Leseprobe zu Juli – What the bird said

 Jetzt

»Sit there, count your fingers.
What else is there to do ?«
(Janis Joplin: Little Girl blue)

 

 

 

Was,
wenn Gott
eine Frau wäre,
Frau wäre,
wäre?

Mit sanft waberndem Echo verhallt die Frage im Nirgendwo. Juli öffnet die Augen. Die geflügelte Frau, vor Sekunden zum Greifen nah, bleibt zurück in ihrer düsteren blauen Welt, letzte Impression eines bizarren Traumes.
Einen Moment weht noch der kühle Atem der Nacht durch den Raum, bevor ihn die Morgensonne vertreibt.
Auf dem Nachttisch steht das Frühstück. Wurst und Käse sehen aus, als ob sie schwitzen. Ein Anblick, der die Übelkeit in Julis Magen verstärkt. Sie trinkt einen Schluck wässerigen Kaffee, schließt die Augen, versucht zurückzugleiten in die Zone zwischen Schlaf und Wachzustand.
Als sie kapituliert, fällt ihr Blick auf die Vorhänge vor dem geöffneten Fenster. Babyblau. Bescheuerte Farbe, denkt sie. Ein Lufthauch bauscht den Stoff auf wie ein Segel, und einen Moment wünscht sie, das Krankenhaus wäre ein Boot, mit voller Takelage unterwegs in Richtung Horizont, auf und davon.
Juli dreht sich auf den Rücken, richtet den Blick zur Zimmerdecke, denkt daran, wie sie als Kind gerne mit ausgebreiteten Armen auf dem Fußboden lag und so lange nach oben starrte, bis ihre Wahrnehmung sich verschob, sich umkehrte und sie nicht mehr auf dem Boden zu liegen schien, sondern sich das kribbelige Gefühl in ihr breitmachte, mit dem Rücken an der Decke zu kleben. Damals war der Perspektivwechsel leicht gewesen. Sie schließt die Augen, streicht mit den Händen über ihr Gesicht, spürt die Knochen unter der Haut, die Augenhöhlen, die Jochbeine, das Kinn. Wann hat ihr Gesicht seine Weichheit verloren? Sie kann sich nicht erinnern. Erinnerung ist ein zu dünnes Eis.
Wie verblasst sie sich fühlt, abgenutzt wie ihr Nachthemd.

Eine Liedzeile kriecht in ihre Gedanken,
it’s feeling near as faded as my jeans.

Das trifft es auf den Punkt. Me And Bobby McGee von Janis Joplin. Als sie das Lied zum ersten Mal hörte, war Janis längst tot, sie selbst vierzehn Jahre alt, und die große Stimme der kleinen Janis fuhr ihr unter die Haut. Sie gab der Melodie des Lebens einen Namen.
Blues.
Janis ist am Blues gestorben. Fast hätte sie es einfach in den Raum gesprochen. Die Zeitungen hatten damals von einer Überdosis Heroin berichtet. Juli ist überzeugt, die Droge war nur ein Symptom. Die Ursache musste eine Überdosis Blues gewesen sein.

Ein krampfartiges Reißen fährt ihr durch Rücken und Unterleib. Sie spürt das Blut aus sich heraussickern, dreht sich auf die Seite, zieht die Beine an die Brust, umschlingt sie mit den Armen, fühlt sich einen Augenblick geborgen. Ein Fötus in der Gebärmutter.
Allmählich ebbt der Schmerz ab, rollt sich zusammen, nimmt lauernd Anlauf für die nächste Attacke.
Rauchen! Juli will rauchen gegen die innere Wundheit, gegen den Blues, gegen alles. Sie kramt Tabak und Feuerzeug aus dem Nachttisch, dreht eine dünne Zigarette und trinkt den letzten lauwarmen Schluck Kaffee. Er schmeckt bitter, ohne stark zu sein.
Sie verzieht das Gesicht, verlässt das Krankenzimmer, geht, fast ohne die Füße anzuheben, in den Aufenthaltsraum, wo sie sich auf einen der gelben Plastikstühle setzt und die Zigarette anzündet. Ein leichtes Schwindelgefühl zwingt sie, die Augen zu schließen. Sie überlässt sich der Musik in ihrem Kopf. Da ist nur die Melodie, And I’ll trade all my tomorrow for one single yesterday. Ihr Körper wiegt sich im Rhythmus des Songs. Es fühlt sich an wie das Schaukeln eines Kinderwagens. Sie will auf keinen Fall in der Klinik bleiben. Nach der Visite würde sie nach Hause fahren.
Aber was dann?
Man müsste einfach die Zeit zurückdrehen können, neu aus dem Mutterschoß kriechen in ein frisches, ungeöffnetes Leben. Ob es das ist, was auch Janis sich gewünscht hätte? Konfetti aus Erinnerungsfetzen trudelt durch Julis Gehirnwindungen und verschmilzt mit dem Lied.
»Na, sind es bei dir auch die Eierstöcke? «
»Was?« Sie schreckt hoch, dreht sich zu der Stimme um.
Neben ihr sitzt eine junge Frau und raucht. Auf dem Boden verglüht Julis Zigarette.
»Oh, sorry«, sagt Juli und tritt die Kippe aus, »muss mir aus der Hand gefallen sein, ich war wohl eingedöst.«
»Zigarette?« Die andere hält ihr die Schachtel hin.
»Danke.«
»Ich bin Elsa«, sagt die Frau.
Elsas Augen haben die Farbe des Himmels nach einem Sommergewitter. Blonde Locken ringeln sich um ein ovales Gesicht. Nett, denkt Juli.
»Juli«, sagt sie, »eigentlich Juliana, aber so nennt mich kaum jemand.«
Elsa streicht sich die Locken aus der Stirn, nickt. »Juli? Wie der Monat?«
»Ja. So hab ich mich selbst als Kind genannt, weil ich Juliana nicht aussprechen konnte. Ist irgendwie hängengeblieben.«
Elsa lächelt.
»Ich wollte dich nicht stören, hatte nicht gesehen, dass du schläfst. Und? Sind es die Eierstöcke?« Sie sieht arglos aus, wie sie da sitzt und mit einer beiläufigen Bewegung die Asche ihrer Zigarette abstreift.
»Nein. Nicht die Eierstöcke.« Juli steht auf, drückt die halb gerauchte Kippe in den Aschenbecher. »Ich muss aufs Zimmer, gleich ist Visite, war nett, dich kennenzulernen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, geht sie den Gang entlang, dem schlurfenden Geräusch ihrer Schlappen einen halben Schritt voraus.
War nett, dich kennenzulernen, denkt sie, als sie in ihrem Bett liegt, was für eine dämliche Floskel.

»Ich will nach Hause«, sagt sie bei der Visite.
»Auf eigene Verantwortung, und das frühestens morgen.« Der Arzt nickt der Schwester zu, die eine Notiz auf ihr Klemmbrett schreibt.
Kurz nachdem Ärzte und Schwestern den Raum verlassen haben, gleitet Juli in einen dumpfen Halbschlaf, aus dem sie hochschreckt, als das Mittagessen gebracht wird. Der Geruch des Rotkohls verursacht ihr einen unangenehmen Druck im Magen.

»Schokopudding ist mein Lieblingsnachtisch«, sagt die Bettnachbarin. Ihr Blick heftet sich wie Sekundenkleber auf Julis Pudding. Die Augen sehen durch die Brille aus wie die eines Koi-Karpfens.
Juli hält ihr das Schüsselchen hin. »Hier, nehmen Sie den.«
Die Lippen der Frau verziehen sich zu einem runzeligen Lächeln. Sie greift nach dem Pudding und versenkt den Löffel in der Sahnehaube.
»Die Mahlzeiten sind das Einzige, was die Stunden hier voneinander abgrenzt«, sagt Juli.
Der Puddinglöffel hält einen Moment inne, bevor er im Mund der Patientin verschwindet.

Am Abend zwingt Juli sich dazu, eine Scheibe Brot zu essen, mit Käse, der sich zu vermehren scheint, je länger sie ihn kaut. Sie hasst das Gefühl, wie der fettige Klumpen sich durch ihre Kehle quält, spült mit Tee nach, zieht eine Strickjacke an, nimmt ihren Tabak, schlurft in Richtung Aufenthaltsraum. Die Ärmel ihrer Jacke reichen bis zu den Fingerspitzen. Mit den schmalen, hochgezogenen Schultern und den knochigen Knien sieht sie aus wie ein sehr junges Mädchen. Juli weiß in diesem Moment nicht mehr, wie es sich anfühlt, ein junges Mädchen zu sein.
Der Raum ist leer bis auf Elsa, die am Fenster sitzt, raucht und ihr entgegen lächelt. Juli setzt sich neben sie. Sie spürt ein warmes Flattern im Brustkorb. Wie eine Sternschnuppe. Verglüht, kaum, dass man sie entdeckt hat. Elsa hält ihr die Zigarettenschachtel hin. Die Zigarette fühlt sich glatt und neu an.
»Filterzigaretten haben so was Makelloses«, sagt Juli, »meine selbstgedrehten sehen von Anfang an krumm und benutzt aus.«
Elsa lacht. Ein warmes Lachen, bei dessen Klang Juli sich beinahe gelöst fühlt. Ihr Mund entspannt sich. Sie erwidert das Lachen mit einem Lächeln, das den verhuschten, traurigen Ausdruck aus ihrem Gesicht wischt.
»Ich wollte dir heute Morgen nicht zu nahe treten. Keine Ahnung wieso, aber fast alle Patientinnen haben von ihren Eierstöcken erzählt. Meine Frage war eine Art Verlegenheitsscherz, um ins Gespräch zu kommen.«

