Wisst ihr noch?
Wir waren Charlie Hebdo. Trotzig schrieben wir es auf unsere Facebookseiten:
„Je suis Charlie“. In Schwarz und Weiß.
Wir waren viele.

Wenn man uns gefragt hätte, warum wir das tun, welche Antwort hätten wir gegeben? Solidarität? Schock und Mitleid? Empathie? Ein Zeichen setzen für Satire, gegen Terror, für die Freiheit des Denkens?

Oder hatten wir intuitiv nur die Realität des Menschseins zum Ausdruck gebracht?

Wir könnten auch schreiben „Je suis Syria“, „I am America“ oder „Io sono Guantanamo“.
Es wäre die Wahrheit.
Weil wir Mensch sind, sind wir alles, was Mensch sein kann.
Jesus und Pilatus. Gott und der Teufel. Gandhi genauso, wie Trump. Die Mauer, die Trennung existiert nicht, außer in unseren Köpfen. Und auch, wenn wir uns solidarisieren mit denen, die wir als Opfer sehen, können  wir an irgendeiner Stelle in unserem Leben Täter sein. Mal mehr, mal weniger. Und wenn wir es nie sind, dann ist es ein anderer für uns.  Es gibt nichts, was wir nicht in uns tragen. Das Universum hält das Gleichgewicht.

Die Frage ist, was wollen wir leben?

Luxusproblem

Die Farbe erinnert mich an dunkles Bienenwachs oder an Waldhonig, eher Ocker als Gelb. Der Duft ist eine Mischung aus Lorbeer und Oliven, auch eine Ahnung von Orient trifft Okzident, ein Hauch von Tausendundeiner Nacht und eine Prise Sommernachtstraum.
Ach, ich weiß es nicht genau. Ich weiß nur, ich liebe diesen Duft. Und ich liebe die Form, ein unregelmäßiger, stabiler Würfel.
Kostbar sieht das aus. Irgendwie auch rau. Minimalistisch.
Ist nicht gerade das Schlichte, das Ursprüngliche oft wertvoller, als es im ersten Moment aussieht? Diese Art von Wert, die sich auf den zweiten Blick offenbart. Aufrichtige Freundschaft. Echte Liebe. Die Schönheit eines frisch gewaschenen oder regennassen Gesichtes. Die ansteckende Fröhlichkeit eines Kinderlachens, ein unscheinbares Fädchen Safran, oder eben dieses unauffällige Stück Seife. Das Letzte seiner Art in meinem Haus.
Anfangs besaß ich fünf von ihnen, hergestellt nach einem 1200 Jahre alten Verfahren in der syrischen Metropole Aleppo, von Hand geschnitten, mit einem Prägestempel versehen, gestapelt und neun Monate bis zur endgültigen Reife getrocknet.
Neun Monate.
Das war damals.
Vor dem Krieg.
Je länger er andauerte, je brutaler er sich ausweitete, umso sparsamer ging ich mit der Seife um. Ich benutzte zwischendurch Olivenseife aus Italien oder Frankreich, cremige, duftende, glatte Stücke mit Lavendel und Zitrone. Doch keine von ihnen konnte mir Lorbeer und tausendundeine Nacht ersetzen.
Soll ich es benutzen, das letzte Stück?
Unschlüssig nehme ich es in die Hand, rieche daran. Werde ich je wieder eine dieser, handgeschöpften Kostbarkeiten in den Händen halten? Ich habe keine Ahnung, wenn ich danach fragen könnte. Hier sitze ich und beklage das Verschwinden einer Seife.
Ein verdammtes Luxusproblem?
Ja.
Aber auch der Untergang einer Welt.
Das Verschwinden einer Kultur.
Aleppo steht düster und zerstört.
Scheherezade hat keine Tränen mehr.
Aleppo schweigt.

Jahresringe

Bilder vom
Krieg.
Anblick des
Leids.
Lähmende Ahnung
von Hilflosigkeit.
Der Versuch, zu
verstehen.
Der Wille, zu
sehen.

Die offene Tür.
Eine helfende Hand.
Dies Leben.
Diese Menschen.
Die Geschichte.
Dies Land.

Erinnerung
an Liebe.
Spuren von
Glück.
Jahresringe ins
Wesen geprägt.
Der Blick
nach vorne.
Ein Gruß
zurück.
 

