Traumatage 3

Okay, es machte mir Angst, dass ich für einige Zeit alleine sein würde, aber ich war entschlossen, diese Zeit, die so bedrohlich auf mich zukam mit Löwenstärke und Gelassenheit zu bezwingen.

Höre ich da ein Lachen?

Schüttelst du verständnislos den Kopf, weil das für dich kein Problem wäre?
Womöglich war der wichtigste Mensch deines Lebens schon oft längere Zeit von dir getrennt, und du warst glücklich über die Momente für dich und mit dir alleine.
Glaub mir, du hast meine uneingeschränkte Bewunderung.
 
Ich hingegen verstrickte mich in Dialoge mit meiner Beklommenheit, beteuerte, dass T nicht weg sein würde, sondern nur einige Zeit woanders. Vier Wochen, die bedeutsam wären für ihn. Für sein inneres Gleichgewicht. Für alles.

VIER.
Nicht Tage.
Verdammte Wochen!

Lach mich meinetwegen aus, aber je näher der Abreisetermin rückte, umso mulmiger wurde mir. Die Gespräche mit meiner Angst gestalteten sich  immer lebhafter. Keine Chance,  meine Mitte zu finden, wie sehr ich es auch versuchte.
Gelassen bleiben.
Positiv denken.
– AUM –
Meine Güte, ich hatte keinen Schimmer, wie grandios ich an dieser Gelassenheits-Challenge scheitern sollte.

T schrieb Koffer-Listen, stockte seinen Klamotten Fundus auf und war schließlich bereit zum Aufbruch.

Dann.
Einige Tage vor seiner Abreise.
Ich stand in unserem Schlafzimmer.
Das Bett, schien mich anzustarren.
Ich starrte zurück.
Das Ding kam mir auf einmal riesig vor.
 
Wie sollte ich es aushalten, darin vier Wochen alleine zu schlafen?
Vielleicht sogar sechs Wochen
oder Acht?
Offensichtlich beherrschte ich meine „Anleitung zum Unglücklichsein“, denn der Gedanke kletterte wie eine dunkle Ranke in jeden Winkel meines Verstandes bis ein unbändiges Gefühl von Verlassenheit alles andere blockierte.
 
So passierte es.
Übergangslos.
Mein Brustkorb zog sich zusammen.
Schmerzhaft.
Enger und enger.
Der Bauch vibrierte.
Die Beine kribbelten als wollten sie rennen.
Nichts ging mehr.
Ich stürzte in die Hölle.
 
Wer dabei an Flammen und Hitze denkt, ist auf dem Holzweg. Es war vielmehr ein Versinken in Finsternis. Diese Hölle war dunkel und kalt. Da lag ich, ein einsames kleines Irgendwas in einem gigantischen schwarzen Loch ohne Anfang und Ende.
Selbstverloren.
Im Klammergriff der dunklen Schwester des All Eins Seins.

Ein befremdlich verzweifeltes Geräusch erfüllte den Raum, eine Art ersticktes Schreien.
Als ich dem Klang nachforschte und die Augen öffnete, fand ich mich in Embryonalhaltung mich selbst umarmend auf dem Bett wieder. Schluchzend in der Überzeugung: Ich bin verlassen. Niemand weit und breit, der für mich da ist.

N i e m a n d!

T hatte mich gehört, kam ins Zimmer, legte sich zu mir, streichelte meinen Rücken, tröstete mich. Erreichte mich nicht.
In der Hölle gibt es keinen Trost.

Es war wie in diesem Film mit Robin Williams „Hinter dem Horizont“.
Ich wurde  zu der Frau aus dem Film, die mit dem Gesicht zur Wand in einem verfallenen, düsteren Haus sitzt. Sie trauert um ihren Mann. Der steht hinter ihr in der geöffneten Tür. Er will sie hinausführen in die Sonne.
Sie nimmt ihn nicht wahr. Sie nimmt ihn verdammtnochmal nicht wahr.

