Traumatage 7

T fuhr mich zwei Tage später zum Krankenhaus. Es war in der ersten Woche des Corona Lock Downs. Das bedeutete, wir standen vor verschlossenen Türen und einem laminierten Aushang:
Bitte klingeln.

Nachdem ich der Aufforderung nachgekommen war, kam eine Angestellte und öffnete die Tür.

„Ich habe einen Termin in der onkologischen Ambulanz.“
„Ihre Begleitung muss aber draußen bleiben“.
„Das ist mein Mann.“
»Spielt keine Rolle. Tut mir leid, wir sind im Lock Down.«
»Haben Sie denn überhaupt Corona Infizierte hier«, fragte ich und merkte, wie die Angst vor der Diagnose sich zum Schutz einen wuchtigen Mantel aus Empörung umhängte.
»Lass gut sein«, sagte T.
In seiner Umarmung lösten sich Angst und Entrüstung auf und ließen einen Hauch Traurigkeit zurück, die sich in seinen Augen widerspiegelte. 
»Wir treffen uns bei den Bänken am Marktplatz«, sagte er bevor er ging.
Ich sah ihm einen Moment hinterher, desinfizierte mir die Hände, setzte mich in den Wartebereich. Die Fenster, trotz der Märzkälte weit geöffnet, ließen frische kalte Luft ein. Virologen hatten dringend empfohlen, öffentliche Räume umfangreich zu lüften, um die Covid Ansteckungsgefahr gering zu halten. Ob die Lunge auch eine Gänsehaut bekommen kann? Es fühlte sich irgendwie so an. Ich hätte vermutlich auch bei geschlossenen Fenstern gefröstelt.

Der Arzt rief mich ins Sprechzimmer. Lächelte. Zu matt.
Es war in der Zeit kurz vor der Maskenpflicht, eine Zeit, in der es noch menschliche Mimik außerhalb der eigenen Wohnung gab.
Ich sah ihn an.
Er brauchte im Grunde nichts mehr zu sagen.
Ich
wusste
es.
»Es ist ein Mammakarzinom«, sagte er.

Die Stille im Raum vibrierte um die Wette mit der Stille in meinem Kopf.
»Jetzt müssen wir besprechen, wie wir weiter vorgehen«.
Ich nickte.
»Es sind noch mehrere Untersuchungen notwendig, um Metastasen auszuschließen«.
Auszuschließen?
Festzustellen?
Stille im Kopf.
Hier saß ich völlig allein vor dem Mann im weißen Kittel. Zwischen uns schwebte diese unfassbare Diagnose. Normalerweise hätte T neben mir gesessen.
Aber T saß jetzt genauso allein auf dem Marktplatz.
Verdammtes Corona Virus.
Eine Sprechstundenhilfe gab mir Überweisungsscheine. Computertomographie, radiologische Knochenuntersuchung, Mammographie

Stille im Kopf

»Wir sehen uns, wenn alle Untersuchungsergebnisse vorliegen«, sagte der Arzt und verabschiedete sich von mir. Kühl und trocken lag seine Hand einen Moment in meiner verschwitzten, bevor ich mich umdrehte und ging.

Stille im Kopf

Auf dem Weg Richtung Marktplatz endlich der erste Gedanke.
Ich zog das Handy aus der Tasche.
Was sollte ich T schreiben?
Es ist Krebs?
No way!
»Ich bin fertig«, schrieb ich. Sonst nichts. Ein Smiley hätte nicht hierher gepasst.
Ich sah ihn von weitem.
Wie er mir entgegenkam.
Da lag etwas in seinem Gang.

Er weiß es, dachte ich, ging weiter, einfach einen Fuß vor den anderen, Schritt und Schritt und Schritt …
In irgendeiner Zeitung hat mal ein Bericht gestanden über einen Biker. Der war nach einem Motorradunfall noch hundert Meter die Straße entlang gelaufen.
Mit gebrochenem Genick.
Wie sich das wohl angefühlt hatte?
T umarmte mich. Tränen in seinen Augen.
»Es ist bösartig«, sagte ich überflüssigerweise.
»Scheiße«, fluchte er, »verdammte Scheiße.«
Wir standen. Hielten uns aneinander fest.
Ich konnte nicht weinen.
Da war weder Zeit noch Raum für Tränen.
Wenn der Boden unter deinen Füßen zu beben scheint.
Wenn alles, was du für stabil und standfest gehalten hast, sich auflösen will, schau nicht nach unten. Verschaff dir einen festen Stand. Balanciere dich aus wie ein Boxer im Ring. Dann sieh nach oben in den Himmel, wo hinter den dunklen Wolken die ganze Fülle von Licht strahlt. Breite die Arme aus, umarme den Himmel und bade im Licht.
Mein fester Stand in jenem Moment war dieser innere Perspektivwechsel zwischen Unten und Oben.

Foto/Pixabay

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