Glück gehabt

Paranoia Mädchen
folgt dem
weißen Kaninchen
traumverloren im
Scheinwerferlicht,
hey, lass uns feiern,
die Titanic sinkt
ein anderes Mal
schau, Godot hockt
draußen vor der Tür,
und regennass glänzt
eine Lichterkette
am Weihnachtsbaum
im Vorgarten.
Glück gehabt, und
Fröhliche Weihnachten

Am Abgrund

Am Abgrund
eilen wir hin und her,
vor und zurück, bis
unsere Zehen fast schon
in die Tiefe ragen, und
schreckensstarr
wenden wir uns ab.

Am Abgrund
fragen wir uns nach
dem Sinn des
Lebens und des
höher, weiter, schneller.
Soll das denn alles
falsch gewesen sein?

Am Abgrund
zögern, zaudern wir,
ein Wein und eine
letzte Zigarette,
ein kurzer Schauder
und dann der Sprung?
Oder auch nicht?

Am Abgrund
stehen wir und warten,
dass einer kommt mit
einer allerletzten
Antwort auf die
Fragen, die wir nie
zu stellen wagten

Am Abgrund
wissen wir nicht,
ob wir stürzen werden,
oder fliegen können.
Arsch auf Grundeis.
Da zählt nichts mehr,
nur noch der Sprung.

Komm,
lass uns
f l i e g e n.

 

(co) Gabriele Auth
 

Kaddisch

Wer aber
spricht das Kaddisch
für sechs Millionen?

Ihre Namen, die Gesichter,
wer erinnert sich an sie?

Und
wenn es einer könnte
und er
erhöbe seine Stimme

jit’gadal wejitkadasch
sch’me rabba…
erhoben und geheiligt werde
sein großer Name…

elf Jahre lang
dreimal am Tag.
Sechs Millionen Jahre.

Nicht Schuld ist es,
es ist die Wahrheit,
die sie fürchten.

Wer aber
spricht das Kaddisch
für die Wahrheit?

