Krallen

Manchmal wär‘ ich gerne

eine dieser Katzen

leicht verwildert mit

Krallen an den Tatzen.

Die würde ich hegen

schärfen und pflegen,

und stellte mir einer

die falschen Fragen

dächte vielleicht, er

könnte mir sagen

wie ich mein Leben

leben soll …

husch

hätte er Schrammen

im Gesicht

und ich putz mir die Nase,

mehr wäre da nicht.

© Gabriele Auth

                                   

Foto/Pixabay

Traumatage 5

»Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen.
Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will. «
Diese Sätze hat Rainer Maria Rilke an einen jungen Dichter geschrieben. Ihnen gebührt ein besonderer Platz in meinem Leben, weil sie mir durch ein skurriles, schreckliches, trotzdem eigenartig schönes Jahr geholfen haben. Sie begleiten mich immer noch .

Viele  werden sich gut erinnern, wie es war, wie der ganze Wahnsinn begann. Im Januar 2020, fünf Monate nach T’s Rückkehr, brach in China eine Epidemie aus. Eine Infektionskrankheit der Lunge. Sie wurde hervorgerufen durch ein neuartiges Virus, das von der WHO den Namen Covid 19 bekam. Anfangs schien es nur eine von vielen Meldungen in den Nachrichten zu sein. Ich glaube, die Menschen machten sich hier in Deutschland wenig Gedanken darüber. Das gilt jedenfalls für mich. China war weit. Ich hatte genug mit mir selbst zu tun. Meine linke Brust fühlte sich irgendwie ungewohnt an. Da war eine Schwellung, die weh tat, wenn ich mit den Fingern darauf drückte. Eine Brustentzündung, dachte ich, gab den Begriff bei Google ein, mit dem Zusatz »Menopause«.
Na bitte, Google wusste Bescheid. Solche Entzündungen treten zwar überwiegend bei stillenden Müttern auf, können aber auch in der Menopause vorkommen. Ich rief die Hausärztin an. Sie empfahl mir, Wickel mit Retterspitz zu machen. Das hatte Google auch vorgeschlagen, also kaufte ich Retterspitz. Die Umschläge hatten eine angenehm kühlende Wirkung, die Schwellung ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken.
Beinahe lautlos schlich sich ein hässliches Gefühl heran. Schlängelte sich in meine Gedanken. Vielleicht war Retterspitz gar nicht die Rettung?
Konnte sich etwas Schlimmeres in der  Brust eingenistet haben? 

Aber …  ich hatte regelmäßig beide Brüste abgetastet … wieso gab es da plötzlich diesen Knubbel?
Es lässt sich nicht leugnen, ich bin nachlässig, was Besuche beim Frauenarzt angeht. Da waren doch nie irgendwelche Auffälligkeiten gewesen, na ja und eine Schwangerschaft war nicht mehr zu erwarten. Ich fühlte mich sicher. Gesund. So what?

