Auszug aus meinem immer noch aktuellen Buch Projekt: Juli

Einige Tage nach dem Anna-Desaster schellte es an der Tür. Ich öffnete. Vor mir stand Harry. Mir brach der Schweiß aus. Er musterte mich, als wäre ich der unattraktive Trostpreis einer drittklassigen Tombola.
»Willst du mich nicht reinlassen?«
»Warum sollte ich? Was willst du überhaupt?«
»Hab gehört, du wärst jetzt mit Martin, dieser Niete zusammen. Wollt´s nicht glauben, aber sein Name an der Klingel ist ja nicht zu übersehen.«

Ich fühlte mich festgenagelt zwischen Tür und Angel. Er schob sich an mir vorbei in die Wohnung, schien jedes Detail abzuschätzen, setzte sich breitbeinig auf die Couch und zündete eine Zigarette an. Sein Geruch stieg mir in die Nase, eine Mischung aus Deo und Schweiß. Ich stand mit hängenden Armen und weichen Knien im Zimmer und hätte mich am liebsten eng zusammengerollt, mich unsichtbar gemacht oder wenigstens ganz klein. Igelklein.
Gebetsmühlenartig wisperte es in meinem Kopf, kühl bleiben, Juli. Keine Schwäche zeigen.
»Ganz nett hier«, sagte Harry, »aber wir beide hatten es schöner zusammen.«
»Ansichtssache.«
»Bietest du mir keinen Kaffee an?«
»Hab keinen Kaffee. Nicht für dich.«
Er starrte mich an, schien meinen Körper von oben bis unten abzutasten, bis sein Blick wie ein verdammter Dartpfeil auf Höhe meiner Brust steckenblieb.
»Du hast zugenommen.«
»Na und, was gehts dich an?«
»Bist du verrückt, dir deine Figur zu versauen?«
Ich merkte, wie mir die Tränen kamen. Verdammt, ich wollte vor dem Typen nicht heulen. Warum zum Teufel war Martin nicht da? Martin, der Airbag zwischen mir und der Vergangenheit.
»Ich will, dass du verschwindest. Ich hab dich nicht eingeladen herzukommen und meine Figur zu begutachten.«
»Tut mir leid, war nicht so gemeint.«
»Ist mir egal, verschwinde einfach.«
»Wirfst du mich raus?« Seine Stimme war ein Biss. Er stand auf. Kam auf mich zu. Ich wich zurück in den Flur, öffnete die Wohnungstür.
»Zwing mich nicht, die Nachbarn zu rufen.«
Er drängte mich im Vorbeigehen an die Wand. Hart bohrte sich sein Ellbogen in meine Taille. Mir war schlecht. Da war so viel Wut in seinem Blick. Plötzlich schien die Stimmung zu kippen. Unheimlich, wie der Ausdruck in seinen Augen wechselte, als hätte jemand den Schalter umgelegt.
»Kann ich dich nicht wenigstens mal anrufen«, bettelte er.
»Wenns sein muss.«
»Mir tut das alles so total leid, Juli. Wirklich. Ich liebe dich doch. Das mit deiner Figur, das war ein blöder Spruch. Du siehst besser aus denn je, ehrlich. Mensch, du fehlst mir.« Er sah mich an wie ein Hund, der auf Futter wartet. Gierig. Unterwürfig. Sprungbereit.

»Machs gut«, sagte ich leise und schloss die Tür. Fast erwartete ich, dass er mit den Fäusten dagegen hämmerte. Ich ging ins Wohnzimmer, zündete Räucherstäbchen an, legte eine Platte von Leonard Cohen auf, A New Skin For The Old Ceremony, und schlang die Arme um den Oberkörper. Meine Hände zitterten. Die Musik wiegte mich in ihren Armen. Die Musik erlaubte mir zu weinen, bis es sich anfühlte, als käme statt der Tränen nur noch Sand aus meinen Augen.

Traum (eine Notiz)

Traum im
Traum
im
Traum
Zerbrochene Flügel
Gläserner Raum
Ein verpixeltes Bild
von Liebe
das Herz
Traum im
Traum
im
Traum
Verstand gesperrt
in Gedanken
Den Schlüssel verloren
im Raum
Gefallen
in den
multiversalen
Traum im
Traum
im
Traum

Eine Tasse Tee

Kleiner Auszug aus meinem Buch  Mensch lernt von Mensch.