Juli sieht in das freundliche Gesicht, merkt verärgert, dass ihre Augen überfließen wollen, versucht, die Tränen mit den Händen zu stoppen.
»Oh Gott«, stammelt Elsa, »kann ich was für dich tun? Ich wusste ja nicht …«
Juli schüttelt den Kopf. Sie reibt mit dem Unterarm über die Augen, eine flüchtige Bewegung, trotzig, fast zornig, als ob sie mehr als nur Tränen wegwischen will, mehr als den Moment, vielleicht mehr als ein Leben.
»Du hast ja keine Ahnung«, sagt sie, »ich könnte dir die Geschichte erzählen, aber sie ist lang, und ich weiß selber nicht mehr genau, wo sie anfängt.«
Elsa gibt ihr ein Taschentuch. »Ich hab die ganze Nacht Zeit.«
Juli putzt die Nase, zerknüllt das Taschentuch in der Faust, senkt den Kopf. Mit den kurzen dunkelblonden Haarfransen ähnelt sie einer zerzausten jungen Amsel. Sie mustert Elsa mit einem abschätzenden Blick aus den Augenwinkeln. Ihre Augen sind graugrün, ein melancholisches Grau mit einem eigensinnigen Grün.
»Ach verdammt, was soll’s, wenn du es echt hören willst. Gibst du mir noch eine von deinen Kippen?«

Wer wäre besser geeignet zum Reden als eine Mitpatientin, eine wie Elsa, die sie danach nie wiedersehen würde?
»Kein Plan. Wo fängt es an? Bei Sven und Eric? Nach der Sache mit Harry? Oder mit meinen Eltern? Ja, warum nicht mit meinen Eltern? Ich fange bei ihnen an. Hör zu, wenn du unbedingt willst.«
Sie zündet die Zigarette an, zieht den Rauch tief in die Lungen, genießt einen Moment den herben Geschmack des Tabaks auf der Zunge und taucht nach innen. In den Raum, in dem ihre Geschichte sich verbirgt.

 

1

»There must be some kind of way out of here
Said the joker to the thief.«
(Bob Dylan)

 

 

Mein Vater war nicht der Held, für den ich ihn hielt. Ich war ungefähr sieben, als ich das kapierte. Mitten in der Nacht weckte mich ein Poltern aus dem Treppenhaus, ich huschte zur Zimmertür, öffnete sie einen Spalt und blinzelte hindurch.
Der Geruch von Zigarettenrauch, Bier und Frikadellen mit Senf stahl sich in den Flur und kroch mir in die Nase, als Vater zur Wohnungstür hereinkam.
»Is was später geworden«, sagte er zu meiner Mutter, die in ihrem verwaschenen gelben Morgenmantel in der Schlafzimmertür stand. Vater tastete sich mit schlurfenden Schritten ins Wohnzimmer. Ich hörte die Sprungfedern des Sofas knarren, als er sich hinsetzte und konnte fast vor mir sehen, wie er da saß, nach vorn gebeugt, mit hängendem Kopf, die Arme schlaff auf den Schenkeln. Ich hatte ihn tausendmal so sitzen sehen, wenn er nach Bier roch.
Mutter ging in die Küche. Ich wusste, dass sie Brote schmierte. In der Stille vermischte sich das Schaben des Brotmessers mit dem Geräusch des Wasserkessels und schwoll an zu einem trostlosen Rhythmus. Sie kochte ihm immer Kaffee, wenn er betrunken war. Als ob eine gute Tasse Kaffee auch das Leben gut machen könnte.
Ich beobachtete, wie sie das Tablett durch den Flur trug. Den Rücken hielt sie stocksteif, als wäre sie in ein Korsett eingeschnürt.
Ich schlich in die Diele, linste durch die angelehnte Wohnzimmertür, rieb mir den Schlaf aus den Augen.
Vaters Anblick ließ sich nicht wegwischen.
Er aß mit unsicherer Hand, den Blick auf den Teller geheftet. Mutter stand vor ihm, sah ihn an, stumm, die Arme verschränkt, die Lippen zusammengepresst, bis es aus ihr herausplatzte.
»Du bist besoffen.«
Sein Gesicht erstarrte. Rot und schief sah es aus. Die Hand stockte mitten im Griff nach der nächsten Wurststulle.
»Dummer Bauerntrampel.«
Er schleuderte den Teller mit den Broten, von denen eines gegen die Wand klatschte. Im Zeitlupentempo rutschte es die Tapete hinunter und zog einen fettigen Leberwurststreifen hinter sich her.
Unter meinen nackten Füßen spürte ich die Kälte des PVC-Bodens. Ich kaute auf der Unterlippe, starrte die Tür an, hörte meine Eltern brüllen, eine millionenfach abgespulte Litanei von Beleidigungen, Vorwürfen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Ich dachte, die würden nie wieder aufhören. Mein Hals fühlte sich eng an, so, als ob mir ganz langsam die Luft ausginge, immer ein bisschen weniger, bis keine mehr da wäre.

Frierend tappte ich zurück ins Kinderzimmer, wo ich im Bett lag, die kalten Füße aneinander reibend, die Decke über den Kopf gezogen, auf Stille wartend. Ich weinte nicht. Nicht wie damals, als ich ein Kleinkind war und ohne Licht nicht einschlafen wollte. Vater hatte mich geschlagen und das Licht gelöscht. Damals, ja, da lag ich heulend im dunklen Zimmer und starrte in die Schatten. Jetzt war ich schon groß. Ein Leberwurstbrot auf einer Tapete. Warum sollte ich darüber weinen?
Ich spürte, dass unser Familienleben nicht in Ordnung war. Das Gefühl klebte sich an meine Fersen, verfolgte mich durch die Kindheit, ein unverwechselbarer Geruch, der an mir haften blieb, wie sehr ich auch versuchte, ihn abzustreifen. Ich wollte eine Familie, wo man beim Essen ab und zu ein Glas Wein trank. Einfach nur so ein verdammtes, gepflegtes Glas Wein. Ich wollte einen nüchternen Vater. War das zu viel verlangt?Nüchtern war er mein König.
Wenn er getrunken hatte, sah er aus, als schrumpfte er zusammen, saß mit stierem Blick vor dem Fernseher und ließ die Fingernägel gegeneinander klacken.
Klack. Klack. Klack.
Ein erbärmliches Geräusch.

Früher haben Mutter und ich ihn manchmal von der Arbeit abgeholt. Der Weg führte über eine Brücke. Meine Beine waren kurz, die Brücke lang.
Schwindelerregend.
Am anderen Ende sah ich ihn oft schon auftauchen, eine vertraute Gestalt im grauen Mantel. Und ich rannte los. So schnell ich konnte. Über die Brücke, die mich ganz bestimmt  in den Abgrund zerren wollte. Stürzte mich in die Arme meines Vaters.
Wie man sich sicher fühlen kann, obwohl man geschlagen wird?
Schwer zu sagen. Ich hatte mal ein Meerschweinchen. Als es starb, bettete er es in eine Zigarrenkiste, bastelte ein Holzkreuz mit einer Münze im Schnittpunkt der Hölzer und wir begruben es auf unserem Hof.
So ein Vater war er.

Ich wusste, dass er vierundvierzig in den Krieg gezogen war, zur Marine wie sein großer Bruder, von dem nichts übrig war als ein Foto, das auf Omas Anrichte stand. Das, und ein zerknitterter Brief vom Reichskriegsministerium, er sei als Held gestorben. Oma bewahrte das Schreiben sorgfältig in ihrer Bibel auf.
Vater war mit neunzehn nach Sibirien verfrachtet worden. Jedes Jahr zu Weihnachten stieg die Erinnerung in ihm auf, eine unverdauliche Mahlzeit und unverzichtbarer Teil seines Weihnachtsfestes. Es begann am Heiligen Abend in der Kneipe mit dem Morgenbesäufnis unter Männern, das sie Frühschoppen nennen. Zuhause warteten wir ungeduldig und voll Hoffnung, er würde rechtzeitig kommen, um den Baum zu schmücken. Das war sein uneingeschränktes Vorrecht. Ganz gleich, wie viel er getrunken hatte, er hängte penibel, ohne das winzigste Zittern seiner Hand, einen Lamettafaden neben den anderen an die duftenden Zweige.
Wie silberne Vorhänge hingen sie dort aufgereiht.
Für Mutter musste alles Silber sein, die Kugeln, die Christbaumspitze, die Weihnachtsengel und die Vögel mit dem Pinselschwanz, die man an die Äste klemmen konnte. Ich vergötterte die Vögelchen. Sahen sie nicht aus wie verwunschene Geschöpfe, die eines Tages davonflögen? Manchmal träumte ich von ihnen und in meinen Träumen flogen sie.

Es gehörte zum Heilig-Abend-Ritual, dass Vater nach der Bescherung die Weihnachtsgeschichte erzählte. Die Geburt des Christkindes war der kürzere Teil. Danach legte er die Bibel zur Seite und wandte sich dem längeren Teil zu, der Geschichte seiner zweiten Geburt, acht Jahre nach Kriegsende, als er vor der Tür der Mutter gestanden hatte. Die Augen wurden ihm nass, wenn er davon sprach, und manchmal holte er danach die Mundharmonika aus dem Schrank und spielte das Wolgalied.
In dem Haus, in das der Krieg seine Familie verschlagen hatte, einer zum Wohnhaus umfunktionierten Synagoge, wohnte damals auch meine Mutter. Sie hatte sich in den mageren Kriegsheimkehrer verliebt.
»Ach, er war so ein Charmeur« erzählte sie gerne.
Ich glaubte ihr.