Ja, ich klinge womöglich wie eine erstklassige Drama Queen, doch da war dieser erschreckend reale Schmerz, der sich nicht besänftigen ließ.
„Es ist nicht real“ flüsterte das Herz.
„Es tut doch weh“ schrie der Verstand.
„Es. Ist. Nicht. Real.“

„Wenn es aber doch weh tut?
Keine Chance.
Ist es nicht verrückt, wie die eigenen verdrängten Dämonen einen Menschen im Griff halten können?

T fuhr weg.
Heute ist mir bewusst, ich hatte ein Trauma Flashback, das zu der Zeit nicht aufzulösen war und seinen Platz in meinem Körper fand.

Mit meiner jüngeren Tochter sprach ich über das Erlebte. Ich saß auf ihrer Couch, redete gegen die Erinnerung an, als eine beklemmende Kälte aus meiner Brust in Arme und Beine kroch und sich zu einem kühlen Flirren steigerte, das sich überall in mir ausbreitete.
Unvermittelt stellte sich ein Gefühl von Zerschlagenheit ein, so eine Energielosigkeit, als hätte ich nächtelang nicht geschlafen und dabei zu viel geraucht.
Ich schlang die Arme um die Brust. Zitterte.
„Soll ich dir meine Wolfsdecke geben?“, fragte meine Tochter. Ihre Stimme klang ein wenig verunsichert.
„Mir ist auf einmal so kalt und so müde“, antwortete ich. Jedes Wort schien an den Rändern zu zerfasern.
Sie ging in ihr Schlafzimmer, kam mit einer großen, schwarz-grauen Plüschdecke zurück, legte sie mir um.
„Ich muss unbedingt noch was einkaufen“, sagte sie „ist das okay?
Vielleicht ja ganz gut, wenn du kurz für dich bist. Oder? 
Die Wolfsdecke ist auf jeden Fall eine starke Medizin, wenn es einem so schlecht geht.“
Ich nickte. Vielleicht hatte sie recht. Falls nicht, schlimmer konnte es im Moment kaum werden. Oder? Hmm.
„Ist das wirklich für dich okay?“
Ein farbloses „Ja“ huschte über meine Lippen, während ich mich auf der Couch zusammenrollte in meinem plüschigen Kokon. Die Decke war wunderbar schwer, fühlte sich an wie eine freundliche Umarmung. Ich merkte kaum noch, wie mir die Augen zufielen und sank tiefer in die sanfte Wärme.
Eine Wolfsdecke kann definitiv eine wirkungsvolle Medizin sein, vor allem, wenn sie von der eigenen Tochter kommt.
Also ja, ich überstand die vier Wochen irgendwie, pendelte hin und her zwischen Leute besuchen und Binge-Watching. An dieser Stelle ist die Serie „Dr. Who“ sehr zu empfehlen für In-die-Finsternis-gefallene, oder auch „Downtown Abbey“ für die, die es etwas nostalgischer brauchen. Was auch immer. Es muss nur genug Staffeln geben für vier bis sechs Wochen.
 
Nachts lag der Kater neben mir im Bett. Sein Schnurren vermittelte das Gefühl, alles sei in bester Ordnung, was es im Grunde auch war. Nur, dass ich meinen Lieblingsmenschen vermisste.

Wir telefonierten, schrieben uns bei WhatsApp und schickten Fotos. Hätten wir die Kommunikation reduzieren sollen? Intensiver die jeweils eigene Situation erleben und gestalten müssen?
Wir taten es nicht, und das war, wenn auch nicht ideal, so doch okay.
(c) Gabriele Auth

