Traumatage 5

»Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen.
Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will. «
Diese Sätze hat Rainer Maria Rilke an einen jungen Dichter geschrieben. Ihnen gebührt ein besonderer Platz in meinem Leben, weil sie mir durch ein skurriles, schreckliches, trotzdem eigenartig schönes Jahr geholfen haben. Sie begleiten mich immer noch .

Viele  werden sich gut erinnern, wie es war, wie der ganze Wahnsinn begann. Im Januar 2020, fünf Monate nach T’s Rückkehr, brach in China eine Epidemie aus. Eine Infektionskrankheit der Lunge. Sie wurde hervorgerufen durch ein neuartiges Virus, das von der WHO den Namen Covid 19 bekam. Anfangs schien es nur eine von vielen Meldungen in den Nachrichten zu sein. Ich glaube, die Menschen machten sich hier in Deutschland wenig Gedanken darüber. Das gilt jedenfalls für mich. China war weit. Ich hatte genug mit mir selbst zu tun. Meine linke Brust fühlte sich irgendwie ungewohnt an. Da war eine Schwellung, die weh tat, wenn ich mit den Fingern darauf drückte. Eine Brustentzündung, dachte ich, gab den Begriff bei Google ein, mit dem Zusatz »Menopause«.
Na bitte, Google wusste Bescheid. Solche Entzündungen treten zwar überwiegend bei stillenden Müttern auf, können aber auch in der Menopause vorkommen. Ich rief die Hausärztin an. Sie empfahl mir, Wickel mit Retterspitz zu machen. Das hatte Google auch vorgeschlagen, also kaufte ich Retterspitz. Die Umschläge hatten eine angenehm kühlende Wirkung, die Schwellung ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken.
Beinahe lautlos schlich sich ein hässliches Gefühl heran. Schlängelte sich in meine Gedanken. Vielleicht war Retterspitz gar nicht die Rettung?
Konnte sich etwas Schlimmeres in der  Brust eingenistet haben? 

Aber …  ich hatte regelmäßig beide Brüste abgetastet … wieso gab es da plötzlich diesen Knubbel?
Es lässt sich nicht leugnen, ich bin nachlässig, was Besuche beim Frauenarzt angeht. Da waren doch nie irgendwelche Auffälligkeiten gewesen, na ja und eine Schwangerschaft war nicht mehr zu erwarten. Ich fühlte mich sicher. Gesund. So what?

Inzwischen war es März geworden. Aus der Epidemie in China hatte sich eine Pandemie entwickelt, die, während ich dies schreibe, die Welt immer noch im Griff hält.
Corona Pandemie.
Manche denken bei dem Wort Corona an das gleichnamige Bier. Mir fällt eher eine Krone ein.
Entspricht das Bild von der Krone, wenn man genau hinsieht, nicht dem Aussehen des Virus?
Eine stachelige Krone.
Dornenkrone?
Es mag verrückt klingen, aber in meiner Fantasie passt das Bild von der Dornenkrone genau zur Entwicklung und zur Situation der Menschen.
»Ecce Homo – Seht ein Mensch«, heißt es in der Bibel.
Pilatus ruft diese Worte einer aufgeregten Menschenmenge zu und zeigt dabei auf den Mann neben sich, Jesus.
»Seht ein Mensch«.
Für alle, die es nicht kennen, in der Situation ging es um eine Entscheidung zwischen Begnadigung und Tod. »Kreuzige ihn«, brüllte der Mob. Kurz darauf drückte man Jesus eine Dornenkrone auf den Kopf. Pilatus wusch sich die Hände in Unschuld. Ich muss bei dieser Geschichte unwillkürlich an die heutige Medienlandschaft denken, besonders an Vorkommnisse im Social Media, an all die Hasskommentar bei Facebook oder Twitter, oft befeuert von Berichten und Meldungen in Zeitungen und im TV.
Kann man sich ernsthaft die Hände in Unschuld waschen, wenn man einen unschuldigen Menschen verurteilt, nur weil die Masse danach schreit?
Und, wenn man sich gegen das vermeintlich Vorbestimmte stellt, nimmt es dann trotzdem seinen Lauf?
Manchmal kommt es mir vor, als könnten Pilatus und Jesus zwei Teile in mir selber sein, möglicherweise in jedem von uns. Diese Vorstellung würde zu Rilkes Text über Drachen und Prinzessinnen passen. Aber das ist meine persönliche Sicht.
Du siehst das vielleicht ganz anders.  
Wie auch immer, da war dieser Knoten in meiner Brust. Er verursachte ein mulmiges Gefühl in mir, das von Tag zu Tag aufdringlicher wurde.
Konnte ich die Augen noch länger vor der Realität verschließen, während ich fleißig Retterspitzwickel machte?
Okay, ich googelte das brutale Wort.
»B r u s t k r e b s«.
Die Ergebnisse waren beklemmend, egal, ob Erfahrungsberichte oder Bilder. Kein Zweifel, ich brauchte dringend eine fachärztliche Diagnose. Dann würde alles gut sein.

 
foto/ima artist on Pixabay

                         

Bei einer Tasse Lavendeltee

Gedanken Gedanken
übersprudelnd
geysirartig hochschießend
nachts um halb drei
wilde
Kopfkinder
Verstandgeburten
Hand in Hand
mit Herzzerbrechern.
Draußen
vor dem Fenster
schreit der Steinkauz
während ich
traumverloren
am Tisch sitze
und versuche
die wispernde
kichernde
seufzende
in den
Randbezirken
weinende Flut
einzufangen mit
meinem Stift und
zwischen die
Linien
eines schwarzen
Heftes zu sortieren
nachts
um halb drei
Verstandzerbrecher
Herzgeburten
Hand in Hand
meine
wilden Kopfkinder
Gedanken Gedanken.
(c) Gabriele Auth

Foto/ fill on Pixabay