige Eingangshalle. Wenn ich sie betrat, wischte die Stille alles andere zur Seite. Mit angehaltenem Atem sank ich in die Umarmung einer Atmosphäre aus Dämmerlicht, Größe und der schweigenden Anwesenheit vergangener Leben. So gegenwärtig schien dieser Raum und gleichzeitig wie der unerforschte Teil einer versunkenen Welt.
Am Ende der Halle führte rechts eine Holztreppe hinauf, von der auf jeder Etage Gänge mit vielen Türen abzweigten.
Meine Großmutter wohnte unter dem Dach. Über ihrer Wohnungstür hing ein ausgestopfter Bussard, der sich an einen verstaubten Ast klammerte. Ich hatte nie zuvor etwas gesehen, das so lebendig wirkte, ohne sich jemals zu rühren. Selbst wenn ich ihn wachsam beobachtete, zeigte der Bussard kein Anzeichen einer Bewegung.
Er sah aus starren Augen ins Leere wie in eine vergessene Zeit.
Aus Omas Küchenfenster stürzte der Blick hinunter auf einen weiträumigen Innenhof. Waschküche, Hühnerstall und ein Schuppen schmiegten sich an eine verwitterte Steinmauer. Dort trafen sich die Kinder zum Spielen. Die großen Mädchen spielten in erregendem Tempo drei kleine Bälle gegen die Wand und fingen sie in einem anmutigen Tanz der Hände wieder auf. Ich versuchte es ihnen nachzumachen, aber immer entglitt mir einer der Bälle und fiel zu Boden.
„ Juli, Juli, die schafft es nie“, sang Heike, die Älteste. Die anderen sangen mit.
Ich hasste sie.

Eine Nacht für Juli Quartalslesung zweiter Teil

Ihr Körper wiegt sich im Rhythmus der inneren Musik. Es fühlt sich an wie das Schaukeln eines Kinderwagens. Einfach die Zeit zurückdrehen, neu aus dem Mutterschoß kriechen in ein frisches, ungeöffnetes Leben. Ob auch Janis sich das gewünscht hätte?
Konfetti aus Erinnerungsfetzen trudelt durch Julis Gehirnwindungen und vermischt sich mit dem Lied.
„Na, sind es bei dir auch die Eierstöcke?“
„Was?“
Sie fährt herum zu der Stimme. Neben ihr sitzt eine junge Frau und raucht. Auf dem Boden verglüht eine Zigarette.
„Sorry“, sagt Juli und tritt die Kippe aus, „muss mir aus der Hand gefallen sein, ich war wohl eingedöst“.
„Zigarette?“ Die andere hält ihr die Schachtel hin.
„Danke.“
„Ich bin Elsa“, sagt die Frau.
Ihre Augen haben die Farbe des Himmels nach einem Sommergewitter. Blonde Locken ringeln sich um ein ovales Gesicht. Nett, denkt Juli.
„Ich bin Juli“, sagt sie, „eigentlich Juliana, aber so nennt mich kaum jemand.“
Elsa streicht sich die Locken aus der Stirn, nickt. „Juli, wie der Monat?“
„Ja, so hab ich mich als Kind genannt, weil ich Juliana nicht aussprechen konnte. Ist irgendwie hängen geblieben.“
Elsa lächelt.
„Ich wollte dich nicht stören, hatte nicht gesehen, dass du schläfst. Und? Sind es die Eierstöcke?“
Sie sieht arglos aus, wie sie da sitzt und mit einer beiläufigen Bewegung die Asche ihrer Zigarette abstreift.
„Nein.“
Juli steht auf und drückt die halb gerauchte Kippe in den Aschenbecher.
„Ich muss aufs Zimmer, gleich ist Visite, war nett, dich kennenzulernen.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, geht sie den Gang entlang, dem schlurfenden Geräusch ihrer Schlappen immer einen halben Schritt voraus.
War nett, dich kennenzulernen, denkt sie, als sie in ihrem Bett liegt, was für ein Bullshit.

