Traumatage 6

»Haben wir den Mut, nach der Angst zu fassen wie nach einer Klinke und einzutreten«.

Diese letzte Zeile aus einem Gedicht von Jan Skácel passte zu meiner eigenen Verfassung genauso wie zu dieser verdammten Pandemie.

Die Regierung verkündete einen bundesweiten Lock Down.
Drei Tage danach rief ich beim Gynäkologen an.

»Ich möchte gerne heute noch zur Untersuchung kommen. Da ist ein Knubbel in meiner Brust«.
Mein Hals fühlte sich eng und kratzig an.
»Kommen Sie am besten direkt in die Praxis. Wir schieben Sie dazwischen«, sagte die Sprechstundenhilfe.
Während der Fahrt zum Arzt tobte in mir ein Kampf. Zwanzig Prozent Zuversicht versuchten, sich gegen achtzig Prozent Angst zu behaupten. Das Gefühl, das sich dabei in meinem Körper breitmachte, zeigte nur zu  deutlich, die Angst stand auf dem Siegertreppchen.
Nach einem kurzen Gespräch mit dem Gynäkologen lag ich auf der Untersuchungsliege.
Auf dem Bildschirm neben mir leuchtete das Ultraschallbild. Wir sahen beide stumm auf einen dunklen Fleck, der sich in meiner Brust abzeichnete. Er war eingerahmt von milchigweißen, strahlenförmigen Linien und sah den Bildern ähnlich, die es bei Google zu sehen gab. Erschreckend ähnlich.
»Das sieht schlecht aus«, wisperte ich.
Aus rätselhaften Gründen schien es weniger bedrohlich zu sein, wenn man es nicht so laut aussprach.
»Nun ja«, erwiderte der Arzt »es sieht so aus, ich möchte Sie gerne rüberschicken ins Marienhospital zur weiteren Diagnostik «.
Seine Stimme klang beinahe neutral. Doch am Ende des Satzes siedelte ein winziges Innehalten.
Unvermittelt entwickelte sich in mir ein verstörend kaltes Gefühl, bahnte sich seinen Weg vom Bauch aus in alle Richtungen meines Körpers, schien sämtliche Nervenbahnen zu kräuseln. Wasser, über das kühl der Wind streicht und kleine Wellen hervorruft.
Eine Mischung aus Widerstand und Ergebenheit durchbohrte  die innere Kälte.
Ein geh-rüber-in-die-Klinik-du-kannst-nichts-tun-ob-du-willst-oder-nicht Gefühl.
Beklommen nahm ich den Überweisungsschein in Empfang und ging zum Krankenhaus, das ungefähr fünfhundert Meter entfernt lag.
Der Arzt in der onkologischen Ambulanz machte eine weitere Ultraschallaufnahme. »Das müssen wir uns gleich mal genauer ansehen«, sagte er und schickte mich zurück in den Wartebereich.
Onkologische Ambulanz!
Der Name waberte in düsteren Buchstaben durch meinen Verstand. Ich saß in einer verdammten Krebs Ambulanz und wartete auf weitere Untersuchungen. Die ließen nicht lange auf sich warten. Zuerst eine Stanzbiopsie. Für alle, die das nicht kennen, dabei wird mit einer sogenannten Stanznadel ein kleines Stückchen Tumorgewebe ausgestochen wie ein winziges Weihnachtsplätzchen, in meinem Fall drei winzige Weihnachtsplätzchen.
Klingt das ein bisschen gruselig?
Das war es irgendwie auch, aber besonders schmerzhaft fand ich es nicht.
Mich quälte eher etwas anderes, da gab es definitiv einen Tumor. Stellte sich nur die Frage, ob er gutartig oder bösartig war.
»Machen Sie sich nicht verrückt«, sagte der freundliche, weißhaarige Arzt, »warten wir erstmal  ab, was die Pathologen sagen. Das Ergebnis sollte in zwei Tagen vorliegen. Dann sehen wir uns wieder«.
Machen Sie sich nicht verrückt.
Toller Spruch.
Klar machte ich mich verrückt.
Obwohl, das trifft es nicht genau. Ich stand eher in den Startlöchern einer sich anbahnenden Akzeptanz, dachte an die Ultraschallaufnahme, die so beängstigend an die Bilder im Internet erinnerte.

