Also nachm Regenbogen um sechs Uhr abends

Schon als ich diesen Blog gestartet habe, gab es die Rubrik „Rezensionen“.
Sie soll Newcomern und Selfpublishern gewidmet sein, denn, ganz ehrlich, die beliebten Autoren renommierter Verlage haben genug Medienpräsenz, wenigstens die, die mich begeistern.
Jetzt muss man wissen, dass ich Bücher quasi einatme, was  zum Teil an meiner Lesebegeisterung liegt, aber auch daran, dass ich Lesungen veranstalte, zu denen ich Autorinnen und Autoren einlade, um ihre Bücher vorzustellen.
Ich entdecke häufig Bücher, die mich unterhalten und mir gefallen, aber es ist eine Seltenheit, dass mich eines wirklich berührt und begeistert. Also so rundum begeistert, Idee, Schreibstil, Protagonisten.   Das vorletzte Werk, auf welches dies zutraf, war von Haruki Murakami. Weder Newcomer, noch Selfpublisher.
Aber okay, ich merke, ich rede zu viel.  Also kommen wir zum Kern der Sache. Das letzte Buch, das ich gelesen habe, erfüllt für mich alle Voraussetzungen, um einen Blogbeitrag darüber zu schreiben. Man ahnt es vielleicht schon, es heißt:
Also nachm Regenbogen um sechs Uhr abends ( von Victoria Suffrage)
Es handelt von Paul,  seiner geistig behinderten Tochter Ela, seiner Katze Nuschi, von Alex, seinem jungen Betreuer vom Pflegedienst,  und es handelt von Lissy, Pauls Frau, die zehn Jahre älter war als er und gestorben ist. Paul ist achtundsiebzig, vergisst oft Dinge und ärgert sich über seine schwindenden Kräfte.
Die Autorin, Victoria Suffrage nimmt uns mit in Pauls Kopf, lässt uns teilhaben an seiner Zwiesprache mit sich selbst und mit seiner Lissy, die ihn liebevoll Füchschen nennt.
Wie man hautnah all seine Gedanken und Sorgen um Ela miterlebt,  um die Anfeindungen der Nachbarn, denen Elas Geschrei auf die Nerven geht und um die verpassten Möglichkeiten der vergangenen Jahre, das entfaltet einen langsamen Sog, der einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt. Dabei  entwickelt sich die Geschichte  schließlich zu einem Road-Movie mit überaschenden Wendungen. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, in Echtzeit dabei zu sein, in die Gefühlswelt und Wahrnehmungen des Protagonisten einzutauchen, ebenso wie in seine Irrtümer und Fehleinschätzungen.
Ein wunderbares kleines Buch mit großer Wirkung. Und nachhaltig.
Ich möchte nicht spoilern, also teile ich nur noch einige Auszüge aus dem Text.
„Eine fromme Frau war sie, meine Mutter. Sie hat morgens schon gebetet, dass es auch wieder Abend werde, und Stein und Bein geschworen, dass es ohne ihr Gebet schiefgegangen wäre. So wie mit meinem Vater, der aus dem Krieg nicht wiedergekommen ist. Dass er in Frankreich geblieben ist, weil er eine andere Frau kennengelernt hatte, habe ich erst nach ihrem Tod erfahren. Da war der Vater auch schon gestorben. Als ich ihr meine Lissy vorstellte, da hat sie sich bekreuzigt und drei Tage ins Schlafzimmer eingeschlossen. Und zur Hochzeit kam sie erst gar nicht. Bei der Lissy und dem Alter, da hat sie immer gewusst, was die Leute reden werden. Das Geschwätz hinterher, weil sie nicht zur Hochzeit kam, hat sie nicht gestört.“

Diese Nächte mit Ela, immer ihr Schreien, immer die Besorgnis, dass gleich wieder ein Nachbar ankommt – ich kann nicht mehr. Und in meinem Kopf wird es auch komischer. Ich habe mir ja vorgestellt, dass man es nicht merkt, wenn man wunderlich wird. Ist aber nicht so. Vielleicht hat Alex recht und ich sollte mit ihm in die Kneipe gehen. Aber selbst das wird ein Trauerspiel werden. ich brauche fünf Minuten, um ein Bier zu trinken und danach fünfzehn Minuten, bis ich es zum Klo geschafft habe. Und wenn ich das Pinkelbecken erreicht habe, tja, ist auch nicht die Moldau, die ich dann rauschen höre. Wenn nicht gerade die Schallplatte hängt.“

