Ex ist e(i)nz

Ex ist Eins,
verbinde zur Zwei,
füg‘ alles zusammen,
erschaffe die Drei.
Existenz ist nicht leben.
Leben ist mehr,
ist lachen und träumen.
Komm, zeig es mir.
Fliegend auf Wolken,
tauchend ins Sein,
erschließen wir Wege,
öffnen die Tür.
Existieren und leben
verknüpfen wir
zum Großen
zum Ganzen.
Im Kleinen allein
fügen sich Teilchen
zur vollkommenen Form,
zerfallen ins Nichts.
Neugeburt.

haarige Momente

Also unter uns Frauen, oder eigentlich sogar auch unter uns Männern, Haare sind irgendwie eine sehr komplexe Angelegenheit. Also die in der Suppe auch, aber ich meine hier die Haare auf unseren Köpfen. In Romanen steht manchmal so schön: Die braunen Haare fielen ihr in weichen Wellen bis auf die Schultern.  (fragt mich bitte jetzt nicht, welche Romane ich lese.)
S
oweit so gut, aber glänzten sie auch, die braunen Wellen? Oder sind gar die Spitzen gespalten? Und das Braun? Echt, oder Polycolor? Gar nicht so einfach.
Also gut, meine sind frisch gewaschen. Vielleicht liegen sie gleich. Vielleicht auch nicht.
Ob sie glänzen, oder struppig sind, ich werde in jedem Fall lesen.
Heute abend in der Severinstorburg in Köln. Ich hab vor einiger Zeit in der Anthologie“Trümmerseele“ ein Gedicht veröffentlicht.  Der Erlös des Verkaufs  geht an ein Berliner Flüchtlings Hilfe Projekt.
Und ja, die Lesung kostet fünf Euro Eintritt, der kommt auch der Flüchtlingshilfe zugute.
Ausser mir werden noch fünfzehn andere von den hundert, im Buch veröffentlichten Autoren ihre Texte vortragen.
Also wer Zeit und Lust hat, um 18:00 Uhr in der Severinstorburg am Clodwigplatz in Köln
kann man mich hören und live erleben, ob die Haare liegen.
Wer nur das Buch erwerben will, findet es hier im Blog unter der Rubrik Veröffentlichungen.
Bis bald

 

 

Lillith

Hell war ich, als man mich schuf. Und aufrecht. Meine Lippen wie Blätter einer Rose. Sanft.
Meine Flügel leuchteten im Licht des ersten Tages.
Ach ja, und  Salomo, er schrieb das Hohelied für mich.
Gefährtin wollte ich sein, dem Ersten wie dem Letzten.
Nicht untertan.
Die Schlange deiner Angst wand sich um deine Seele, sprühte dir Gift in den Verstand. Sie weckte Lust und Hochmut bis das Feuer deiner Gier den Sinn dir trübte.
„Ich bin der Herr“, so brülltest du.
Deine Stimme war ein Messer.
Die Flügel wolltest du mir brechen und schuldig nanntest du mich, schuldig an deiner Angst und deiner Geilheit.
Hass fraß sich in dein Herz.
Hass weckte deine Arglist.

Und da war niemand.
Ausser uns, den Erstlingen.

Ach, ich hätte dich geliebt, doch ging ich fort.
Ließ dich zurück mit deinem Zorn und all der Gier nach Macht.
Zu schwach warst du für meine wilde Liebe.

Da schuf man dir ein neues Wesen und band es an dein Blut.
Eine, die keine Flügel hatte, eine, die bereit war, sich zu beugen.
Wie du sie hasst, sie schlägst, durch deine Tage schleifst, dass ihre Brüste bluten und  Steine ihr das Herz zerfetzen.
Wenn du sie schändest, röhrt deine Lust meinen Namen.
Doch deine Lippen bleiben trocken, stumm, verschlossen wie die Tür zur Liebe.
Und wenn du sie ins Feuer schleuderst, sie steinigst, knebelst, sie zwingst Gesicht und Körper zu verhüllen bis zur Unkenntlichkeit, oder sich nackt und schutzlos den Hieben deiner Blicke preiszugeben wie eine Ware auf dem Wühltisch deiner Lust, suchst du verzweifelt mich in ihr.

Spürst du den Funken, der uns beide schuf in ihrem Wesen?

Ja, ich verließ dich, doch war es nie mein Ziel, dich zu besiegen, nur unsere Ebenbürtigkeit wollte ich leben.
Mit dir.
Ihr Schmerz, ihr Leid – der Preis, den ich für dein Versagen zahle-  Adam.

