Juli – what the bird said

Ich muss zugeben, ein bißchen kribbelig bin ich jetzt schon. Vielleicht sogar ein bißchen mehr. Warum?
Weil mein nächstes Buch, mein zweites,  nun wirklich auf dem Weg ist. In ein paar Wochen ist es soweit. Unweigerlich. Und ja, das ist aufregend für mich.
Hier gibt es vorab schonmal das Cover zu sehen.
Und ich möchte erzählen, worüber ich mich auch noch riesig freue.
In der Einleitung und als Untertitel durfte ich ein Lied von der Singer/Songwriterin Katja Werker verwenden. Ihr Album, „Contact Myself“,  habe ich oft beim Schreiben gehört, und abgesehen davon, dass ich es sehr mag, passt es meiner Meinung sehr gut zur Stimmung und zum Inhalt meines  Romans.
Das Lied „What the bird said“ ist definitiv eines meiner Lieblingslieder.

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Nicht Cinderella & Der blaue Vorhang

Ich freue mich sehr, am 1.10. im Künstlerhaus Buschulte in Unna, lesen zu dürfen. Noch viel mehr freue ich mich über die Zusammenarbeit mit  Sara Buschulte, mit der ich danach sicher noch das eine oder andere Mal zu Nicht Cinderella & Der blaue Vorhang einladen werde.
Sara Buschulte ist die Sängerin und Songwriterin der Band Sara’s Wohnzimmer und erzählt in ihren Liedern vom Tanzen, Taumeln und wieder landen, von Schattensprüngen und Höhenflügen, vom Loslassen und Wiederfinden.
Die Musik bewegt sich zwischen Chanson, Folk, Pop und Jazz.
2015 erschien das erste Album „irgendwo zwischen Alltag und Illusion“
2017 das zweite Album „Schattensprung“.
Unsere erste gemeinsame Probe war ein schönes Erlebnis. Da hat alles gepasst.
Die Generalprobe in fünf Tagen wird uns startklar machen, um mit allen, die kommen zwei schöne Stunden zu erleben. Und  ich  werde auch einen Abschnitt aus meinem Roman Juli – What the bird said  lesen, der in einigen Wochen veröffentlicht wird.
Kommt vorbei.

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Sara Buschulte und Gabriele Auth

Mojo und weil Julia gefragt hat

Traueraugen,
der Blick eine Wand,
gemauert aus
Splittern des
gebrochenen
Wesens.
Zerrissenheit.
Leben sterben.
Sterben leben.
Alle Türen
aufgebrochen,
eingetreten.
Zu früh.
Dazwischen
sich verströmen,
so viel zu geben,
sprudelnder Quell
sinnlos versickernd
im Sand.
Niemand versteht.

© gabriele auth

Schneewittchen

Ihr Blick will Wärme
streunt frierend
über tote Ebenen
sucht Halt im Grau.
Am Horizont
eine Bergkette.
Schwarze Vögel kreisen
Über sieben Hügeln.

Beklemmung,
Herz einschnürend
Die Arme wie Stein.
Enge. Oh. Enge.
Kopf stößt an Wände
wieder und wieder.
Schwarze Vögel kreisen
Über sieben Hügeln.

Ein Schrei im Grau.
Das Echo verfliegt.
Duft von Äpfeln
im Gläsernen Sarg.
Feine Tränen wie
Nieselregen.
Schwarze Vögel kreisen
Über sieben Hügeln.

© gabriele auth

 

 

 

 

