Eine Tasse Tee

Kleiner Auszug aus meinem Buch  Mensch lernt von Mensch.

Der Himmel sieht  gestreift aus. Weisse Wolkenstreifen im Sonnenlicht.
Ich sitze, beobachte durch die Balkontür das Morgenschauspiel der Natur. Die Sonne füllt den Tag mit Licht. Über die Balkonbrüstung ist ein Katzenschutznetz aus weissen Nylonfäden gespannt. Die Sonne verwandelt es in ein Gitter aus Licht.

Was ist Wahrheit?
Was weiß ich, das unumstößlich wahr ist?
Das Leben? Der Tod?
Mein Körper wird verfallen, verwelken wie eine Blüte. Aber verschwindet er wirklich vollständig?

Wenn Seele und Bewusstsein ihn verlassen haben, bleibt er eingebunden in den organischen Kreislauf der Erde. Und selbst, wenn die Körperhülle verbrannt wird, bleibt Asche. Das ist so unspektakulär und klein und dennoch von solch beängstigender Größe.

Angst vor dem großen unbekannten Nichts?
Existiert es überhaupt dieses Nichts?
Gibt es etwas, das nichts ist?
Meine lautlose Frage stolpert über das Lichtgitter am Balkon.
Manche Menschen sagen, dass Materie eine Illusion ist. Real sei allein die Energie, die jede Materie belebt, das Lebenslicht. Woher kann jemand wissen, dass das wahr ist, wenn er es nicht sieht?

Vor mir auf dem Tisch steht ein Glas mit schwarzem Tee. Earl Grey. Meine Lieblingssorte. Nachdenklich lasse ich Zucker in die bernsteinfarbene Flüssigkeit rieseln, beobachte wie die glitzernden Kristalle vom Löffel auf den Grund der Tasse trudeln, wo sie eine feine Schicht bilden. Beim Umrühren lösen sie sich auf. Ich kann sie nicht mehr wahrnehmen. Der Zucker hat den Tee verändert. Die Veränderung ist nicht sichtbar, aber wenn man einen Schluck trinkt, ist sie zu schmecken.
Ich gieße Milch dazu. Sie entfaltet sich zu einer hellen Wolke in der dunklen Flüssigkeit. Es sieht ein wenig  aus wie Rauch, der von einer Explosion aufsteigt. Durch den Schwung des Eingießens breitet die Wolke sich zunächst aus, sinkt dann auf den Grund der Tasse, wo sich ein lichter Streifen bildet. Während die Flüssigkeiten sich allmählich vermischen, wird der Streifen schmaler, bis er schließlich völlig verschwunden ist. Der Tee hat eine einheitliche milchig trübe Farbe angenommen. Milch und Tee sind durch einen neuen Schwung, durch ein erneutes Rühren nicht mehr voneinander zu trennen.

Die Welt und die Materie kommen mir vor wie eine Tasse Milchtee, Licht und Materie  vermischt zu einer Substanz, die wir Leben nennen.

Was bedeutet das für meine Liste der Wahrheiten?

In mir ist Leben und gleichzeitig Tod, wie Milch und Tee in Bewegung gehalten durch den Rührlöffel Zeit. Da ist Seele in mir. Unsterblichkeit. Ich kann es nicht sehen oder anfassen. Aber ich kann es wahrnehmen. So wie ich Zucker im Tee schmecken kann. Wenn ich mich strecke, Arme und Beine bewege, spüre ich die Muskeln. Was versetzt sie in Bewegung?

Einerseits sind es Abläufe im Gehirn. Aber was gibt ihnen den Impuls. Ist es der eigene Wille?
Wenn ich den Arm heben will, hebe ich ihn mit Hilfe des Willens.
Und wenn ich sterbe?
Keine Macht der Welt, nicht der energischste Wille könnte den Arm dann noch von innen her in Bewegung setzen.
Wo bleibt er dann, der starke Wille?
Was kann er noch bewirken?

Ich weiss nicht viel, aber eines wird mir klar, ich sollte jede Sekunde genießen. Jetzt, und jetzt, und wieder jetzt.

Ich trinke meinen Tee. Er ist nicht mehr ganz heiß. Der feine Bergamottegeschmack zusammen mit der Süße des Zuckers und der Weichheit der Milch, lässt mich genüsslich die Augen schließen.

 

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