Inzwischen war es März geworden. Aus der Epidemie in China hatte sich eine Pandemie entwickelt, die, während ich dies schreibe, die Welt immer noch im Griff hält.
Corona Pandemie.
Manche denken bei dem Wort Corona an das gleichnamige Bier. Mir fällt eher eine Krone ein.
Entspricht das Bild von der Krone, wenn man genau hinsieht, nicht dem Aussehen des Virus?
Eine stachelige Krone.
Dornenkrone?
Es mag verrückt klingen, aber in meiner Fantasie passt das Bild von der Dornenkrone genau zur Entwicklung und zur Situation der Menschen.
»Ecce Homo – Seht ein Mensch«, heißt es in der Bibel.
Pilatus ruft diese Worte einer aufgeregten Menschenmenge zu und zeigt dabei auf den Mann neben sich, Jesus.
»Seht ein Mensch«.
Für alle, die es nicht kennen, in der Situation ging es um eine Entscheidung zwischen Begnadigung und Tod. »Kreuzige ihn«, brüllte der Mob. Kurz darauf drückte man Jesus eine Dornenkrone auf den Kopf. Pilatus wusch sich die Hände in Unschuld. Ich muss bei dieser Geschichte unwillkürlich an die heutige Medienlandschaft denken, besonders an Vorkommnisse im Social Media, an all die Hasskommentar bei Facebook oder Twitter, oft befeuert von Berichten und Meldungen in Zeitungen und im TV.
Kann man sich ernsthaft die Hände in Unschuld waschen, wenn man einen unschuldigen Menschen verurteilt, nur weil die Masse danach schreit?
Und, wenn man sich gegen das vermeintlich Vorbestimmte stellt, nimmt es dann trotzdem seinen Lauf?
Manchmal kommt es mir vor, als könnten Pilatus und Jesus zwei Teile in mir selber sein, möglicherweise in jedem von uns. Diese Vorstellung würde zu Rilkes Text über Drachen und Prinzessinnen passen. Aber das ist meine persönliche Sicht.
Du siehst das vielleicht ganz anders.  
Wie auch immer, da war dieser Knoten in meiner Brust. Er verursachte ein mulmiges Gefühl in mir, das von Tag zu Tag aufdringlicher wurde.
Konnte ich die Augen noch länger vor der Realität verschließen, während ich fleißig Retterspitzwickel machte?
Okay, ich googelte das brutale Wort.
»B r u s t k r e b s«.
Die Ergebnisse waren beklemmend, egal, ob Erfahrungsberichte oder Bilder. Kein Zweifel, ich brauchte dringend eine fachärztliche Diagnose. Dann würde alles gut sein.

 
foto/ima artist on Pixabay

                         

Traumatage 3

Okay, es machte mir Angst, dass ich für einige Zeit alleine sein würde, aber ich war entschlossen, diese Zeit, die so bedrohlich auf mich zukam mit Löwenstärke und Gelassenheit zu bezwingen.

Höre ich da ein Lachen?

Schüttelst du verständnislos den Kopf, weil das für dich kein Problem wäre?
Womöglich war der wichtigste Mensch deines Lebens schon oft längere Zeit von dir getrennt, und du warst glücklich über die Momente für dich und mit dir alleine.
Glaub mir, du hast meine uneingeschränkte Bewunderung.
 
Ich hingegen verstrickte mich in Dialoge mit meiner Beklommenheit, beteuerte, dass T nicht weg sein würde, sondern nur einige Zeit woanders. Vier Wochen, die bedeutsam wären für ihn. Für sein inneres Gleichgewicht. Für alles.

VIER.
Nicht Tage.
Verdammte Wochen!

Lach mich meinetwegen aus, aber je näher der Abreisetermin rückte, umso mulmiger wurde mir. Die Gespräche mit meiner Angst gestalteten sich  immer lebhafter. Keine Chance,  meine Mitte zu finden, wie sehr ich es auch versuchte.
Gelassen bleiben.
Positiv denken.
– AUM –
Meine Güte, ich hatte keinen Schimmer, wie grandios ich an dieser Gelassenheits-Challenge scheitern sollte.

T schrieb Koffer-Listen, stockte seinen Klamotten Fundus auf und war schließlich bereit zum Aufbruch.

Dann.
Einige Tage vor seiner Abreise.
Ich stand in unserem Schlafzimmer.
Das Bett, schien mich anzustarren.
Ich starrte zurück.
Das Ding kam mir auf einmal riesig vor.
 
Wie sollte ich es aushalten, darin vier Wochen alleine zu schlafen?
Vielleicht sogar sechs Wochen
oder Acht?
Offensichtlich beherrschte ich meine „Anleitung zum Unglücklichsein“, denn der Gedanke kletterte wie eine dunkle Ranke in jeden Winkel meines Verstandes bis ein unbändiges Gefühl von Verlassenheit alles andere blockierte.
 
So passierte es.
Übergangslos.
Mein Brustkorb zog sich zusammen.
Schmerzhaft.
Enger und enger.
Der Bauch vibrierte.
Die Beine kribbelten als wollten sie rennen.
Nichts ging mehr.
Ich stürzte in die Hölle.
 