Der Himmel sieht  gestreift aus. Weisse Wolkenstreifen im Sonnenlicht.
Ich sitze, beobachte durch die Balkontür das Morgenschauspiel der Natur. Die Sonne füllt den Tag mit Licht. Über die Balkonbrüstung ist ein Katzenschutznetz aus weissen Nylonfäden gespannt. Die Sonne verwandelt es in ein Gitter aus Licht.

Was ist Wahrheit?
Was weiß ich, das unumstößlich wahr ist?
Das Leben? Der Tod?
Mein Körper wird verfallen, verwelken wie eine Blüte. Aber verschwindet er wirklich vollständig?

Wenn Seele und Bewusstsein ihn verlassen haben, bleibt er eingebunden in den organischen Kreislauf der Erde. Und selbst, wenn die Körperhülle verbrannt wird, bleibt Asche. Das ist so unspektakulär und klein und dennoch von solch beängstigender Größe.

Angst vor dem großen unbekannten Nichts?
Existiert es überhaupt dieses Nichts?
Gibt es etwas, das nichts ist?
Meine lautlose Frage stolpert über das Lichtgitter am Balkon.
Manche Menschen sagen, dass Materie eine Illusion ist. Real sei allein die Energie, die jede Materie belebt, das Lebenslicht. Woher kann jemand wissen, dass das wahr ist, wenn er es nicht sieht?

Vor mir auf dem Tisch steht ein Glas mit schwarzem Tee. Earl Grey. Meine Lieblingssorte. Nachdenklich lasse ich Zucker in die bernsteinfarbene Flüssigkeit rieseln, beobachte wie die glitzernden Kristalle vom Löffel auf den Grund der Tasse trudeln, wo sie eine feine Schicht bilden. Beim Umrühren lösen sie sich auf. Ich kann sie nicht mehr wahrnehmen. Der Zucker hat den Tee verändert. Die Veränderung ist nicht sichtbar, aber wenn man einen Schluck trinkt, ist sie zu schmecken.
Ich gieße Milch dazu. Sie entfaltet sich zu einer hellen Wolke in der dunklen Flüssigkeit. Es sieht ein wenig  aus wie Rauch, der von einer Explosion aufsteigt. Durch den Schwung des Eingießens breitet die Wolke sich zunächst aus, sinkt dann auf den Grund der Tasse, wo sich ein lichter Streifen bildet. Während die Flüssigkeiten sich allmählich vermischen, wird der Streifen schmaler, bis er schließlich völlig verschwunden ist. Der Tee hat eine einheitliche milchig trübe Farbe angenommen. Milch und Tee sind durch einen neuen Schwung, durch ein erneutes Rühren nicht mehr voneinander zu trennen.

Die Welt und die Materie kommen mir vor wie eine Tasse Milchtee, Licht und Materie  vermischt zu einer Substanz, die wir Leben nennen.

Was bedeutet das für meine Liste der Wahrheiten?

In mir ist Leben und gleichzeitig Tod, wie Milch und Tee in Bewegung gehalten durch den Rührlöffel Zeit. Da ist Seele in mir. Unsterblichkeit. Ich kann es nicht sehen oder anfassen. Aber ich kann es wahrnehmen. So wie ich Zucker im Tee schmecken kann. Wenn ich mich strecke, Arme und Beine bewege, spüre ich die Muskeln. Was versetzt sie in Bewegung?

Einerseits sind es Abläufe im Gehirn. Aber was gibt ihnen den Impuls. Ist es der eigene Wille?
Wenn ich den Arm heben will, hebe ich ihn mit Hilfe des Willens.
Und wenn ich sterbe?
Keine Macht der Welt, nicht der energischste Wille könnte den Arm dann noch von innen her in Bewegung setzen.
Wo bleibt er dann, der starke Wille?
Was kann er noch bewirken?

Ich weiss nicht viel, aber eines wird mir klar, ich sollte jede Sekunde genießen. Jetzt, und jetzt, und wieder jetzt.

Ich trinke meinen Tee. Er ist nicht mehr ganz heiß. Der feine Bergamottegeschmack zusammen mit der Süße des Zuckers und der Weichheit der Milch, lässt mich genüsslich die Augen schließen.

