Frauen

Jede Frau, ob jung
oder alt, will ihre
eigene Schönheit feiern.
Auf ihre eigene Art.
Jeden Tag im Jahr.
Bewusst oder unbewusst.
Mit sich selbst.
Mit Männern.
Mit anderen Frauen.
Geschminkt.
Ungeschminkt.
Im Minirock.
In Jogginghosen.
Im Schlabberpulli.
Mit Dekolleté.
Laut oder leise.
Mit Champagner
oder Apfelschorle.
Tanzend.
Singend.
Lachend.
Weinend.
Nachdenklich.
Überschäumend vor Gefühl.
Ganz gleich wie,
wesentlich ist nur,
sie weiß,
ihre Schönheit
liegt in ihrer
Einzigartigkeit.
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Foto/Pixabay

Avenidas oder die beste aller Welten

 

 

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alleen
alleen und blumen

blumen
blumen und frauen 

alleen
alleen und frauen 

alleen und blumen und frauen und
ein bewunderer.
(Eugen Gomringer)

 

Diese Zeilen schrieb der Dichter Eugen Gomringer in den 50er Jahren. Er beschreibt  einen Moment voller Schönheit, die ihren Bewunderer gefunden hat.

Ich sehe sie vor mir, die Straßen einer spanischen Stadt, vielleicht Barcelona oder Madrid.  Mächtige alte Bäume im Sonnenlicht. Dazwischen Beete. Überquellend von Blumen, filigran, leuchtend, farbenfroh.  Und Frauen. Sie schlendern, eilen, sitzen auf Bänken, stehen zusammen im Gespräch. Wie Viele? Wir erfahren es nicht. Vielleicht nur zwei, Ehefrau und Tochter des Bewunderers. Auch das bleibt offen. Auch, wer der Bewunderer selbst ist.

Oder prosaisch ausgedrückt,
Alleen, Blumen und Frauen sind bewundernswert, oder haben zumindest einen Bewunderer.

Viele, die schreiben, werden sie kennen, diese leuchtenden Momente, in denen einem Schönheit begegnet. Ein Sonnenstrahl auf einer Tischplatte, das Wiegen der Birken im Wind, das Schwingen eines Kleides um die Beine einer Frau, oder  vom Wind verwehte Haarsträhnen auf der Stirn eines Mannes,  das unbändige Lachen eines Kindes, oder das kurze Verweilen eines Schmetterlings auf einer Blüte.
Momente, in denen die Schönheit des Lebens uns mit voller Wucht mitten ins Herz trifft und uns staunen, lächeln, verstummen oder eben schreiben lässt.

Nun, Gomringer verfasste vielleicht  in oder nach einem solchen Moment sein Gedicht. Wir wissen es nicht.
Die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin schrieb es 2011 an ihre Fassade.
Nun soll es von dort wieder verschwinden.
Auf Wunsch von Studentinnen, die den Text als sexistisch empfinden und sich darin als Frauen zu Objekten degradiert sehen.
Ich danke von Herzen allen Dichterinnen und Dichtern, die uns Frauen und unsere Stellung in der Welt in den Focus rücken, respektiere die Leistung aller Frauen, die sich je für Gleichberechtigung und Achtung in einer von Männern dominierten Gesellschaft eingesetzt haben und immer noch einsetzen.
Ich verstehe die Frauen, die jetzt, oft nach vielen Jahren des Schweigens, me too sagen. Ich selber hätte mehr als genug Gründe dazu und verstehe daher die Idee hinter dem Wunsch nach Entfernung des Gedichtes von der Fassade der Hochschule.
Aber, seht ihr auch die Gefahr, die darin liegt, wenn der Wunsch nach politischer Korrektheit Gedichte von einer Hauswand tilgen will?
Wo wird uns das hinführen?
Auf diese Art umgesetzt bekommt politische Korrektheit in meiner Wahrnehmung fatale Ähnlichkeit mit dem Wahrheitsministerium aus dem Roman 1984 von George Orwell. Beides klingt gut, ist aber nichts weiter als nackte Diktatur.
Und das Wesen der Diktatur ist weder männlich noch weiblich. Es ist nicht Wahrheit, Freiheit und Gleichheit, sondern Lüge, Unterdrückung und Ungleichheit.

