Drachenflug

Weil heute,
heute ist und
weil es regnet,
hab ich ein Lied
für dich gemacht
und weil Gedanken
Karussell fahr’n
wie wilde Kinder
an manchen Tagen
in mancher Nacht.

Bist nur ein Flüstern
im leeren Raum,
ein blasses Bild
an meiner Wand
ich weiß nicht,
ist es Wahrheit
oder Traum,
greif ich ins Leere
oder hältst du
meine Hand?

In meinem Kopf
geh ich an Orte
die wir zusammen
einst geliebt,
wenn du jetzt
vor mir stündest,
fehlten uns die Worte?
Würden wir lachen,
oder wäre unser
Blick getrübt?

Gäb’ es
den Funken noch,
der früher
uns reden, lachen,
lieben ließ,
als wir auf Wellen
von Ideen flogen
wir waren,
Feuerdrachen,
die Welt ein Paradies.

Weil heute,
heute ist und
weil es regnet,
hab ich ein Lied
für dich gemacht
und weil Gedanken
Karussell fahr’n
wie wilde Kinder
an manchen Tagen
in mancher Nacht.

© Gabriele Auth

 

Am Abgrund

Am Abgrund
eilen wir hin und her,
vor und zurück, bis
unsere Zehen fast schon
in die Tiefe ragen, und
schreckensstarr
wenden wir uns ab.

Am Abgrund
fragen wir uns nach
dem Sinn des
Lebens und des
höher, weiter, schneller.
Soll das denn alles
falsch gewesen sein?

Am Abgrund
zögern, zaudern wir,
ein Wein und eine
letzte Zigarette,
ein kurzer Schauder
und dann der Sprung?
Oder auch nicht?

Am Abgrund
stehen wir und warten,
dass einer kommt mit
einer allerletzten
Antwort auf die
Fragen, die wir nie
zu stellen wagten

Am Abgrund
wissen wir nicht,
ob wir stürzen werden,
oder fliegen können.
Arsch auf Grundeis.
Da zählt nichts mehr,
nur noch der Sprung.

Komm,
lass uns
f l i e g e n.

 

(co) Gabriele Auth
 

Ach

Ach. Barbie,
Pyramidenbrüste,
zerbrechliche Taille,
mit zwei Händen
zu umfassen.
Hände, wie die von Ken.

Ach. Ken,
der starke, der aufrechte,
der über alle Köpfe ragte.
und seine Haut wie
Barbies , so glatt,
so glänzend .

Barbies Haare, lang bis zu
den  Schulterblättern,
nur etwas strohig
mit der Zeit,
heillos verworren
und stumpf.

Schön war sie trotzdem,
Füße in High-Heels, und
Beine, ach Beine,
fast endlos, ein
feuchter Puppentraum.
Doch nicht für Ken.

Ken hatte nie
feuchte Träume,
nur eine glatte
Fläche zwischen
seinen Schenkeln
geschlechtsneutral.

Genauso wie Barbie.
Untenherum so
verstörend gleich.
Liebten sie sich?
Oder,
wenigstens Sex?

Verstohlen lautlos,
wenn wir schliefen?
Bloß wie?