»Es sah nicht gut aus«, sagte ich, als ich nachhause kam.
»Es sah verdammtnochmal nicht gut aus«.
T umarmte mich.
Hielt mich.
Schweigen.
Stabilität in der Umarmung, wo alles in mir zusammenzubrechen schien
»Lass uns nicht gleich das Schlimmste denken«, sagte T.

»Ich denke nicht das Schlimmste, bloß das Realistische«, antwortete ich.
Dann erzählte ich von den Untersuchungen, stand dabei innerlich vor einer riesigen Kiste Furcht neben einem sehr kleinen Kästchen Hoffnung, ein Zustand, der die nächsten Tage anhielt.
Was wird wenn?
Was, wenn … ach Quatsch … aber wenn doch … das kann nicht sein … alles wird gut. Aber wenn nicht?
Was. Wenn. Nicht …?

»Haben wir den Mut, nach der Angst zu fassen wie nach einer Klinke und einzutreten«.

(c)Gabriele Auth  Foto on Pixabay

   

Traumatage 5

»Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen.
Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will. «
Diese Sätze hat Rainer Maria Rilke an einen jungen Dichter geschrieben. Ihnen gebührt ein besonderer Platz in meinem Leben, weil sie mir durch ein skurriles, schreckliches, trotzdem eigenartig schönes Jahr geholfen haben. Sie begleiten mich immer noch .

Viele  werden sich gut erinnern, wie es war, wie der ganze Wahnsinn begann. Im Januar 2020, fünf Monate nach T’s Rückkehr, brach in China eine Epidemie aus. Eine Infektionskrankheit der Lunge. Sie wurde hervorgerufen durch ein neuartiges Virus, das von der WHO den Namen Covid 19 bekam. Anfangs schien es nur eine von vielen Meldungen in den Nachrichten zu sein. Ich glaube, die Menschen machten sich hier in Deutschland wenig Gedanken darüber. Das gilt jedenfalls für mich. China war weit. Ich hatte genug mit mir selbst zu tun. Meine linke Brust fühlte sich irgendwie ungewohnt an. Da war eine Schwellung, die weh tat, wenn ich mit den Fingern darauf drückte. Eine Brustentzündung, dachte ich, gab den Begriff bei Google ein, mit dem Zusatz »Menopause«.
Na bitte, Google wusste Bescheid. Solche Entzündungen treten zwar überwiegend bei stillenden Müttern auf, können aber auch in der Menopause vorkommen. Ich rief die Hausärztin an. Sie empfahl mir, Wickel mit Retterspitz zu machen. Das hatte Google auch vorgeschlagen, also kaufte ich Retterspitz. Die Umschläge hatten eine angenehm kühlende Wirkung, die Schwellung ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken.
Beinahe lautlos schlich sich ein hässliches Gefühl heran. Schlängelte sich in meine Gedanken. Vielleicht war Retterspitz gar nicht die Rettung?
Konnte sich etwas Schlimmeres in der  Brust eingenistet haben? 

Aber …  ich hatte regelmäßig beide Brüste abgetastet … wieso gab es da plötzlich diesen Knubbel?
Es lässt sich nicht leugnen, ich bin nachlässig, was Besuche beim Frauenarzt angeht. Da waren doch nie irgendwelche Auffälligkeiten gewesen, na ja und eine Schwangerschaft war nicht mehr zu erwarten. Ich fühlte mich sicher. Gesund. So what?