Kurz nach meiner Einschulung rief Vater mich ins Wohnzimmer. Es muss ein Sonntag gewesen sein. Ich erinnere mich an den typischen Sonntagsgeruch nach Braten und Gurkensalat, der aus der Küche kam. Vaters Stimme klang wie am Heiligen Abend, feierlich und irgendwie zusammengepresst.
»Komm her, ich will dir etwas zeigen, Juliana.« Er stand am Wohnzimmerschrank. In der Hand hielt er ein Buch. Einen Fotobildband, auf dessen Umschlag ein gelber Stern leuchtete. Seite für Seite blätterte er vor mir um. Unverwandt sah ich auf die Bilder. Ich konnte nicht begreifen, dass die lumpigen Berge, die aussahen wie ein Haufen Altkleider, Menschen sein sollten, ermordete Menschen. Konnte das überhaupt jemand begreifen? Tote Menschen aufgeschichtet wie Lumpen? Ich starrte meinen Vater an.
»Das darf nie wieder passieren, Juli. Merk dir das, niemals wieder.« Es klang knautschig und fremd, als wäre die Zunge zu dick für seinen Mund. Seine Augen blickten mich eindringlich an, wässrig blaue Glasmurmeln mitten im Weiß der Augäpfel.
Ich nickte stumm. Meine Arme und Beine fühlten sich an wie aus Holz, ganz dünn und zerbrechlich wie die Körper der Leute in dem Buch. Sie sahen mich an aus blicklosen Augen, in denen keine Hoffnung lebte. Tu etwas, schienen sie zu rufen. Wie könnte denn ausgerechnet ich jemals den Tod von Menschen verhindern?
Am Abend lag ich im Bett und fürchtete mich, die Augen zu schließen, weil dann die Bilder zurückkamen. Ich hörte Vaters Stimme in meinem Kopf: »Niemals wieder.«
In der nächsten Zeit nahm ich manchmal heimlich das Buch aus dem Schrank. In meinem Bauch kribbelte es, wenn ich es öffnete und mit eiligen Fingern durch die Seiten blätterte. Ich hoffte, das Schreckliche verschwände irgendwann. Doch es blieb unverändert anwesend, auf ewig eingeschlossen in schwarz-weißen Fotos zwischen zwei Buchdeckeln. Wenn ich Mutter danach fragte, versicherte sie, dass man in der Kleinstadt nichts mitbekommen hatte.
Ein einziges Mal unternahm sie einen Ausbruch aus der Ehe. Sie zog mit mir zu ihrer Mutter, die immer noch in der Synagoge wohnte.
Das Gebäude war aufregend anders als jedes andere Haus, das ich kannte. Eine Freitreppe führte hinauf zu der Haustür aus massivem Holz. Schnitzereien hoben sich davon ab, Symbole und Schriftzeichen, die mir fremd und geheimnisvoll vorkamen. Im Inneren wartete die kuppelförmige Eingangshalle. Wenn ich sie betrat, wischte tiefe Stille alles andere zur Seite. Mit angehaltenem Atem sank ich in die Umarmung einer Atmosphäre aus Dämmerlicht, Bedeutsamkeit und der schweigenden Anwesenheit vergangener Leben. So gegenwärtig schien dieser Raum und gleichzeitig wie der unerforschte Teil einer versunkenen Welt.
Am Ende der Halle führte rechts eine Holztreppe hinauf, von der auf jeder Etage Gänge mit vielen Türen abzweigten.
Meine Großmutter wohnte unter dem Dach. Über ihrer Wohnungstür hing ein ausgestopfter Bussard, der sich an einen verstaubten Ast klammerte. Ich hatte nie zuvor etwas gesehen, das so vital wirkte, ohne sich jemals zu rühren. Selbst wenn ich ihn wachsam beobachtete, zeigte er kein Anzeichen einer Bewegung und blickte aus starren Augen ins Leere wie in eine vergessene Zeit.
Aus Omas Küchenfenster stürzte der Blick hinunter auf einen weiträumigen Innenhof. Waschküche, Hühnerstall und ein Schuppen schmiegten sich an eine verwitterte Steinmauer. Dort trafen sich die Kinder zum Spielen. Die großen Mädchen warfen in faszinierendem Tempo drei Bälle gegen die Wand und fingen sie in einem anmutigen Tanz der Hände wieder auf. Ich versuchte, es ihnen nachzumachen, aber immer entglitt mir einer der Bälle und fiel zu Boden.
»Juli, Juli, die schafft es nie«, sang Heike, die Älteste. Die anderen sangen mit.
Ich hasste sie. Alle.

Bei der Oma gefiel es mir jedoch, trotz der herrischen Lehrer in der katholischen Schule und trotz des sonntäglichen Kirchgangs, für den ich früh um fünf aufstehen und fast noch im Halbschlaf die Sonntagskleider anziehen musste. Die Erwachsenen gingen ohne Frühstück in die Messe. Ich bekam Honigmilch, auf der sich eine zarte Haut bildete.
In der Kirche schwebte ein Übelkeit erregender Geruch nach Weihrauch, alten Mauern und feuchten Mänteln.
»Oh Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, und so wird meine Seele gesund«, wiederholte die versammelte Kirchengemeinde jeden Sonntag. Wieder und wieder.
Was war das überhaupt, eine Seele? Wo im Körper war sie zu finden? Und was für eine Krankheit hatte die Seele der Leute? Als ich Mutter und Oma fragte, lachten sie.
»Ach Juli, du Schäfchen«, sagte Oma. »Keiner ist krank, das ist nur ein Gebet, das man aufsagt.«
Ich fand die Erwachsenen komisch. So oft wussten sie keine vernünftige Antwort.
Sie konnten mir auch nicht erklären, warum wir bei der Oma wohnten.
»Es ist eine eben schwierige Zeit«, sagte Mutter nur.
Manchmal lauschte ich den Gesprächen der Erwachsenen, die meine Anwesenheit vergaßen, wenn ich mich schweigend mit meiner Puppe beschäftigte. So erfuhr ich, dass Vater seine Arbeit verloren hatte und wir nicht in unsere Wohnung zurückkonnten, weil die ebenfalls weg war.
Wie konnten ein Zuhause und eine Arbeit einfach so verschwinden? Das verstand ich nicht. Wochen später hörte ich Mutter und Oma darüber reden, dass Vater endlich Arbeit hatte und auch bald eine neue Wohnung finden würde. Warum suchte er eine andere? Warum suchte er nicht nach der alten, verloren gegangenen?
Ich traute mich nicht, danach zu fragen. »Wo wohnt der Papa denn jetzt«, fragte ich stattdessen.
Mutter presste die Lippen zusammen und ging aus dem Zimmer.
Oma nahm mich in den Arm. »Er wohnt jetzt bei seiner Mama.«
»Bei Oma Dutti?«
»Ja.«
»Aber ich wünsch mir, dass er unsere Wohnung findet.«
Oma lachte. »Die findet er ganz bestimmt.« Sie strich mir über den Kopf. Ihre Hände rochen nach Minze und nach etwas anderem, etwas, das ich nicht benennen konnte. Es gehörte zu ihr wie die vielen feinen Falten in ihrem Gesicht und die Butter, die sie mir dick aufs Brot strich. Für Vater mag es ein Glück gewesen sein, dass er bei Oma Dutti untergekommen war, aber mir fehlten seine Geschichten und Lieder.
Ein betrunkener Vater war wie ein gebrochenes Bein. Gar keinen Vater zu haben, fühlte sich an wie ein amputiertes Bein, irreparabel, dauerhaft von Krücken abhängig, halb.

Ein paar Monate später saßen wir endlich wieder vereint beim Frühstück. Unsere neue Wohnung lag in einer dieser typischen Ruhrgebietsstädte, die von Stahl und Kohle lebten. Mir gefiel es da. Wo vor dem Krieg die hochmütigen Häuser der Jahrhundertwende ihre Schornsteine in den Himmel gereckt hatten, deckte die Natur einen grünen Belag über die Brachen. Dort gruben die großen Jungen Löcher, die ausladenden Gräbern ähnelten. Sie legten stockfleckige Matratzen, abgenutzte Teppiche und Kissen hinein und deckten die Gruben mit Brettern ab.
Meine Freundinnen und ich standen daneben und sahen aus aufgerissenen Augen zu, wie die Budenbauer mit Zigaretten und Streichhölzern im Untergrund verschwanden. Sie waren Helden.
»Dürfen wir mit runter?«, wagte ich einmal, zu fragen.
Der Anführer hakte die Daumen in die Hosentaschen, sah uns an, die Brauen finster zusammengezogen und nickte knapp. »Na gut, ausnahmsweise.«
Wir folgten ihm in die Tiefe. Es roch nach Erde und Zigarettenrauch. Stumm saßen wir an kühle Lehmwände gelehnt, die feuchten Hände ineinander verschlungen, ehrfürchtig und voll Verlangen, groß und stark zu sein.
Wenn ich meine Eltern ansah, kam mir das Erwachsensein allerdings weniger erstrebenswert vor. Ihr Kettenkarussell des Streitens und Versöhnens drehte sich wie ein verdammtes Perpetuum Mobile. Vater trank und gab zu viel Geld für Alkohol aus, Geld, das Mutter fehlte, um Lebensmittel einzukaufen. An manchen Tagen briet er dann zum Abendessen altbackenes Brot. Die Brotscheiben saugten sich voll mit dem heißen Öl, wurden goldbraun und dufteten warm und würzig. Gänsebrot nannte er das und sprach nicht darüber, dass es im Küchenschrank weder frisches Brot, noch Margarine, noch einen Brotaufstrich gab. Stattdessen erzählte er eine Geschichte aus seinem Vorrat. Geschichten kosteten kein Geld. Ich kaute und lauschte mit heißen Wangen und fettigen Fingern. Für mich war Gänsebrot ein Festmahl. Für die Eltern war es die letzte Maßnahme, bevor Vater am nächsten Morgen in aller Frühe aufstand und vor der Arbeit die fünf Kilometer zum Haus seiner Mutter lief. Manchmal wachte ich auf und sah aus dem Fenster hinter ihm her. Er ging mit gebeugtem Nacken, die Hände in den Jackentaschen. Oma Dutti gab ihm Geld.
»Ich will nicht, dass das Kind hungern muss«, sagte sie, wenn Mutter und ich sie besuchten. »Das geht doch nicht. Ach herrje, er war hier. Ich habe ihn angefleht, in Gottes Namen mit dem Trinken aufzuhören. Er sagt, er werde sich Mühe geben, aber ich sehe doch, wie er Kopf und Arme hängen lässt. Ich bete für euch. Immerzu.«
Ich ahnte, das Karussell würde nicht anhalten. Es gab nur die Möglichkeit auszusteigen.
Abspringen. Aber wie?
Irgendwann fand ich heraus, dass es winzige Notbuchten gab.