Also nachm Regenbogen um sechs Uhr abends

Schon als ich diesen Blog gestartet habe, gab es die Rubrik „Rezensionen“.
Sie soll Newcomern und Selfpublishern gewidmet sein, denn, ganz ehrlich, die beliebten Autoren renommierter Verlage haben genug Medienpräsenz, wenigstens die, die mich begeistern.
Jetzt muss man wissen, dass ich Bücher quasi einatme, was  zum Teil an meiner Lesebegeisterung liegt, aber auch daran, dass ich Lesungen veranstalte, zu denen ich Autorinnen und Autoren einlade, um ihre Bücher vorzustellen.
Ich entdecke häufig Bücher, die mich unterhalten und mir gefallen, aber es ist eine Seltenheit, dass mich eines wirklich berührt und begeistert. Also so rundum begeistert, Idee, Schreibstil, Protagonisten.   Das vorletzte Werk, auf welches dies zutraf, war von Haruki Murakami. Weder Newcomer, noch Selfpublisher.
Aber okay, ich merke, ich rede zu viel.  Also kommen wir zum Kern der Sache. Das letzte Buch, das ich gelesen habe, erfüllt für mich alle Voraussetzungen, um einen Blogbeitrag darüber zu schreiben. Man ahnt es vielleicht schon, es heißt:
Also nachm Regenbogen um sechs Uhr abends ( von Victoria Suffrage)
Es handelt von Paul,  seiner geistig behinderten Tochter Ela, seiner Katze Nuschi, von Alex, seinem jungen Betreuer vom Pflegedienst,  und es handelt von Lissy, Pauls Frau, die zehn Jahre älter war als er und gestorben ist. Paul ist achtundsiebzig, vergisst oft Dinge und ärgert sich über seine schwindenden Kräfte.
Die Autorin, Victoria Suffrage nimmt uns mit in Pauls Kopf, lässt uns teilhaben an seiner Zwiesprache mit sich selbst und mit seiner Lissy, die ihn liebevoll Füchschen nennt.
Wie man hautnah all seine Gedanken und Sorgen um Ela miterlebt,  um die Anfeindungen der Nachbarn, denen Elas Geschrei auf die Nerven geht und um die verpassten Möglichkeiten der vergangenen Jahre, das entfaltet einen langsamen Sog, der einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt. Dabei  entwickelt sich die Geschichte  schließlich zu einem Road-Movie mit überaschenden Wendungen. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, in Echtzeit dabei zu sein, in die Gefühlswelt und Wahrnehmungen des Protagonisten einzutauchen, ebenso wie in seine Irrtümer und Fehleinschätzungen.
Ein wunderbares kleines Buch mit großer Wirkung. Und nachhaltig.
Ich möchte nicht spoilern, also teile ich nur noch einige Auszüge aus dem Text.
„Eine fromme Frau war sie, meine Mutter. Sie hat morgens schon gebetet, dass es auch wieder Abend werde, und Stein und Bein geschworen, dass es ohne ihr Gebet schiefgegangen wäre. So wie mit meinem Vater, der aus dem Krieg nicht wiedergekommen ist. Dass er in Frankreich geblieben ist, weil er eine andere Frau kennengelernt hatte, habe ich erst nach ihrem Tod erfahren. Da war der Vater auch schon gestorben. Als ich ihr meine Lissy vorstellte, da hat sie sich bekreuzigt und drei Tage ins Schlafzimmer eingeschlossen. Und zur Hochzeit kam sie erst gar nicht. Bei der Lissy und dem Alter, da hat sie immer gewusst, was die Leute reden werden. Das Geschwätz hinterher, weil sie nicht zur Hochzeit kam, hat sie nicht gestört.“

Diese Nächte mit Ela, immer ihr Schreien, immer die Besorgnis, dass gleich wieder ein Nachbar ankommt – ich kann nicht mehr. Und in meinem Kopf wird es auch komischer. Ich habe mir ja vorgestellt, dass man es nicht merkt, wenn man wunderlich wird. Ist aber nicht so. Vielleicht hat Alex recht und ich sollte mit ihm in die Kneipe gehen. Aber selbst das wird ein Trauerspiel werden. ich brauche fünf Minuten, um ein Bier zu trinken und danach fünfzehn Minuten, bis ich es zum Klo geschafft habe. Und wenn ich das Pinkelbecken erreicht habe, tja, ist auch nicht die Moldau, die ich dann rauschen höre. Wenn nicht gerade die Schallplatte hängt.“

