Unfalltagebuch 3 Hundert Teile

Ich höre Stimmen in dem Grau. Eine fragt mich, wie ich heisse, wann ich geboren bin und was passiert ist. Ich weiß gar nichts, aber ich antworte und lasse mich wieder in den Nebel sinken. Irgendwann gehen meine Augen auf, als hätten sie das verdammte Recht, mich in den Schmerz zurückzuholen. Ich liege auf einer schmalen, fahrbaren Bahre, die in einem leeren, engen Gang steht, der mich an einen Kellergang erinnert, aber okay, ich bin nicht zurechnungsfähig, wahrscheinlich ist es nur irgendein dröger Krankenhausflur. Aber warum ist niemand hier bei mir? Wo ist T? Ich rufe in den Gang. Meine Stimme klingt seltsam fremd und verwaschen in meinen Ohren.
„Hallo. Ist da jemand?“
Nichts.
Und noch einmal: „Hallo“.
Schritte nähern sich, ein Mann in einem weißen Kittel bleibt vor meiner Bahre stehen.
„Wo ist mein Mann? Er müsste doch längst hier sein.“
„Wenn er kommt, bringen wir ihn sofort zu Ihnen.“
„Aber, er müsste längst hier sein. Bitte fragen Sie an der Anmeldung, ob er hier ist.“
„Wenn er kommt, schickt man ihn direkt hierher.“
„Kann ich dann was zu trinken haben?“
„Später, auf der Station.“
Schritte entfernen sich. Mist, das kann doch nicht so schwer sein. Ich hab doch nicht nach Brad Pitt und Champagner gefragt. Mag ich sowieso beides nicht. Ich wollte Wasser und T. Das war alles. Ich schließe die Augen und versuche wieder wegzutreiben ins Kunterbunt. Keine Chance. Okay, dann eben nicht, aber die Augen lasse ich trotzdem zu. Ich will nicht aufgebahrt in diesem leeren Gang liegen und an die Decke starren. Klingt das nach einem Sumpf aus Selbstmitleid? Ist mir egal, ich hab einen Gummiarm, der in einem komischen grauen Fixiergurt steckt wie in einer Zwangsjacke. Ich hab keine Ahnung, wann die mich in dieses Ding gesteckt haben.
Ich hasse es jetzt schon.
„Hallo“, rufe ich noch einmal ins Leere. Keine Antwort. Ich werde jetzt nicht heulen, wenn die Trockenheit aus meinem Mund sich in meinem ganzen Körper breit gemacht hat, hab ich sowieso keine Tränen. Ich bin eine verdammte Wüste.
Endlich höre ich Schritte, die nicht nur irgendwo da hinten über den Flur huschen. Es klingt wie mehrere Personen. Sie kommen näher. Ich öffne die Augen, blinzele in den dämmrigen Gang. Da ist er, T kommt auf mich zu, neben ihm ein Mann in einem weißen Kittel. T streicht mir übers Gesicht. „Die Polizei wollte noch so viel wissen“, sagt er.
Ich hab Tränen in den Augen. Doch keine Wüste. Ts Augen glänzen auch ziemlich feucht. Der Mann im weißen Kittel beugt sich über mich. Er hat ein rundes, lächelndes, schwarzes Gesicht. „Ich bin der diensthabende Arzt“, stellt er sich vor. „Sie haben sich ganz schön die Schulter zerlegt, hundert Teile, würde ich sagen.“ Er lacht. „Aber das kriegen wir wieder hin. Jetzt kommen Sie erst mal auf die Station und morgen entscheiden wir, wann wir Ihre Schulter zusammenschrauben.“ Ich verstehe nur zerlegt und hundert Teile. Shit.
„Kann ich bitte etwas zu trinken haben?“ frage ich, mein Dauermantra seit dem Unfall.
„Auf der Station“, sagt der fröhliche Doc. War irgendwie klar. Ich werde nicht mehr danach fragen. Ich hab den Unfall überlebt, ich werde auch die Dürre danach überleben. Eine Schwester bringt ein richtiges Bett. Mit vereinten Kräften schaffen wir mich von der Bahre dort hinein. Wunderbar. Sie schiebt mich in den Fahrstuhl, durch den Stationsflur, in ein leeres Zimmer. T hält auf dem Weg meine Hand. Sie ist warm wie immer. Wie oft habe ich mich eigentlich schon in ihn verliebt?
Auf dem Nachttisch neben meinem Bett steht eine Flasche Mineralwasser. T gießt mir etwas in ein Glas. „Alles wird gut“, sagt er. Ich trinke. Dieses unbeschreiblich köstliche Kribbeln der Kohlensäure.
Ich weiß, dass er Recht hat. Alles ist gut.