Es war in den Sommerferien, als ich die Stadtbibliothek entdeckte. Sie wurde meine Zuflucht, mein geheimer Wallfahrtsort. Ich pilgerte jede Woche dorthin, kam mit einer prall gefüllten Tasche zurück und saß stundenlang zusammengekauert in einem Sessel in meinem Zimmer. Neben mir einen Bücherstapel, flüchtete ich in die vielen Geschichten, die zwischen Buchdeckeln darauf warteten, von mir entdeckt zu werden. Ich las alles, was mir in die Finger kam, tauchte mit klopfendem Herzen in die Welt meiner neuen Helden ein, kletterte mit Lucy durch den Wandschrank nach Narnia, weinte um Arslan, den Löwen, oder erlebte Abenteuer mit fünf Freunden und ihrem Hund Tim. Manchmal dauerte es mehrere Tage, bis ich wieder auftauchte aus den Geschichten und nach draußen ging. Da saß ich eines Nachmittags hinter dem Haus auf der Treppe, die in die Waschküche führte und sortierte meine Glasmurmeln.
»Komm mal mit runter, Ju«, flüsterte es neben mir. Der Nachbarssohn, ein Jahr älter als ich, setzte sich zu mir.
»Was ist denn los«, flüsterte ich zurück, »und warum flüsterst du?«
»Weiß nich. Komm einfach.«
Neugierig geworden, ging ich mit ihm in die Waschküche. Er schloss die Tür, stellte sich mit verschränkten Armen davor. »Du musst erst ne Frage beantworten. Vorher kommst du hier nich raus.«
Ich lachte. In meinem Bauch krabbelte es wie in einem Ameisenhaufen. »Du spinnst doch.«
»Nee, is mein Ernst. Echt. Hab’s dem Berti versprochen.«
Berti war der coolste von den Jungen, trug rosafarbene Hemden, Jeans mit ausgefranstem Saum und eine Frisur wie Paul McCartney, kinnlang. Unnachahmlich die Kopfbewegung, mit der er die blonden Ponyfransen aus der Stirn schüttelte. Ich mochte ihn und hänselte ihn gerne, weil ich schneller rennen und höher klettern konnte als er.
»Was hast du dem Berti versprochen?«
»Na, dass ich dich dazu krieg, die Frage zu beantworten.«
»Mann, dann frag doch endlich. Überhaupt, warum fragt er nicht selber?«
»Hat sich nich getraut. Er will wissen, ob du mit ihm gehst.«
Ich hielt die Luft an. Es prickelte im Kopf, als ich ausatmete.
Der Nachbarssohn sah mich an wie ein Schlangenbeschwörer, der seine Flöte verloren hat.
»Und? Sag schon. Was is jetzt?«
»Sag ich doch dir nicht.«
»Hmm.« Er zog eine leicht verbogene Zigarette aus der Tasche, zündete sie an. Die konnte man einzeln am Kiosk kaufen. Zehn Pfennig das Stück. Er hielt mir die Kippe hin. Ich paffte.
»Und jetzt?«, fragte ich.
»Weiß nich«, sagte er, »du könntest es auf einen Zettel schreiben.«
Ich dachte an Berti und seine Haare, die längsten, die ich bei einem Jungen je gesehen hatte.
»Okay, ich schreib’s auf, aber dann musst du mich jetzt rauslassen.«
»Und wie kriegt er dann den Zettel?«
»Ich leg ihn unter den dicken Stein auf unserem Hof. Hinten am Baum, wo das Meerschweinchen begraben ist. In einer Stunde.«
»Alles klar.« Er zog ein letztes Mal an der Zigarette, warf die Kippe auf den Boden und öffnete die Tür. Als ich hinausging, sah er mich an wie einer von diesen Mafia-Typen in Filmen, die meine Eltern sich im Fernseher ansahen. Ich fühlte mich elektrisch geladen. Rannte nach oben in mein Zimmer. Schrieb ja auf ein Blatt aus meinem Deutsch-Heft. Raste zum Meerschweinchenbaum. Deponierte die Botschaft unter dem Stein, lief zurück und setzte mich ans Fenster, den Stein anstarrend, als könnte sich der Zettel darunter in Luft auflösen, wenn ich einen Moment nicht hinsah. Mein Herz klopfte wie verrückt. Ich konnte es bis in den Kopf spüren.
Endlich kam Berti, blickte sich nach allen Seiten um, griff nach dem Stein, fand die Nachricht, las. Dann äugte er hinauf zum Fenster, wo ich mich hinter der Gardine versteckte und seinen verstohlenen Blick registrierte, obwohl er so tat, als würde er eher zufällig in meine Richtung sehen. Ohne es zu wollen, verzog ich den Mund zu einem breiten Lächeln.
Ich war verknallt. Das Leben leuchtete in Pastelltönen.

Wir gingen ein paar Mal ins Kino, am Sonntagmorgen in die Jugendvorstellungen, saßen Hand in Hand im Halbdunkel. Wenn Winnetou über die Prärie galoppierte, rückten wir dicht zusammen, ließen uns nicht los, obwohl unsere Hände feucht wurden. Ich war Nscho-tschi neben Old Shatterhand. Als Berti versuchte, mich auf den Mund, oder besser gesagt, in den Mund zu küssen, rannte ich weg. Den Rest des Tages spürte ich noch das schlabberige Gefühl seiner Zunge, die sich zwischen meine Lippen gedrängt hatte.
Einen Tag danach sah ich ihn mit einer anderen, einer, die offensichtlich nichts gegen nasse Küsse einzuwenden hatte.
Mehr wütend als unglücklich, verkroch ich mich tagelang in meinem Zimmer. Verliebte Jungen durften mir vorerst gestohlen bleiben. Es reichte, mit ihnen um die Wette zu rennen und zu klettern. Ich ging lieber weiter in die Stadtbücherei und las, als hinge mein Leben davon ab. Irgendwie war es ja auch fast so. Ich meine, ich wäre zwar ohne Bücher nicht krepiert, aber ich hätte die Sauferei meines Vaters nicht mehr ignorieren können, wenn ich mich nicht durch tausende von Buchseiten gefressen hätte. Es dauerte einige Zeit, bis ich verstand, dass die Flucht in Bücher eine Täuschung war, ein fadenscheiniger Mantel gegen die Kälte, die Vaters Sucht ausstrahlte. Ich war vierzehn und zog in den Krieg gegen Johnny Walker und Mariacron. Ich diskutierte, weinte, appellierte. Vater trank, versprach Besserung, trank weiter. Eines Abends schloss ich mich in meinem Zimmer ein und hängte an die Tür einen Zettel. Darauf stand:
Hör auf zu trinken, ich halte das nicht mehr aus!

Vater rüttelte an der Tür. Ich saß auf meinem Bett, die Finger in die Matratze gekrallt, Tränen aus Wut und Verzweiflung liefen mir übers Gesicht. »Ich hab Tabletten!«, schrie ich. »Versprich, dass du aufhörst, sonst schlucke ich die. Alle.«
Er schluchzte. »Du bist doch meine Große, ich will nicht, dass dir was passiert. Ich hör auf, ehrlich, ich hör auf.« Seine Stimme wackelte ein bisschen, aber sie klang auch irgendwie ehrlich, wie damals, als er mir noch Geschichten zum Einschlafen erzählt hatte. Er meinte es ernst. Oh Gott, ganz sicher meinte er es ernst. Würde er sonst weinen? Ich öffnete die Tür und betrat zögernd den Flur, mit geballten Fäusten, um meinen Fingern das Zittern zu verwehren.
Mit verheulten Gesichtern standen wir uns gegenüber. Am anderen Ende, im Schatten der Küchentür, sah ich meine Mutter stehen. Sie wischte sich die Augen mit der Küchenschürze.
Vater hielt ein paar Wochen durch, dann hörte ich wieder das nächtliche Poltern im Treppenhaus.
Deutschland hatte sich von einem Trümmerhaufen in ein Wirtschaftswunderland verwandelt. Der Krieg war lange vorbei, und mein Vater war aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause gekommen. Er hatte Sibirien mitgebracht, den ganzen weiten Weg. Wie eine eiserne Besatzungsmacht in seinem Herzen.
Ich wollte weg. Egal wohin. Bis es so weit war, zählte ich auf die Macht der Bücher. Sie würden mir beim Überleben helfen.

