Milonga

An einen Tango
ein argentinisches Lied,
Tänzer fast schwerelos,
denkt sie manchmal,
wenn sie ihn sieht.
Er ahnt es nicht,
schlendert still
die Straße entlang,
ein unmerkliches
Lächeln im Gesicht.

Es sind seine Augen,
vielleicht auch sein Haar,
dunkel und störrisch.
Sie schaut ihm nach,
im zweiten Stock
von ihrem Balkon,
ihr gefällt sein Gang.
Sekundenlang wird
Leben ein neues,
unerforschtes Land.

Kurz bleibt er stehen,
wendet den Kopf,
ihr Atem stockt.
Sieht er sie an?
Verlegen geht sie
zurück in ihr Zimmer.
Auf ihrer Spüle
benutztes Geschirr,
eine Tasse, ein Teller.
Nur ein Ich. Kein Wir.

© gabriele auth

 

 

 

 

 

Status Quo

Goldener Oktober verglüht
unentschlossen am Horizont.
Nebelverhangen streunt
November über Dächer,
nimmt dem Tag die Farben.
Nur zwischen Wolkenfetzen
blitzt noch kühnes Himmelblau.
Das Echo eines Jugendlachens
schwebt trotzig um die Köpfe,
ehe Winterluft  spröde
über das Leben streicht.

© gabriele auth

Möglichkeiten

Über den Klimawandel wollte ich schreiben, vom Anblick verdorrender Bäume, brennender Wälder und braungelber Wiesen. Von der weiß glühenden Nachmittagssonne, die Träume von Regen weckt und Sehnsucht nach kühlen Wassertropfen auf heißem Asphalt.

Von Baumhäusern und vom Sterben im umkämpften Forst.
Oder von Düsterland, von der Grimasse des Faschismus, von dem verbotenen Gruß und dem Geruch nach viel zu vielen Toden.

Von Menschen, die sich unsichtbar fühlen, ungesehen, die, verstört vom Wandel ihres Lebensraumes, dem Zischeln brauner Schlangen lauschen und den alten Parolen glauben. Jene, die Schuld beim Fremden suchen, der nicht in ihrer Mitte wurzelt.

Blut und Boden
Blut und
Blut

Schreiben über die Anderen.
Die, die ihre Heimat verlassen, mit einem Rucksack und einem Smartphone voller Fotos von vertrauten Räumen und Gesichtern.
Eine zerbrechliche Schnur zwischen Herz und Heimat.
Bewahrer der Vergangenheit und Navigator in die Zukunft.

So groß die Verlorenheit, wenn die Schnur zerreißt.
Heimat.
Nicht nur Ort,
auch Erinnerung an gelebtes Leben,
auch Glaube an eine bessere Gegenwart.

Marode Boote. Der Todesbiss des Meeres.
Das Salz der Tränen, das sich mit dem Salz des Ozeans vereint.
Träume vom Ankommen.
Vom Erreichen des sicheren Ufers.
Sicher?

Wollte erzählen von den Bildern.
Immer wieder Bilder.
Eine Bilderflut, die den Atem raubt.
Zeitung. TV. Internet.
Bilder
Bilder
Bilder
Menschengesichter. Verzweiflung. Sorge. Angst.

Sekundenlang flackert Hoffnung im Klang eines Kinderlachens über schlammigem Grund.

Ach, warum nicht erzählen von einem Mann, der am Fenster steht?
Im Haus gegenüber auf dem Balkon sitzt eine Frau, ein Buch in der Hand, liest und lächelt dabei.
Ihr rotes Kleid leuchtet im Licht.
Ihre Haut ist dunkel, die Augen schokoladenbraun.
Vielleicht schaut sie auf,
Vielleicht sieht sie den Mann.
Vielleicht sehen sie sich an.

Eine Brücke aus Blicken.
Behutsam.
Eine Welt im Entstehen.
Die Möglichkeit von Liebe.

© gabriele auth

 

 

 

Die alte Uhr

Wenn sich Wasser sammelt in den Schlaglöchern des Lebens,
wenn der Wind der Langeweile um ungelebte Träume streicht,
die Wölfe des Scheiterns die unerfüllte Zukunft wittern,
öffne ich meine Fenster weit, seh‘ unter mir den Sumpf der
Mittelmäßigkeit. Die gelben Schwaden aufgestauter Wut.
Ich achte auf die Zeichen,
hol‘ die fast vergess’ne Uhr aus dem Versteck,
breite die Arme aus
falle
fliege.