Ich schaue Alex hinterher, wie er zur Wohnungstür geht. Wie schnell er ist. Kurz darauf höre ich seine Schritte im Treppenhaus. er kann ruhig laut sein, bei ihm traut sich keiner, zu schimpfen und gemein zu sein. Seine Geschichte mit der Frau Schmerle lässt mich nicht los. Ich weiß nicht, ob ich allein sterben will oder nicht. Lissy ist ja nicht mehr ganz da.  Bei ihr wollte ich sein, als es ihr schlecht ging. Aber ich wollte nicht, dass sie geht. „Nachm Regenbogen, Paul. Nachm Regenbogen umd sechs Uhr abends.“ Das waren ihre letzten Worte. Danach schwieg sie beinahe zwei Tage. Ich erzählte ihr, streichelte sie. Und fragte sie wegen Ela. Bestimmt kann ich allein sterben, aber ich kann nicht allein zum Regenbogen gehe.“

Also nachm Regenbogen um sechs Uhr abends

 

Woanders

Wollte zum Abschied ein Lied für dich schreiben, ganz in Moll, nur in der Mitte heimlich einen Dur-Akkord. Verdammt, ich kann doch keine Noten und spiel kein Instrument. Du siehst, du solltest besser bleiben. Und außerdem ist Abschied nicht mein Element. Schon klar, damit bist du nicht zu erweichen. Vielleicht lern ich noch schnell Posaune, Akkordeon oder Klavier? Noch besser wär’ Gitarre. Ja. Drei bis vier Akkorde sollten reichen. Die merk ich mir und ging zum Terminal. Da würd’ ich singen, laut, falsch und ganz besonders schrill. Alle Leute würden’s hören und wissen, dass hier Einer ist, der weg geh’n will.  Ich würde ungeheuer peinlich sein. Schlimmer als bei Wahrheit oder Pflicht. Und weil kein Baum da wär, würde ich irgendwas erklimmen. Vielleicht eine Laterne. So genau weiß ich es gerade nicht. Verstörend dissonant ließ ich die Finger über Saiten holpern und stimmte alte Schlager an, Vicky Leandros, Udo Jürgens, vielleicht auch Freddy Quinn. Es gibt keine Laternen dort? Egal, ich würde trotzdem durch die Töne stolpern und du könntest nicht weg, weil du am Check-In  anstehst für den Flug nach Nirgendwo. Mal ehrlich, wer außer dir will denn da hin?
Du würdest dich noch umdreh’n, zu mir sagen: „Hör auf, mit dem Geheule, das ist so grottenschlecht, dass man am liebsten auf der Stelle sterben will“.  Und ich würd’ rufen: „Das geschieht dir recht. Bleib bloß nicht stehn. Geh weiter. Einfach weiter. Los hau schon ab. Ich will dich weg gehen sehn“.
Dann lachst du, sähst mich an und sagtest: „Machs gut. Es war nicht schlimm mit dir.“
Ich würde schweigen. Und wenn du weg wärst, würde ich so tun, als ob ein Staubkorn mir ins Auge flog, würd drüber lachen…..ach, und überhaupt, du wärst ja gar nicht weg. Wärst nur Woanders. Das ist die Wahrheit.
Aber auch ein kleiner Selbstbetrug.

Drachenflug

Weil heute,
heute ist und
weil es regnet,
hab ich ein Lied
für dich gemacht
und weil Gedanken
Karussell fahr’n
wie wilde Kinder
an manchen Tagen
in mancher Nacht.

Bist nur ein Flüstern
im leeren Raum,
ein blasses Bild
an meiner Wand
ich weiß nicht,
ist es Wahrheit
oder Traum,
greif ich ins Leere
oder hältst du
meine Hand?

In meinem Kopf
geh ich an Orte
die wir zusammen
einst geliebt,
wenn du jetzt
vor mir stündest,
fehlten uns die Worte?
Würden wir lachen,
oder wäre unser
Blick getrübt?

Gäb’ es
den Funken noch,
der früher
uns reden, lachen,
lieben ließ,
als wir auf Wellen
von Ideen flogen
wir waren,
Feuerdrachen,
die Welt ein Paradies.

Weil heute,
heute ist und
weil es regnet,
hab ich ein Lied
für dich gemacht
und weil Gedanken
Karussell fahr’n
wie wilde Kinder
an manchen Tagen
in mancher Nacht.

