Ausgerechnet Sulke

Ich hatte einen Freund. Ist lange her. Er hielt es für eine Liebesbeziehung, ich war zu jung, um es überhaupt irgendwo einzuordnen. Aber Liebe war es ganz sicher nicht auf meiner Seite. Was es auf jeden Fall war, war erster Sex. Immerhin. Daraus wurde zusammenziehen, Wohnung einrichten, das ganze Beziehungsding. Dazu gehörte auch eine Stereoanlage mit Plattenspieler. Kennt das noch jemand?
Ich hörte Doors, Beatles, Pink Floyd, Bob Dylan und so. Und wenn es mal deutsch wurde, dann waren es Konstantin Wecker, BAP, Ton Steine Scherben und Klaus Hoffmann.
Er hörte Johnny Cash, Emmilou Harries, Abba, und wenn es deutsch wurde, war es Stefan Sulke.  Ich erinnere mich an Ach Lotte, watt machen wa nu? Ach Lotte, wo gehn wa nu hin?
Eine Frage, der ich eines Tages auch gegenüberstand. Nur, dass ich nicht Lotte hieß.
Die Beziehung endete desaströs, was mir Sulke für immer verleidete. Dachte ich. Bis ich vor kurzem  zu einem Konzert ging, weil dort unter anderem auch die tolle Katja Werker auftrat.
Und dann kam da dieser Typ auf die Bühne und sang Lieder von Sulke.
Ausgerechnet.
Er machte das gut. Mit verhaltenem Gefühl, ganz ohne kitschig zu sein. Dabei trug er rote Schuhe. So ein richtiges Wahnsinnsrot. Rudi Gall hieß er. Vorher nie gehört, aber was soll ich sagen, ich war sofort auf seiner Seite.
Heute bekam ich zwei Cds mit seinen Sulke Liedern. Seitdem höre ich die rauf und runter. Endlich hat mal einer Stefan Sulke aus meiner vergeigten Beziehung erlöst.
Jetzt hoffe ich, dass Rudi Gall auch eigene Songs schreibt. Ich würd sie mir anhören.

 

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Gall singt Sulke – Live Impressionen

 

bluesgeboren

Fundstück aus meiner Text-Schublade. Das muss Anfang bis Mitte der Neunziger entstanden sein und es gibt eine Version als Songtext und eine als Lyrik. Hier die Lyrikversion.

an solchen tagen läufst du
durch die straßen
fühlst dich unbestimmt allein
es ist nicht weil keiner da ist
es ist nur dein so sein
sitzt in kneipen sprichst mit leuten,
lachst außen aber innerlich
fühlst du dich verfroren
bluesgeboren

kannst nicht schlafen,
weil dich eine
dunkle sehnsucht treibt
sehnsucht ohne namen
nach tod, nach leben, nach
irgendwas, das bleibt
hunger nach du-weißt-nicht-was
bist hier, und doch verloren
bluesgeboren

spürst blicke in denen
auch dieser hunger brennt
hörst deine eigne sehnsucht
in fremdem lachen schwingen
finger, die sanfte
heimwehstrahlen spinnen
bist nicht allein zur
Traurigkeit erkoren
bluesgeboren

© gabriele auth

 

 

 

 

 

Irgendwie verbaut

Ein Lied, für das mein Mann der Impulsgeber war mit einer Geschichte, die er mir erzählt hat und das er in einer etwas veränderten Version vertont hat. Ich hoffe, ich kann demnächst eine Aufnahme davon posten.

Der Sperrmüll unten auf der Straße
liegt im Regen, durchgewühlt
ich steh am Fenster und ich warte,
dass du mal anrufst. Das wäre schön.

Der alte Typ von Gegenüber steigt in
sein Auto, ich glaub das  ist neu,
ich seh ihm nach und frage mich,
warum kommst du nicht mal vorbei.

Habe dir von meinen Träumen erzählt
In deinen Augen die Sterne geseh’n
Würd’ dich gern fragen, was das mit uns ist,
doch ich weiß es selber nicht genau

Vielleicht geh’ ich heut noch bei dir vorbei
tu’ dann so, als ob es Zufall wär’
als ob dein Haus auf meinem Weg läg’
als ob es nichts Besonderes sei.

