Till Brönner – Melting Pott

Eindrücke einer Ausstellung

Der Musiker und Fotograf Till Brönner ist keiner aus dem Pott. Seine Kindheit verbrachte er in Viersen, Rom und Bonn Bad Godesberg, wurde zu einem der berühmtesten deutschen Jazz Musiker und lebt inzwischen in Berlin und Los Angeles. Die Anfrage der Brost Stiftung, ob er sich vorstellen könne, den Ruhrpott ein Jahr lang fotografisch zu erkunden, erreichte ihn in Kalifornien.
Ruhrpott und Kalifornien, ein Gegensatz, wie man ihn sich größer kaum vorstellen kann. Brönner ließ sich zum Glück darauf ein.
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Da kommt also einer mitten im Winter aus der kalifornischen Sonne und nähert sich dem zerfurchten Gesicht des Ruhrgebiets, um es mit der Kamera zu ergründen. Einer, der nicht von hier, nicht von Innen kommt. Ich war gespannt, ob das funktioniert.

Es gibt zahllose Fotos aus dem Ruhrgebiet. Innenansichten von Fotografen, die hier aufgewachsen sind, Bilder von verrußten Hausfassaden, in denen blankgeputzte Fenster mit weißen Gardinen leuchten wie die Augen in den kohlenstaubgeschwärzten Gesichtern der Kumpels, die dort wohnen. Stoische Gesichter, die selten oder nie zu lachen scheinen. Fördertürme, dunkler Rauch über Kokereien, triste Straßen, Männer, die mit Bierflaschen in der Hand am Kiosk an der Ecke stehen, eine Sicht auf den Ruhrpott wie man sie kennt. Der aktuelle Blick von Außen, den Till Brönner hinzufügt, umfasst auch solche Szenen, doch er bleibt nicht dabei stehen, sondern gibt der Region mit seinen Bildern eine feine, neue Würde. Seine Bildästhetik ist verhalten, klar, manchmal fast kühl, aber immer feinfühlig und empathisch, nichts, das dem Betrachter ins Gesicht springt und brüllt: Wir sind das Ruhrgebiet. Eher steht ein Wispern im Raum: Schau genau hin, unter der Oberfläche gibt es eine Vielfalt, die sich zu entdecken lohnt.

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In einem Film zur Ausstellung, sagt Johan Simons, der Intendant des Bochumer Schauspielhauses, über das Ruhrgebiet:
„Man kommt nie dahinter, was das hier eigentlich alles ist.“
Till Brönner hat sich einem Verstehen, dem Dahinterkommen angenähert. Seine Fotos entwerfen ein Portrait, das mir, die ich mitten im Pott aufgewachsen und ihm in einer Art Hassliebe verbunden bin, gleichzeitig vertraut und ungewohnt erscheint.
Gesichter von Prominenten aus dem Ruhrgebiet, nebeneinander aufgereiht wie Gemälde in der langen Ahnengalerie eines Schlosses und diesen auch ähnlich in ihrer Farbwirkung.

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Stahlarbeiter wie Protagonisten aus einem Science-Fiction-Film. Eine spröde, orangefarbene Rolltreppe, auf der ein Mensch nach oben fährt.
Der düstere Kokerei Turm, der auf den ersten Blick an einen Turm aus einem chinesischen Martial-Arts-Film erinnert.

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Brönner schafft es, der Region mit seinen Bildern ein neues Gesicht zu geben, ohne ihr etwas zu nehmen. Mit sensiblem Blick fängt er Momente ein, in denen die Menschen oft wie Kämpfer wirken, Helden ihres eigenen Alltags, denen der Fotograf immer wieder ein Lächeln entlockt, ein fast verstecktes, ein sprödes, ein verschmitztes oder ein glückliches.
Seine Bilder sind wie seine Musik. Jazz.
Im Gespräch  bestätigt der Künstler, dass für ihn Musik und Fotografie in einer  inspirierenden, sich ergänzenden Wechselwirkung stehen.

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Das Amerika Deutschlands nennt Brönner den Pott. Das lässt sich durchaus so ausdrücken, da das Ruhrgebiet, ähnlich wie die USA, seit je her ein Schmelztiegel ist.
Mir scheint es jedoch noch in anderer Hinsicht zutreffend. Mit ihrem rotzigen Humor, ihrer direkten Art, ihrer Tragik und ihrem Mut, könnten die in den USA erdachten Guardians of the Galaxy direkt aus dem Ruhrpott kommen.