© Gabriele Auth

 

Auszug aus meinem immer noch aktuellen Buch Projekt: Juli – what the bird said

Einige Tage nach dem Anna-Desaster schellte es an der Tür. Ich öffnete. Vor mir stand Harry. Mir brach der Schweiß aus. Er musterte mich, als wäre ich der unattraktive Trostpreis einer drittklassigen Tombola.
»Willst du mich nicht reinlassen?«
»Warum sollte ich? Was willst du überhaupt?«
»Hab gehört, du wärst jetzt mit Martin, dieser Niete zusammen. Wollt´s nicht glauben, aber sein Name an der Klingel ist ja nicht zu übersehen.«

Ich fühlte mich festgenagelt zwischen Tür und Angel. Er schob sich an mir vorbei in die Wohnung, schien jedes Detail abzuschätzen, setzte sich breitbeinig auf die Couch und zündete eine Zigarette an. Sein Geruch stieg mir in die Nase, eine Mischung aus Deo und Schweiß. Ich stand mit hängenden Armen und weichen Knien im Zimmer und hätte mich am liebsten eng zusammengerollt, mich unsichtbar gemacht oder wenigstens ganz klein. Igelklein.
Gebetsmühlenartig wisperte es in meinem Kopf, kühl bleiben, Juli. Keine Schwäche zeigen.
»Ganz nett hier«, sagte Harry, »aber wir beide hatten es schöner zusammen.«
»Ansichtssache.«
»Bietest du mir keinen Kaffee an?«
»Hab keinen Kaffee. Nicht für dich.«
Er starrte mich an, schien meinen Körper von oben bis unten abzutasten, bis sein Blick wie ein verdammter Dartpfeil auf Höhe meiner Brust steckenblieb.
»Du hast zugenommen.«
»Na und, was gehts dich an?«
»Bist du verrückt, dir deine Figur zu versauen?«
Ich merkte, wie mir die Tränen kamen. Verdammt, ich wollte vor dem Typen nicht heulen. Warum zum Teufel war Martin nicht da? Martin, der Airbag zwischen mir und der Vergangenheit.
»Ich will, dass du verschwindest. Ich hab dich nicht eingeladen herzukommen und meine Figur zu begutachten.«
»Tut mir leid, war nicht so gemeint.«
»Ist mir egal, verschwinde einfach.«
»Wirfst du mich raus?« Seine Stimme war ein Biss. Er stand auf. Kam auf mich zu. Ich wich zurück in den Flur, öffnete die Wohnungstür.
»Zwing mich nicht, die Nachbarn zu rufen.«
Er drängte mich im Vorbeigehen an die Wand. Hart bohrte sich sein Ellbogen in meine Taille. Mir war schlecht. Da war so viel Wut in seinem Blick. Plötzlich schien die Stimmung zu kippen. Unheimlich, wie der Ausdruck in seinen Augen wechselte, als hätte jemand den Schalter umgelegt.
»Kann ich dich nicht wenigstens mal anrufen«, bettelte er.
»Wenns sein muss.«
»Mir tut das alles so total leid, Juli. Wirklich. Ich liebe dich doch. Das mit deiner Figur, das war ein blöder Spruch. Du siehst besser aus denn je, ehrlich. Mensch, du fehlst mir.« Er sah mich an wie ein Hund, der auf Futter wartet. Gierig. Unterwürfig. Sprungbereit.

»Machs gut«, sagte ich leise und schloss die Tür. Fast erwartete ich, dass er mit den Fäusten dagegen hämmerte. Ich ging ins Wohnzimmer, zündete Räucherstäbchen an, legte eine Platte von Leonard Cohen auf, A New Skin For The Old Ceremony, und schlang die Arme um den Oberkörper. Meine Hände zitterten. Die Musik wiegte mich in ihren Armen. Die Musik erlaubte mir zu weinen, bis es sich anfühlte, als käme statt der Tränen nur noch Sand aus meinen Augen.

Traum (eine Notiz)

Traum im
Traum
im
Traum
Zerbrochene Flügel
Gläserner Raum
Ein verpixeltes Bild
von Liebe
das Herz
Traum im
Traum
im
Traum
Verstand gesperrt
in Gedanken
Den Schlüssel verloren
im Raum
Gefallen
in den
multiversalen
Traum im
Traum
im
Traum

Eine Tasse Tee

Kleiner Auszug aus meinem Buch  Mensch lernt von Mensch.