Bunte Schläuche – Unfalltagebuch 2

Schnell in die Jacke geschlüpft, Helm auf, auf den Roller geschwungen und los. Ich mag meinen speedigen, blauen Piaggio, wenn er gut drauf ist, schnurrt er wie eine mechanische Riesenkatze und der Tacho steigt bis auf hundert km/h.
Er ist gut drauf, die Strecke durch den Stadthafen reine Poesie, Rollerblues in der späten Nachmittagssonne. Am rechten Straßenrand erstreckt sich eine wilde Industriebrache. Ich sehe aus den Augenwinkeln einen Fasan im Gebüsch verschwinden. Ich lache. Ein Fasan mitten im Ruhrpott, im Industriehafen. Das ist so tolkienesk.
Ui, ich fahre mal wieder zu schnell, viel zu schnell. Ich bin spät dran. T und ich sind an der Bank verabredet, wir haben einen Termin bei der netten Frau A, die seit Jahren unsere Kontoführung macht.
Die Straße liegt vor mir wie eine Landebahn, niemand außer mir unterwegs, also, was soll’s? Ich gebe mich dem Rausch des Fahrens hin, der mir den Verstand jedes Mal rückstandslos durchpustet, aufräumt und ein paar kleine Alphawellen freisetzt.
Laut singend lenke ich meinen Roller über die Bahn „ Load up on guns and bring your friends. It’s fun to lose and to pretend.  She’s over-bored and self-assured. Oh no, I know a dirty word. Hello, hello, hello, how low……”
Nirvana, smells like teen spirit.
Hier ist keiner, hier hört mich keiner und wenn doch, auch egal.
Der verdammte Cobain hätte sich nicht umbringen sollen. Ist doch bullshit, sich einfach so die Kugel zu geben.
Das Hafengebiet liegt hinter mir, ich fahre brav fünfzig, na gut, sechzig, bin fast da, sehe T schon vor der Bank stehen, biege von der Vorfahrtstraße rechts in eine kleine Straße ein und brettere mit zu viel Gas auf den Gehweg. Krach, titscht mein Roller gegen die Hauswand. Eine ältere Frau kommt vorbei. „Hui“, sagt sie, „ das war wohl was heftig, da hätte leicht was passieren können“.
Ich lache und schüttele den Kopf. „Geht schon“, sage ich. Ist ja gut gegangen.“
Insgeheim ärgere ich mich.
T hat alles beobachtet, kommt auf mich zu. „Du unverbesserliche Kamikaze-Braut, du musst echt besser aufpassen.“
Ich seufze und nicke. Mein kleiner Piaggio hat Kratzer an der Frontverkleidung. An der Hauswand sehe ich eine blaue Lackspur wie eine missglückte Unterschrift. Unlustig. Ich stehe heute nicht nur eindeutig unter Strom, sondern irgendwie auch neben mir.
Frau A, unsere Konto-Fee, ist nett wie immer, und sie hat Recht, dass ich eine Rentenlücke schließen muss. Wer denn nicht? Ich unterschreibe für das Auffüllen der Lücke, wir verabschieden uns und ich stehe mit T vor der Bank.
„Trinken wir noch irgendwo einen Kaffee“, frage ich
„Ich will lieber direkt nach Hause, bin völlig platt von der Arbeit“, antwortet er.
Ich küsse ihn und sage, dass ich noch fürs Abendessen einkaufen werde.
„Bis gleich“.
T steigt in sein Auto, ich setze den Helm auf, schwinge mich auf den Roller, starte den Motor (ich liebe dieses Geräusch, wenn der Motor anspringt). Der Piaggio ist beim Anfahren ein echter Sprinter. Ich biege links in die Vorfahrtstraße ein, rechts an der Haltestelle steht ein Linienbus, ich höre lautes Hupen, sehe im selben Moment einen dunklen BMW vor mir. Ganz genau vor mir. Wo kommt der plötzlich her? Ich meine, der kommt von rechts, klar, aber warum zum Teufel hab ich den nicht früher gesehen?
Bremsen, bremsen…
Sind die Dinger kaputt? Der Piaggio rutscht weiter Richtung BMW. Ich werd dem in die hintere Seite fahren, keine Chance. Es knallt. Ich weiß nichts mehr, liege auf dem Boden, neben mir mein rechter Arm, der aussieht wie ein verdammter Gummiarm. Der ist doch noch dran, oder? Jemand muss mir den Helm abgenommen haben, irgendein Passant, von denen inzwischen mehrere um mich herumstehen.