Mein Lieblingsbild in der Foto Ausstellung ist ein eher unspektakuläres, eines, das mich an meine Kindheit erinnert. Es heißt Karneval in Essen und zeigt drei Menschen, die aus dem Fenster sehen. Drei Gesichter, die zu sagen scheinen: Wir sind das Ruhrgebiet.
Nicht laut, doch selbstbewusst mit einem feinen Schmunzeln. Till Brönner erzählt, es sei das erste Motiv, das er fotografiert hatte und das ihn motivierte weiterzumachen, ein Umstand, der jetzt den Besuchern des Museums zugute kommt. Mich könnte dieses Foto dazu verführen, eine Kurzgeschichte oder einen Roman über diese drei zu schreiben.

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Last, but not least, sei noch  erwähnt, dass die thematische Zusammenstellung und die Hängung der Bilder deren Wirkung wunderbar ergänzen.

Ein großes Dankeschön an Till Brönner, der für einen Austausch und Fragen zur Verfügung stand, an die Kuratorin Eva Müller-Remmert für die Führung durch die Ausstellung und an das Museum Küppersmühle für Moderne Kunst für die Einladung zu dieser schönen  Preview.
Danke natürlich auch an Thomas Auth für die Fotos von der Ausstellung .

Übrigens, ein Bild hat den Titel Pommes Schranke. Aber geht hin und seht selbst,
wenn Ihr in der Nähe seid. Wenn nicht, geht trotzdem.
Die Ausstellung eröffnet am 3. Juni. Es lohnt sich.
Glück auf.

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Akademia – Eine Oper

 

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Wie frei ist die Kunst?

Dies ist eine, wenn nicht sogar die zentrale Frage in der Kunstwelt. Sie ist gleichzeitig auch Dreh und Angelpunkt von „Akademia“.
Die vierstündige Oper verfügt über das Potential zu begeistern und gleichzeitig  zu polarisieren. Der Status Quo der Gesellschaft und der Kunstszene wird in Frage gestellt, seziert und kritisiert.
Hierzu bedient sich das Stück szenischer Mittel, die an Beuys und seine „Soziale Skulptur“ denken lassen. Oder anders ausgedrückt, jede Szene funktioniert wie eine solche soziale Skulptur  im Kampf um Erneuerung .

Ein Hilferuf?
„Akademia“ zeigt, gespiegelt im Mikrokosmos Kunstakademie, den Zustand unserer Gesellschaft und ihrer unerfüllten Sehnsucht nach Veränderung, nach Entwicklung zum Besseren. In der ersten Szene heißt es:

„Raus aus dem alten Muff,
die Welt mit Kunst zu speisen
mit Glorreichen Werken.
Leitend soll sie voran gehen.“

Leitend soll sie voran gehen, ein Auftrag, den die Kunst, wenn man „Akademia“ glauben darf, nicht oder nicht mehr erfüllt.

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Kunst als Geldwert, Einengung durch immer mehr Reglementierung  und Einschränkung, eine Verwaltung und eine Akademie-Leitung, die mit Kunst nichts mehr am Hut zu haben scheinen,  Flucht in Alkohol, in Depression, nichtige Gespräche, aber auch der Funke einer revolutionären Idee, einer vollständigen Umwälzung, und der immer wieder aufflackernden Liebe zur Kunst, all das begegnet der Protagonistin Lara Wittenberg in den sechs Szenen der Oper.
Das Publikum erlebt hautnah mit, wie Lara zu Beginn mit großem  Idealismus und noch größerer Freude ihre Aufnahme als Studentin an der Kunstakademie feiert, begleitet sie von Szene zu Szene  durch  wachsende  Enttäuschung  und Niedergeschlagenheit, bis sie zum Schluss desillusioniert und verzweifelt gegen eine Wand aus Professoren, Mitstudenten und Verwaltungskräften anrennt, fällt, wieder aufsteht, fällt … und schließlich am Boden liegen bleibt.