Der Himmel sieht  gestreift aus. Weisse Wolkenstreifen im Sonnenlicht.
Ich sitze, beobachte durch die Balkontür das Morgenschauspiel der Natur. Die Sonne füllt den Tag mit Licht. Über die Balkonbrüstung ist ein Katzenschutznetz aus weissen Nylonfäden gespannt. Die Sonne verwandelt es in ein Gitter aus Licht.

Was ist Wahrheit?
Was weiß ich, das unumstößlich wahr ist?
Das Leben? Der Tod?
Mein Körper wird verfallen, verwelken wie eine Blüte. Aber verschwindet er wirklich vollständig?

Wenn Seele und Bewusstsein ihn verlassen haben, bleibt er eingebunden in den organischen Kreislauf der Erde. Und selbst, wenn die Körperhülle verbrannt wird, bleibt Asche. Das ist so unspektakulär und klein und dennoch von solch beängstigender Größe.

Angst vor dem großen unbekannten Nichts?
Existiert es überhaupt dieses Nichts?
Gibt es etwas, das nichts ist?
Meine lautlose Frage stolpert über das Lichtgitter am Balkon.
Manche Menschen sagen, dass Materie eine Illusion ist. Real sei allein die Energie, die jede Materie belebt, das Lebenslicht. Woher kann jemand wissen, dass das wahr ist, wenn er es nicht sieht?

Vor mir auf dem Tisch steht ein Glas mit schwarzem Tee. Earl Grey. Meine Lieblingssorte. Nachdenklich lasse ich Zucker in die bernsteinfarbene Flüssigkeit rieseln, beobachte wie die glitzernden Kristalle vom Löffel auf den Grund der Tasse trudeln, wo sie eine feine Schicht bilden. Beim Umrühren lösen sie sich auf. Ich kann sie nicht mehr wahrnehmen. Der Zucker hat den Tee verändert. Die Veränderung ist nicht sichtbar, aber wenn man einen Schluck trinkt, ist sie zu schmecken.
Ich gieße Milch dazu. Sie entfaltet sich zu einer hellen Wolke in der dunklen Flüssigkeit. Es sieht ein wenig  aus wie Rauch, der von einer Explosion aufsteigt. Durch den Schwung des Eingießens breitet die Wolke sich zunächst aus, sinkt dann auf den Grund der Tasse, wo sich ein lichter Streifen bildet. Während die Flüssigkeiten sich allmählich vermischen, wird der Streifen schmaler, bis er schließlich völlig verschwunden ist. Der Tee hat eine einheitliche milchig trübe Farbe angenommen. Milch und Tee sind durch einen neuen Schwung, durch ein erneutes Rühren nicht mehr voneinander zu trennen.

Die Welt und die Materie kommen mir vor wie eine Tasse Milchtee, Licht und Materie  vermischt zu einer Substanz, die wir Leben nennen.

Was bedeutet das für meine Liste der Wahrheiten?

In mir ist Leben und gleichzeitig Tod, wie Milch und Tee in Bewegung gehalten durch den Rührlöffel Zeit. Da ist Seele in mir. Unsterblichkeit. Ich kann es nicht sehen oder anfassen. Aber ich kann es wahrnehmen. So wie ich Zucker im Tee schmecken kann. Wenn ich mich strecke, Arme und Beine bewege, spüre ich die Muskeln. Was versetzt sie in Bewegung?

Einerseits sind es Abläufe im Gehirn. Aber was gibt ihnen den Impuls. Ist es der eigene Wille?
Wenn ich den Arm heben will, hebe ich ihn mit Hilfe des Willens.
Und wenn ich sterbe?
Keine Macht der Welt, nicht der energischste Wille könnte den Arm dann noch von innen her in Bewegung setzen.
Wo bleibt er dann, der starke Wille?
Was kann er noch bewirken?

Ich weiss nicht viel, aber eines wird mir klar, ich sollte jede Sekunde genießen. Jetzt, und jetzt, und wieder jetzt.

Ich trinke meinen Tee. Er ist nicht mehr ganz heiß. Der feine Bergamottegeschmack zusammen mit der Süße des Zuckers und der Weichheit der Milch, lässt mich genüsslich die Augen schließen.

 

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