Englisches Tagebuch Teil 5: Beaminster Church

Beaminster ist ein kleiner, alter Ort mit einer noch älteren, Kirche aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Fast fühle ich mich in diese Zeit versetzt, als ich umringt von typisch englischen Natursteinhäusern durch die engen Gassen gehe. Hier wurde das Buch  Tess d’Urbanville von Thomas Hardy verfilmt, der ein Kind Dorsets war.
Auch  der kleine Ort, in dem Dumbledore seine Kindheit verbrachte, ähnelt im Film dem, in dem wir hier gelandet sind.
Ich würde jetzt gerne erzählen, dass an unserem ersten Tag die Sonne scheint, das Wetter gebärdet sich jedoch wie eine unzufriedene Ehefrau. Wolkenverhangen, diesig. Immerhin weint der Himmel nicht.
Wir haben uns aus dem Haus gewagt, um den Ort zu erkunden und entdecken den alten Friedhof, der wie in einer brüderlichen Umarmung die Kirche umschlingt.
Der älteste Grabstein, von 1420, gibt keinen Namen preis.  Er neigt sich müde zur Seite,  so weit, dass man ihn stützen möchte. Überhaupt scheinen die meisten Steine archaisch und schief, die Inschriften verwittert, die Oberflächen von ockerfarbenen und weißgrauen Flechten überzogen.
Ein greiser, ein sterbender Ort für die Verstorbenen, erzählt wortlos die Geschichte der Vergänglichkeit, liebevoll überschattet von knorrigen Bäumen, deren mächtige Kronen zu singen scheinen.
Während T.  mit der Kamera zu verewigen versucht, was nicht ewig sein kann, sitze ich auf einer Bank und genieße Ruhe.  Vereinzelt kriechen Sonnenstrahlen  durch die Wolkendecke wie vorwitzige Kinderfinger ins Nutellaglas und  verschwinden genauso schnell wieder.
Als T. die Fototour beendet, betreten wir die Kirche. Der Raum, der uns umfängt, hat nichts gemeinsam mit den ernsten, in schwermütigem Schweigen verharrenden katholischen Kirchen, die ich zum Beispiel in Italien gesehen habe. Die, in denen es so stark nach Weihrauch riecht, dass die Stirnhöhle bebt.
Das Gotteshaus in Beaminster hat etwas heiteres, fast verspieltes, scheinbar immer in Auflösung und Wandel begriffenes. Achtet mich, aber nehmt mich nicht zu ernst, scheint es zu flüstern und verströmt seinen Geruch nach vergilbtem Papier, Staub und feuchtem Mauerwerk.
Rechts neben der Eingangstür entdecken wir die Kinderecke. An einer Pinwand hängen Listen, in die die Kinder sich für Back oder Bastelaktionen eintragen können. An einem runden, ferrariroten Plastiktisch, Marke Ikea klobig, sitzen  Puppen, handgestrickt aus bunter Wolle. Alle haben sie sorgfältig aufgestickte, lächelnde Gesichter. Fast unheimlich.
Ich stelle mir die Ladies der Gemeinde vor, wie sie bei einer Tasse Tee und ein paar Scones mit clotted cream, die Nadeln schwingen.
Wir müssen lachen. Es ist so schräg, so exzentrisch, so zum Verlieben britisch.
Vor dem Verlassen der Kirche erwerbe ich gegen eine Spende noch The Dorset cooking book. Die Rezepte wurden von Gemeindemitgliedern gesammelt.
Der Erlös aus dem Verkauf soll dem Erhalt der Kirche dienen.
Ich denke, sie hat es verdient.

Ich bin Shirin

Ich bin Shirin.
Das ist das Einzige, das ich weiß.
Aber vielleicht stimmt auch das nicht.
Vielleicht ist es falsch, wie alles andere.
Wie mein Leben.

Ich bin Shirin.
Sie sagen, sie haben mich
am Strand gefunden, aber
kann man einen Menschen finden
wie ein Stück Strandgut.

Ich bin Shirin.
Alles, woran ich mich erinnere,
ist dieser Name und die Farbe des Bootes,
in dem wir saßen, meine Umi und ich,
zusammen mit dreihundert anderen.

Ich bin Shirin
Das Meer brennt in den Augen.
Es schmeckt wie Tränen.
Umi kommt nicht mehr.
Es gibt nur noch mich.

© gabi m. auth

Oase

Mein Gesicht
im Spiegel.
So neu.
Ich ließ
dich ein in
meine Augen.

So warm
So leicht.
Dein Name
in der Wüste
meines Hirns.
Unerwartet.

Lichtschnell.
In einem
surrealen
Augen-Blick
Oase
geworden.