 

Cover-Kurzgeschichten1 (2)

Heidelberg (eine Art Liebeslied)

Wolken spiegeln sich in Fenstern
ohne ihn ist der Himmel leer.
Wolkenfetzen wie Gespenster
Und in mir ist gar nichts mehr.
In mir find’ ich gar nichts mehr.

Er saß mir gegenüber
war längst nicht mehr hier
er sah mich an, ich wusste nicht
war das immer noch er
oder nur ein Bild von ihm
nichts als ein Bild von ihm.

Wolken spiegeln sich in Fenstern
ohne ihn ist der Himmel leer.
Wolkenfetzen wie Gespenster
Und in mir ist gar nichts mehr?
Ist da wirklich gar nichts mehr?

Hab die Tage nicht gezählt
seit er die Stadt verlassen hat
hundert Tage, hundert Jahre
aufgelöst und unsichtbar
wie Salz in einem Wasserglas
nur Salz in einem Wasserglas.

Wolken spiegeln sich in Fenstern
ohne ihn ist der Himmel leer.
Wolkenfetzen wie Gespenster
Und in mir ist gar nichts mehr
Verdammt, da ist nichts mehr.

Zwei

Wenn Zwei sich
verzwei-felt lieben,
ist jeder für sich
am Ende nur
Einer und allein.

Selbstauskunft

Versuch in Slam Poetry.

 

Ich bin ein Frosch, doch nicht grün hinter den Ohren. Nicht unschuldig, hab dennoch das Naive nicht verloren. Sozialromantikerin par Excellence, aber denk nicht, dass du mir was vormachen kannst. Ich seh lieb aus, doch leg dich bloß nicht mit mir an. Ich bin kühl, chaotisch, neurotisch und bissig, aber voll Gefühl. Zwischen Gutmensch und böser Fee bin ich ein Ping Pong Ball, zwischen weinen und lachen und ach verdammt. Ich weiß es nicht. Ich hab wahrscheinlich einen Knall.

Ich bin die, die ich bin
wer das ist, willst du wissen?
Selbst, wenn ich es dir sage, wirst du
dein eigenes Bild von mir malen,
deine eigene Fahne auf mir hissen.

Bin Feministin, finde Frauen oft doof und kann Ismen nicht leiden. Bin spontan, aber kann mich meistens nicht entscheiden. Steh auf Sanftheit und Liebe, doch brüll zurück, wenn einer mir blöd kommt. Will geben und auch nehmen. Gehalten sein, nicht gefangen. Bin laut aber liebe das Leise, zwischen reden und schweigen, lachen und weinen will ich alles. Will nicht nur zehn Prozent, sondern hundert Prozent Leben. In voller Fahrt auf meine eigene Weise.

Ich bin die, die ich bin
wer das ist, willst du wissen?
Selbst, wenn ich es dir sage, wirst du
dein eigenes Bild von mir malen,
deine eigene Fahne auf mir hissen.

Ich bin die Leinwand für deine Projektion, für Missgunst, Neid, die Sehnsucht nach dem Vater oder Sohn, die du zu selten siehst, und dann nutzt du als Ventil deinen Hass und die Lust, mich kleinzumachen. Greif zu. Nimm, was du brauchst und filz aus bunter Wolle dir dein eigenes Bild von mir. Ein wuscheliges Feindbild hübsch verziert nach deiner Facon. Ich weiß genau, das ist für dich nicht schwer. Glaub mir, ich würde lachen, wenn’s nicht so traurig wär’.

Ich bin die, die ich bin
wer das ist, willst du wissen?
Selbst, wenn ich es dir sage, wirst du
dein eigenes Bild von mir malen,
deine eigene Fahne auf mir hissen.

Ich bin eine Sammlung von Facetten. Für den Satz dank ich meinem Sohn, ein Künstler und Wortakrobat. Danke auch für seinen Freigeist, ein besserer Lohn für mich, als der verdammte Muttertag. Und seinen Schwestern dank ich für den Humor und für ihr Lachen, das mich wärmt und mir behagt, wenn mir der Hagel ins Gesicht fegt oder Zweifel an mir nagt. Ach und der eine, der große Kleine, auch ein Klangartist und ein Reimer,  ein Sohn, aber nicht meiner. Dem danke ich für seine frohe Kraft und seinen Sonnenmut. Wie seinem Vater. So weit so gut.

