Wenn

Immer das schöne Händchen geben. Danke, und Bitte sagen.
Der Kuss von Onkel Jochen ist okay, auch wenn er nass und glitschig ist.
Putz dir die Nase. Halt den Mund, wenn Große reden.
Hör auf zu heulen, Indianer kennen keinen Schmerz.
Und keine Widerworte geben. Wer nicht hören will muss fühlen.
Wenn du nicht brav bist setzt es was.
Um acht Zuhause sein, sonst gibt es eine Woche Hausarrest.
So gehst du mir nicht aus dem Haus.
Wasch dir die Schminke ab.
Los, runter mit dem roten Nagellack und Lippenstift.
Siehst aus wie eine Hure.
Was sollen denn die Leute denken?
Wenn du dich nicht benimmst, fällt das auf uns zurück.
Die Leute reden über dich und wie du immer rumläufst.

Die Leute reden, reden, reden, die Leute, alles für die Leute.

Fenster stets sauber halten, die Gardinen  mit Nadeln straff gesteckt.
Und jede zweite Woche wird der Flur geputzt.
Zwei Mal.
Das Lächeln gründlich festgezurrt, wenn dich die Leute grüßen.
Nur leise weinen, wenn er dich wieder schlägt, weil er getrunken hat
und seine Arbeit ihm die Seele raubt.

Was sollen denn die Leute denken, wenn du schreist?
Was hinter euren Mauern los ist, geht doch keinen etwas an.

Und dann?

Und dann, wenn die Fassade Risse hat, wenn plötzlich du im Licht stehst,
dein verquollenes Gesicht den Blicken ausgesetzt?
Wenn die Leute hastig zur Seite blicken, verlegen, die Neugier hinter vorgehaltner Hand versteckt?
Wenn die Fassaden bröckeln?
Wenn die Mauern fallen?
Wenn jeder sieht wie schwach du bist und wie berührbar?
Wenn du die Tränen von den Wangen wischt und fortgehst?

Was sollen denn die Leute denken?
Wenn du frei bist?

 

Wisst ihr noch?
Wir waren Charlie Hebdo. Trotzig schrieben wir es auf unsere Facebookseiten:
„Je suis Charlie“. In Schwarz und Weiß.
Wir waren viele.

Wenn man uns gefragt hätte, warum wir das tun, welche Antwort hätten wir gegeben? Solidarität? Schock und Mitleid? Empathie? Ein Zeichen setzen für Satire, gegen Terror, für die Freiheit des Denkens?

Oder hatten wir intuitiv nur die Realität des Menschseins zum Ausdruck gebracht?

Wir könnten auch schreiben „Je suis Syria“, „I am America“ oder „Io sono Guantanamo“.
Es wäre die Wahrheit.
Weil wir Mensch sind, sind wir alles, was Mensch sein kann.
Jesus und Pilatus. Gott und der Teufel. Gandhi genauso, wie Trump. Die Mauer, die Trennung existiert nicht, außer in unseren Köpfen. Und auch, wenn wir uns solidarisieren mit denen, die wir als Opfer sehen, können  wir an irgendeiner Stelle in unserem Leben Täter sein. Mal mehr, mal weniger. Und wenn wir es nie sind, dann ist es ein anderer für uns.  Es gibt nichts, was wir nicht in uns tragen. Das Universum hält das Gleichgewicht.

Die Frage ist, was wollen wir leben?