Schneewittchen

Ihr Blick fliegt
in die Ferne,
schweift über endlose,
fahle Ebenen.
Kein Fixpunkt im Grau.
Hügel am Horizont.
Schwarze Vögel kreisen.
Enge in der Weite.

Herzeinschnürend.

Kein Raum,
die Arme zu bewegen.
Sie dreht den Kopf,
stößt an die Wand.
Glas.
In Höhe ihres Mundes
ein milchiger Fleck.
Abbild ihres Atems.

Ihr Schrei
zurückgeworfen
von gläsernen Wänden.
Ein Sarg im Nichts.
Gebrochene Flügel.
Tränen
wie Nieselregen.
Der Prinz kommt nicht mehr.

© gabriele auth

hands-804934_1280Foto: Pixabay

Frauen

Jede Frau, ob jung
oder alt, will ihre
eigene Schönheit feiern.
Auf ihre eigene Art.
Jeden Tag im Jahr.
Bewusst oder unbewusst.
Mit sich selbst.
Mit Männern.
Mit anderen Frauen.
Geschminkt.
Ungeschminkt.
Im Minirock.
In Jogginghosen.
Im Schlabberpulli.
Mit Dekolleté.
Laut oder leise.
Mit Champagner
oder Apfelschorle.
Tanzend.
Singend.
Lachend.
Weinend.
Nachdenklich.
Überschäumend vor Gefühl.
Ganz gleich wie,
wesentlich ist nur,
sie weiß,
ihre Schönheit
liegt in ihrer
Einzigartigkeit.
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Foto/Pixabay

Lillith

Lillith, du Schöne
aus Erde erschaffen,
dem Himmel durch
Flügel verbunden.*

Bewahrerin unserer
wildsanften Natur.
Dämonin
nennen sie dich.
sie, die ihre Lust zu
Geilheit gerinnen lassen
aus Angst vor dem Flug,
aus Furcht vor der
Freiheit des Windes,
der deine Schwingen
mit Leidenschaft
umspielt und trägt.

Mutter, Tochter, Frau,
weit deine Arme,
groß, verloren, einsam
dein Herz.

Sie verschließen ihre Tür,
vernageln die Fenster,
zitternd vor Sorge,
du könntest sie anrühren,
in ihren Betten liegend,
lüstern, hoffend,
schreckensstarr ,
die sehnsüchtig
glänzenden Augen
voll Scham geschlossen.

Verstohlen trommeln
ihre Finger den Rhythmus
der Begierde, während
sie warten, warten,

dass du gehst,
vorbeigehst, oder
endlich kommst,
sie zu anzurühren
zart
schamlos
tief
so,
dass ihnen Glück
aus jeder Pore
dränge,
ein dunkelrotes
Leuchten.

Am Ende der Nacht
weinen,
verfluchen sie dich,
weil sie die Last
deiner Liebe
nicht tragen können,
die Last
so süß
so leicht
im Tageslicht der
Wahrhaftigkeit.

© gabriele auth

 

* aus dem babylonischen Talmud