Als meine Mutter leuchtete

Heute ist Muttertag, ein Tag genauso gut wie jeder andere, um diese Erinnerung hier zu veröffentlichen:

 

Die Natur trägt ihr Spätsommerkleid. Das Laub der Bäume schimmert gelb und rot. Dem Leuchten haftet eine fragile Patina der Vergänglichkeit an. Wie ein zögerndes Lächeln huscht die Morgensonne in mein Fenster. Ich sitze mit meinem Kaffee am Küchentisch und beobachte das Streifenmuster aus Licht und Schatten auf der Tischplatte. In den Lichtbahnen treten einige Brotkrümel zu Tage, die im Schatten kaum zu erkennen sind. Draußen zwitschern Vögel ihre Lebensfreude in den Himmel. Sonnentrunken.

Der Kater hat heute Nacht auf den Küchenboden gepinkelt. Er ist nach einem Schlaganfall erblindet. Seitdem gleichen seine Sinne rostigen Messern, stumpf wie seine Krallen. Oft verliert er die Orientierung und läuft im Kreis, die Augen suchend auf den Boden gerichtet. Dann trage ich ihn zum Katzenklo oder in sein Körbchen. Vertraute Fixpunkte in seinem dunklen Universum. Von dort aus kann er sich an Wänden und Möbeln entlang durch die Räume tasten. Hin und wieder rollt er sich nach dem Fressen neben dem Futternapf zusammen und schläft ein. Sein Schnurren hebt sich vor jedem Atemzug zu einem kleinen, pfeifenden Keuchen.
Mir fällt es schwer, Alter und Verfall zu begegnen. Es weckt Mitleid in mir, gleichzeitig eine unbestimmte Wut, Gereiztheit und den Wunsch davonzulaufen. Ich mag dem Prozess des Sterbens nicht begegnen, dem unwillkommenen Ausblick auf die eigene Zukunft. Verweigertes Wissen.
Nicht nur die Kraft der Sinne scheint im Alter abzunehmen, alles verengt sich, wird kraftlos. Nach und nach versiegt der Lebenssaft und der Körper welkt wie die Blätter an den Bäumen. Glühendes Laub. Eigensinnige Schönheit des Sterbens in der Natur. Ein farbenprächtiger letzter Triumph.
Der Anblick des Katers lässt mich an meine Mutter denken, an die Zeit, in der ihr Verfall unübersehbar wurde. Zwei Wochen vor ihrem Tod saß sie in der Sonne auf dem Balkon, eingehüllt in ihren flauschigen Morgenmantel, in dem ihr zerbrechlich gewordener Körper zu verschwinden schien, als wolle er sich in sich selber zurückziehen. Das Blau des Mantels vertiefte die Farbe ihrer Augen. Unwillkürlich fühlte ich mich an kostbares Porzellan erinnert, das von vielen Lagen Seidenpapier umhüllt ist. Ihr Blick war nach Innen gerichtet wie in unbegreifliche Tiefen. Ihr feines, weißes Haar leuchtete in der Sonne. Eine hinfällige Fee.  Nie zuvor hatte ich sie so strahlend gesehen. Und nie wieder danach.
Sie hat mich geboren, genährt, aber ich habe sie nicht wirklich kennengelernt, nie ihr Wesen ergründet. Ich weiß nicht, ob sie sich selbst kannte und ich erriet in all den Jahren nicht, wie sie für mich empfand. Meinte sie, mich zu verstehen und mir nahe zu sein, oder fühlte sie die Ferne ebenso wie ich?
Vielleicht waren wir einander vertrauter, als wir ahnten oder zugeben wollten. Die Gefühle, die sie in mir weckte, als ich Kind war, sind mir entglitten, verblasst wie die alten Fotos von ihr. Ich erinnere mich, dass ich als Erwachsene nicht wollte, dass sie mich berührte. Wir umarmten uns und vollzogen die üblichen Gesten, doch ich ließ nicht zu, dass sie mich im Wesen anrührte, mein Herz in Bewegung versetzte. Ich vetmute, sie hat meine Befangenheit geteilt. Doch in diesem zeitlosen Moment auf dem Balkon vor dem Hintergrund des wolkenlosen Frühlingshimmels malte das Licht mit schmerzlicher Intensität die nicht gelebte Schönheit auf das Gesicht meiner Mutter. Ich entdeckte die Reinheit kindlicher Unschuld, ewig und vergänglich zugleich. Wie ein feines Messer drang sie unter meine Oberfläche. Ich sah das Kind in ihr, die erblühende Frau, die behütende Mutter, die Greisin. Ich ahnte, was sie war und mehr noch, was sie hätte sein können.

aus: „Mensch lernt von Mensch“,  Masou Verlag 2015