„Ich will nach Hause“, sagt sie während der Visite.
„Auf eigene Verantwortung, und das frühestens morgen“, antwortet der Arzt und nickt der Schwester zu, die eine Notiz auf ihr Klemmbrett schreibt.
Kurz nachdem Ärzte und Schwestern den Raum verlassen haben, gleitet Juli in einen dumpfen Halbschlaf, aus dem sie hochschreckt, als das Mittagessen gebracht wird. Der Geruch des Rotkohls verursacht einen unangenehmen Druck in ihrem Magen.
„Schokopudding ist mein Lieblingsnachtisch“ sagt die Bettnachbarin. Ihr Blick heftet sich wie Sekundenkleber auf Julis Pudding. Die Augen sehen durch die Brille aus wie die Augen eines Koi-Karpfen.
Juli hält ihr das Schüsselchen hin.
„Hier, nehmen Sie den.“
Die Lippen der Frau verziehen sich zu einem runzeligen Lächeln. Sie greift nach dem Pudding und senkt den Löffel in die Sahnehaube.
„Die Mahlzeiten sind das Einzige, was die Stunden hier voneinander abgrenzt“, sagt Juli.
Der Puddinglöffel hält einen Moment inne, bevor er im Mund der Patientin verschwindet.
Am Abend überwindet sich Juli, eine Scheibe Brot zu essen, mit Käse, der mehr zu werden scheint, je länger sie ihn kaut. Sie spült mit Tee nach, nimmt ihren Tabak und schlurft in den Aufenthaltsraum. Der Raum ist leer, bis auf Elsa, die am Fenster sitzt, raucht und ihr entgegen lächelt. Juli setzt sich neben sie. Sie spürt ein warmes Flattern im Brustkorb.
Wie eine Sternschnuppe. Verglüht, kaum, dass man sie entdeckt hat.

Eine Nacht für Juli Lesung erster Teil

Was, wenn Gott eine Frau wäre?
Juli öffnet die Augen. Der Satz verweht zu einem sanft wabernden Echo und die Vogelfrau, die vor Sekunden noch real zu sein schien, bleibt zurück in ihrer blauen Welt, letzte Impression eines bizarren Traumes.
Die ersten Strahlen der Morgensonne vertreiben den kühlen Atem der Nacht.
Auf dem Nachttisch steht das Frühstück.
Wurst und Käse sehen aus, als ob sie schwitzen. Der Anblick verstärkt die Übelkeit in Julis Magen. Sie trinkt einen Schluck von dem dünnen Kaffee, schließt die Augen, versucht zurückzugleiten in die Zone zwischen Schlaf und Wachzustand.
Als sie kapituliert, fällt ihr Blick auf die Vorhänge vor dem halb geöffneten Fenster. Babyblau. Bescheuerte Farbe, denkt sie.
Ein Lufthauch bauscht den Stoff auf wie ein Segel. Einen Moment stellt sie sich vor, das Krankenhaus wäre ein Boot, mit voller Takelage auf dem Weg in Richtung Horizont, auf und davon.
Juli dreht sich auf den Rücken, den Blick zur Zimmerdecke gerichtet. Sie denkt daran, wie sie als Kind oft auf dem Boden lag und solange nach oben starrte, bis sie das kribbelige Gefühl hatte, mit dem Rücken an der Decke zu kleben. Damals war der Perspektivwechsel leicht gewesen. Sie schließt die Augen, streicht mit den Händen über ihr Gesicht, spürt die Knochen unter der Haut, die Augenhöhlen, die Jochbeine, das Kinn.
Wie verwischt sie sich fühlt, abgenutzt wie ihr Nachthemd.
Eine Liedzeile kriecht in ihre Gedanken,
it’s feeling near as faded as my jeans.
Das trifft es auf den Punkt. Me and Bobby McGee von Janis Joplin. Als sie das Lied zum ersten Mal hörte, war Janis längst tot. Juli war vierzehn gewesen, und die große Stimme der kleinen Janis fuhr ihr unter die Haut. Sie gab der Melodie des Lebens einen Namen.
Blues.
Janis ist am Blues gestorben. Fast hätte sie es laut in den Raum gesprochen. Die Zeitungen hatten damals von einer Überdosis Heroin berichtet. Aber Juli ist überzeugt, dass die Droge nur ein Symptom war. Die Ursache musste eine Überdosis Blues gewesen sein.
Ein krampfartiger Schmerz fährt ihr durch Rücken und Unterleib. Sie spürt das Blut aus sich heraussickern, dreht sich auf die Seite, zieht die Beine an die Brust, umschlingt sie mit den Armen und fühlt sich einen Augenblick geborgen wie ein Fötus in der Gebärmutter.
Langsam ebbt der Schmerz ab. Zurück bleiben ein unangenehmes Ziehen und das drängende Bedürfnis zu rauchen. Juli kramt Tabak und Feuerzeug aus dem Nachttisch und dreht eine dünne Zigarette. Der letzte lauwarme Schluck Kaffee aus ihrer Tasse schmeckt bitter ohne stark zu sein.
Sie verzieht das Gesicht, verlässt das Krankenzimmer, geht, fast ohne die Füße anzuheben, in den Aufenthaltsraum, wo sie sich auf einen der blauen Plastikstühle setzt und die Zigarette anzündet. Ein leichter Schwindel zwingt sie, die Augen zu schließen. Sie überlässt sich der Musik in ihrem Kopf. Da ist nur die Melodie, And I’ll trade all my tomorrow for one single yesterday. Sie will auf keinen Fall in der Klinik bleiben. Nach der Visite würde sie nach Hause fahren.
Ihr Körper wiegt sich im Rhythmus der inneren Musik. Es fühlt sich an wie das Schaukeln eines Kinderwagens. Einfach die Zeit zurückdrehen, neu aus dem Mutterschoß kriechen in ein frisches, ungeöffnetes Leben. Ob auch Janis sich das gewünscht hätte?