 

 

 

2

»Is it hard to make arrangements with yourself,
When your old enough to repay but young enough to sell?«
(Neil Young)

 

Harry war die erste Gelegenheit, dem nächtlichen Poltern im Treppenhaus zu entkommen. Ich war siebzehn, steckte fast schon im Abitur, er war Maurer, ein paar Jahre älter als ich. Eigentlich hatte ich mich ja in seinen Bruder verliebt. Wie Lancelot sah der aus, trug die braunen Haare lang, und seine blauen Augen leuchteten, wenn wir uns unterhielten oder einfach nur herumalberten. Manchmal sah er mich auf so eine Art an, die mich den Kopf senken ließ, um mein Gesicht hinter den Haaren zu verstecken, weil es heiß und rot wurde.
Irgendwann, viel später, erzählte er mir, er wäre in mich genauso verknallt gewesen und hatte nicht den Mut gehabt, es mir zu sagen.
Harry war anders als sein Bruder, war unverblümt auf mich zugekommen, hatte mich in die Disco oder ins Kino eingeladen, zog mich eines Abends schwungvoll in den Arm, küsste mich, und wir waren ein Paar. Einfach so. Er überrollte mich wie ein verdammter Panzer. Ein Grund, ihm eine Ohrfeige zu verpassen. Oder? Warum ich das nicht tat? Keine Ahnung. Ich dachte wohl, zwischen Männern und Frauen müsse das so sein. Dass er ein Hobbyfotograf war mit einer Spiegelreflexkamera und eigener Dunkelkammer, beeindruckte mich. Er und seine Freunde begeisterten sich für Dinge, von denen ich keine Ahnung hatte. Sie kamen mir vor wie eine fremde Spezies, interessant, anders und total erwachsen. Sympathisch war mir keiner von denen. Die gehörten zu den Männern, die nach Thailand fahren, um Muschis von einheimischen Frauen zu fotografieren. Frauen, die immer ein bisschen aussahen wie Schulmädchen.
Die Sache mit Harry hätte während der ersten Wochen zu Ende sein müssen. Vielleicht an dem Sonntag, als wir im Jugendclub miteinander verabredet waren. Ich glaube, ich hatte fast eine Stunde gebraucht, um meine Nägel zu feilen und zu lackieren. Wie Blutstropfen hoben sie sich von meinen Fingern ab. Stolz stand ich vor Harry, fühlte mich kühn und überwältigend erwachsen. Verdammt sexy, fand ich. Sein Blick fiel auf meine Hände. Er zog die Augenbrauen in die Höhe. Seine Stimme senkte sich, als er fast ohne Betonung sagte, »Du siehst aus wie ne Nutte. Geh nach Hause und mach den Nagellack ab, sonst wird das heute nichts mit uns.«
Ich nickte, zu schockiert, um zu antworten, und ging. Was störten ihn meine Nägel? Ich forderte doch auch nicht von ihm, dass er sich seinen geliebten Bart abrasierte. Er war ein Mistkerl. Ich hätte antworten sollen, dass es ohnehin nichts mehr mit uns würde, weder an diesem, noch an einem anderen Tag. Ich hätte ihm verdammtnochmal in sein herrisches Gesicht spucken sollen. Stattdessen schlich ich nach Hause, den Kopf gesenkt, die verheulten Augen hinter den Haaren verborgen, die Fäuste in den Taschen meiner Jeans und tat, was er von mir erwartete. Ich hätte ihn dafür hassen sollen. Stattdessen hasste ich mich selber für meine verdammte Feigheit.
Er sagte immer, er würde mich lieben. Aber konnte ich ihm glauben? Und was empfand ich für ihn? Liebe? Was war denn dann das verwirrende Gefühl, das sein Bruder in mir auslöste? Der hat so schöne Augen und ist so süß, sagte eine leise Stimme in mir. Sei nicht blöd, rief eine andere, Harry liebt dich und du liebst ihn. Tat ich das? Ich hatte keinen Schimmer von irgendwas. Meine Vorbilder stammten aus Filmen, aus Bravo-Fotoromanen oder aus Rock- und Popsongs, in denen alles in dem Satz gipfelte:
Stand by your man
Und ich blieb.

Kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag zogen wir zusammen. In eine Dreizimmerwohnung, die ich in vielen Farben gestaltete. Ich pinselte und dekorierte, als könnte man sich ein schönes Leben aufmalen.
»Meine kleine Künstlerin«, sagte Harry und lächelte sein knochiges Lächeln. Eifrig folgte ich dem Beispiel meiner Mutter, stand um sechs Uhr morgens auf, kochte Kaffee und schmierte Wurstbrote. Wenn er von der Arbeit kam, stand das Essen auf dem Tisch.
Anfangs hatten wir oft Sex, wann immer er es wollte. Das erste Mal spürte ich beinahe nichts dabei, aber ich fand es schön, danach Arm in Arm im Bett zu liegen und mich sicher zu fühlen. Auch später empfand ich kaum mehr, hatte meistens keine Lust, tat es aber trotzdem. Es kam mir einfach richtig vor. Ich glaube, Harry gab sich wirklich Mühe. Vielleicht war es gerade das Bemühte, dieses peinlich Ungeschickte, wodurch das kleine Flämmchen meiner Lust schon im Ansatz erstickte. Es endete meist damit, dass ich einen Orgasmus vortäuschte. Natürlich war es auch aufregend und neu. Klar prickelte es auch manchmal. Es gab mir das Gefühl, erwachsen zu sein. Es war Sex, und der gehörte schließlich dazu.
Hatte Mutter mir nicht beigebracht, dass eine gute Frau zur Verfügung steht, sobald der Mann sie braucht? Aber, verdammtnochmal, genau daraus hatte ich entkommen wollen, aus dem Leben meiner Eltern. Ich hatte es hinter mir gelassen. Wieso fühlte sich das mit Harry jetzt oft so falsch an? Vielleicht, weil es keine Liebe ist, flüsterte es in mir. Nur ein Spiel, das ich Liebe nannte? Quatsch. Es musste Liebe sein. Tatsächlich war es ein Spiel mit einem hohen Einsatz, aber davon wusste ich noch nichts. Ein Balancieren auf dem Drahtseil. Bloß nicht nach unten sehen, den Blick stur in die Weite richten, dahin, wo die Realität am Horizont verschwimmt. Harry hatte braune Augen. Wer so braune Augen hatte, musste der Richtige sein. Ab und zu gefiel es mir, mich vor ihm betont langsam auszuziehen, mein langes Kleid vom Halsausschnitt bis zum Saum mit zögernden Bewegungen Knopf um Knopf zu öffnen und fallen zu lassen. Es war ein Tanz, der mich den unwiderstehlichen Rausch einer Macht spüren ließ, die seit Jahrtausenden die Illusion der Frauen ist, einer Macht aus Glas, die an der Muskelkraft von Männern in Millionen Splitter zerschellen kann. Irgendwann nahm ich meine mangelnde Lust als gegeben hin, akzeptierte stillschweigend, dass mit mir etwas nicht zu stimmen schien, und lernte ein Nein zu wagen, wenn Harry vögeln wollte.
Nein, ich habe Kopfschmerzen.
Nein, ich bin müde.
Nein, ich hab meine Tage oder einfach nur nein.
Er besorgte es sich selbst, eine Hand an seinem Schwanz, die andere auf meiner Brust. Minuten, die sich wie Gummi dehnten, bis er endlich mit einem Knurren zur Seite rollte und einschlief. Er hatte eine Art inneren Fickkalender.
»Du hast schon lange nicht mehr mit mir geschlafen, Juliana«, beklagte er sich ständig.
Mir kam es jedoch vor, als wären seit dem letzten Sex erst wenige Stunden vergangen. Mit der Zeit begriff ich, dass Ja-Sagen den Akt verkürzte, lag bewegungslos mit geschlossenen Augen unter ihm, flog davon, kehrte zurück, sobald sein Körper schwer und schlaff auf mir zusammensackte und drehte mich zum Schlafen zur Seite.
»War es für dich auch schön?«, fragte er.
Ich nickte erschöpft und unfähig zu begreifen, wie ihm so etwas gefallen konnte. Wie kann jemand Spaß dabei haben, einen verlassenen Körper zu befummeln? Ob er nie gemerkt hat, dass ich nicht da war, dass das nicht ich war, sondern nur irgendeine stumme Materie? Vielleicht wollte er genau das, eine Kernspaltung, um mich vollständig zu vereinnahmen. Wie verwirrend das alles war. Ich verstand mich selber nicht. In Romanen klang Sex so romantisch, so erfüllend. Etwas fehlte mir, und ich wusste nicht was. Mit einer Freundin wollte ich lieber nicht darüber sprechen. Alle hielten uns für ein Traumpaar.

Nach dem Abitur endete meine verdammte innere Reglosigkeit. Ich hatte mich an der Uni eingeschrieben, tauchte ein in eine unerforschte, prickelnde Welt. Gespräche mit anderen Studenten, nächtelanges Abhängen in verräucherten Zimmern und Wohngemeinschaften, wo wir lachten, rauchten, Platten auflegten oder selbst Musik machten und sangen. Wir philosophierten über Sartre und den Sinn des Lebens im Allgemeinen oder diskutieren über Dutschke und die Radikalisierung der Roten-Armee-Fraktion im Besonderen. Es war berauschend. All das brauste durch mich durch, fegte den Staub aus längst vergessenen oder nie entdeckten Innenräumen, öffnete mir die Augen und verdichtete sich zu der Gewissheit, dass mein Leben mit Harry eine verdammte Einöde war. Meine Güte, das Einzige, was er las, waren Western und die Auto-Motor-Sport!
»Du wirst als Nutte durchgefickt in der Gosse landen«, brüllte er mir nach, als ich mich von ihm trennte. Ich heulte, aber ich rannte weiter die Treppe hinunter. Die dunkelrot lackierten Holzstufen knarrten unter meinen Schritten. Im Rücken spürte ich Harrys Blicke. Ich drehte mich nicht um. Sein Ausruf zischte hinter mir her.
Gosse. Gosse. Gosse.
Die Worte blieben im Treppenhaus zurück, als die Tür hinter mir ins Schloss fiel. Sein letzter Satz passte zu ihm, zu seiner Gemeinheit, zu seinen Kumpels und zu den Partys, zu denen er mich mitgenommen hatte, wo nach einer Stunde alle nackt gewesen waren, und jeder mit jedem ins Bett stieg. Peinlich verkrampfte Versuche kühn zu sein und etwas zu praktizieren, das sie freien Sex nannten, das aber in meinen Augen nichts weiter war als gemeinsames Fremdvögeln. Er wollte mir Angst machen, damit ich klein bliebe, aber ich war entschlossen, endlich zu wachsen.