Nach vier Stunden reicht es auch mal“, heißt es am Ende,
„ Solange braucht es, um eine  Protagonistin sterben zu lassen. Und so musste es doch kommen.  Laras Idealismus war unsterblich wie eine genmanipulierte, unzerbrechliche Seifenblase, die niemals zu platzen vermag.  Stattdessen ist Lara selbst zerbrochen.“

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Unter der Leitung von Aylin Leclaire hat ein Team von hundert Künstlern, bestehend aus Studenten der Kunstakademie Düsseldorf, Schauspielern, Sängern und Musikern, ein ausdrucksstarkes, bildgewaltiges und nachhaltig wirkendes Stück mit bemerkenswerten Kulissen auf die Beine gestellt. Jeder von ihnen verzichtete auf Gage. Die Einnahmen dienen zur Deckung der erst in Teilen gedeckten Produktionskosten, sowie hoffentlich auch noch für die geplante DVD und den Katalog zur Oper.

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Besonders erwähnt sei auch die Bereitschaft der Leitung des geschichtsträchtigen  Düsseldorfer Künstlervereins Malkasten, die Aufführungen im Malkasten-Park zu genehmigen, und zu unterstützen, nicht zu vergessen, der Support durch verschiedene Sponsoren.
Ein Teil der Kulisse, eine begehbare Arche, gebaut von Studenten und ehemaligen Studenten der Kunstakademie, wird noch einige Zeit im Park zu besichtigen sein und an eine Woche voller Leidenschaft für die Freiheit der Kunst und für Poesie erinnern.

Ich habe drei von  sechs Aufführungen besucht, war jedes Mal verzaubert und entdeckte  Details, die mir vorher entgangen waren, zum Beispiel ein Zitat aus einem meiner Lieblingslieder.  Es wäre nicht bei diesen drei Besuchen geblieben, doch viele tolle und berührende Erlebnisse enden bekanntermaßen wenn es am schönsten ist.
So auch „Akademia – Eine Oper“.
Jetzt freue ich mich auf die DVD und den Katalog.

IMG_2998Fotos/ Thomas Auth

Zum Abschluss möchte ich Joseph Beuys zu Worte kommen lassen, der an dieser Oper vielleicht seine Freude gehabt hätte:

„Wichtig ist mir die Offenheit. Man muss herausstellen, was man ist. Es gibt gar keinen Grund dafür, seine Fehler, Mängel oder Verzerrungen zu verstecken. Dass es für die ganze Welt erst interessant und produktiv wird, wenn die Menschen sagen: Ich habe nichts zu verbergen! Die Wahrheit ist, dass ich ein fehlerhaftes unvollkommenes Wesen bin. Indem ich das dem anderen zeige, entsteht ein kreativer Prozess. Diese Wunde, dieses Fragmentarische muss man anschauen und dann weitergehen, sich ergänzen lassen vom anderen. Das gemeinsame Vorhaben bringt die Menschheit überhaupt erst in Gang.“

 

 

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Wo …

Wo Wölfe wieder Kreide fressen,
die alten Lieder heulen,
hungrige Schnauzen in den Wind gereckt
Wo schwerer Stiefel Gleichschritt
den beschwingten Beat vertreibt
Wo Pazifist zum Schimpfwort wird
und Gutmensch einen Narren meint
Wo dumpfer Hass auf alles Fremde
schon wieder Nationalstolz heißt
Wo man das Unsagbare
wohl noch sagen dürfen will,
Rassismus nur als Bagatelle gilt,
„Heimat“ wir sind mehr wert meint
Wo dunkle Potentaten offen
braune  Parolen zischen
und Grenzen sichern
jede Menschlichkeit verneint
Wo unter Linden sich wieder
Herrenmenschen finden,
mein schönes Land, in dieser Zeit,
da sei zum Widerstand bereit.

(c) Gabriele Auth

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Foto/ G.Auth

Mairegen

Mairegen tanzt
auf meinem Fenster
wie Lust, wie Leben
wie Millionen
H2O Gespenster,
spritzt und pladdert
es macht ihm Spaß,
dem Regen
gurgelnd rinnt er
macht alles nass
tränkt Baum und Strauch,
versammelt sich
zu einer Riesenpfütze
erfrischt die Katze,
tränkt meine rote Mütze
und für den Garten
ist er ein Segen.