Wie wäre es, wenn wir uns, statt für eine Entfernung des Gomringer Gedichtes, dafür einsetzten, seinem Text das Gedicht  einer Frau hinzuzufügen?
Zum Beispiel dieses hier:

Schatten Rosen Schatten

Unter einem fremden Himmel
Schatten Rosen
Schatten
auf einer fremden Erde
zwischen Rosen und Schatten
in einem fremden Wasser
mein Schatten

 (Ingeborg Bachmann) 

oder irgendein anderes. Es gibt so viele wunderbare Lyrikerinnen

 

Foto der Fassade: Barbara Halstenberg

 

 

 

Lillith

Lillith, du Schöne
aus Erde erschaffen,
dem Himmel durch
Flügel verbunden.*

Bewahrerin unserer
wildsanften Natur.
Dämonin
nennen sie dich.
sie, die ihre Lust zu
Geilheit gerinnen lassen
aus Angst vor dem Flug,
aus Furcht vor der
Freiheit des Windes,
der deine Schwingen
mit Leidenschaft
umspielt und trägt.

Mutter, Tochter, Frau,
weit deine Arme,
groß, verloren, einsam
dein Herz.

Sie verschließen ihre Tür,
vernageln die Fenster,
zitternd vor Sorge,
du könntest sie anrühren,
in ihren Betten liegend,
lüstern, hoffend,
schreckensstarr ,
die sehnsüchtig
glänzenden Augen
voll Scham geschlossen.

Verstohlen trommeln
ihre Finger den Rhythmus
der Begierde, während
sie warten, warten,

dass du gehst,
vorbeigehst, oder
endlich kommst,
sie zu anzurühren
zart
schamlos
tief
so,
dass ihnen Glück
aus jeder Pore
dränge,
ein dunkelrotes
Leuchten.

Am Ende der Nacht
weinen,
verfluchen sie dich,
weil sie die Last
deiner Liebe
nicht tragen können,
die Last
so süß
so leicht
im Tageslicht der
Wahrhaftigkeit.

© gabriele auth

 

* aus dem babylonischen Talmud

 

Als meine Mutter leuchtete

Ich habe gerade ein wunderbares Buch zu Ende gelesen, in dem es nicht nur, aber auch um den Tod ging. Es erinnerte mich an einen Text aus meinem ersten Buch „Mensch lernt von Mensch“ , den ich hier noch nie gepostet habe, einen Text über meine Mutter:

Als Meine Mutter leuchtete

Die Natur trägt ihr Spätsommerkleid. Das Laub der Bäume schimmert gelb und rot. Dem Leuchten haftet eine fragile Patina der Vergänglichkeit an. Wie ein zögerndes Lächeln huscht die Morgensonne in mein Fenster. Ich sitze mit meinem Morgenkaffee am Küchentisch, beobachte das Streifenmuster aus Licht und Schatten auf der Tischplatte. In den Lichtbahnen treten einige Brotkrümel zu Tage, die im Schatten kaum zu erkennen sind. Draußen zwitschern Vögel Lebensfreude in den Himmel. Sonnentrunken.

Der Kater hat heute Nacht auf den Küchenboden gepinkelt. Er ist nach einem Schlaganfall erblindet. Seitdem gleichen seine Sinne rostigen Messern, stumpf wie seine Krallen. Oft verliert er die Orientierung und läuft im Kreis, die Augen suchend auf den Boden gerichtet. Dann trage ich ihn zum Katzenklo oder in sein Körbchen. Vertraute Fixpunkte in seinem dunklen Universum. Von dort aus kann er sich an Wänden und Möbeln entlang durch die Räume tasten. Hin und wieder rollt er sich nach dem Fressen neben dem Futternapf zusammen und schläft ein. Sein Schnurren hebt sich vor jedem Atemzug zu einem kleinen, pfeifenden Keuchen.