Ich bin die, die ich bin
wer das ist, willst du wissen?
Selbst, wenn ich es dir sage, wirst du
dein eigenes Bild von mir malen,
deine eigene Fahne auf mir hissen.

Bin Familienmensch, ich lieb sie alle, doch will ständig meine Ruh, um statt zu chillen, nur zu wuseln, konfuses Zeug zu denken und den Wald vor Bäumen nicht zu sehen. Bin oft beschränkt und kann mich nicht beschränken. Bin schüchtern, linkisch, maulfaul, soll öffentlich ich sprechen, doch hör nicht auf zu quasseln, nehm den Mund zu voll, wenn einer wirklich mit mir redet über das Leben, über den Tod. Den Sinn und alles das dazwischen. Wenn wir dem Schicksal ein paar Stunden aus der Tasche klauen. Für Momente denken, wir könnten ihm entwischen, uns dann trennen und wieder eigene Wege gehen bis auf ein nächstes Mal, oder uns niemals wiedersehen.

Ich bin die, die ich bin
wer das ist, willst du wissen?
Selbst, wenn ich es dir sage, wirst du
dein eigenes Bild von mir malen,
deine eigene Fahne auf mir hissen.

Hippie-Else hat jemand mal zu mir gesagt. Was solls, ich steh dazu, dass ich hennarote Haare und bunte Freundschaftsbändchen mag. Trag trotzdem meistens schwarz und grau. Du schimpfst mich Gutmensch, ich nenn mich fair. Es geht nicht um Klamotten, es geht um unser Wesen, deins und meins, ums Leben, um Bewusstsein, Liebe und noch mehr den Flow, der unsere Herzen tanzen lässt. Um alle für einen, und dass man da ist und versteht, wenn sich jemand in sich selbst verirrt. Nenn mich ruhig irre, lach mich aus. Ich bleib bei mir und lache mit, bin gern verrückt und stolz darauf.

Ich bin die, die ich bin
wer das ist, willst du wissen?
Selbst, wenn ich es dir sage, wirst du
dein eigenes Bild von mir malen,
deine eigene Fahne auf mir hissen.

Wirke oft ungerührt, arrogant und unantastbar, bin aber bloß scheu. Und wer mich wirklich berührt, den werd ich nicht verlassen. Bleibe treu, selbst wenn du gehst. Bin lautlos noch bei dir, egal wohin der Wind dich weht und nenn dich Freundin oder Freund. Es sind nur wenige, die diesen Namen tragen. Obwohl ich manchmal in der Menge bade, scheint Berührung ein rares Phänomen. Genug. Die Reihe ist an dir, die Schubladen zu öffnen. Ich sitz in allen und pass in keine. Bin Freundin, Feindbild, Mutter, Frau. Ein Biest. Einfach ein Vogel, der vorüber fliegt und leise seine Krallen über deine Kopfhaut zieht.

Ich bin die, die ich bin
wer das ist, willst du wissen?
Selbst, wenn ich es dir sage, wirst du
dein eigenes Bild von mir malen,
deine eigene Fahne auf mir hissen.
 

 

 

Moddi – Ein Konzert

Er betritt die Bühne mit der Gitarre in der Hand, ein schlanker, junger Mann mit blonden, verwuschelten Locken, die spinnwebfein sein Gesicht umrahmen.
„Hello, I am happy to be back in Münster again“, sagt er und fragt, wie viele von den Anwesenden ihn schon bei seinem ersten Auftritt hier gesehen haben. Arme gehen in die Höhe. Moddi, wie er sich selber nennt, zählt laut. Es sind achtundzwanzig.
„You may ask, what happend to your favorite barefoot Hobbit“ sagt er dann. Seine blauen Augen glänzen, als er lächelnd ins Publikum sieht und auf seine Füße zeigt.
„Was mag passiert sein, dass ich nun Schuhe trage?“
Er wirkt tatsächlich wie eine Erscheinung aus Herr der Ringe, eine Mischung aus Hobbit und Elb in Jeans mit roten Baseballschuhen, grauem T-Shirt und einer Gitarre.