Hab mit dir Planeten entdeckt,
geredet, gelacht als ob’s kein Morgen gäb’
möcht dir gern sagen, was du für mich bist
keine Ahnung, ob ich mich das trau.

Hab mir selber nie vertraut
den richtigen Moment nicht erkannt.
jetzt steh ich hier, hör dem Regen zu
das mit uns ist irgendwie verbaut.
steh nutzlos rum ein kaputter Stuhl
ratlos und stumm.
– – –
das mit uns ist irgendwie verbaut.

© gabriele auth

 

 

Als meine Mutter leuchtete

Ich habe gerade ein wunderbares Buch zu Ende gelesen, in dem es nicht nur, aber auch um den Tod ging. Es erinnerte mich an einen Text aus meinem ersten Buch „Mensch lernt von Mensch“ , den ich hier noch nie gepostet habe, einen Text über meine Mutter:

Als Meine Mutter leuchtete

Die Natur trägt ihr Spätsommerkleid. Das Laub der Bäume schimmert gelb und rot. Dem Leuchten haftet eine fragile Patina der Vergänglichkeit an. Wie ein zögerndes Lächeln huscht die Morgensonne in mein Fenster. Ich sitze mit meinem Morgenkaffee am Küchentisch, beobachte das Streifenmuster aus Licht und Schatten auf der Tischplatte. In den Lichtbahnen treten einige Brotkrümel zu Tage, die im Schatten kaum zu erkennen sind. Draußen zwitschern Vögel Lebensfreude in den Himmel. Sonnentrunken.

Der Kater hat heute Nacht auf den Küchenboden gepinkelt. Er ist nach einem Schlaganfall erblindet. Seitdem gleichen seine Sinne rostigen Messern, stumpf wie seine Krallen. Oft verliert er die Orientierung und läuft im Kreis, die Augen suchend auf den Boden gerichtet. Dann trage ich ihn zum Katzenklo oder in sein Körbchen. Vertraute Fixpunkte in seinem dunklen Universum. Von dort aus kann er sich an Wänden und Möbeln entlang durch die Räume tasten. Hin und wieder rollt er sich nach dem Fressen neben dem Futternapf zusammen und schläft ein. Sein Schnurren hebt sich vor jedem Atemzug zu einem kleinen, pfeifenden Keuchen.

Mir fällt es schwer, Alter und Verfall zu begegnen. Es weckt Mitleid in mir, gleichzeitig eine unbestimmte Wut, Gereiztheit und den Wunsch davonzulaufen. Ich mag dem Prozess des Sterbens nicht begegnen, dem unwillkommenen Ausblick auf die eigene Zukunft. Verweigertes Wissen.
Nicht nur die Kraft der Sinne scheint im Alter abzunehmen, alles verengt sich, wird kraftlos. Nach und nach versiegt der Lebenssaft und der Körper welkt wie die Blätter an den Bäumen. Glühendes Laub. Eigensinnige Schönheit des Sterbens in der Natur. Ein farbenprächtiger letzter Triumph. Der Anblick des Katers lässt mich an meine Mutter denken, an die Zeit, in der ihr Verfall unübersehbar wurde.
Zwei Wochen vor ihrem Tod saß sie in der Sonne auf dem Balkon, eingehüllt in ihren flauschigen Morgenmantel, in dem ihr zerbrechlich gewordener Körper zu verschwinden schien, als wolle er sich in sich selber zurückziehen. Das Blau des Mantels vertiefte die Farbe ihrer Augen. Unwillkürlich fühlte ich mich an kostbares Porzellan erinnert, das von vielen Lagen Seidenpapier umhüllt ist. Ihr Blick war nach Innen gerichtet wie in unbegreifliche Tiefen. Ihr feines, weißes Haar leuchtete in der Sonne. Eine hinfällige Fee.  Nie zuvor hatte ich sie so strahlend gesehen. Und nie wieder danach.