Wer dabei an Flammen und Hitze denkt, ist auf dem Holzweg. Es war vielmehr ein Versinken in Finsternis. Diese Hölle war dunkel und kalt. Da lag ich, ein einsames kleines Irgendwas in einem gigantischen schwarzen Loch ohne Anfang und Ende.
Selbstverloren.
Im Klammergriff der dunklen Schwester des All Eins Seins.

Ein befremdlich verzweifeltes Geräusch erfüllte den Raum, eine Art ersticktes Schreien.
Als ich dem Klang nachforschte und die Augen öffnete, fand ich mich in Embryonalhaltung mich selbst umarmend auf dem Bett wieder. Schluchzend in der Überzeugung: Ich bin verlassen. Niemand weit und breit, der für mich da ist.

N i e m a n d!

T hatte mich gehört, kam ins Zimmer, legte sich zu mir, streichelte meinen Rücken, tröstete mich. Erreichte mich nicht.
In der Hölle gibt es keinen Trost.

Es war wie in diesem Film mit Robin Williams „Hinter dem Horizont“.
Ich wurde  zu der Frau aus dem Film, die mit dem Gesicht zur Wand in einem verfallenen, düsteren Haus sitzt. Sie trauert um ihren Mann. Der steht hinter ihr in der geöffneten Tür. Er will sie hinausführen in die Sonne.
Sie nimmt ihn nicht wahr. Sie nimmt ihn verdammtnochmal nicht wahr.

Ja, ich klinge womöglich wie eine erstklassige Drama Queen, doch da war dieser erschreckend reale Schmerz, der sich nicht besänftigen ließ.
„Es ist nicht real“ flüsterte das Herz.
„Es tut doch weh“ schrie der Verstand.
„Es. Ist. Nicht. Real.“

„Wenn es aber doch weh tut?
Keine Chance.
Ist es nicht verrückt, wie die eigenen verdrängten Dämonen einen Menschen im Griff halten können?

T fuhr weg.
Heute ist mir bewusst, ich hatte ein Trauma Flashback, das zu der Zeit nicht aufzulösen war und seinen Platz in meinem Körper fand.

Mit meiner jüngeren Tochter sprach ich über das Erlebte. Ich saß auf ihrer Couch, redete gegen die Erinnerung an, als eine beklemmende Kälte aus meiner Brust in Arme und Beine kroch und sich zu einem kühlen Flirren steigerte, das sich überall in mir ausbreitete.
Unvermittelt stellte sich ein Gefühl von Zerschlagenheit ein, so eine Energielosigkeit, als hätte ich nächtelang nicht geschlafen und dabei zu viel geraucht.
Ich schlang die Arme um die Brust. Zitterte.
„Soll ich dir meine Wolfsdecke geben?“, fragte meine Tochter. Ihre Stimme klang ein wenig verunsichert.
„Mir ist auf einmal so kalt und so müde“, antwortete ich. Jedes Wort schien an den Rändern zu zerfasern.
Sie ging in ihr Schlafzimmer, kam mit einer großen, schwarz-grauen Plüschdecke zurück, legte sie mir um.
„Ich muss unbedingt noch was einkaufen“, sagte sie „ist das okay?
Vielleicht ja ganz gut, wenn du kurz für dich bist. Oder? 
Die Wolfsdecke ist auf jeden Fall eine starke Medizin, wenn es einem so schlecht geht.“
Ich nickte. Vielleicht hatte sie recht. Falls nicht, schlimmer konnte es im Moment kaum werden. Oder? Hmm.
„Ist das wirklich für dich okay?“
Ein farbloses „Ja“ huschte über meine Lippen, während ich mich auf der Couch zusammenrollte in meinem plüschigen Kokon. Die Decke war wunderbar schwer, fühlte sich an wie eine freundliche Umarmung. Ich merkte kaum noch, wie mir die Augen zufielen und sank tiefer in die sanfte Wärme.
Eine Wolfsdecke kann definitiv eine wirkungsvolle Medizin sein, vor allem, wenn sie von der eigenen Tochter kommt.
Also ja, ich überstand die vier Wochen irgendwie, pendelte hin und her zwischen Leute besuchen und Binge-Watching. An dieser Stelle ist die Serie „Dr. Who“ sehr zu empfehlen für In-die-Finsternis-gefallene, oder auch „Downtown Abbey“ für die, die es etwas nostalgischer brauchen. Was auch immer. Es muss nur genug Staffeln geben für vier bis sechs Wochen.
 