Nach der Trennung nahm ich nur die Möbel mit, die noch aus meinem alten Jugendzimmer stammten. Den Rest überließ ich ihm, zusammen mit Hunderten von Fotos, die er von mir gemacht hatte. Fotos. Immer wieder. Er war keiner, der gemeinsam nach vorn sehen konnte. Er hatte auf mich gesehen und mich eingesaugt.
Eine Zeit lang wohnte ich bei einer Freundin, hörte tagelang Bob Dylan, immer wieder Dont Think Twice, und sang laut und trotzig mit.
Ein einziges bedauerliches Mal besuchte ich Harry in der alten Wohnung. Und zum ersten Mal begriff ich wirklich, wer er war. Er war keiner, der eine Frau, die ihn verlassen will, unangetastet gehen lässt. Er musste seine Markierung hinterlassen, eine, die länger haftet als die Spuren am Körper, ein Tattoo auf der Seele.
Danach stand ich stundenlang unter der Dusche. Tränen, Rotz, Wut und literweise Duschgel verschwanden mit dem Wasser im Abfluss. Ich fühlte mich so schmutzig, dass ich am liebsten mit in die Kanalisation gespült worden wäre. Tief unter der Stadt, wo mich niemand sehen könnte und ich niemandem begegnen müsste.
»Es ist zum Kotzen«, sagte meine Freundin und kochte mir Tee, »du bist so ein verflixtes Schaf. Wie konntest du bloß so naiv sein? Wieso bist du ganz alleine zu dem Arschloch gegangen?« Wir tranken Tee und heulten zusammen. Sie hatte recht, ich war ein Schaf gewesen. Eines war glasklar. Um keinen Preis würde ich dorthin zurückgehen, nicht einmal für einen kurzen Besuch. Und ich wollte mich nie, nie wieder von einem Mann beherrschen lassen.
Ich fand eine Wohnung in der Nachbarstadt. Zwei Zimmer nur für mich, eine Höhle für ein Schaf, das dem Wolf begegnet war. So viele Tränen, die ich nicht weinen konnte, die einfroren zu einer dünnen Eisschicht direkt unter meiner Haut. In mich selbst verkrochen, wartete ich auf Tauwetter und begriff, dass ich keine Ahnung hatte, wer ich war und in meinem neuen Leben werden könnte. Wenn ich das herausfände, eine Markierung in die Welt ritzte, die mir und allen anderen zeigte, so, genau so ist Juli Simoneit, dann würde alles gut. An der Uni schrieb ich mich nicht noch einmal ein. Stattdessen fand ich einen Job in einer kleinen Buchhandlung.
Eines Abends nach Feierabend stand Harry auf dem Parkplatz vor dem Geschäft. Meine Hände klebten vor Schweiß. Ich wollte umkehren. Zurückrennen in den Laden. Verdammt. Er hatte mich entdeckt. Kam auf mich zu. Mein Gesicht fühlte sich an wie Stein. Ich drehte es zu Seite, als ich versuchte, an ihm vorbei zu meinem Auto zu gehen. Er stellte sich mir in den Weg.
»Hallo, Juli.«
Ich sah zu Boden. Meine Bauchmuskeln verkrampften sich.
»Können wir reden.«
»Was gibt es da zu reden?«
»Ich will, dass du zurückkommst. Hörst du, ich brauche dich.« Er griff nach meiner Hand. Seine Finger fühlten sich klamm an. Ekel kroch mir auf die Zunge, füllte bitter meinen Mund, Ekel vor Harry, vor der vergeudeten Zeit mit ihm, vor mir selbst. Ich riss den Arm zur Seite und wischte über die Stelle, an der er mich angefasst hatte.
»Es ist aus, Harry. Als ob ich jemals zurückkommen würde. Tu doch nicht so, als wüsstest du das nicht, als hättest du vergessen, was passiert ist. Hau ab und lass mich verdammtnochmal in Ruhe.«
»Juliana. Bitte. Ich will mich ändern. Dich hat doch immer gestört, dass ich keine Bücher lese. Ich hab jetzt damit angefangen. Ehrlich. Ich les sogar diesen bescheuerten Sartre. Bitte, schmeiß doch nicht alles weg.«
Tränen glänzten in seinen Augen. Verdammt. Dieser Mistkerl traute sich, zu heulen. Billige, unechte Kitschtränen. Vor mir. Ausgerechnet vor mir. Er jammerte doch nur um sein verlorenes Spielzeug.
Jäh ließ er sich auf die Knie fallen. Wieso hatte ich nie gesehen, was für ein jämmerlicher Typ er war? Ich wandte den Blick ab, sah mich um, ob jemand die Szene beobachtete. Das alles fühlte sich schräg an. Surreal. Wie in einem Bild von Magritte. Ein bärtiger Typ und eine dünne Frau festgefroren auf einem Parkplatz. Im Hintergrund ein Mann mit einem Hund. Ich sah zu, wie der Hund sein Bein an einem Auto hob und den Reifen anpinkelte. Mir war kotzübel.
»Verdammt, Harry, mach keinen Mist. Steh auf.«
Er regte sich nicht. Ängstlich darauf bedacht, ihn nicht zu berühren, schob ich mich an ihm vorbei und stieg in den alten weißen Kadett. Ich hatte ihn gekauft, weil die rote Schrift am Heck etwas in mir zum Fliegen brachte.
Bound for Casablanca.
Casablanca war weit genug entfernt von meinem Leben.

Als ich den Motor startete, sah ich, dass Harry sich aufrappelte. Am liebsten hätte ich ihn unter den Rädern meines Opels begraben. Hin und zurück. Immer wieder.
Im Autoradio lief Ball And Chain von Janis Joplin. Ich drehte den Regler auf volle Lautstärke, lenkte den Opel durch die Stadt, auf die nächste Autobahnauffahrt und fuhr so lange, bis das Zittern und die Tränen aufhörten.
Harry stand danach noch ein paar Mal vor dem Laden, aber seit dem Kniefall ließ ich mich von einer Kollegin zum Parkplatz begleiten. Er sprach mich nicht mehr an, stand nur da, fuhr sich mit der Hand über den dunklen Kinnbart und beobachtete, wie ich in meinen Wagen stieg. Ich sah nie in seine Richtung, aber ich spürte seinen Blick, der mich abtastete wie die Finger eines U-Bahn-Grabschers. Nach einiger Zeit kündigte ich den Job.

 

 

 

Juli und doch kein Ende

Ein komisches Gefühl,um drei Uhr nachts aufzuwachen und einen inneren Dialog mit der eigenen Protagonistin zu führen.
Soviel ist schon mal klar, Juli will verdammtnochmal  nicht an dem Punkt enden, an dem ich sie ihrem Schicksal überließ. Zu wenig Hoffnungsschimmer, findet sie.
Na ja, weisst du, es ist eben eine dunkle und traurige Geschichte.
Na und? Es könnte ja irgendwann auch mal ein bisschen die Sonne scheinen in einer Fortsetzung der Geschichte. Ein klitzekleines bisschen?
Hmm, aber ich hab schon angefangen über Yoko zu schreiben. Und Yoko ist eine ganz andere Person. Sie möchte auch zu ihrem Recht kommen und erzählt werden.
Ja, aber schau mal, Yoko ist doch erst sechzehn, da hat sie noch verdammt viel Zeit.
Ach, komm. Das ist kein Argument.
Du könntest Juli einen Brief an Elsa schreiben lassen. Meinst du nicht, dass Elsa wissen will, was aus ihr geworden ist?
Aber Juli und Elsa haben keine Namen und Adressen ausgetauscht.
Hallo, das kriegen wir doch locker hin
Und all die anderen, was ist mit denen? Eric, Sven, Yannis……..vielleicht wollen die gar nicht mehr.
Glaubst du das?
Nein.
Also los, dann lass uns jetzt herausfinden, wie es weitergeht.
Es ist drei Uhr nachts.
Ja und? Die beste Zeit für Inspiration. Wetten? Und ich bin ja dabei.
HaHa, okay, du hast gewonnen, aber zuerst mache ich mir einen Tee.
Jasmintee?
Nein, ich mache nicht dir einen Tee, sondern mir. Fängt ja schon gut an mit uns.
Dann also wieder Ingwer-Zitrone?
Auf den Punkt. Und danach schauen wir, wie es weitergeht mit dir.
Dann will ich, dass es mit einer Tasse Tee weitergeht.
Geht klar.
Dann mal los:
Mitten in der Nacht wacht sie auf. Grundlos. Sie steht auf, kocht sich einen Tee und setzt sich auf ihren Lieblingsplatz am Fenster. Der Nachthimmel ist um diese Jahreszeit so klar. Aus alter Gewohnheit sucht sie unter den Sternen den einen, den Eric ihr geschenkt hatte. Wie früher findet sie ihn sofort. Das alte Lied kommt ihr wieder in den Sinn.
Merk dir ganz genau, wo der Polarstern steht, eh der große Bär ihn frisst. Ritz dir in die Hand die Marschzahl, wenn es geht, eh man die Windrose bricht.