(c)  Gabriele Auth

Talk about Pop Muzik

Im Mai war ich auf einem Konzert der Band Elysian Fields im Café de la Danse in Paris. Das Café de la Danse liegt in der Nähe der Bastille, ca 15 Minuten Fußweg entfernt vom Bataclan, dem Veranstaltungslokal, in dem IS Terroristen am 13. 11. 2015 während eines Konzerts ein Blutbad angerichtet haben.
Ich weiß nicht, wie es Euch gegangen wäre, aber für mich war es ein beklemmendes Gefühl, durch dieses Viertel zu laufen und ausgerechnet dort, zu einem Konzert zu gehen. Die Band Elysian Fields mit der wunderbaren Sängerin Jennifer Charles, ist eine meiner Lieblingsbands, die ich zweimal im kleinen Rahmen in Dortmund und Düsseldorf live erlebt hatte.
Vor dem Einlass standen wir zusammen mit mehreren anderen Konzertbesuchern  eine halbe Stunde in der Passage Louis Philippe vor dem  Café und warteten auf Einlass. Es nieselte auf das Kopfsteinpflaster und in meinen Jackenkragen, obwohl ich ihn hochgestellt hatte. Warmer, feiner Regen.
Die Passage Louis Philippe  ist ein schmale, unspektakuläre Straße, eher ein Gasse.
In dem ganzen Viertel um die Bastille herrscht ein buntes und erfrischendes Treiben von Menschen aller Hautfarben und Nationalitäten. Sie wogen durch die engen Straßen mit den kleinen Läden, Lokalen und Cafés. Bunte Menschenblüten, die der Frühlingswind bewegt. Das  hat einen ganz speziellen Zauber. Ich spürte, dass ich den nur halb genießen konnte, dass ich manchmal nervös über die Schulter sah und an den Terroranschlag dachte. Ich hasste diese Gedanken und die Beklemmung, die sie in mir auslösten, aber es gelang mir nicht, sie völlig zu vertreiben. Da blieb so ein unangenehmes Kitzeln im Verstand und im Bauch.
Schließlich wurden die Türen geöffnet. Ich ertappte mich dabei, wie ich einen Platz mit kurzem Fluchtweg ansteuerte. Das ist echter Mist, dachte ich, aber es ist halt so. Und was nützt es, sich zu verbiegen.
Das Konzert begann. Es war verzaubernd.
Die warme, sinnliche Stimme und Gestik von Jennifer Charles, die Gitarrenklänge von Oren Bloedow, das Licht, das die grob gemauerte Bühnenwand in einen goldenen Schimmer tauchte, das begeisterte Publikum und der Rotwein, ließen meine Beklemmung fast verschwinden, aber sie lauerte heimtückisch im Hintergrund und starrte mir verbiestert ins Gesicht, wenn einer der Security Typen oben auf der Galerie erschien und sich über die Brüstung beugte.
Bis zu diesem einen, magischen Moment, in dem Jennifer Charles fragte, ob das Publikum bereit sei für ein kleines Experiment.
„Fühlt ihr Euch an einem guten Ort“, fragte sie.
„Fühlt Ihr Euch sicher?“
„Ja!“
„Fühlt ihr Euch so sicher, dass wir das Licht löschen können?“
„Ja!“
Das Licht ging aus.
Der Raum lag komplett im Dunkeln. Musik erklang. Und dann die Stimme von Jennifer. Sie sang „Pop Muzik, talk about pop pop Muzik.“
Ich hörte die Worte und die Musik und ich verstand. Ich glaube jeder verstand es. Es war trotzig, es war tief und es war frei. Wir machen unsere Musik, hieß das, unsere Pop Musik, und die lassen wir uns von niemandem verbieten oder nehmen. Nicht von Fanatikern, nicht von irgendeinem religiösen Wahn und nicht von der eigenen Angst. Man kann versuchen, uns einzuschüchtern, aber wir werden unsere Musik nicht beenden. Wir werden weiter machen und leben so frei wir können.  Mit Musik. Mit Pop Musik.
Das Lied endete.
Die Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich fühlte mich frei von Beklemmung und Ängstlichkeit, fühlte mich wie nach einem warmen Bad, gereinigt und entspannt. Es war eine Initiation, ein sehr eigenes Ritual des Einatmens von Musik und des Ausatmens, Ausdehnens in den Raum hinein.
Wir schienen eins in diesem einen Moment. Alle.  Nahmen den Raum ein, füllten ihn wirklich aus mit uns, mit Gegenwärtigkeit und waren glücklich.
Das war so einer dieser magischen Momente, wie sie Musik erschaffen kann, einer der Momente, die der Grund dafür sind, warum Dikatoren solche Musik hassen, warum radikale Islamisten sie verbieten möchten.
Es war die Kraft der Musik, die Theodorakis ins Gefängnis gebracht hat und die die  Militärjunta in Chile dazu veranlasste, dem Sänger Viktor Jara zuerst die Finger zu brechen, dann die Gitarre zu zerstören und ihn schließlich zu ermorden.
Und trotz all der Gewalt lebte der Geist seiner Musik.
Ich bin Jennifer Charles dankbar für ihre Sensibilität, ihre Intuition und diesen Moment.
Und hier ist das Video, das T. dort gedreht hat. Es ist nicht das beste Material. Ich weiß  nicht, ob für andere spürbar wird, wie es war, aber in mir löst es unmittelbar wieder dieses Gefühl aus.
Ja, wir können frei sein, wenn wir uns dafür entscheiden.

Seufzer Lounge

In der Bar der
gebrochenen Herzen,
klagt der Jemand dem
Niemand sein Leid.
Sie seufzen und
jammern und ahnen,
Herzrisse heilen
nicht durch die Zeit.
Zeit trocknet Tränen,
lässt Kummer verwehen,
doch Heilung bringt
zweifellos nur, diese eine,
sich selbst vergessende
Liebe, die im Inneren
keimt, blüht, verzeiht.

(c) Gabriele Auth

 

Vorfreude

…auf die Frankfurter Buchmesse, wo ich das eine oder andere Interview mit Newcomern führen werde und natürlich Kontakte mit Verlagen, Selfpublishern, Agenturen und  Autoren knüpfen oder einfach nur pflegen will.  Bin selbst gespannt, was es danach darüber zu erzählengibt.  Ganz sicher schreibe ich mindestens eine Rezension. Ich weiß auch schon über welche beiden Bücher.
So, damit es hier nicht gänzlich so unpoetisch wird, ein kleines bißchen Lyrik aus dem Heimatbunker:

Warum mit Engeln reden,
die kühl und ungerührt
im Äther schweben?
Verborgen in den Tiefen
meines Erdenlebens
klingt die Stimme meines
eigenen Schicksals,
das frei gewählt mir

auf dem Fuße folgt.