Nachts lag der Kater neben mir im Bett. Sein Schnurren vermittelte das Gefühl, alles sei in bester Ordnung, was es im Grunde auch war. Nur, dass ich meinen Lieblingsmenschen vermisste.

Wir telefonierten, schrieben uns bei WhatsApp und schickten Fotos. Hätten wir die Kommunikation reduzieren sollen? Intensiver die jeweils eigene Situation erleben und gestalten müssen?
Wir taten es nicht, und das war, wenn auch nicht ideal, so doch okay.
(c) Gabriele Auth

Aquarell /Gabriele Auth

Perspektivwechsel

Der Boden unter
deinen Füßen bebt
Alles, was  stabil und
standfest schien,
es scheint zu fließen
sieh nicht nach unten
balancier dich aus wie
ein Boxer im Ring
und dann
schau in den Himmel
wo hinter  Wolken
das Licht erwacht
breite die Arme aus
so weit du kannst
bade im Licht.
Nur ein Wechsel
der Perspektive
Genesung.
(c) gabriele auth

ray-1529417_1280

Foto/Pixabay

Federleicht

Eine Decke webten wir
aus unseren Träumen
wärmend, schützend
federleicht
Hoffnung und Liebe
webten wir hinein
So umhüllte sie uns
viele Jahre
sie wird bestehen wenn
der Wind nun kälter wird.

woman-1581202_1280Foto/ Comfreak on Pixabay

Krähenflug

Manchmal ist das Leben
eine Aaskrähe
im kreischenden Schwung
mitten in dein Gesicht.
Du versuchst zu verstehen.
Widerstrebende  Arme sich
wandelnd zum Empfangen.
Federn streifen dein Gesicht
Angriff wird Liebkosung
Unversehens gibt das Leben
Liebe
mit sanftem Schwung
im Tanz mit dir verwoben.

(c) Gabriele Auth

common-raven-4010290_1280Foto/ Alexas Fotos on Pixabay

Kampf

Manchmal ist das Leben
ein rotes Tuch und du
ein verwundeter Stier
kämpfst doch weißt nicht
ist es je genug oder wirst du
am Ende verlieren

IMG_4359Painting Jonathan Auth/oil on canvas

Erevós

Wiege Europas
Du
Schöne, Leuchtende
Blutige Tränen im Meer
Jahrtausende alte Kultur
geopfert auf den Altären
der verhärteten Herzen.
Deine Götter schweigen
Unheilvolle, Verratene
Du
Totenbett Europas

(c) Gabriele Auth
pasture-fence-1995820_1280 Foto/Pixel2013 on Pixabay

 

 

Sterne

leichtsinnig fließt
mein Leben und
ich laufe mit
pflücke Sterne
am Wegesrand
einen für jeden
Augenblick
manche erlöschen
ich trage sie
zum Sternenfriedhof
lasse sie fliegen
schau ihnen nach
andere erleuchten
mir die Nacht
stehen hauchzart
dem Tag zur Seite
wo Sonnenlicht
den Himmel öffnet
für eine neue Ewigkeit.

(c) Gabriele Auth

moonlight-3061068_1280Foto/cocoparisienne on Pixabay

unmittelbar

An der roten Ampel. Plötzlich denkst du an ihn.
Diese Bartstoppeln an seinem Kinn.
Schlaf gut mein Schöner flüsterst du und weißt nicht warum.
Der Moment wird eine Wunde.
Seitdem weinst du.
Niemand sieht es, weil du die Tränen nach Innen ziehst.
Nach Außen lächelst du und wünscht tausend Mal einen schönen Tag.
Dabei spürst du messerscharf, Tag und Leben sind so endlich.
(C) Gabriele Auth

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