Wonderful

T. und ich mit Motor-Rollern unterwegs.  Nacht. Vor uns die Straße durchschneidet die Dunkelheit wie ein breites, nebelgraues Band. Am Rand die Umrisse von Büschen und Bäumen. Das Visier  geöffnet, frischer Nachtwind im Gesicht und am Himmel der Mond. Neben mir das angriffslustige Brummen von T’s Piaggo.
Mein klitzekleines Stückchen Easy Rider.

Wurzeln und Flügel

So eine Stimme. Sanft wie die erste Frühlingssonne. Warm und belebend. Einhüllend. Sie weckt die Erinnerung an die Arme der Mutter, den Duft von Apfelkuchen, an das Gefühl stark zu sein, ein eigentümlicher kleiner Kosmos voller verheißungsvoller Sterne und bittersüßer Tränen der Schwäche. Den Klang des eigenen Blutes entdecken und ihn spüren, den großen, unablässigen Flow, der ein Lächeln ins Gesicht zaubert und allmählich übergeht in den treibenden Rythmus des Steppenwindes.
Nina Simone. Zurücklehnen. Genießen.
Since I Fell for You, Sunday in Savanna, Westwind……

Wurzeln und Flügel.

 

Auf nach Leipzig

Alle sagen, Leipzig hätte die Buchmesse mit dem besonderen Flair. Ab Morgen habe ich die Gelegenheit, das selbst zu erleben. Ich freue mich schon mehr als sehr.
Die Sahnehaube auf meinem Messekuchen ist, dass ich
am Freitag um 11:40 Uhr aus „Juli“ lesen werde.
Auf der Lesebühne des BVjA und 42er Autoren.
Und ja, ich bin ein bisschen aufgeregt, stehe vor meinem Kleiderschrank, überlege welche Art von Schwarz ich anziehen werde.
T. sagt, es wäre alles gleich schön und gleich Black.
Stimmt   natürlich   nicht.

Also, wer auf der Messe ist und wissen will, welches Schwarz es geworden ist, findet mich am Freitag 11:00 – 12:30 Uhr in Halle 5, C500
13:00- 13:45 Uhr in Halle 5, D515 am Stand des BVjA
14:00 – 15:00 Uhr in Halle 5, G309 bei den Bücherfrauen.
Und dazwischen und danach in der Autoren Lounge, in der Selfpublisher Arena und überall, wo es mich hintreibt. Es gibt einige tolle Veranstaltungen. Und besonders freue ich mich darauf, meine Lektorin, Elsa Rieger, endlich face to face zu treffen.
Nach der Messe sehe ich mir dann Leipzig an.
Das wird schön.
Ihr könnt natürlich hier alles darüber lesen.
Stay tuned.

Autorenfotos Gabi1

 

Frauen

Jede Frau, ob jung
oder alt, will ihre
eigene Schönheit feiern.
Auf ihre eigene Art.
Jeden Tag im Jahr.
Bewusst oder unbewusst.
Mit sich selbst.
Mit Männern.
Mit anderen Frauen.
Geschminkt.
Ungeschminkt.
Im Minirock.
In Jogginghosen.
Im Schlabberpulli.
Mit Dekolleté.
Laut oder leise.
Mit Champagner
oder Apfelschorle.
Tanzend.
Singend.
Lachend.
Weinend.
Nachdenklich.
Überschäumend vor Gefühl.
Ganz gleich wie,
wesentlich ist nur,
sie weiß,
ihre Schönheit
liegt in ihrer
Einzigartigkeit.
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Foto/Pixabay

Blauer Tag

Das da. Auf dem Foto. Das bin ich, nachdem ich kurzfristig und etwas spontan entschieden habe: ICH FAHRE NACH LEIPZIG. Zur Buchmesse. Und ich stöberte sogar noch eine bezahlbare Unterkunft auf.  Oh yes.
Und dann stellt sich heraus, es werden mehrere lieb gewonnene Menschen dort sein. die ich bis jetzt nur von Facebook und aus Telefongesprächen kenne.
Im März darf ich sie real life von Angesicht zu Angesicht erleben.  Darauf freue ich mich besonders.
Aber das ist noch nicht alles. Das Allerbeste ist, dass sich dann auch noch die Möglichkeit ergab, auf der Messe aus meinem neuen Buch zu lesen. Ihr wisst schon, „Juli – What the bird said“ Kommt vorbei, wenn ihr auch auf der Messe seid.  Und für alle, die nicht dort sein werden, erzähle ich bestimmt, wie es war.
Huiiiii, das macht mich ganz kribbelig vor Freude.