Sie hat lange nicht daran gedacht. Es kommt ihr vor, als wär’s in einem anderen Leben gewesen, auf einem anderen Planeten oder vielleicht in einer anderen Dimension.
Sie trinkt einen Schluck von ihrem Tee. Der herb blumige Geschmack von Jasmin bekräftigt die Erinnerung an damals, an Räucherstäbchen und Hit The Road Jack, an sizilianischen Sommer und an die Geschichte, die sie in einer einzigen Nacht im Raucherraum eines Krankenhauses erzählt hat. Juli nimmt sich eine Kladde, eine von den chinesischen, schwarz mit roten Ecken und fängt an zu schreiben

Liebe Elsa…

 

und für alle, die Juli noch nicht kennen, hier der Buchtrailer

Lillith

Lillith, du Schöne
aus Erde erschaffen,
dem Himmel durch
Flügel verbunden.*

Bewahrerin unserer
wildsanften Natur.
Dämonin
nennen sie dich.
sie, die ihre Lust zu
Geilheit gerinnen lassen
aus Angst vor dem Flug,
aus Furcht vor der
Freiheit des Windes,
der deine Schwingen
mit Leidenschaft
umspielt und trägt.

Mutter, Tochter, Frau,
weit deine Arme,
groß, verloren, einsam
dein Herz.

Sie verschließen ihre Tür,
vernageln die Fenster,
zitternd vor Sorge,
du könntest sie anrühren,
in ihren Betten liegend,
lüstern, hoffend,
schreckensstarr ,
die sehnsüchtig
glänzenden Augen
voll Scham geschlossen.

Verstohlen trommeln
ihre Finger den Rhythmus
der Begierde, während
sie warten, warten,

dass du gehst,
vorbeigehst, oder
endlich kommst,
sie zu anzurühren
zart
schamlos
tief
so,
dass ihnen Glück
aus jeder Pore
dränge,
ein dunkelrotes
Leuchten.

Am Ende der Nacht
weinen,
verfluchen sie dich,
weil sie die Last
deiner Liebe
nicht tragen können,
die Last
so süß
so leicht
im Tageslicht der
Wahrhaftigkeit.

© gabriele auth

 

* aus dem babylonischen Talmud

 

Kleine Um-entscheidung mit großer Wirkung

Vor kurzem entdeckte ich im Internet einen offenen Brief, der sich an die türkische Autorin Asli Erdogan richtet, die wegen ihrer Schriften Ende 2016 in der Türkei verhaftet wurde, mehrere Monate im Gefängnis saß und die im September dieses Jahres keine Ausreiseerlaubnis bekam, um in Deutschland einen Literaturpreis in Empfang zu nehmen.

Alleine diese Tatsache ist für mich berührend genug, und seit den ersten Verhaftungen in der Türkei schwanke ich zwischen Zorn und Hilflosigkeit. Dieser Brief erwischte mich heisskalt, rührte an mein Gerechtigkeitsgefühl, an mein Frau sein und spielte mühelos auf dem Klavier meiner Emotionen. Ich meine das in einem sehr positiven Sinn. Sätze wie:
„Lasst uns unsere Worte nehmen, einen langen Atem und lasst uns Lichtspuren aus Mut und Menschlichkeit legen, um gegenzuhalten und niemals angstvoll zu schweigen!
Wir sind keine Helden. Wir werden nie Helden sein.
Aber wir sind jetzt an der Reihe. Mehr denn je“,
trieben mir die Tränen in die Augen.

Das große Miteinander unter Frauen, das oft der Konkurrenz und dem Neid geopfert wird, und das ich mir immer wünsche, hier wurde es für mich spürbar durch die Sätze eines Briefes.
Es dauerte nicht lange, dann hatte ich die Verfasserin bei Facebook gefunden und schickte ihr eine Freundanfrage. Sie nahm mich schnell und herzlich in ihren Freundeskreis auf und der Austausch war sofort „barrierefrei“.
Vorgestern schrieb sie in ihrem Status bei Facebook, dass sie eine Lesung in meiner Heimatstadt haben würde. Fantastisch, dachte ich. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, an einer Buchvorstellung mit Sven Regener teilzunehmen, den ich allein schon wegen seiner Lieder sehr mag, aber die Berührung durch den offenen Brief an Asli Erdogan war nachhaltig. Ich wollte die Verfasserin  erleben, das Wesen hinter den Worten spüren.
Sie ist Schriftstellerin. Ich hatte noch nie ein Buch von ihr gelesen und gestehe, ich habe auch nicht danach gesucht. Warum auch immer.
Gestern Abend saß ich also um halb acht in dem kleinen Theaterraum, in dem die Lesung stattfinden sollte. Vor mir auf der Bühne ein Tisch mit einer Decke aus rotem Pannesamt, so ein Rot wie leuchtend reife Johannisbeeren, süß und herb gleichzeitig, nachhaltig im Geschmack.
Der Raum füllte sich. Dann kam eine Frau auf die Bühne. Ein Lächeln, das den ganzen Raum auszufüllen schien, weit, warm, echt. Und genau so wirkte alles, was sie über sich und ihre Bücher erzählte. Keine Ahnung, ob Ihr das kennt, ich selber hatte vorher erst einen Menschen getroffen, bei dem das der Fall ist, eine Freundin, die alle Herzen zu öffnen scheint, sobald sie zur Tür herein kommt. Hier auf der Bühne saß auch so eine, eine, die meinte, was sie sagte, die sich nicht verstellte und nicht auf Teufel komm raus gefallen wollte. Alleine davon war ich hin und weg.
Es war dunkel im Zuschauerraum, deshalb konnte man vermutlich mein Gesicht mit der Tischdecke um die Wette leuchten sehen, als die Moderatorin dann alle Aktivitäten und Funktionen der Autorin aufzählte und von ihren Bestsellern sprach, die teilweise in viele Sprachen übersetzt wurden.
Verdammt. Und ich Schaf hatte  keine Ahnung gehabt. Und das, obwohl ich selber schreibe. Okay, das ist wahrscheinlich mein Glück, denn hätte ich es gewusst, wäre ich vielleicht zu scheu gewesen, ihr einfach eine Facebook Freundanfrage zu schicken und hätte einen wunderbaren Abend verpasst.
Nach dem einleitenden Gespräch las sie dann aus ihrem neusten Buch „Das Traumbuch“
Sie tat das mit einer Leidenschaft, die zumindest mir das Gefühl vermittelte, sie lebte jedes einzelne Wort, das sie las, hauchte, schrie, oder summte. Ja, summte. Und dazu dieses große, freie Lachen.
Ihr meint, ich gerate jetzt ins Schwärmen? Wenn ihr die Gelegenheit habt, besucht einfach mal eine ihrer Lesungen. Ihr Umgang mit Sprache, mit Worten und der Stille zwischen den Worten, wäre auch dann noch ein Genuss, wenn sie die Sätze lakonisch vortrüge wie ein Telefonbuch.
Jetzt freue ich mich auf einige wunderbare Bücher. Mit dem Traumbuch werde ich anfangen, weil ich das Gefühl habe, es ist mir am nächsten. Dann „Die Mondspielerin“ und zuletzt „Das Lavendelzimmer“. Geschrieben wurden sie übrigens  in umgekehrter Reihenfolge.
Ich habe an diesem Abend viel gelernt, auch über mich selbst.

Danke, Nina George, für einen fantastischen, Herz öffnenden Abend und für einen Korb voll Inspiration. Und ja, es stimmt, manchmal sind es winzige Entscheidungen, die unsere Wege ändern, Dinge anders ablaufen lassen und das Leben beeinflussen, obwohl man es nicht immer gleich merkt. Das ist wie bei „Lola rennt“, es macht einen Unterschied, ob wir rechts in eine Straße einbiegen oder links über die Ampel gehen, zu welcher Zeit wir an welchem Ort sind, wen wir lieben und wen wir abweisen. Eine Erfahrung, für die mein Leben Zeuge ist.

Die Veranstaltung fand im Rahmen des Festivals Literatürk statt, und es ging dabei auch um Macht und Ohnmacht.  Mir ist einmal mehr klar geworden, dass Sprache, dass Worte, die wir sagen und die wir schreiben, eine nicht zu unterschätzende Macht bedeuten. Sprache und natürlich Musik. Deshalb zertrümmerte man dem Sänger Viktor Jara im Stadion von Santiago de Chile die Hände, um ihn am Gitarre spielen zu hindern. Am singen hinderte ihn das nicht. Darum tötete man ihn. Deshalb werden in Diktaturen oft Bücher und Texte verbrannt und deren Verfasser verhaftet, misshandelt oder ermordet. Und deshalb hat Nina George recht, wenn sie schreibt:
„Machen wir also weiter. Hören wir niemals auf zu schreiben.“

 

Literatürk Festival, Termine

Nina George Homepage

 

Ausgerechnet Sulke

Ich hatte einen Freund. Ist lange her. Er hielt es für eine Liebesbeziehung, ich war zu jung, um es überhaupt irgendwo einzuordnen. Aber Liebe war es ganz sicher nicht auf meiner Seite. Was es auf jeden Fall war, war erster Sex. Immerhin. Daraus wurde zusammenziehen, Wohnung einrichten, das ganze Beziehungsding. Dazu gehörte auch eine Stereoanlage mit Plattenspieler. Kennt das noch jemand?
Ich hörte Doors, Beatles, Pink Floyd, Bob Dylan und so. Und wenn es mal deutsch wurde, dann waren es Konstantin Wecker, BAP, Ton Steine Scherben und Klaus Hoffmann.
Er hörte Johnny Cash, Emmilou Harries, Abba, und wenn es deutsch wurde, war es Stefan Sulke.  Ich erinnere mich an Ach Lotte, watt machen wa nu? Ach Lotte, wo gehn wa nu hin?
Eine Frage, der ich eines Tages auch gegenüberstand. Nur, dass ich nicht Lotte hieß.
Die Beziehung endete desaströs, was mir Sulke für immer verleidete. Dachte ich. Bis ich vor kurzem  zu einem Konzert ging, weil dort unter anderem auch die tolle Katja Werker auftrat.
Und dann kam da dieser Typ auf die Bühne und sang Lieder von Sulke.
Ausgerechnet.
Er machte das gut. Mit verhaltenem Gefühl, ganz ohne kitschig zu sein. Dabei trug er rote Schuhe. So ein richtiges Wahnsinnsrot. Rudi Gall hieß er. Vorher nie gehört, aber was soll ich sagen, ich war sofort auf seiner Seite.
Heute bekam ich zwei Cds mit seinen Sulke Liedern. Seitdem höre ich die rauf und runter. Endlich hat mal einer Stefan Sulke aus meiner vergeigten Beziehung erlöst.
Jetzt hoffe ich, dass Rudi Gall auch eigene Songs schreibt. Ich würd sie mir anhören.