Mist, mein Shirt ist hoch gerutscht, denke ich und frage mich, wie ich das in diesem Moment wichtig finden kann. Na und, dann ist mein Bauch halt nackt. Einer der Passanten nimmt meinen rechten Arm und will ihn mir auf die Brust legen. Anscheinend will er mich in die stabile Seitenlage bringen. Millionen Schmerzgeschosse fetzen in meine Schulter, ich schreie, brülle den Typen an: „Nein! Nicht anfassen, nicht anfassen, der Arm ist kaputt“.
Er lässt mich los. Okay, mein Arm sieht aus wie Gummi, ich kann ihn nicht bewegen, aber er ist offensichtlich noch dran.
„Krankenwagen ist unterwegs“, sagt eine Stimme irgendwo links über mir. Ich drehe den Kopf, sehe hoch. Ein Mann steht da, und ein Stück weiter vorne liegt mein Roller.
Oh Gott, T ist auf dem Weg nach Hause und hat keine Ahnung.
„Bitte ziehen Sie den Schlüssel und schließen den Sattel auf. Da ist meine Tasche drin“:
Der Mann nickt mir beruhigend zu. „Alles in Ordnung“, sagt er, „an die Tasche geht keiner dran.“
„Nein, darum geht es nicht. Bitte schließen Sie auf. Mein Handy, holen Sie mein Handy raus. Ich will meinen Mann anrufen.“ Verdammt, ist das anstrengend. Der Typ hat mich zum Glück verstanden. Ich sehe ihm dabei zu, wie er meine Tasche herausnimmt und nach dem Smartphone sucht. Jetzt hat er meine Dose mit Bachblütenbonbons in der Hand. Notfallbonbons. Also, wenn dies hier kein Notfall ist.
„Ja“, rufe ich „ja, bitte, geben Sie mir eins von den Bobons aus der Dose“.
Er steckt mir ein Bonbon in den Mund. Das wird den Arm nicht richten, aber es lindert die Mundtrockenheit und überhaupt, wozu hab ich die Dinger schließlich?
Er hat jetzt mein Handy gefunden. Ich verrate ihm meine Pin und sage, dass er in den Kontakten nach T mobil suchen soll. Er wählt. „Ihre Frau will Sie sprechen“, sagt er. Dann gibt er mir das Handy. Ich fühle mich ganz ruhig. Vielleicht liegt das an dem Notfallbonbon, oder daran, dass ich Ts Stimme höre.
„Was ist passiert?“
„Ich hatte einen Unfall.“
„Wo?“
„Vor der Bank“.
„Ich bin in drei Minuten da“.
Ich lasse das Smartphone aus der Hand gleiten und schließe die Augen. T wird gleich bei mir sein. Ich bin nicht alleine.
Ein Sanitäter kniet sich neben mich und tastet mein Becken ab, drückt meinen Bauch und fragt, ob das weh tut.
„Nur der Arm“, sage ich, „ich bin okay, nur der rechte Arm ist kaputt“.
Ein anderer Sanitäter legt mir eine Halskrause an. Verdammt, will der mich erwürgen? Mir reicht es so schon, ich brauch nicht noch so ein Ding um den Hals. Panik.
„Machen Sie das bitte weg.“
„Das muss dran bleiben.“
Ich fummele den Verschluss von dem Mörderteil auf. Ist das mein Körper oder seiner?
Er schiebt meine Hand zur Seite und schließt die Krause wieder.
„Ich will das nicht, ich hab nichts am Hals, nur am Arm.“ Sage ich und mache mich wieder an dem Verschluss zu schaffen. Jetzt brüllt der Kerl mich an, steht über mir, sein Zeigefinger durchbohrt den Himmel.
„Die Krause bleibt dran.“.
Meine Güte, wer hat hier eigentlich mehr Panik, ich oder dieser Rettungstyp?
Der andere Retter, der, der rechts neben mir hockt, erklärt mir, dass die Krause eine unumgängliche Sicherheitsmaßnahme ist und erst im Krankenhaus von den Ärzten in der Notaufnahme entfernt werden darf. Er hat eine ruhige, freundliche Stimme. Gechillter Typ. Krankenhaus, langsam sickert es in mein Bewusstsein, die werden mich in ein verdammtes Krankenhaus bringen.
„Ich will was trinken“, sage ich.
„Das geht jetzt nicht“, sagt der Typ, der mich angebrüllt hat. War ja klar irgendwie. Mein Mund fühlt sich an wie frisch geschmirgelt. Die werden mir sicher kein Bonbon mehr erlauben. Die haben wahrscheinlich Angst, dass ich daran ersticke. Ich schließe die Augen und ergebe mich. Jemand hält meine Hand und streicht mir übers Haar. Das fühlt sich vertraut an.
„Was machst du für Sachen?“
T. Endlich. Jetzt kann ich weinen.
Zwei Polizisten beugen sich über mich und stellen irgendwelche Fragen. Ich gebe irgendwelche Antworten. Keine Ahnung, was wir da reden.