Danke Anke

War okay, die Lesung.
Also nicht nur okay, sondern richtig schön. Ich danke für guten Wein, nette Atmosphäre, sympathische und herzliche Mit-Autoren und Autorinnen (dem Gendergott muss man als Frau ja opfern) und geduldige Zuhörer, (kein Chipstütenknistern, keine Hustenattacken, keine Gähnanfälle). Ein vorbildliches Auditorium. An dieser Stelle mal ein Tusch mit Trommelwirbel.
Ja, und mit am mic waren Mike Frajese, Sylvia Kaml, Armin Rudziok, Martin Halotta und für den sound MmeLaGrokketerie, die mit ihren schönen songs den Puderzucker auf den Kuchen gestäubt hat. Merci
Ich habe viel gelernt und viel gelacht und am Ende dann prompt meine Brille vergessen. Ein netter Anreiz, heute noch einmal ins schöne Mocca Nova zu gehen.
Gelesen habe ich die ersten Seiten aus einem unveröffentlichten Roman.  Und weil der Teil jetzt sowieso schon öffentlich ist und weil das Exposé eingetütet hier liegt für die Agenturen, stelle ich den Text in mental verträglichen Portionen hier ein. Jeden Tag ein Häppchen.
Und nun zu Anke.
Anke hat Bilder gemacht und ein Video. Toll, sehr toll. Auf den Bildern ist ganz groß im Vordergrund ein gigantischer Zuckertopf zu sehen, dahinter etwas nebulös der oder die jeweilig Vortragenden. Ich muss mir keine Sorgen machen, dass meine Augen auf den Fotos durch die Brille so glubschig aussehen, weil man meine Augen kaum sieht, genau wie die Brille.
Danke Anke, ich liebe dich.

Werbetrommel

Ich lese.
öffentlich.
Okay, sind nur zwanzig Minuten. Dafür sind aber noch einige andere Schreiber mit im Boot und ich freue mich auf eine schöne gemeinsame Lesung.
Wo?
Im Café Mocca Nova
in Mülheim an der Ruhr
Löhberg 16
Wann?
Heute Abend ab 19:00 Uhr

Ach ja,
ich werde etwas unveröffentlichtes Lesen.  Zwanzig Minuten aus meinem Roman
„Eine Nacht für Juli“

https://www.facebook.com/moccanova

Meine Zelle

Meine Zelle ist ein Labyrinth,
verschlungen, verwirrend,
atemberaubend und grau.
oder
Meine Zelle ist eine Wüste,
fieberheiß, grenzenlos
bis zum Horizont.
oder
Meine Zelle ist ein Garten
blühend, erfrischend
nährend und voll von Düften.
oder
Meine Zelle ist eine Höhle
heimelig, liebespendend
verborgen und Trost.
oder
Meine Zelle ist der Himmel
endlos, voller Möglichkeiten
sternentrunken und Ewigkeit.
Meine Zelle ist in mir.