Ich schaue Alex hinterher, wie er zur Wohnungstür geht. Wie schnell er ist. Kurz darauf höre ich seine Schritte im Treppenhaus. er kann ruhig laut sein, bei ihm traut sich keiner, zu schimpfen und gemein zu sein. Seine Geschichte mit der Frau Schmerle lässt mich nicht los. Ich weiß nicht, ob ich allein sterben will oder nicht. Lissy ist ja nicht mehr ganz da.  Bei ihr wollte ich sein, als es ihr schlecht ging. Aber ich wollte nicht, dass sie geht. „Nachm Regenbogen, Paul. Nachm Regenbogen umd sechs Uhr abends.“ Das waren ihre letzten Worte. Danach schwieg sie beinahe zwei Tage. Ich erzählte ihr, streichelte sie. Und fragte sie wegen Ela. Bestimmt kann ich allein sterben, aber ich kann nicht allein zum Regenbogen gehe.“

Also nachm Regenbogen um sechs Uhr abends

 

Woanders

Wollte zum Abschied ein Lied für dich schreiben, ganz in Moll, nur in der Mitte heimlich einen Dur-Akkord. Verdammt, ich kann doch keine Noten und spiel kein Instrument. Du siehst, du solltest besser bleiben. Und außerdem ist Abschied nicht mein Element. Schon klar, damit bist du nicht zu erweichen. Vielleicht lern ich noch schnell Posaune, Akkordeon oder Klavier? Noch besser wär’ Gitarre. Ja. Drei bis vier Akkorde sollten reichen. Die merk ich mir und ging zum Terminal. Da würd’ ich singen, laut, falsch und ganz besonders schrill. Alle Leute würden’s hören und wissen, dass hier Einer ist, der weg geh’n will.  Ich würde ungeheuer peinlich sein. Schlimmer als bei Wahrheit oder Pflicht. Und weil kein Baum da wär, würde ich irgendwas erklimmen. Vielleicht eine Laterne. So genau weiß ich es gerade nicht. Verstörend dissonant ließ ich die Finger über Saiten holpern und stimmte alte Schlager an, Vicky Leandros, Udo Jürgens, vielleicht auch Freddy Quinn. Es gibt keine Laternen dort? Egal, ich würde trotzdem durch die Töne stolpern und du könntest nicht weg, weil du am Check-In  anstehst für den Flug nach Nirgendwo. Mal ehrlich, wer außer dir will denn da hin?
Du würdest dich noch umdreh’n, zu mir sagen: „Hör auf, mit dem Geheule, das ist so grottenschlecht, dass man am liebsten auf der Stelle sterben will“.  Und ich würd’ rufen: „Das geschieht dir recht. Bleib bloß nicht stehn. Geh weiter. Einfach weiter. Los hau schon ab. Ich will dich weg gehen sehn“.
Dann lachst du, sähst mich an und sagtest: „Machs gut. Es war nicht schlimm mit dir.“
Ich würde schweigen. Und wenn du weg wärst, würde ich so tun, als ob ein Staubkorn mir ins Auge flog, würd drüber lachen…..ach, und überhaupt, du wärst ja gar nicht weg. Wärst nur Woanders. Das ist die Wahrheit.
Aber auch ein kleiner Selbstbetrug.

Drachenflug

Weil heute,
heute ist und
weil es regnet,
hab ich ein Lied
für dich gemacht
und weil Gedanken
Karussell fahr’n
wie wilde Kinder
an manchen Tagen
in mancher Nacht.

Bist nur ein Flüstern
im leeren Raum,
ein blasses Bild
an meiner Wand
ich weiß nicht,
ist es Wahrheit
oder Traum,
greif ich ins Leere
oder hältst du
meine Hand?

In meinem Kopf
geh ich an Orte
die wir zusammen
einst geliebt,
wenn du jetzt
vor mir stündest,
fehlten uns die Worte?
Würden wir lachen,
oder wäre unser
Blick getrübt?

Gäb’ es
den Funken noch,
der früher
uns reden, lachen,
lieben ließ,
als wir auf Wellen
von Ideen flogen
wir waren,
Feuerdrachen,
die Welt ein Paradies.

Weil heute,
heute ist und
weil es regnet,
hab ich ein Lied
für dich gemacht
und weil Gedanken
Karussell fahr’n
wie wilde Kinder
an manchen Tagen
in mancher Nacht.

© Gabriele Auth