Inzwischen war es März geworden. Aus der Epidemie in China hatte sich eine Pandemie entwickelt, die, während ich dies schreibe, die Welt immer noch im Griff hält.
Corona Pandemie.
Manche denken bei dem Wort Corona an das gleichnamige Bier. Mir fällt eher eine Krone ein.
Entspricht das Bild von der Krone, wenn man genau hinsieht, nicht dem Aussehen des Virus?
Eine stachelige Krone.
Dornenkrone?
Es mag verrückt klingen, aber in meiner Fantasie passt das Bild von der Dornenkrone genau zur Entwicklung und zur Situation der Menschen.
»Ecce Homo – Seht ein Mensch«, heißt es in der Bibel.
Pilatus ruft diese Worte einer aufgeregten Menschenmenge zu und zeigt dabei auf den Mann neben sich, Jesus.
»Seht ein Mensch«.
Für alle, die es nicht kennen, in der Situation ging es um eine Entscheidung zwischen Begnadigung und Tod. »Kreuzige ihn«, brüllte der Mob. Kurz darauf drückte man Jesus eine Dornenkrone auf den Kopf. Pilatus wusch sich die Hände in Unschuld. Ich muss bei dieser Geschichte unwillkürlich an die heutige Medienlandschaft denken, besonders an Vorkommnisse im Social Media, an all die Hasskommentar bei Facebook oder Twitter, oft befeuert von Berichten und Meldungen in Zeitungen und im TV.
Kann man sich ernsthaft die Hände in Unschuld waschen, wenn man einen unschuldigen Menschen verurteilt, nur weil die Masse danach schreit?
Und, wenn man sich gegen das vermeintlich Vorbestimmte stellt, nimmt es dann trotzdem seinen Lauf?
Manchmal kommt es mir vor, als könnten Pilatus und Jesus zwei Teile in mir selber sein, möglicherweise in jedem von uns. Diese Vorstellung würde zu Rilkes Text über Drachen und Prinzessinnen passen. Aber das ist meine persönliche Sicht.
Du siehst das vielleicht ganz anders.  
Wie auch immer, da war dieser Knoten in meiner Brust. Er verursachte ein mulmiges Gefühl in mir, das von Tag zu Tag aufdringlicher wurde.
Konnte ich die Augen noch länger vor der Realität verschließen, während ich fleißig Retterspitzwickel machte?
Okay, ich googelte das brutale Wort.
»B r u s t k r e b s«.
Die Ergebnisse waren beklemmend, egal, ob Erfahrungsberichte oder Bilder. Kein Zweifel, ich brauchte dringend eine fachärztliche Diagnose. Dann würde alles gut sein.

 
foto/ima artist on Pixabay

                         

Kleines schwarzes Tier

Nah an meinem Herzen
lehnt ein schwarzes Tier
struppig wie eine
alte Schuhbürste.
Beinahe niedlich
sieht es aus.

Es nagt sich mit
spitzen Zähnen
in mein Fleisch.
Ich habe ihm gesagt,
es soll verschwinden.

(co) Gabriele Auth

Foto/ Pixabay

Schmetterlinge zum Tee

Schmetterlinge zum Tee
Fledermäuse im Licht
Umschwirren mich
Wenn ich dich seh‘
Du weißt es nicht.

Fels in der Brandung
Kann selbst ich mir sein
Ich bleibe bei mir
Lass mich nicht allein
Wenn alle gehen

Bleibe ich hier

(c) Gabriele Auth

Foto/Jill Wellington on Pixabay

Sarahs Song – Geburtstagslied für eine sehr spezielle Frau

A pretty punk-princess
is born in nineteeneightyone
her eyes are sparkling blue,
her smile is shining like the sun.

And butterflies
are dancing in the sky
a tiny little princess
learns to live by and by.

She grows up, learns to play,
to speak, to tell the world her wishes
all she wants is pink, her shoes,
her dress, her cups and dishes.

And butterflies
are smiling in the sky
a tiny little princess
is growing by and by.

Then she becomes a sister,
woman, mother and a wife
her beauty and her heart
is lighten up her husbands life.

And butterflies
are singing in the sky
a tiny little princess
is grown up by and by.