(c) Gabriele Auth

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Foto Pixabay

Nur ein Moment

Sie reden.
Über das und dies.
Er erzählt von Wünschen, Plänen.
Sie breitet Träume vor ihm aus.
Auch die kleinen Ärgernisse ihrer Tage.
Daneben legt sie ihre Ängste.
Er spricht vom Scheitern.
Sie gesteht, nichts, was sie tut,
wird je ausreichen .
Nichts gut genug sein.
Er lächelt, zwinkert ihr zu,
antwortet mit einem lässigen Spruch.
Sie lachen.
Sehen sich an.
Seine Augen Blaugrau
mit gelben Sprenkeln.
Sie schaut auf ihre Hände.
Das Lachen verweht.
Er senkt den Blick.
Eine Strähne seiner Haare
weht ihm ins Gesicht.
Er pustet sie zur Seite.
Sie beobachtet es,
fühlt sich dünnhäutig.
Einfach so.
Er sieht aus dem Fenster.
Rund und rot ist der Mond.
Rot wie ihre Haare.
Ihr Blick folgt dem seinen.
Sie sehen beide
auf diesen leuchtenden Mond.
Ihre Hände nah beieinander,
berühren sich nicht.
Er spürt, er wird sie nie besser kennen,
ihr nie näher sein, als genau jetzt.
Nur ein Moment.
Wahrheit klingt im Schweigen.

(c) Gabriele Auth

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Foto Pixabay

Sacre du printemps 2

Vögel jubeln wie verrückt
Sonne erleuchtet triebhaftes Grün
Am Himmel ein Flugzeug
zieht …. keine Ahnung wohin.
Kopf in den Wolken
Füße im Gras
Dazwischen ein Dehnen
Ein inneres Summen
Fließen und Sehnen
Zuhause im Sein
Wohliges Frühlingsglück.

© Gabriele Auth

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Foto Pixabay

Auf ein Wort bei Musik, Wein und Bier. 

Meine erste größere Lesung in diesem Jahr. Begleitet werde ich von der Musikerin Martina Lichter (MmeLaGroketterie), deren Musik gut zu meinem Roman „Juli – What the bird said“ passt. Martina wird zusätzlich zu ihren eigenen Liedern auch die Cover Versionen von zwei bekannten Songs spielen, von denen das eine im Roman vorkommt.  Kommt vorbei, wir freuen uns auf Euch.

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Leipziger Buchmesse oder heute ist eben manchmal

Manchmal ist alles anders als geplant.
Und, heute ist eben manchmal.
Eigentlich sollte ich jetzt schon in Leipzig auf der Messe sein.
Aber…..
Großes ABER
Die Dinge entwickeln sich oft anders als man denkt. Ich glaube es war John Lennon, der gesagt hat: „Leben ist das, was einfach passiert, während wir damit beschäftigt sind, Pläne zu machen.“
Alles klar John. Ich mache jetzt erst mal keine Pläne, fahre nicht zur Messe, trotz Presseausweis und alledem.
Begnüge mich mit Fotos vom letzten Jahr. Trinke meinen Lieblingstee. Schone meine Knie.
Und vielleicht mache ich danach wieder Pläne für’s nächste Mal und warte, was passiert.

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Still

Nebel verschlingt
Kühle Begegnung
in verworrenen Träumen
Still

Nebel umhüllt
Dunkel fließende Seide
im allmählichen Fall
Still

Nebel zerfetzt
Blauer Stahl
in einem roten Puzzle
Still

©Gabriele Auth

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Foto Th.Auth

 

Masken, oder was passiert, wenn eine Autorin mit einem Songwriter chattet

Meide die fröhlichen Masken
sie schmeicheln dir trügerisch
sie leben von deiner Beachtung
doch geht es nicht um dich

Du für dich, bleibe dir
in deinem Leben treu
du für dich, entdecke dich
immer wieder neu

Sie stehen im Schein der Anderen
drum wollen sie dein Licht
du endest, wenn sie bleiben
es endet ohne dich

Du für dich, halte dich
an deinem Leben fest
du mit dir steh zu dir
pfeif‘ auf diesen Rest.

© Gabriele Auth/Frank Chatoupis

 

art-2174145_1280 (1)Foto by Gellinger on Pixabay