liquid summer

Liquid summer,
time is a bitch,
god is the drummer,
years are passing by
like clouds in the sky,
drums are still ruling,
every heartbeat remains,
summer is fading and
it rains and rains.

 

Als meine Mutter leuchtete

Heute ist Muttertag, ein Tag genauso gut wie jeder andere, um diese Erinnerung hier zu veröffentlichen:

Die Natur trägt ihr Spätsommerkleid. Das Laub der Bäume schimmert gelb und rot. Dem Leuchten haftet eine fragile Patina der Vergänglichkeit an. Wie ein zögerndes Lächeln huscht die Morgensonne in mein Fenster. Ich sitze mit meinem Kaffee am Küchentisch und beobachte das Streifenmuster aus Licht und Schatten auf der Tischplatte. In den Lichtbahnen treten einige Brotkrümel zu Tage, die im Schatten kaum zu erkennen sind. Draußen zwitschern Vögel ihre Lebensfreude in den Himmel. Sonnentrunken.

Der Kater hat heute Nacht auf den Küchenboden gepinkelt. Er ist nach einem Schlaganfall erblindet. Seitdem gleichen seine Sinne rostigen Messern, stumpf wie seine Krallen. Oft verliert er die Orientierung und läuft im Kreis, die Augen suchend auf den Boden gerichtet. Dann trage ich ihn zum Katzenklo oder in sein Körbchen. Vertraute Fixpunkte in seinem dunklen Universum. Von dort aus kann er sich an Wänden und Möbeln entlang durch die Räume tasten. Hin und wieder rollt er sich nach dem Fressen neben dem Futternapf zusammen und schläft ein. Sein Schnurren hebt sich vor jedem Atemzug zu einem kleinen, pfeifenden Keuchen.
Mir fällt es schwer, Alter und Verfall zu begegnen. Es weckt Mitleid in mir, gleichzeitig eine unbestimmte Wut, Gereiztheit und den Wunsch davonzulaufen. Ich mag dem Prozess des Sterbens nicht begegnen, dem unwillkommenen Ausblick auf die eigene Zukunft. Verweigertes Wissen.
Nicht nur die Kraft der Sinne scheint im Alter abzunehmen, alles verengt sich, wird kraftlos. Nach und nach versiegt der Lebenssaft und der Körper welkt wie die Blätter an den Bäumen. Glühendes Laub. Eigensinnige Schönheit des Sterbens in der Natur. Ein farbenprächtiger letzter Triumph.
Der Anblick des Katers lässt mich an meine Mutter denken, an die Zeit, in der ihr Verfall unübersehbar wurde. Zwei Wochen vor ihrem Tod saß sie in der Sonne auf dem Balkon, eingehüllt in ihren flauschigen Morgenmantel, in dem ihr zerbrechlich gewordener Körper zu verschwinden schien, als wolle er sich in sich selber zurückziehen. Das Blau des Mantels vertiefte die Farbe ihrer Augen. Unwillkürlich fühlte ich mich an kostbares Porzellan erinnert, das von vielen Lagen Seidenpapier umhüllt ist. Ihr Blick war nach Innen gerichtet wie in unbegreifliche Tiefen. Ihr feines, weißes Haar leuchtete in der Sonne. Eine hinfällige Fee.  Nie zuvor hatte ich sie so strahlend gesehen. Und nie wieder danach.
Sie hat mich geboren, genährt, aber ich habe sie nicht wirklich kennengelernt, nie ihr Wesen ergründet. Ich weiß nicht, ob sie sich selbst kannte und ich erriet in all den Jahren nicht, wie sie für mich empfand. Meinte sie, mich zu verstehen und mir nahe zu sein, oder fühlte sie die Ferne ebenso wie ich?
Vielleicht waren wir einander vertrauter, als wir ahnten oder zugeben wollten. Die Gefühle, die sie in mir weckte, als ich Kind war, sind mir entglitten, verblasst wie die alten Fotos von ihr. Ich erinnere mich, dass ich als Erwachsene nicht wollte, dass sie mich berührte. Wir umarmten uns und vollzogen die üblichen Gesten, doch ich ließ nicht zu, dass sie mich im Wesen anrührte, mein Herz in Bewegung versetzte. Ich vermute, sie hat meine Befangenheit geteilt. Doch in diesem zeitlosen Moment auf dem Balkon vor dem Hintergrund des wolkenlosen Frühlingshimmels malte das Licht mit schmerzlicher Intensität die nicht gelebte Schönheit auf das Gesicht meiner Mutter. Ich entdeckte die Reinheit kindlicher Unschuld, ewig und vergänglich zugleich. Wie ein feines Messer drang sie unter meine Oberfläche. Ich sah das Kind in ihr, die erblühende Frau, die behütende Mutter, die Greisin. Ich ahnte, was sie war und mehr noch, was sie hätte sein können.