Today is her birthday
we just made a little song
we hope she will enjoy it
when we come and sing along.

Have a nice day
and all your luck may stay
the tiny little princess
is the queen of today.

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 Foto on Pixabay

 

 

 

Nur ein Märchen

Königin im dunklen Schloss
spricht mit tausend Katzen
weiß nicht mehr, wer sie ist.

Hüterin der Schlüssel dreht
das Glücksrad jeden Tag
fragt niemals nach dem Sinn.

Wer sieht, was er nicht
sehen darf, den holt
der Reißwolf bei Nacht,
heult ein Blutlied aus Stahl.

Kleines Mädchen Namenlos
trägt den Schlüssel aus Glas
verborgen im hellen Kleid.

Vasallen erstarrt beim Tanz
im Thronsaal ohne Licht
kichern tonlos und dumm.

Tag des Erinnerns
der Spuk vorbei
sie öffnen die Augen
sind endlich frei.

Katzenkind im Silberturm
kennt das geheime Wort
schweigt hundert Jahre lang.

Fahrstuhlführer ohne Ziel sucht
auf und ab den siebten Stock
im Dornbusch rostet sein Schwert.

Tag des Erinnerns
Licht flutet den Raum
Herzen erblühen
vergessen den Traum.

(c) Gabriele Auth

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Nur ein Moment

Sie reden.
Über das und dies.
Er erzählt von Wünschen, Plänen.
Sie breitet Träume vor ihm aus.
Auch die kleinen Ärgernisse ihrer Tage.
Daneben legt sie ihre Ängste.
Er spricht vom Scheitern.
Sie gesteht, nichts, was sie tut,
wird je ausreichen .
Nichts gut genug sein.
Er lächelt, zwinkert ihr zu,
antwortet mit einem lässigen Spruch.
Sie lachen.
Sehen sich an.
Seine Augen Blaugrau
mit gelben Sprenkeln.
Sie schaut auf ihre Hände.
Das Lachen verweht.
Er senkt den Blick.
Eine Strähne seiner Haare
weht ihm ins Gesicht.
Er pustet sie zur Seite.
Sie beobachtet es,
fühlt sich dünnhäutig.
Einfach so.
Er sieht aus dem Fenster.
Rund und rot ist der Mond.
Rot wie ihre Haare.
Ihr Blick folgt dem seinen.
Sie sehen beide
auf diesen leuchtenden Mond.
Ihre Hände nah beieinander,
berühren sich nicht.
Er spürt, er wird sie nie besser kennen,
ihr nie näher sein, als genau jetzt.
Nur ein Moment.
Wahrheit klingt im Schweigen.

(c) Gabriele Auth

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Foto Pixabay

Auf ein Wort bei Musik, Wein und Bier. 

Meine erste größere Lesung in diesem Jahr. Begleitet werde ich von der Musikerin Martina Lichter (MmeLaGroketterie), deren Musik gut zu meinem Roman „Juli – What the bird said“ passt. Martina wird zusätzlich zu ihren eigenen Liedern auch die Cover Versionen von zwei bekannten Songs spielen, von denen das eine im Roman vorkommt.  Kommt vorbei, wir freuen uns auf Euch.

Seite für Saite1-005

Schneewittchen

Ihr Blick fliegt
in die Ferne,
schweift über endlose,
fahle Ebenen.
Kein Fixpunkt im Grau.
Hügel am Horizont.
Schwarze Vögel kreisen.
Enge in der Weite.

Herzeinschnürend.

Kein Raum,
die Arme zu bewegen.
Sie dreht den Kopf,
stößt an die Wand.
Glas.
In Höhe ihres Mundes
ein milchiger Fleck.
Abbild ihres Atems.

Ihr Schrei
zurückgeworfen
von gläsernen Wänden.
Ein Sarg im Nichts.
Gebrochene Flügel.
Tränen
wie Nieselregen.
Der Prinz kommt nicht mehr.

© gabriele auth

hands-804934_1280Foto: Pixabay