Quell in der
Wildnis
meines Herzens.
Ich schließe
Die Augen.
Du bist da.

Herz über Kopf.
© gabi m. auth

Feuer

Aggression,
heiß und rot.
Explosionsartig.
Wie glühende Lava.
Das Feuer
in deinen Augen
verbrannte den
uralten Schmerz.
Glut und Asche
fraßen die Tränen.

Unstillbare
Sehnsucht
ohne Namen.
Unsere Körper,
Flammen in
der Dunkelheit.
Hände webten
Zärtlichkeit.
Spinnennetze
Aus Wärme und Licht.

Haut.
Erschauernd
unter meinen
Fingerkuppen.
Verschmolzen.
Wo fängt „Du“ an?
Wo hört „Ich“ auf?
Deine Augen,
heller Bernstein.
Hoffnungslos.

Ewig nicht
zu retten.
© gabi m. auth

Roter Ballon

Ein roter Ballon.
Hoch oben.
Unterwegs
zu den Wolken.
Ich stehe stumm.
Seh ihm nach,
denk an dich.
Wie klein du warst.
Und dein Lachen.

So glücklich.

Du drehtest dich
um dich selbst
in deinem rosa
Lieblingskleid.
Die Haare flogen.
So helles Haar,
fast weiß.
Wie Elfenhaar.
Wunderschön.

Du liefst rückwärts,
drehtest dich.
Ich winkte dir,
und ich rief.
Du trugst einen
Ballon in der Hand,
einen roten.
und leuchtende Augen.

Die Straße.
Der Wagen.
Ich rief.
Du lachtest,
winktest,
drehtest dich.
Ich rief.
Ich schrie,
Schrie.

Dein Name
schwebte
zum Himmel.
Tausendmal.
Zusammen mit
dem Ballon,
der in die
Wolken stieg
Du lagst so still.

Rote Blumen
erblühten
auf deinem
Lieblingskleid,
rosa wie dein
linker Schuh
dort auf
dem Asphalt.
© gabi m. auth

Alter Freund

Leben meint
wachsen, erkennen,
fließen, meint
zu verstehen und
immer zu wissen,
dass Einer wartet
an der Tür.

Den Weg zu wählen,
so frei, so leicht
lächelnd rufen
Hey, alter Freund,
sieh mich an,
sieh nur her.
Ich komme schon

Doch zuerst steig ich
auf mit der Sonne und
tanz ich mit dem Mond.
Auf der Spur der Sterne
durchzieh ich die Welt,
Wehmut in der Seele,
im Herzen ein Lied.

Über die Erde
zieh ich vorwärts,
zum Anfang zurück.
Hör im Flug der Lerche,
Nachtfalter singen.
Gesänge wie
Schöpfungsklang.

Dann, Tod,
alter Freund,
in deine Arme
nimm mich und
gib Zuflucht mir
in deiner großen
Zärtlichkeit.

© gabi m. auth

Wegweiser

Damals,
oder gestern.
Ich suchte
das Gefühl,
ganz zu sein.
Herz und Verstand
im Gleichklang.

Und dann Du.

In mein Leben
gehuscht.
Einfach so.
Musik in den Augen
So blau und grün
Oder manchmal grau.
Wie Nebel.

Deine Hände.

Das Erstaunen
als ich ihre
Kraft spürte.
Halten können sie
und lassen.
Herzen leuchten
wie Feuerwerk.

Immer wieder.

Der Verstand.
Ein stiller See
im Mondlicht
so in mir
mit Dir
so in Dir
mit mir.

Gefunden

das Gefühl,
heil zu sein.
Den Weg tanze ich.
Und du bist
Wegweiser,
Wegbegleiter,
Geliebter,

Freund.

Wege verblassen.
Das Leben,
ein freies Feld.
Unsere Spuren
nebeneinander,
eine Spirale
aus Musik.

© gabi m. auth