 

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Gall singt Sulke – Live Impressionen

 

bluesgeboren

Fundstück aus meiner Text-Schublade. Das muss Anfang bis Mitte der Neunziger entstanden sein und es gibt eine Version als Songtext und eine als Lyrik. Hier die Lyrikversion.

an solchen tagen läufst du
durch die straßen
fühlst dich unbestimmt allein
es ist nicht weil keiner da ist
es ist nur dein so sein
sitzt in kneipen sprichst mit leuten,
lachst außen aber innerlich
fühlst du dich verfroren
bluesgeboren

kannst nicht schlafen,
weil dich eine
dunkle sehnsucht treibt
sehnsucht ohne namen
nach tod, nach leben, nach
irgendwas, das bleibt
hunger nach du-weißt-nicht-was
bist hier, und doch verloren
bluesgeboren

spürst blicke in denen
auch dieser hunger brennt
hörst deine eigne sehnsucht
in fremdem lachen schwingen
finger, die sanfte
heimwehstrahlen spinnen
bist nicht allein zur
Traurigkeit erkoren
bluesgeboren

© gabriele auth

 

 

 

 

 

Irgendwie verbaut

Ein Lied, für das mein Mann der Impulsgeber war mit einer Geschichte, die er mir erzählt hat und das er in einer etwas veränderten Version vertont hat. Ich hoffe, ich kann demnächst eine Aufnahme davon posten.

Der Sperrmüll unten auf der Straße
liegt im Regen, durchgewühlt
ich steh am Fenster und ich warte,
dass du mal anrufst. Das wäre schön.

Der alte Typ von Gegenüber steigt in
sein Auto, ich glaub das  ist neu,
ich seh ihm nach und frage mich,
warum kommst du nicht mal vorbei.

Habe dir von meinen Träumen erzählt
In deinen Augen die Sterne geseh’n
Würd’ dich gern fragen, was das mit uns ist,
doch ich weiß es selber nicht genau

Vielleicht geh’ ich heut noch bei dir vorbei
tu’ dann so, als ob es Zufall wär’
als ob dein Haus auf meinem Weg läg’
als ob es nichts Besonderes sei.

Hab mit dir Planeten entdeckt,
geredet, gelacht als ob’s kein Morgen gäb’
möcht dir gern sagen, was du für mich bist
keine Ahnung, ob ich mich das trau.

Hab mir selber nie vertraut
den richtigen Moment nicht erkannt.
jetzt steh ich hier, hör dem Regen zu
das mit uns ist irgendwie verbaut.
steh nutzlos rum ein kaputter Stuhl
ratlos und stumm.
– – –
das mit uns ist irgendwie verbaut.

© gabriele auth

 

 

Als meine Mutter leuchtete

Ich habe gerade ein wunderbares Buch zu Ende gelesen, in dem es nicht nur, aber auch um den Tod ging. Es erinnerte mich an einen Text aus meinem ersten Buch „Mensch lernt von Mensch“ , den ich hier noch nie gepostet habe, einen Text über meine Mutter:

Als Meine Mutter leuchtete

Die Natur trägt ihr Spätsommerkleid. Das Laub der Bäume schimmert gelb und rot. Dem Leuchten haftet eine fragile Patina der Vergänglichkeit an. Wie ein zögerndes Lächeln huscht die Morgensonne in mein Fenster. Ich sitze mit meinem Morgenkaffee am Küchentisch, beobachte das Streifenmuster aus Licht und Schatten auf der Tischplatte. In den Lichtbahnen treten einige Brotkrümel zu Tage, die im Schatten kaum zu erkennen sind. Draußen zwitschern Vögel Lebensfreude in den Himmel. Sonnentrunken.

Der Kater hat heute Nacht auf den Küchenboden gepinkelt. Er ist nach einem Schlaganfall erblindet. Seitdem gleichen seine Sinne rostigen Messern, stumpf wie seine Krallen. Oft verliert er die Orientierung und läuft im Kreis, die Augen suchend auf den Boden gerichtet. Dann trage ich ihn zum Katzenklo oder in sein Körbchen. Vertraute Fixpunkte in seinem dunklen Universum. Von dort aus kann er sich an Wänden und Möbeln entlang durch die Räume tasten. Hin und wieder rollt er sich nach dem Fressen neben dem Futternapf zusammen und schläft ein. Sein Schnurren hebt sich vor jedem Atemzug zu einem kleinen, pfeifenden Keuchen.

Mir fällt es schwer, Alter und Verfall zu begegnen. Es weckt Mitleid in mir, gleichzeitig eine unbestimmte Wut, Gereiztheit und den Wunsch davonzulaufen. Ich mag dem Prozess des Sterbens nicht begegnen, dem unwillkommenen Ausblick auf die eigene Zukunft. Verweigertes Wissen.
Nicht nur die Kraft der Sinne scheint im Alter abzunehmen, alles verengt sich, wird kraftlos. Nach und nach versiegt der Lebenssaft und der Körper welkt wie die Blätter an den Bäumen. Glühendes Laub. Eigensinnige Schönheit des Sterbens in der Natur. Ein farbenprächtiger letzter Triumph. Der Anblick des Katers lässt mich an meine Mutter denken, an die Zeit, in der ihr Verfall unübersehbar wurde.
Zwei Wochen vor ihrem Tod saß sie in der Sonne auf dem Balkon, eingehüllt in ihren flauschigen Morgenmantel, in dem ihr zerbrechlich gewordener Körper zu verschwinden schien, als wolle er sich in sich selber zurückziehen. Das Blau des Mantels vertiefte die Farbe ihrer Augen. Unwillkürlich fühlte ich mich an kostbares Porzellan erinnert, das von vielen Lagen Seidenpapier umhüllt ist. Ihr Blick war nach Innen gerichtet wie in unbegreifliche Tiefen. Ihr feines, weißes Haar leuchtete in der Sonne. Eine hinfällige Fee.  Nie zuvor hatte ich sie so strahlend gesehen. Und nie wieder danach.

Sie hat mich geboren und genährt, aber ich habe sie nicht wirklich kennengelernt, nie ihr Wesen ergründet. Ich weiß nicht, ob sie sich selbst kannte, und ich erriet in all den Jahren nicht, wie sie für mich empfand. Meinte sie, mich zu verstehen und mir nahe zu sein, oder fühlte sie die Ferne ebenso wie ich? Vielleicht waren wir einander vertrauter, als wir ahnten oder zugeben wollten. Die Gefühle, die sie in mir weckte, als ich Kind war, sind mir entglitten, verblasst wie alte Fotos von ihr. Ich erinnere mich, dass ich als Erwachsene nicht wollte, dass sie mich berührte. Wir umarmten uns und vollzogen die üblichen Gesten, doch ich ließ nicht zu, dass sie mich im Wesen anrührte, mein Herz in Bewegung versetzte. Ich glaube, sie hat meine Befangenheit geteilt. Doch in diesem zeitlosen Moment auf dem Balkon vor dem Hintergrund des wolkenlosen Frühlingshimmels malte das Licht mit schmerzlicher Intensität die nicht gelebte Schönheit auf das Gesicht meiner Mutter. Ich entdeckte die Reinheit kindlicher Unschuld, ewig und vergänglich zugleich. Wie ein feines Messer drang sie unter meine Oberfläche. Ich sah das Kind in ihr, die erblühende Frau, die behütende Mutter, die Greisin. Ich ahnte, was sie war und mehr noch, was sie hätte sein können.

© gabriele auth

 

 

 

 

Nachtrag zu Juli – What the bird said

Hier eine kleine Leseprobe, so als Trailer, Teaser, Appetizer und…
Viel Spaß.
Ich überlege mir jetzt, wo ich Lesungen anbieten kann und:
Nach dem Buch ist vor dem Buch.

Leseprobe

 

 

Und ich so: Ja!

Da warte ich ungeduldig, dass mein Roman endlich überall verfügbar ist, kaue auf der Unterlippe und kann’s kaum erwarten….
Dann fahre ich zehn Tage nach England in mein geliebtes Dorset und schwupp, kaum zurück, finde ich mein Buch bei Amazon.
Ja!
Für eine Woche übrigens als E-Book in der Aktion.  Also, wenn Ihr immer schon Mal einen Roman von mir und ganz besonders Juli – What the bird said lesen wolltet, hier ist die Gelegenheit.

Juli-What the bird said bei Amazon

 

P.S. Wer lieber erstmal etwas über Dorset lesen will, findet oben ein Button: Englisches Tagebuch