Mir fällt es schwer, Alter und Verfall zu begegnen. Es weckt Mitleid in mir, gleichzeitig eine unbestimmte Wut, Gereiztheit und den Wunsch davonzulaufen. Ich mag dem Prozess des Sterbens nicht begegnen, dem unwillkommenen Ausblick auf die eigene Zukunft. Verweigertes Wissen.
Nicht nur die Kraft der Sinne scheint im Alter abzunehmen, alles verengt sich, wird kraftlos. Nach und nach versiegt der Lebenssaft und der Körper welkt wie die Blätter an den Bäumen. Glühendes Laub. Eigensinnige Schönheit des Sterbens in der Natur. Ein farbenprächtiger letzter Triumph. Der Anblick des Katers lässt mich an meine Mutter denken, an die Zeit, in der ihr Verfall unübersehbar wurde.
Zwei Wochen vor ihrem Tod saß sie in der Sonne auf dem Balkon, eingehüllt in ihren flauschigen Morgenmantel, in dem ihr zerbrechlich gewordener Körper zu verschwinden schien, als wolle er sich in sich selber zurückziehen. Das Blau des Mantels vertiefte die Farbe ihrer Augen. Unwillkürlich fühlte ich mich an kostbares Porzellan erinnert, das von vielen Lagen Seidenpapier umhüllt ist. Ihr Blick war nach Innen gerichtet wie in unbegreifliche Tiefen. Ihr feines, weißes Haar leuchtete in der Sonne. Eine hinfällige Fee.  Nie zuvor hatte ich sie so strahlend gesehen. Und nie wieder danach.

Sie hat mich geboren und genährt, aber ich habe sie nicht wirklich kennengelernt, nie ihr Wesen ergründet. Ich weiß nicht, ob sie sich selbst kannte, und ich erriet in all den Jahren nicht, wie sie für mich empfand. Meinte sie, mich zu verstehen und mir nahe zu sein, oder fühlte sie die Ferne ebenso wie ich? Vielleicht waren wir einander vertrauter, als wir ahnten oder zugeben wollten. Die Gefühle, die sie in mir weckte, als ich Kind war, sind mir entglitten, verblasst wie alte Fotos von ihr. Ich erinnere mich, dass ich als Erwachsene nicht wollte, dass sie mich berührte. Wir umarmten uns und vollzogen die üblichen Gesten, doch ich ließ nicht zu, dass sie mich im Wesen anrührte, mein Herz in Bewegung versetzte. Ich glaube, sie hat meine Befangenheit geteilt. Doch in diesem zeitlosen Moment auf dem Balkon vor dem Hintergrund des wolkenlosen Frühlingshimmels malte das Licht mit schmerzlicher Intensität die nicht gelebte Schönheit auf das Gesicht meiner Mutter. Ich entdeckte die Reinheit kindlicher Unschuld, ewig und vergänglich zugleich. Wie ein feines Messer drang sie unter meine Oberfläche. Ich sah das Kind in ihr, die erblühende Frau, die behütende Mutter, die Greisin. Ich ahnte, was sie war und mehr noch, was sie hätte sein können.

© gabriele auth

 

 

 

 

Tanz (aus Gründen)

Wo ist der Raum,
in dem wir tanzten,
als wär das Morgen
ein Phantom?
Wer stahl das Licht
aus unseren Augen
jetzt flutet Dunkelheit
den Traum.

Kommt, kommt
lasst uns tanzen
bis der Morgen den
Nachthimmel küsst.
Kommt, kommt
lasst uns lachen
bis das Herz
jeden Kummer vergisst.

Wo ist die Musik,
die für uns erklang,
als der Traum zu
den Sternen flog?
Wann sank das Lachen
wie Regen ins Meer?
Warum kommt die
Freude nicht zurück?

Kommt, kommt
lasst uns lachen
bis der Morgen den
Nachthimmel küsst.
kommt, kommt
lasst uns tanzen
bis das Herz
jeden Kummer vergisst.