aus: „Mensch lernt von Mensch“,  Masou Verlag 2015

Nicht Supergirl oder Das Ende der Verfügbarkeit

Immer wieder raten, was Einer will. Es aus Augen lesen bevor es ausgesprochen ist. Die verdammte Verantwortung spüren für Alles und Jeden. Für jeden Klecks an der Wand, jede Träne und jedes mürrische Zischen im Umkreis von tausend Kilometern. Wer wird sich verantwortlich fühlen, wer das Fenster schließen, wenn der Sturm mich an die Wand drückt, wenn Furcht mein Rückrat fast verdreht? Ist da wer? Im Sturm? Ausser mir? Ich knalle das Fenster selber zu. Stemme mich mit aller Kraft dagegen, begegne dem Tosen. Ich für mich. Verantwortlich. Das Ende der Verfügbarkeit. Everybodies darling is not everybodies friend. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, werde ich da sein, wenn deine Welt aus Mauern besteht, eine offene Tür sein zwischen Wänden aus Stahl, zu dem Raum, in dem du dich selber triffst. Da sein. Mehr nicht. Berührbar, nicht verfügbar.

Zeugung

Dunkelheit. Stufenloses Blau. Sanft. Warm. Zärtlich. Wasserweich.  Feuergleich. Tanzendes Licht. Eine Stimme. Liebevoll lockend. Ruft dich auf, einzutauchen.  Geschlossene Augen. Singender Geist. Traum. Leben, das war. Leben, das kommt. Die Aufgabe. Vorbei. Zieht vorbei. Nirgends hinzugehen. Sein.
Was wirst du tun? Sterngeborener.
Sterngeborener. Wer rief ?
Verblassen des Traumes. Fort. Fort. Augen öffnen sich. Sternenstaub flieht von den Lidern. Pures Leben. Die Stimme ruft, sanft ziehend. Eine Spirale, magisch, unwiderruflich, hinein, hinunter, in großen Kreisen, kleiner werdend. Spiralenfall. Einsenken aus unendlichem Blau in endliches rotbraunes Dämmern, Wasser statt Luft. Fließen statt sein.

Wandel

Mit der Zeit kommt Einsamkeit.
Etwas zerbricht.
Mit der Zeit kommt Traurigkeit.
Lachen fällt aus dem Gesicht.
Das Reden leerer Klang
vom Geben und Nehmen,
vom Halten und Lassen,
ein falscher Gesang.

Mit der Zeit verstehst du
wer du bist.
Mit der Zeit nimmst du
alles wie es ist
bist  dein eigener Freund,
bist Lachen und Lieben,
Sehen und Verstehen
dem Leben vereint.

Mit der Einheit die Leichtigkeit.
Das Herz versteht.
Mit der Einheit die Freundlichkeit.
In dir klingt ein Lied.
Jedes Wort ein großer Gesang
vom Geben und Nehmen
vom Halten und Lassen
ein Seelenklang.