„Keine Fotos“, höre ich jemanden sagen.
„Das ist der andere Unfallbeteiligte“, antwortet eine andere Stimme. Ach ja, den gibt es ja auch noch. Na, wenn er Fotos vom Tatort machen kann, ist er besser dran als ich.
Sie verfrachten mich in so eine Art Gummihängematte, von da aus auf eine Liege, und dann in den Krankenwagen. T kommt mit.
„Ich will was trinken“, sage ich.
„Das geht jetzt nicht“ antwortet eine Frauenstimme.
„Ich bin die Notärztin“, stellt sie sich vor. „Sie bekommen jetzt einen Tropf gegen den Durst.“
Einen Tropf? Mein Mund ist trocken wie Rindenmulch. Was soll ich mit einem Tropf?
„Wenigstens einen nassen Lappen für die Lippen?“
„Wir haben hier keinen Lappen.“
Okay, diese Wassersache ist offensichtlich nicht verhandelbar. Also beantworte ich die zweihundert Fragen der Notfallärztin.
„Und wenn Sie ein Stück Mull nass machen?“ frage ich dann.
„Wenn Sie im Krankenhaus sind“.
„Ich bin manchmal ein bisschen panisch“, sage ich.
„Ich geb Ihnen jetzt ein Beruhigungsmittel.“
„Will kein Beruhigungsmittel.“
T wird aufgefordert, auszusteigen.
„Wir sehen uns gleich, dann bekommst du auch Wasser“, sagt er.
Ich gebe auf.
Etwas sticht in meinen Arm, dann fahren wir los. Was ist das für ein komischer bunter Tunnel? An den Wänden und an der Decke sind farbige Schläuche angebracht, einer neben dem anderen, grüne, gelbe, rote und viele blaue. Das ist wie in diesem St. Martinslied aus dem Kindergarten. Schwachsinn, denke ich. Ich sehe nichts anderes mehr, nur bunte Schläuche in einem Tunnel. Dann wird es allmählich alles grau. Abscheulich, beklemmend aber seltsamerweise okay.

Notfallknopf – Unfalltagebuch 1

Die Unwägbarkeit der Freiheit springt mich von hinten an, krallt sich in meinem Nacken fest und kreischt mir ins Ohr:
„Du bist total gefährdet hier, jedem dummen Zufall hilflos ausgeliefert. Und es gibt keinen Knopf, um die Schwester zu rufen.“ Meine Gehirnwindungen bibbern, als das Gekreisch in ein hysterisches, irgendwie irres Kichern übergeht.
Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht.
„Verpiss dich“, flüstere ich. Es fühlt sich weniger energisch an, als es klingt.
„Was?“ fragt T.
„Ach nichts“ sage ich.
Wir stehen auf dem Gehweg vor dem Haupteingang des Krankenhauses. Die Autos auf der Straße machen mich nervös. Ich drehe mich um und sehe zurück auf die schmucklose Glastür. Meine Füße wollen sich nicht so recht in Bewegung setzen. Verdammte Feiglinge. Schließlich ist mit ihnen alles in Ordnung. Es ist mein Arm, genauer gesagt meine rechte Schulter, die wie eine pubertierende Magersüchtige hyperventiliert und ängstliche Signale an mein Gehirn sendet. S.O.S. ich bin verletzt. S.O.S. das hier geht gar nicht. Ich kann das nicht.

Okay, es stimmt ja, ich habe keinen Knopf mehr, um die Schwester zu rufen. Zwei Wochen war ich im Krankenhaus, rundum sicher, Tag und Nacht überwacht. Ich hatte mir gewünscht nach Hause zu gehen, aber ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt. Ich wollte doch nicht einfach so vor die Tür gestellt werden, mit einer Fixiermanschette um Schulter, Arm und Taille und einem Arztbericht für den Hausarzt in der Tasche. Ich wollte den Notfallknopf mitnehmen.
Die gewohnte  Freiheit fühlt sich fremd und gefährlich an, wenn man verletzt ist.            Verdammter Drecksunfall. Mir läuft eine Träne übers Gesicht, hatte nicht mal gemerkt, dass ich angefangen hab zu heulen.
„Komm, ich stehe direkt nebenan auf dem Parkplatz“, sagt T und nimmt meine Hand. Es fühlt sich gut und sicher an. Ich beschließe, dass T mein Übergangs-Ersatz-Notfallknopf ist und setze mich in Bewegung.
Wie bin ich bloß hier gestrandet?
Ich wollte doch nur schnell zur Bank und dann einkaufen. Ich hatte nicht mal das verdammte Notebook ausgeschaltet. Ich sehe es  vor mir wie in einem Film, mich selbst an diesem sonnigen Dienstag vor zwei Wochen.