Man merkt es sicher, dieser junge Norweger hat bereits in den ersten Minuten mein Herz erobert. Dabei habe ich noch keinen Ton von seiner Musik gehört, bin beinahe zufällig durch die Einladung eines Freundes hier im Pumpenhaus Münster gelandet. Jetzt stimmt Moddi das erste Lied an, singt vom Krieg und davon, dass das Töten für einen Soldaten zur Gewohnheit werden kann.

Schweigen. Dann Applaus.
Und Pal Moddi Knudsen erzählt, wie er, der sonst Lieder vom Meer und von der Liebe singt, dazu kam, auf der Bühne Schuhe zu tragen und Protestsongs zu singen.
Wie er zu einem Konzert in Tel Aviv eingeladen war und E-Mails aus ganz Europa bei ihm eintrafen, geschrieben von Menschen, die sich solidarisch erklärten mit dem palästinensischen Volk. Sie alle forderten, er solle den Auftritt in Tel Aviv absagen als ein politisches Statement für Palästina.
Moddi antwortete hunderte von Malen, er sei kein politischer Sänger, er singe Lieder vom Meer und von der Liebe.
Im gleichen Zeitraum sammelten sich in seinem E-Mail Postfach weitere hunderte von Mails, verfasst von Israelis und ihren Freunden aus aller Welt. Sie schrieben, wie wunderbar es doch sei, dass er mit seinem Auftritt in Tel Aviv ein Statement abgäbe für die Sache Israels.
Er antwortete erneut hunderte von Malen, seine Lieder seien kein politisches Statement, er sei einfach ein Sänger.
Die Flut der E-Mails aus beiden Richtungen riss nicht ab.
Moddi war traurig und bestürzt und sagte das Konzert ab. Er wollte sich von keiner Seite instrumentalisieren lassen.
In dieser Stimmung erreichte ihn eine Nachricht von Brigitte Grimstad, einer in Norwegen sehr bekannten und gefeierten Sängerin. Sie blickt auf eine ähnliche Erfahrung zurück. In den achtziger Jahren hatte sie einen Text des britischen Autors Richard Burgess vertont. Das Lied handelte von dem israelischen Brigade Kommandeur Eli Geva, der sich 1982 dem Befehl, in Beirut einzumarschieren, widersetzte und stattdessen seinen Abschied nahm.
Als bekannt wurde, dass Brigitte Grimstad im Rahmen einer Tournee in Jerusalem auftreten sollte, wurde sie im Vorfeld von verschiedenen Seiten aufgefordert, den Song über Eli Geva dort nicht zu singen. Der norwegische Botschafter in Jerusalem teilte ihr mit, er verließe mit seinen Begleitern geschlossen den Saal, sollte sie das Lied singen. Brigitte Grimstad sagte das Konzert ab.

Pal Moddi Knudsen dachte nach. Er fragte sich, wie viele Lieder es gibt, die offiziell oder inoffiziell geächtet und verboten sind, machte sich auf die Suche und wurde fündig.
Das bisherige Ergebnis stellt er bei seiner aktuellen Tournee vor. Sein neues Album, auf dem er zwölf dieser Lieder eingespielt hat, heisst Unsongs.
Er hat die Ursprungsländer dieser Lieder bereist, sprach mit deren Verfassern, Zeitzeugen oder Nachkommen. Die Gespräche wurden in Videos dokumentiert und sind zu finden auf der Projektseite unsongs.com
Nachdem Moddi dies alles erzählt hatte, sang er die ungesungenen Lieder, begleitet von seiner Gitarre und einer jungen Cellistin.
Das Publikum war mehr als zwei Stunden elektrisiert.

Ich höre seitdem immer wieder die Unsongs und bin dankbar für einen Musiker, für einen Menschen wie Pal Moddi Knudsen, der so aufrichtig, so wahrhaftig und bezaubernd auf einer Bühne steht und mit seiner Musik geächteten Songwritern und deren Songs ein Denkmal setzt, indem er ihre Geschichten erzählt und ihre Lieder so singt, dass man das Leben in ihnen spüren kann. Sie berühren mich alle, doch am meisten das Punk Gebet von Pussy Riot. Aber davon erzähle ich ein anderes Mal.