nature love

Der Himmel glüht seit Stunden brennend blau und trunken vor Sonne. Hitze umfängt die Erde, brandet gegen Pflanzen und Tiere in wabernden Wellen aus Luft.
Mittagswucht.
Kein Luftzug schenkt Kühlung, jede winzige Feuchtigkeit scheint aus der Erde gesogen zu werden, aufzusteigen, sich dem Himmel in einem feuchtwarmen Dunst entgegen zu recken gleich einem geöffneten Mund, der sich zum Kuss darbietet.
-Stille-
nicht einmal das Summen von Fliegen.
Spannung baut sich auf, steigt von Minute zu Minute, in der Erwartung einer kommenden Entladung, Muskeln gleich, sich mit ungeheurer Kraft beinahe schmerzlich zusammenziehend.
Himmel und Erde scheinen einen geheimen Dialog zu führen, ähnlich dem atemlosen Flüstern zweier Liebender, die der ersten Berührung entgegenfiebern.

Die Natur wartet in verhaltenem Beben.

Dunkle Wolken ballen sich am Himmel zusammen zu einer gigantischen, fast schwarzen Wand, die nahezu alles zu überkuppeln scheint, sich unaufhaltsam voranschiebt, als wolle sie die ganze Erde umfangen in ihrer stürmischen Umarmung.
Wind kommt auf, streicht über Büsche und Bäume. Sie zittern wie unter der Berührung eines Geliebten.
Das vertraute Tschilpen der Spatzen ist verstummt. Erstes Wetterleuchten zeigt sich am Horizont, formt sich zu einem grellen Blitz, gefolgt von Donnergrollen.
Die Spannung steigt. Die Erde scheint sich dem Himmel entgegenzurecken, sich zu biegen, eine Geliebte, die dem Höhepunkt der Lust zustrebt.
Erste schwere Tropfen lösen sich aus der schwarzen Wolkenkuppel. Blitze und Donner steigern ihren wirbelnden Tanz zu einem atmosphärischen Crescendo, bis endlich der Himmel überfließt, sich in einem prasselnden Schauer auf die Erde ergießt, die Grenzen aufzulösen scheint, sich mit ihr vereinigt, sie durchtränkt und durchdringt in einer gewaltigen Ejakulation.
-Erlösung-
In gemeinsamem Erschauern scheinen Himmel und Erde sich zu wiegen und zu winden bis das Grollen in der Ferne verblasst zu einer Art stotterndem Summen, der Regen in leichtes Tröpfeln übergeht und schließlich ganz versiegt.

Entspannung, Ruhe, Erfüllung.

©gabi m. auth

Strandgut

Ein kleiner Junge allein am Strand.
Er liegt auf dem Bauch, die Beine angezogen
wie Kleinkinder es oft tun, wenn sie schlafen.
Sein rotes T-Shirt ist ein bisschen hochgerutscht.
Es ist nass, genau wie seine feinen, dunklen Haare.
Genau wie seine blaue Hose und seine Schuhe.
Er scheint zu schlafen, aber er wird nicht erwachen.
Das Meer wiegte ihn in den Armen. Es trug ihn an den Strand.
Er saß in einem Boot mit seinen Eltern, seiner Schwester und Anderen.
Die Hoffnung auf ein neues Leben, ein Leben in Frieden, trieb sie aufs Meer .

Ein kleiner Junge allein am Strand.
Mutter und die Schwester hat das Meer genommen.
Sie sind allein, der kleine Junge und der Vater, der übrig blieb.
Der Eine wird nie mehr lernen, zu verstehen.  Der andere hat es verlernt.
Sie sind zwei von vielen. Kinder, Mütter und Väter, deren Gesichter und Namen verborgen sind
hinter Zahlen, hundert, tausend, zwanzigtausend, achthunderttausend,  Millionen.

Ein kleiner Junge allein am Strand.
Er heißt Ailan. Sein Bild geht um die Welt.
Es steht für die all die Gesichter und Namen hinter den Zahlen.
Sein Bild klagt an, die Politik der Zäune, der Mauern, der unmenschlichen Verträge und Quoten, den Geiz, die Gier und die stählernen Herzen.
Sein Bild demaskiert die scheinheiligen Phrasen und freundlichen Worte derer, die von Asylbetrug sprechen und werft sie raus meinen, oder lasst sie gar nicht erst herein.
Sein Bild brandmarkt die Stammtischparolen und die Brandsätze der ewig gestrigen, der Verlierer eines untergegangenen Reiches, das niemals hätte existieren dürfen.
Ailan wurde drei Jahre alt.
Ein kleiner Junge allein am Strand