Damals

Ob es damals Liebe war?
Eine Antwort gab es nie.
Schweigen füllt die Jahre.

 
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Foto/Pixabay

Still

Nebel verschlingt
Kühle Begegnung
in verworrenen Träumen
Still

Nebel umhüllt
Dunkel fließende Seide
im allmählichen Fall
Still

Nebel zerfetzt
Blauer Stahl
in einem roten Puzzle
Still

©Gabriele Auth

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Foto Th.Auth

 

Von Dingen

Ich hab keine Lust von
Dingen zu erzählen,
bei denen mir
die Tränen kämen.

Von dem Mann,
der um sich beisst
aus Einsamkeit,
seine Frau anbrüllt
wenn er betrunken ist
und hinterher

tut es ihm leid.

Ihr habt keine Lust,
davon zu hören,
von diesen Dingen,
die euch verstören.

Von der Frau, die
Flaschen sammelt,
in Containern wühlt,
weil die Rente nie reicht.
Der Mann ist tot
Die Kinder haben

meist keine Zeit.

Ich hab keine Lust von
Dingen zu erzählen,
bei denen mir
die Tränen kämen.

© gabriele auth

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Foto Pixabay

Juli – Schnipsel aus dem zweiten Teil

Es war früher Morgen. Wolken zogen über den grauen Himmel. Schnell trieb der Wind sie vor sich her. An einer Stelle brach die Sonne durch das Grau. Wie in einer Laterna Magica sah das aus. Der Deutsche Wetterdienst hatte Orkanböen vorhergesagt.
Schön.
Das passte perfekt zu meiner Stimmung. Die zaghafte, noch schüchterne Ruhe des „Alles ist gut“ die immer wieder aufgewirbelt wurde vom Wind des Zweifels. Durchzogen von Wolken der Traurigkeit.
Von Regenschauern aufgepeitscht bis sie am Boden lag in einer schlammigen Verzweiflungspfütze.
Wie kann es, so wie es ist, denn gut sein?
Wie kann das Traurige gut sein, wenn ich es nicht ändern kann?
Die Spannung zwischen ändern wollen und annehmen müssen, zwischen Handeln und Nichthandeln.
Gedanken rasten wie Wolken, flogen durch Gehirnwindungen, prallten aufeinander, verkeilten sich zu Fragen ohne Antworten, wollten nach Außen drängen.
Wohin?
In Worte?
Der Orkan schwoll an. Gedanken fegten in Fetzen über den inneren Himmel, verknoteten sich mit Gefühlen, trieben wieder auseinander, verändert und doch gleich geblieben in ihrer Dunkelheit.
Annehmen streckte seine Fühler aus, Sonnenstrahlen, die durch die Wolkendecke leuchteten.
Unerbittlich zart raunte es:
Nimm es wie es ist, du kannst es nicht ändern.
Aber ich will.
Du kannst nicht.
Warum?
Keine Antwort.
WA RUM?
Weil es so ist.
ABER ICH WILL ES ÄNDERN!
Du kannst nicht.
Aber es tut weh.
Weil du dich wehrst.
Aber das muss ich doch. Ich kann doch nicht…
Du musst
NEIN
Nimm es an.
Vielleicht versuche ich es.
Du musst.
Aber…
Jeder muss sein Leben selber leben. Auch die, die dir lieb sind.
Aber…
Besonders die, die dir lieb sind.

Kein Aber?
Okay, Ich versuch’s

-Stille-

Die Sonne gewinnt immer, weil das Licht schneller ist als der Wind.

© gabriele auth

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Foto/Pixabay

Abgesang auf Weihnachten

Überall Weihnachtslichter.
Rundherum „Oh Tannenbaum“.
Engel mit leuchtenden Gesichtern.
Komm, lass uns hier abhauen.
Lass uns in die Tiefe tauchen,
zwischen Lichterketten
Glühwein und Lamettaglanz
die Wahrheit finden, das,
wonach sich alle sehnen,
das ungehörte Echo eines
fast vergessenen Gesangs.
Nicht die goldene Uhr,
das I-Phone, die Playstation,
oder ein kostbares Parfum,
nicht große Worte von
Frieden, Freiheit, Einigkeit,
stillen den Hunger,
der auch nach dem Fest noch
unvermindert drängt,
die Sehnsucht nach
den kleinen Dingen, nach
Berührung unserer Hände,
Blicken, die sich finden.
Gesichter aufmerksam
einander zugewandt.
Geteiltes Lachen, Achtung
vor dem Anderen, der fremd
und  unbegreiflich scheint.
Komm, lass uns hier abhauen
und Tiefseetaucher werden
in unser Wesen weit hinein,
wo wir den Ursprung finden,
das Nichts, wo alles still,
neu, unversehrt und
Liebe wieder möglich ist.
© gabriele auth

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Foto: Pixabay

 

Schneewittchen

Ihr Blick fliegt
in die Ferne,
schweift über endlose,
fahle Ebenen.
Kein Fixpunkt im Grau.
Hügel am Horizont.
Schwarze Vögel kreisen.
Enge in der Weite.

