Vorfreude

12493962_172520189778189_1669081616957397013_oHeute einfach mal ein bißchen Werbung in eigener Sache, weil ich mich darauf freue, am Freitag eine neue Lesungsreihe aus der Taufe zu heben.
Die Lesung mit der Glückskatze

Wandel

Mit der Zeit kommt Einsamkeit.
Etwas zerbricht.
Mit der Zeit kommt Traurigkeit.
Lachen fällt aus dem Gesicht.
Das Reden leerer Klang
vom Geben und Nehmen,
vom Halten und Lassen,
ein falscher Gesang.

Mit der Zeit verstehst du
wer du bist.
Mit der Zeit nimmst du
alles wie es ist
bist  dein eigener Freund,
bist Lachen und Lieben,
Sehen und Verstehen
dem Leben vereint.

Mit der Einheit die Leichtigkeit.
Das Herz versteht.
Mit der Einheit die Freundlichkeit.
In dir klingt ein Lied.
Jedes Wort ein großer Gesang
vom Geben und Nehmen
vom Halten und Lassen
ein Seelenklang.

Zeit für Prinzen

Der, auf den sie lange schon wartet. Der, der mit ihr in den Sonnenaufgang reiten soll. Jetzt, wo er vor ihr steht, ist da eine seltsame Wundheit in ihrer Seele und ihr Herz hüpft eine Million Mal. So als hätte es Schluckauf. Bis es weh tut. Aber, selbst wenn sie die Luft anhält, hört es nicht auf. Er fordert sie zum Tanz. Sie lächelt wie betrunken. Wenn das Herz so ungestüm hüpft, setzt die Wahrnehmung aus. Der Traum fängt an. Sie tanzen. Und tanzen. Sie dreht sich, bis ihre Füße wund sind. Sie tanzt, bis ihre Beine schmerzen. Sie muss weiter tanzen. Immer weiter. Wie in dem Märchen mit den roten Schuhen. Ihr Prinz schleift sie im Kreis und rund und herum. Sein Lachen klingt wie Rasierklingen. Sein Blick hat jede Sanftheit verloren. Bis sie am Boden liegt. Wie tot. Das Herz so müde, schwer wie rostiges Eisen. Sag, wo ist jetzt der Zauber? Ihr Prinz flieht in den Sonnenuntergang. Die Nacht zieht herauf. Und beim nächsten Prinzen wird gar nichts besser. Der, auf den sie wirklich wartet hat, kommt nicht auf einem weißen Pferd. Vielleicht kommt er mit dem Bus, mit dem Rad oder zu Fuß. Seine Krone verstaubt in irgendeiner Ecke seiner Zweizimmerwohnung. Wenn er vor ihr steht, hüpft ihr Herz nicht. Es dehnt sich aus. Sie sehen sich an. Ruhig. Die Wundheit der Seele löst sich . Sie nehmen sich bei der Hand. Ihr Herz lehnt sich an seines. Der erste Schritt. Und noch einer. Am Nachthimmel blühen Sterne. Sie gehen, teilen sich miteinander, ihr Licht, ihre Dunkelheit. Es ist der Moment. Sie weiß es und sie pfeift auf den Sonnenaufgang.

Pott Pearls

Das vielgeschmähte, einst voller Ruß und Schlote, mein Land im Westen, wo über Hochöfen der Himmel brennt. Wo die Augen der Großväter leuchteten in müden Gesichtern, bedeckt mit dunklem Staub, der von der Kohle zeugte. Mit schwieligen Händen aus dem Schacht gegraben.
Und meine Stadt, die spröde, die oft nach Seeluft schmeckt. Nicht mehr so ganz im Inland und doch noch nicht am Meer. Da, wo alte Kerle „anne Bude“ gehen. Bei Bier und Kurzem mit den Kumpels reden. Über Rot-Weiß und über Kalle von nebenan, den seine schwarze Lunge langsam um die Ecke bringt. Mit schweren Schuhen schlurfen sie durch schmutzigbraunen Schnee. Über ihnen der Himmel, grau und drückend wie die Last der Jahre. Doch wenn sie lachen spürt man Sonne. Mutter heisst „Mudder“. Man sagt: „Komma här“ wenn man sich ruft. Und viele Worte klingen rauh und schroff wie alte Steine, dort, wo man oft auch mit dem Herzen sieht.
Wo am Kanal die Kähne tief im Wasser liegen. Wo braungebrannte Bengels von der Brücke springen. Sie lachen, wenn das Wasser aufspritzt. Voll prickelnder Erleichterung und weil die Mädchen kreischen vor Angst. Und aus Bewunderung.
Wie oft hab ich ihn schon verlassen, fand sanfte Hügel, weites Meer, fand liebevolle Worte in einem anderen Land. Wie oft sprach ich davon, nie mehr zurückzukehren. Ich weiss, das Paradies hat er mir nie versprochen. Doch wenn ich aus den sonnig süßen Weiten mich langsam auf ihn zu bewege, den Kreis durchbreche und die schwere Luft mir fast den Atem nimmt, dann singt ganz leise auch ein Liebeslied in mir. Ein Lied für seine grauen Städte und sein helles Herz. Ruhrpott, so unfassbar. So rätselhaft vertraut. So bittersüß geliebt.

Der Staub der Zeit

Die unerfüllte Liebe altert nicht. Die Last der Jahre zwingt sie niemals in die Knie. Sie leuchtet umso schöner, je länger sie vergangen ist. Und der Staub der Zeit glänzt im  Rückblick  wie Sternenstaub aus einer anderen Welt.
Nostalgie hat einen weichen Klang.
Dann plötzlich steht ihr voreinander. Und eure Stimmen sprechen nicht die lang gehegten Worte. Der Schimmer der Erinnerung verblasst im Licht der Wirklichkeit. Nichts gibt es, was ihr euch zu sagen hättet, ausser:
„Weisst Du noch?“ und „Ist lange her“.

Im Leben verorten

Dieser schrille Ton, der das Gehirn fast zersprengt. Aufwachen, den Kopf drehen, die Geräuschquelle suchen. Neben mir auf dem Tisch, ein schwarzes Ding. Den Schalter drücken.  – Stille –  Die Hirnhaut kommt zur Ruhe, eine sanft ausschwingende Membran. Ich fühle mich wie ein verstimmtes Klavier in der Wüste. Sperrig, nutzlos, fehl am Platz. Zögernd steige ich aus dem Bett. Die nackten Füße berühren den Boden. Holz auf Holz, denke ich. Vor dem Fenster schreien Krähen ein misstönendes Lied in den grauen Himmel. Ein Montagmorgen im Februar. Verorten im Leben.