 

Eli Geva’s Lied

Ist

Fast alles, was ich zu wissen meine,
Spekulation.
Der Rest eine Mischung aus Fetzen
von Erkennen und
Schweigen.

Das meiste, was ich über andere denke,
Mein Spiegelbild.
Der Rest ein Pottpourie aus
echter Wahrnehmung
und Illusion.

Was ich will und meine,
was ich fühle und,
wie ich scheine,
ob ich schreie oder flüst’re.
Nur Metaphern für mein Leben.
Für Abneigung und Sympathie,
für Morgen und für Gestern.

Was ich mich nicht zu denken traue,
nicht zu fühlen wage,
nicht sehen oder
erkennen will.
Wahrheit.

Was ich wissen könnte,
wenn ich furchtlos wäre,
wirklich sähe,
wach und urteilsfrei,
ist Liebe, bin ich,
ist jetzt.

Ist.

Manchmal ist es eben Liebe

Manche Menschen sind dir von Anfang an nicht wirklich nahe, aber du entwickelst eine Vorstellung von Nähe und Gemeinschaft, hältst die Beziehung künstlich am Leben wie einen Koma Patienten, bis du begreifst, dass da nie echte Nähe war und das, was du für Freundschaft hieltest, nur eine verkleidete Bekanntschaft. Es piekst, wenn sie gehen, aber es tut nicht weh.

Dann gibt es die, die dich umklammern, über deine Grenzen hinweg , die dir die Luft zum Atmen nehmen. Du fühlst dich befreit, wenn ihr euch verabschiedet und staunst darüber, das nie geahnt zu haben. Doch wenn du ehrlich bist, war da immer so ein komisches Gefühl, ein Klebriges irgendwie.

Andere begleiten dich fast ein Leben lang, und selbst, wenn du sie nur selten siehst, ist es jedesmal, als wäre es erst gestern gewesen. Da ist eine seltsame Vertrautheit, die euch nie verloren geht und die euch wärmt.

Und dann sind da die, die zu dir gehören wie dein eigenes Lachen. Immer, wenn du glaubst, sie zu kennen, entdeckst du neue Facetten, überraschende Seiten und eure Gemeinschaft vertieft sich bis zu den Wurzeln.

Manchmal ist es  eben Liebe.

Wenn

Immer das schöne Händchen geben. Danke, und Bitte sagen.
Der Kuss von Onkel Jochen ist okay, auch wenn er nass und glitschig ist.
Putz dir die Nase. Halt den Mund, wenn Große reden.
Hör auf zu heulen, Indianer kennen keinen Schmerz.
Und keine Widerworte geben. Wer nicht hören will muss fühlen.
Wenn du nicht brav bist setzt es was.
Um acht Zuhause sein, sonst gibt es eine Woche Hausarrest.
So gehst du mir nicht aus dem Haus.
Wasch dir die Schminke ab.
Los, runter mit dem roten Nagellack und Lippenstift.
Siehst aus wie eine Hure.
Was sollen denn die Leute denken?
Wenn du dich nicht benimmst, fällt das auf uns zurück.
Die Leute reden über dich und wie du immer rumläufst.

Die Leute reden, reden, reden, die Leute, alles für die Leute.

Fenster stets sauber halten, die Gardinen  mit Nadeln straff gesteckt.
Und jede zweite Woche wird der Flur geputzt.
Zwei Mal.
Das Lächeln gründlich festgezurrt, wenn dich die Leute grüßen.
Nur leise weinen, wenn er dich wieder schlägt, weil er getrunken hat
und seine Arbeit ihm die Seele raubt.

Was sollen denn die Leute denken, wenn du schreist?
Was hinter euren Mauern los ist, geht doch keinen etwas an.

Und dann?

Und dann, wenn die Fassade Risse hat, wenn plötzlich du im Licht stehst,
dein verquollenes Gesicht den Blicken ausgesetzt?
Wenn die Leute hastig zur Seite blicken, verlegen, die Neugier hinter vorgehaltner Hand versteckt?
Wenn die Fassaden bröckeln?
Wenn die Mauern fallen?
Wenn jeder sieht wie schwach du bist und wie berührbar?
Wenn du die Tränen von den Wangen wischt und fortgehst?

Was sollen denn die Leute denken?
Wenn du frei bist?