Herzeinschnürend.

Kein Raum,
die Arme zu bewegen.
Sie dreht den Kopf,
stößt an die Wand.
Glas.
In Höhe ihres Mundes
ein milchiger Fleck.
Abbild ihres Atems.

Ihr Schrei
zurückgeworfen
von gläsernen Wänden.
Ein Sarg im Nichts.
Gebrochene Flügel.
Tränen
wie Nieselregen.
Der Prinz kommt nicht mehr.

© gabriele auth

hands-804934_1280Foto: Pixabay

Status Quo

Goldener Oktober verglüht
unentschlossen am Horizont.
Nebelverhangen streunt
November über Dächer,
nimmt dem Tag die Farben.
Nur zwischen Wolkenfetzen
blitzt noch kühnes Himmelblau.
Das Echo eines Jugendlachens
schwebt trotzig um die Köpfe,
ehe Winterluft  spröde
über das Leben streicht.

© gabriele auth

Möglichkeiten

Über den Klimawandel wollte ich schreiben, vom Anblick verdorrender Bäume, brennender Wälder und braungelber Wiesen. Von der weiß glühenden Nachmittagssonne, die Träume von Regen weckt und Sehnsucht nach kühlen Wassertropfen auf heißem Asphalt.

Von Baumhäusern und vom Sterben im umkämpften Forst.
Oder von Düsterland, von der Grimasse des Faschismus, von dem verbotenen Gruß und dem Geruch nach viel zu vielen Toden.

Von Menschen, die sich unsichtbar fühlen, ungesehen, die, verstört vom Wandel ihres Lebensraumes, dem Zischeln brauner Schlangen lauschen und den alten Parolen glauben. Jene, die Schuld beim Fremden suchen, der nicht in ihrer Mitte wurzelt.

Blut und Boden
Blut und
Blut

Schreiben über die Anderen.
Die, die ihre Heimat verlassen, mit einem Rucksack und einem Smartphone voller Fotos von vertrauten Räumen und Gesichtern.
Eine zerbrechliche Schnur zwischen Herz und Heimat.
Bewahrer der Vergangenheit und Navigator in die Zukunft.

So groß die Verlorenheit, wenn die Schnur zerreißt.
Heimat.
Nicht nur Ort,
auch Erinnerung an gelebtes Leben,
auch Glaube an eine bessere Gegenwart.

Marode Boote. Der Todesbiss des Meeres.
Das Salz der Tränen, das sich mit dem Salz des Ozeans vereint.
Träume vom Ankommen.
Vom Erreichen des sicheren Ufers.
Sicher?

Wollte erzählen von den Bildern.
Immer wieder Bilder.
Eine Bilderflut, die den Atem raubt.
Zeitung. TV. Internet.
Bilder
Bilder
Bilder
Menschengesichter. Verzweiflung. Sorge. Angst.

Sekundenlang flackert Hoffnung im Klang eines Kinderlachens über schlammigem Grund.

Ach, warum nicht erzählen von einem Mann, der am Fenster steht?
Im Haus gegenüber auf dem Balkon sitzt eine Frau, ein Buch in der Hand, liest und lächelt dabei.
Ihr rotes Kleid leuchtet im Licht.
Ihre Haut ist dunkel, die Augen schokoladenbraun.
Vielleicht schaut sie auf,
Vielleicht sieht sie den Mann.
Vielleicht sehen sie sich an.

Eine Brücke aus Blicken.
Behutsam.
Eine Welt im Entstehen.
Die Möglichkeit von Liebe.

© gabriele auth

 

 

 

Die alte Uhr

Wenn sich Wasser sammelt in den Schlaglöchern des Lebens,
wenn der Wind der Langeweile um ungelebte Träume streicht,
die Wölfe des Scheiterns die unerfüllte Zukunft wittern,
öffne ich meine Fenster weit, seh‘ unter mir den Sumpf der
Mittelmäßigkeit. Die gelben Schwaden aufgestauter Wut.
Ich achte auf die Zeichen,
hol‘ die fast vergess’ne Uhr aus dem Versteck,
breite die Arme aus
falle
fliege.

Wurzeln und Flügel

So eine Stimme. Sanft wie die erste Frühlingssonne. Warm und belebend. Einhüllend. Sie weckt die Erinnerung an die Arme der Mutter, den Duft von Apfelkuchen, an das Gefühl stark zu sein, ein eigentümlicher kleiner Kosmos voller verheißungsvoller Sterne und bittersüßer Tränen der Schwäche. Den Klang des eigenen Blutes entdecken und ihn spüren, den großen, unablässigen Flow, der ein Lächeln ins Gesicht zaubert und allmählich übergeht in den treibenden Rythmus des Steppenwindes.
Nina Simone. Zurücklehnen. Genießen.
Since I Fell for You, Sunday in Savanna, Westwind……

Wurzeln und Flügel.