© gabriele auth

Mojo und weil Julia gefragt hat

Traueraugen,
der Blick eine Wand,
gemauert aus
Splittern des
gebrochenen
Wesens.
Zerrissenheit.
Leben sterben.
Sterben leben.
Alle Türen
aufgebrochen,
eingetreten.
Zu früh.
Dazwischen
sich verströmen,
so viel zu geben,
sprudelnder Quell
sinnlos versickernd
im Sand.
Niemand versteht.

© gabriele auth

Woanders

Wollte zum Abschied ein Lied für dich schreiben, ganz in Moll, nur in der Mitte heimlich einen Dur-Akkord. Verdammt, ich kann doch keine Noten und spiel kein Instrument. Du siehst, du solltest besser bleiben. Und außerdem ist Abschied nicht mein Element. Schon klar, damit bist du nicht zu erweichen. Vielleicht lern ich noch schnell Posaune, Akkordeon oder Klavier? Noch besser wär’ Gitarre. Ja. Drei bis vier Akkorde sollten reichen. Die merk ich mir und ging zum Terminal. Da würd’ ich singen, laut, falsch und ganz besonders schrill. Alle Leute würden’s hören und wissen, dass hier Einer ist, der weg geh’n will.  Ich würde ungeheuer peinlich sein. Schlimmer als bei Wahrheit oder Pflicht. Und weil kein Baum da wär, würde ich irgendwas erklimmen. Vielleicht eine Laterne. So genau weiß ich es gerade nicht. Verstörend dissonant ließ ich die Finger über Saiten holpern und stimmte alte Schlager an, Vicky Leandros, Udo Jürgens, vielleicht auch Freddy Quinn. Es gibt keine Laternen dort? Egal, ich würde trotzdem durch die Töne stolpern und du könntest nicht weg, weil du am Check-In  anstehst für den Flug nach Nirgendwo. Mal ehrlich, wer außer dir will denn da hin?
Du würdest dich noch umdreh’n, zu mir sagen: „Hör auf, mit dem Geheule, das ist so grottenschlecht, dass man am liebsten auf der Stelle sterben will“.  Und ich würd’ rufen: „Das geschieht dir recht. Bleib bloß nicht stehn. Geh weiter. Einfach weiter. Los hau schon ab. Ich will dich weg gehen sehn“.
Dann lachtest du, sähst mich an und sagtest: „Machs gut. Es war nicht schlimm mit dir.“
Ich würde schweigen. Und wenn du weg wärst, würde ich so tun, als ob ein Staubkorn mir ins Auge flog, würd drüber lachen…..ach, und überhaupt, du wärst ja gar nicht weg. Wärst nur Woanders. Das ist die Wahrheit.
Aber auch ein kleiner Selbstbetrug.

Drachenflug

Weil heute,
heute ist und
weil es regnet,
hab ich ein Lied
für dich gemacht
und weil Gedanken
Karussell fahr’n
wie wilde Kinder
an manchen Tagen
in mancher Nacht.

Bist nur ein Flüstern
im leeren Raum,
ein blasses Bild
an meiner Wand
ich weiß nicht,
ist es Wahrheit
oder Traum,
greif ich ins Leere
oder hältst du
meine Hand?

In meinem Kopf
geh ich an Orte
die wir zusammen
einst geliebt,
wenn du jetzt
vor mir stündest,
fehlten uns die Worte?
Würden wir lachen,
oder wäre unser
Blick getrübt?

Gäb’ es
den Funken noch,
der früher
uns reden, lachen,
lieben ließ,
als wir auf Wellen
von Ideen flogen
wir waren,
Feuerdrachen,
die Welt ein Paradies.

Weil heute,
heute ist und
weil es regnet,
hab ich ein Lied
für dich gemacht
und weil Gedanken
Karussell fahr’n
wie wilde Kinder
an manchen Tagen
in mancher Nacht.

© Gabriele Auth

 

Traum (eine Notiz)

Traum im
Traum
im
Traum
Zerbrochene Flügel
Gläserner Raum
Ein verpixeltes Bild
von Liebe
das Herz
Traum im
Traum
im
Traum
Verstand gesperrt
in Gedanken
Den Schlüssel verloren
im Raum
Gefallen
in den
multiversalen
Traum im
Traum
im
Traum