Aquarell /Gabriele Auth

Perspektivwechsel

Der Boden unter
deinen Füßen bebt
Alles, was  stabil und
standfest schien,
es scheint zu fließen
sieh nicht nach unten
balancier dich aus wie
ein Boxer im Ring
und dann
schau in den Himmel
wo hinter  Wolken
das Licht erwacht
breite die Arme aus
so weit du kannst
bade im Licht.
Nur ein Wechsel
der Perspektive
Genesung.
(c) gabriele auth

ray-1529417_1280

Foto/Pixabay

Federleicht

Eine Decke webten wir
aus unseren Träumen
wärmend, schützend
federleicht
Hoffnung und Liebe
webten wir hinein
So umhüllte sie uns
viele Jahre
sie wird bestehen wenn
der Wind nun kälter wird.

woman-1581202_1280Foto/ Comfreak on Pixabay

Krähenflug

Manchmal ist das Leben
eine Aaskrähe
im kreischenden Schwung
mitten in dein Gesicht.
Du versuchst zu verstehen.
Widerstrebende  Arme sich
wandelnd zum Empfangen.
Federn streifen dein Gesicht
Angriff wird Liebkosung
Unversehens gibt das Leben
Liebe
mit sanftem Schwung
im Tanz mit dir verwoben.

(c) Gabriele Auth

common-raven-4010290_1280Foto/ Alexas Fotos on Pixabay

Kampf

Manchmal ist das Leben
ein rotes Tuch und du
ein verwundeter Stier
kämpfst doch weißt nicht
ist es je genug oder wirst du
am Ende verlieren

IMG_4359Painting Jonathan Auth/oil on canvas

Erevós

Wiege Europas
Du
Schöne, Leuchtende
Blutige Tränen im Meer
Jahrtausende alte Kultur
geopfert auf den Altären
der verhärteten Herzen.
Deine Götter schweigen
Unheilvolle, Verratene
Du
Totenbett Europas

(c) Gabriele Auth
pasture-fence-1995820_1280 Foto/Pixel2013 on Pixabay

 

 

Sterne

leichtsinnig fließt
mein Leben und
ich laufe mit
pflücke Sterne
am Wegesrand
einen für jeden
Augenblick
manche erlöschen
ich trage sie
zum Sternenfriedhof
lasse sie fliegen
schau ihnen nach
andere erleuchten
mir die Nacht
stehen hauchzart
dem Tag zur Seite
wo Sonnenlicht
den Himmel öffnet
für eine neue Ewigkeit.

(c) Gabriele Auth

moonlight-3061068_1280Foto/cocoparisienne on Pixabay

unmittelbar

An der roten Ampel. Plötzlich denkst du an ihn.
Diese Bartstoppeln an seinem Kinn.
Schlaf gut mein Schöner flüsterst du und weißt nicht warum.
Der Moment wird eine Wunde.
Seitdem weinst du.
Niemand sieht es, weil du die Tränen nach Innen ziehst.
Nach Außen lächelst du und wünscht tausend Mal einen schönen Tag.
Dabei spürst du messerscharf, Tag und Leben sind so endlich.
(C) Gabriele Auth

star-trails-828656_1280

Warteschleife 29

Ein Kreuz
für jeden Tag
Zeitgräberfeld
Am Ende
Am Anfang
lass uns
die Nacht
atmen
und den
seltsamen Ruf
der Steinkäuze.

(c) gabriele auth

owl-518838_1280Foto/ Comfreak auf Pixabay

Thad the real

Wer kann sich noch an die Ideale und Idole erinnern, die er mit vierzehn hatte?