Heute ist ein blauer Tag.
einer für Purzelbäume
und  Radschlagen.
Lichtblau
mit weißen Tupfen
und ich im Blau
dehne mich aus
wohlig, wollig,
brummselig.

Avenidas oder die beste aller Welten

 

 

avenidasimage

 

alleen
alleen und blumen

blumen
blumen und frauen 

alleen
alleen und frauen 

alleen und blumen und frauen und
ein bewunderer.
(Eugen Gomringer)

 

Diese Zeilen schrieb der Dichter Eugen Gomringer in den 50er Jahren. Er beschreibt  einen Moment voller Schönheit, die ihren Bewunderer gefunden hat.

Ich sehe sie vor mir, die Straßen einer spanischen Stadt, vielleicht Barcelona oder Madrid.  Mächtige alte Bäume im Sonnenlicht. Dazwischen Beete. Überquellend von Blumen, filigran, leuchtend, farbenfroh.  Und Frauen. Sie schlendern, eilen, sitzen auf Bänken, stehen zusammen im Gespräch. Wie Viele? Wir erfahren es nicht. Vielleicht nur zwei, Ehefrau und Tochter des Bewunderers. Auch das bleibt offen. Auch, wer der Bewunderer selbst ist.

Oder prosaisch ausgedrückt,
Alleen, Blumen und Frauen sind bewundernswert, oder haben zumindest einen Bewunderer.

Viele, die schreiben, werden sie kennen, diese leuchtenden Momente, in denen einem Schönheit begegnet. Ein Sonnenstrahl auf einer Tischplatte, das Wiegen der Birken im Wind, das Schwingen eines Kleides um die Beine einer Frau, oder  vom Wind verwehte Haarsträhnen auf der Stirn eines Mannes,  das unbändige Lachen eines Kindes, oder das kurze Verweilen eines Schmetterlings auf einer Blüte.
Momente, in denen die Schönheit des Lebens uns mit voller Wucht mitten ins Herz trifft und uns staunen, lächeln, verstummen oder eben schreiben lässt.

Nun, Gomringer verfasste vielleicht  in oder nach einem solchen Moment sein Gedicht. Wir wissen es nicht.
Die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin schrieb es 2011 an ihre Fassade.
Nun soll es von dort wieder verschwinden.
Auf Wunsch von Studentinnen, die den Text als sexistisch empfinden und sich darin als Frauen zu Objekten degradiert sehen.
Ich danke von Herzen allen Dichterinnen und Dichtern, die uns Frauen und unsere Stellung in der Welt in den Focus rücken, respektiere die Leistung aller Frauen, die sich je für Gleichberechtigung und Achtung in einer von Männern dominierten Gesellschaft eingesetzt haben und immer noch einsetzen.
Ich verstehe die Frauen, die jetzt, oft nach vielen Jahren des Schweigens, me too sagen. Ich selber hätte mehr als genug Gründe dazu und verstehe daher die Idee hinter dem Wunsch nach Entfernung des Gedichtes von der Fassade der Hochschule.
Aber, seht ihr auch die Gefahr, die darin liegt, wenn der Wunsch nach politischer Korrektheit Gedichte von einer Hauswand tilgen will?
Wo wird uns das hinführen?
Auf diese Art umgesetzt bekommt politische Korrektheit in meiner Wahrnehmung fatale Ähnlichkeit mit dem Wahrheitsministerium aus dem Roman 1984 von George Orwell. Beides klingt gut, ist aber nichts weiter als nackte Diktatur.
Und das Wesen der Diktatur ist weder männlich noch weiblich. Es ist nicht Wahrheit, Freiheit und Gleichheit, sondern Lüge, Unterdrückung und Ungleichheit.

Wie wäre es, wenn wir uns, statt für eine Entfernung des Gomringer Gedichtes, dafür einsetzten, seinem Text das Gedicht  einer Frau hinzuzufügen?
Zum Beispiel dieses hier:

Schatten Rosen Schatten

Unter einem fremden Himmel
Schatten Rosen
Schatten
auf einer fremden Erde
zwischen Rosen und Schatten
in einem fremden Wasser
mein Schatten

 (Ingeborg Bachmann) 

oder irgendein anderes. Es gibt so viele wunderbare Lyrikerinnen

 

Foto der Fassade: Barbara Halstenberg