Traumatage 4

Manchmal stelle ich mir vor, bei der Geburt konnten wir uns noch an Alles erinnern, alles, was jemals war, sein wird und immer ist.
Vermutlich nur wenige Minuten, in denen der Sinn unseres Lebens, der Sinn allen Lebens uns gegenwärtig war. Vielleicht sogar mehr als ein paar Minuten.
Kann es sein, dass mit der Geburt ein Prozess beginnt, in dessen Verlauf alle körperlichen und kognitiven Fähigkeiten zunehmen, während sich das Geheimnis, woher wir kommen und warum wir hier sind, immer tiefer in uns verbirgt?
Ob meine Idee Wirklichkeit sein könnte? Ich weiß es nicht, aber stelle es mir vor und frage mich, wo in mir ich dieses Geheimnis wiederfinden könnte.
Wo verbirgt sich das Wissen, das uns ins Leben begleitet ?
 
Meine eigene Geburt liegt viele Jahre zurück. Inzwischen ist mein Leben ein Buch, von dem ich fast nur den Titel kenne und verstehe, der lautet:
Das Erkennen des Universums in drei Minuten und warum wir dafür so viele oder alle Jahre unseres Leben brauchen.“

Könnte ich doch heimlich die letzte Seite meines Lebensbuches  lesen, quasi als vorgezogenen Epilog.
Welche Quintessenz würde ich entdecken?
Vermutlich finden sich dort nur die Worte:
„Als du geboren wurdest, konntest du dich an Alles erinnern, an alles, was je war, sein wird und immer ist.“

Aber, wie ging es weiter?
Stell dir vor, gleich nachdem du ins Leben gepresst wirst, willst du es der Welt erzählen. Staunend berichten von der Erinnerung, der universellen Erkenntnis des Ganzen. Doch es funktioniert nicht. Als wäre von allem, was ist, ausgerechnet die Sprache verloren gegangen.
Der Schmerz des Nicht-Ausdrücken-Könnens, der nahezu totale Verlust der Kommunikation brennt wie Feuer.
Du schreist. So laut du kannst.
Und schreist weiter.
Sie lachen und freuen sich.

„Das Kind hat eine gesunde Lunge haben sie gesagt“, erzählte meine Mutter über meine Geburt.
So ein Geburtsschrei, sozusagen der Urschrei, begleitet fast jeden Menschen ins Licht der Welt.
„Das Kind hat Hunger“, sagen sie und geben dem Säugling Milch. Es muss ein unvergleichliches Gefühl sein, die Wärme, den Herzschlag und die Haut der Frau zu spüren, die deinem Wachstum monatelang in ihrem Körper Raum gegeben hat. Dazu die unbeschreibliche Befriedigung, wenn die Nahrung jede deiner Zellen belebt. Die satte Müdigkeit danach.

Machen wir uns nichts vor, mit der ersten Milch nach dem ersten Atemzug, der in der Lunge brennt, verschwindet vermutlich  ein wesentlicher Teil des Allwissens, falls es je da war. Es ist nicht im eigentlichen Sinn verloren, jedoch verborgen unter dem langen Prozess des Ankommens in der Welt.

» Ein halbes Jahr alt warst du, als wir dich ein paar Monate zu Oma Beck gebracht haben«.
Das hatte meine Mutter mir eher beiläufig erzählt.
Die Oma wohnte hundert Kilometer entfernt.
Monatelang kein Kontakt zu den Eltern, getrennt sein vom beruhigenden Herzschlag der Mutter, von den vertrauten Stimmen, ist eine Belastung für ein Baby, selbst wenn die Oma es liebt.
Aus welchem Grund wird ein so kleines Kind für längere Zeit zur Großmutter gegeben, die es kaum kennt?
Gedanken und Fragen, die mir heute in den Sinn kommen. Damals, als meine Mutter darüber sprach, nahm ich es jedoch hin wie den Wetterbericht am Ende der Fernsehnachrichten.
Schweigend und ungerührt, statt erschrocken nach Gründen zu fragen.
Was war los mit mir? Wie konnte es sein, dass diese Geschichte nichts in mir auslöste?
Gefühlsstarrkrampf?
Lag es an der Art, wie meine Mutter darüber sprach?
Es schien für sie keine große Sache zu sein, im Grunde nicht weiter erwähnenswert.
Das Wissen um diesen Teil meiner Vergangenheit und um die Umstände, die dazu führten, ist mit dem Tod meiner Eltern verschwunden.
Ich reimte mir holprige Erklärungen zusammen, die sich in meinem Kopf zu Tatsachen verdichteten, Mama musste wahrscheinlich Geld verdienen, weil Vaters Gehalt nicht reichte. Oder, und das war erschreckender, bestimmt hatte ich zu viel geschrien und meine Mutter war total überfordert gewesen von mir.

An dieser Stelle leuchtet flammend rot die erste Regel auf für das Leben mit und das sich einrichten im Trauma:

„Nimm alle Schuld auf dich, hinterfrage dich selbst, zweifle dich und deine Wahrnehmung an. Weiche auf keinen Fall von deinem Selbstzweifel ab, auch dann nicht, wenn er dich verzagt und unglücklich sein lässt. Und vergiss nicht, du kannst niemals gut genug sein.“
 
Was zu Regel Nummer zwei führt:
Stelle unbedingt in Frage, dass du als Bewohner das schwarzen Lochs ein Recht auf Glück haben könntest. Unbedingt.“

Wenn du lange und eng mit deinem Trauma verbunden bleiben willst, wenn du immer wieder aufs Neue in die Finsternis fallen möchtest, dann halte dich an diese Regeln sowie an alle weiteren, die noch folgen könnten. Im Idealfall erweiterst du das Regelwerk noch um eigene, auf dich persönlich zugeschnittene Lehrsätze.

Wie auch immer. Mein Lieblingsmensch kehrte nach einem Monat zurück. Ich robbte mühsam aus meinem Loch, im Gepäck das Trauma-Tier. Klein, schwarz, struppig, blieb es unbewegt, ohne mich weiter zu bedrängen.
Dachte ich.
 
(c) gabriele auth 9/2021


Foto/Mylene2401 on Pixabay

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