Zeit für Prinzen

Der, auf den sie lange schon wartet. Der, der mit ihr in den Sonnenaufgang reiten soll. Jetzt, wo er vor ihr steht, ist da eine seltsame Wundheit in ihrer Seele und ihr Herz hüpft eine Million Mal. So als hätte es Schluckauf. Bis es weh tut. Aber, selbst wenn sie die Luft anhält, hört es nicht auf. Er fordert sie zum Tanz. Sie lächelt wie betrunken. Wenn das Herz so ungestüm hüpft, setzt die Wahrnehmung aus. Der Traum fängt an. Sie tanzen. Und tanzen. Sie dreht sich, bis ihre Füße wund sind. Sie tanzt, bis ihre Beine schmerzen. Sie muss weiter tanzen. Immer weiter. Wie in dem Märchen mit den roten Schuhen. Ihr Prinz schleift sie im Kreis und rund und herum. Sein Lachen klingt wie Rasierklingen. Sein Blick hat jede Sanftheit verloren. Bis sie am Boden liegt. Wie tot. Das Herz so müde, schwer wie rostiges Eisen. Sag, wo ist jetzt der Zauber? Ihr Prinz flieht in den Sonnenuntergang. Die Nacht zieht herauf. Und beim nächsten Prinzen wird gar nichts besser. Der, auf den sie wirklich wartet, kommt nicht auf einem weißen Pferd. Vielleicht kommt er mit dem Bus, mit dem Rad oder zu Fuß. Seine Krone verstaubt in irgendeiner Ecke seiner Zweizimmerwohnung. Wenn er vor ihr steht, hüpft ihr Herz nicht. Es dehnt sich aus. Sie sehen sich an. Ruhig. Die Wundheit der Seele löst sich . Sie nehmen sich bei der Hand. Ihr Herz lehnt sich an seines. Der erste Schritt. Und noch einer. Am Nachthimmel blühen Sterne. Sie gehen, teilen sich miteinander, ihr Licht, ihre Dunkelheit. Es ist der Moment. Sie weiß es und sie pfeift auf den Sonnenaufgang.

Der Staub der Zeit

Die unerfüllte Liebe altert nicht. Die Last der Jahre zwingt sie niemals in die Knie. Sie leuchtet umso schöner, je länger sie vergangen ist. Und der Staub der Zeit glänzt im  Rückblick  wie Sternenstaub aus einer anderen Welt.
Nostalgie hat einen weichen Klang.
Dann plötzlich steht ihr voreinander. Und eure Stimmen sprechen nicht die lang gehegten Worte. Der Schimmer der Erinnerung verblasst im Licht der Wirklichkeit. Nichts gibt es, was ihr euch zu sagen hättet, ausser:
„Weisst Du noch?“ und „Ist lange her“.

Im Lächeln einer Katze

Leben pur und ohne Limit, im Maßstab Eins zu Eins, ohne zu zögern den Rausch des Urknalls leben und Mensch und Schöpfung im Einklang fühlen. Jedes für sich ohne Verlassenheit im Teilchenbeschleuniger der Wahrheit, im Licht und frei.
Im Lächeln einer Katze schwingt  der ganze Kosmos.

Wirklichkeit

Lass uns wirklich sein,
so
Herz bei Kopf eintauchen
in den zeitlosen Moment,
jeder auf seine Weise,
jeder sein eigenes im wir,
ohne Urteil wahrnehmend.
Im Gleichgewicht.
In der Wahrung
des Gegensatzes.
In vollkommener
Gleichwertigkeit,
so
lass uns wirklich sein.

Nicht Cinderella

Die bin ich, die in rein gar nichts passt, war meiner Mutter allzu dünn, zu blass als Kind und später dann zu schwarz, zu bunt, zu sehr Zigeunerin.
Die Lehrer kamen leidlich mit mir klar, weil ich so wortreich reden konnte. Doch diese aufmüpfige Art, die störte ihr gepflegtes Bild.
Vater fand seine Tochter wohlgeraten, solang sie keine Widerworte gab. Nur meine Freunde passten nicht in sein Konzept. Von denen spürte mancher, dass auch ich nicht in seines passte. Zu wenig Weibchen. Zu sehr Blaustrumpf. Zu rot die Nägel und trotzdem nicht Femme Fatale.
Kann nicht gut singen, spiel kein Instrument, und hab ich Geld, geb ich es einfach aus so völlig ohne Sinn für hohe Kanten.
Es sind wohl mehr als tausend Schubladen, in die ich nicht hineingepasst und abertausend Worte, die mich mahnten und mich nie erreichten.
Oh ja, ich habe es versucht, hab mich gebogen, hab die Ferse abgehackt um in manch engen Schuh zu passen, den irgendein altkluger Prinz mir reichte.
Hat nie geklappt. Blut war im Schuh und ich mal wieder nicht die blonde Fee, das liebliche Dornröschen oder Aschenputtel.
Doch in mir klingt Musik, dass Herz und Seele tanzen, wann immer ich den Klängen lausche, und Liebe ohne Ziel und Limit füllt mich aus.
Gebt eure Schuhe und den klugen Rat ruhig denen, welche wohlgeraten und adrett euch eure Wünsche von den Lippen lesen.
Ich tanze weiter mit den Sternen, die über mir und in mir kreisen.
Ich bin die böse Schwester, bin die schwarze Fee.
Ich bin nicht nett.