Mit einem Dreh zur Seite
begegne ich dem Blick,
sitze am klaren Wasser
meiner Möglichkeiten,
und wie Regenbogenlicht
entfaltet sich mein Weg, im
Vorwärtsgehen lausche ich
den Klängen aus der Mitte.

Lasst mich den Engeln
zum Abschied
einen Tango pfeifen.
Lebt wohl, ich brauch
euch gerade nicht bei mir,
mein Leben ist  mehr
als genug.

© gabriele auth

 

Ein Schrei der Entrüstung geht durch die Literaturwelt.
Bob Dylan erhält den Literaturnobelpreis.
Bob Dylan. Ein Musiker.
Wird Reich-Ranicki sich im Grab umdrehen, oder würde er eher lachend in die Hände klatschen? Beifall klatschen?
Ich stelle mir vor, er würde applaudieren.

Wem zu Dylan nur  Blowin In The Wind  einfällt, dem fällt tatsächlich nicht viel ein, und er sollte schweigen, bis er sich mit der Lyrik des Musikers auseinandergesetzt hat.
Lyrik, die so fragil sein kann, und doch so erdig, vielseitig wie das Leben und so wunderbar, dass man fragen könnte: „Hey, warum hat der den Preis nicht schon früher bekommen?“
Ja, er ist ein Musiker, aber seine Musik steht für mich persönlich eher an zweiter Stelle. Manchmal frage ich mich, ob es für Dylan selber vielleicht auch so ist.
Wie auch immer, Musik ist das Transportmittel für das, was er sagen will.
Und er hat viel zu sagen, dieser große alte Mann mit der charakteristischen Stimme.
Er singt vom Leben und Lieben. Er erzählt Geschichten über Menschen, die ihm begegnet sind, über Dinge, die er gesehen hat, über Amerika und darüber wie der amerikanische Traum in Ungerechtigkeit, Rassismus, Gewalt und Stumpfheit versinkt. Und manche seiner Texte aus den sechziger Jahren sind immer noch hochaktuell.
Bob Dylan ist ein Umherziehender, ein fahrender Sänger. Zu allererst ist er jedoch ein großer Geschichtenerzähler. Und genau dafür hat er den Literaturnobelpreis verdient, für seine Geschichten. Für sein Lebenswerk.
Es gibt etliche  Texte von ihm, die ich  gerne hier anfügen würde. Die unerträgliche Geschichte vom Tod des Emmet Till vielleicht, oder das Lied davon, lieber aufrecht zu sterben, wenn der große Atomkrieg kommt, statt sich im Bunker zu verkriechen.
Oder etwas von seiner Liebeslyrik, Love Minus Zerro/ No Limit  zum Beispiel.

Ich beschränke mich darauf, hier zwei seiner Texte vorzustellen, falls Ihr sie nicht schon kennt.
Das bekannte
All Along The Watchtower
und das weniger bekannte
If Dogs Run Free

There must be some way out of here“, said the joker to the thief,
„There’s too much confusion, I can’t get no relief.
Businessmen, they drink my wine, plowmen dig my earth,
None of them along the line know what any of it is worth.“

„No reason to get excited,“ the thief, he kindly spoke,
„There are many here among us, who feel that life is
but a joke.
But you and I, we’ve been through that, and this is not our fate,
So let us not talk falsely now, the hour is getting late.“

All along the watchtower, princes kept the view
While all the women came and went, barefoot servants, too.

Outside in the distance a wildcat did growl,
Two riders were approaching, the wind began to howl.

 

If dogs run free, then why not we
Across the swooping plain?
My ears hear a symphony
Of two mules, trains and rain
The best is always yet to come
That’s what they explain to me
Just do your thing, you’ll be king
If dogs run free.
If dogs run free, why not me
Across the swamp of time?
My mind weaves a symphony
And tapestry of rhyme
Oh, winds which rush my tale to thee
So it may flow and be
To each his own, it’s all unknown
If dogs run free.
If dogs run free, then what must be
Must be, and that is all
True love can make a blade of grass
Stand up straight and tall
In harmony with the cosmic sea
True love needs no company
It can cure the soul, it can make it whole
If dogs run free. 

Und beim nächsten Mal erzähle ich vielleicht von einer Musikerin, die den Literaturnobelpreis nicht bekommen hat, die aber auch wunderschöne Lyrik schreibt und singt.