Wenn ich es versuche, bewege ich mich in einem seltsam blassbunten Nebel aus Situationen und Gesichtern.  Ich weiß nicht, ob ich Ideale hatte. Meine Idole stammten damals jedenfalls überwiegend aus Büchern,
Fünf Freunde, Pippi Langstrumpf, Huckleberry Finn. Am nächsten war mir Huck Finn, nur dass es ihm schlechter ging als mir. Viel schlechter.
Meine eigene Familie war, ich sag mal, suboptimal.
Huck’s Familie existierte nicht. Da war Niemand.
Er kam damit klar. Irgendwie. Allein das sicherte ihm meine maximale Bewunderung und mir selber später -möglicherweise- jene Reihe liebloser Beziehungen mit Männern, die wie Huck, alle irgendwie damit klar kommen mussten, dass ihnen im Leben etwas Wesentliches fehlte.
Ich war leider nie das fehlende Element.
Welche Idole haben Vierzehnjährige von heute?
Fußballspieler? Popstars? Rapper oder vielleicht Helden aus Computerspielen?
Ich kenne nur einen Vierzehnjährigen, einen Jungen aus der Nachbarschaft.
Thaddeus.
Thad the real, so nennt er sich selber. Wer will mit vierzehn schon Thaddeus heißen? Und ja, auch er ist Einer, der irgendwie klar kommen muss.
Seinen Vater sieht er selten. Manchmal verspricht der ihm, er würde ihn abholen, aber dann kommt er doch nicht. Eigentlich öfter als manchmal.
Als er klein war, liebte er den Baba sehr, bedingungslos gewissermaßen. Jetzt ist er schon groß und hat gelernt, es ist manchmal besser, nicht so sehr zu lieben. Papa gibt ihm Geld, kauft ihm stylische Klamotten und sogar die neuste Playstation. Das findet Thad super. Irgendwie.
Ein paar Mal sind sie zusammen in den Urlaub gefahren, nach Kroatien oder in die Türkei, Papa und er und Papas neue Freundin.  Thad findet sie ganz okay.
Trotzdem hat er auf so einen Urlaub keine Lust mehr. Er bleibt in den Sommerferien inzwischen lieber Zuhause. Sechs Wochen Zeit für Playstation mit den Kumpels, den Bros, wie er sie nennt, im Gruppen-Chat bei Fortnite, sind schwer zu toppen. Klar, seinen Papa findet er zwar „nice“, aber hey, der ist kein Vorbild für ihn.
„Ich will Youtuber, werden“, sagt Thad the real , „ Ein Streamer oder ein krasser Influencer. Whalla!“ Seine braunen Augen leuchten.
„So wie Rezo, der Typ mit den blauen Haaren, der in seinem YouTube Video, Die Zerstörung der CDU,  so richtig Klartext gesprochen hat?“ frage ich.
Er lacht.  „Rezo,  auf jeden Fall ein Ehrenmann.“, sagt er,  „aber, ich weiß nicht, ich will andere Sachen machen.“
Thad’s liebstes Idol ist zur Zeit ein deutscher Rapper mit türkischen Wurzeln, einer, der wahrscheinlich auch sein Leben lang mit irgendetwas klar kommen musste. Ein großes Banner von dessen Crew, den Bela Boyz, hängt an der Wand über Thad  the real’s  Bett. Wenn man vierzehn ist, können solche Banner mächtige Schutzzauber sein, vielleicht mächtiger, als die Traumfänger, die Mütter ihren kleinen Kindern über die Bettchen hängen.

Was wäre, wenn wir weder Idole, noch Ideale bräuchten? Wenn wir nur eine Idee davon brauchen, wer wir sind und wer wir werden können?
Die beste Version unserer selbst.
Influencer für das eigene Leben?
Thad the real hätte das Zeug dazu.
Er ist nicht der Einzige. Zum Glück. Doch sie müssen es wollen, diese Kids in den Whats App und Fortnite Gruppenchats, bei Snapchat, auf Instagram und vor den TV Bildschirmen.
In einer Welt, die ihnen kaum Vorbilder bietet, wo Mütter intensiv auf ihren Smartphones daddeln und Väter verschwunden scheinen, selbst wenn sie manchmal anwesend sind. Wo Erwachsene darüber reden, was richtig ist und es dann oft selber nicht tun.
Was Thaddeus wohl von Greta Thunberg hält? Ich denke, ich sollte ihn  ab und zu zum plaudern auf eine Cola einladen, oder besser ein Malzbier. Thad the real  liebt Malzbier, da ist er nicht anders, als ich mit vierzehn war.
Tut gut geht anscheinend immer.
Verrückt.

jump-1283915_1280

Foto/ Pexels on Pixabay