Sie hat mich geboren und genährt, aber ich habe sie nicht wirklich kennengelernt, nie ihr Wesen ergründet. Ich weiß nicht, ob sie sich selbst kannte, und ich erriet in all den Jahren nicht, wie sie für mich empfand. Meinte sie, mich zu verstehen und mir nahe zu sein, oder fühlte sie die Ferne ebenso wie ich? Vielleicht waren wir einander vertrauter, als wir ahnten oder zugeben wollten. Die Gefühle, die sie in mir weckte, als ich Kind war, sind mir entglitten, verblasst wie alte Fotos von ihr. Ich erinnere mich, dass ich als Erwachsene nicht wollte, dass sie mich berührte. Wir umarmten uns und vollzogen die üblichen Gesten, doch ich ließ nicht zu, dass sie mich im Wesen anrührte, mein Herz in Bewegung versetzte. Ich glaube, sie hat meine Befangenheit geteilt. Doch in diesem zeitlosen Moment auf dem Balkon vor dem Hintergrund des wolkenlosen Frühlingshimmels malte das Licht mit schmerzlicher Intensität die nicht gelebte Schönheit auf das Gesicht meiner Mutter. Ich entdeckte die Reinheit kindlicher Unschuld, ewig und vergänglich zugleich. Wie ein feines Messer drang sie unter meine Oberfläche. Ich sah das Kind in ihr, die erblühende Frau, die behütende Mutter, die Greisin. Ich ahnte, was sie war und mehr noch, was sie hätte sein können.

© gabriele auth

 

 

 

 

Nachtrag zu Juli – What the bird said

Hier eine kleine Leseprobe, so als Trailer, Teaser, Appetizer und…
Viel Spaß.
Ich überlege mir jetzt, wo ich Lesungen anbieten kann und:
Nach dem Buch ist vor dem Buch.

Leseprobe

 

 

Und ich so: Ja!

Da warte ich ungeduldig, dass mein Roman endlich überall verfügbar ist, kaue auf der Unterlippe und kann’s kaum erwarten….
Dann fahre ich zehn Tage nach England in mein geliebtes Dorset und schwupp, kaum zurück, finde ich mein Buch bei Amazon.
Ja!
Für eine Woche übrigens als E-Book in der Aktion.  Also, wenn Ihr immer schon Mal einen Roman von mir und ganz besonders Juli – What the bird said lesen wolltet, hier ist die Gelegenheit.

Juli-What the bird said bei Amazon

 

P.S. Wer lieber erstmal etwas über Dorset lesen will, findet oben ein Button: Englisches Tagebuch

Tanz (aus Gründen)

Wo ist der Raum,
in dem wir tanzten,
als wär das Morgen
ein Phantom?
Wer stahl das Licht
aus unseren Augen
jetzt flutet Dunkelheit
den Traum.

Kommt, kommt
lasst uns tanzen
bis der Morgen den
Nachthimmel küsst.
Kommt, kommt
lasst uns lachen
bis das Herz
jeden Kummer vergisst.

Wo ist die Musik,
die für uns erklang,
als der Traum zu
den Sternen flog?
Wann sank das Lachen
wie Regen ins Meer?
Warum kommt die
Freude nicht zurück?

Kommt, kommt
lasst uns lachen
bis der Morgen den
Nachthimmel küsst.
kommt, kommt
lasst uns tanzen
bis das Herz
jeden Kummer vergisst.

© gabriele auth

Juli – what the bird said die zweite

Ich hatte ganz vergessen, die Rückseite mit dem Klappentext zu posten. Also hier zu  meinem Roman „Juli what the bird said“ die Cover Rückseite.
Und damit es nicht so kurz wird, noch ein kleiner Schnipsel aus dem Buch:

„Aus Omas Küchenfenster stürzte der Blick hinunter auf einen weiträumigen Innenhof. Waschküche, Hühnerstall und ein Schuppen schmiegten sich an eine verwitterte Steinmauer. Dort trafen sich die Kinder zum Spielen. Die großen Mädchen warfen in faszinierendem Tempo drei Bälle gegen die Wand und fingen sie in einem anmutigen Tanz der Hände wieder auf. Ich versuchte, es ihnen nachzumachen, aber immer entglitt mir einer der Bälle und fiel zu Boden.
»Juli, Juli, die schafft es nie«, sang Heike, die Älteste. Die anderen sangen mit.
Ich hasste sie. Alle.

Bei der Oma gefiel es mir jedoch, trotz der herrischen Lehrer in der katholischen Schule und trotz des sonntäglichen Kirchgangs, für den ich früh um fünf aufstehen und fast noch im Halbschlaf die Sonntagskleider anziehen musste. Die Erwachsenen gingen ohne Frühstück in die Messe. Ich bekam Honigmilch, auf der sich eine zarte Haut bildete.
In der Kirche schwebte ein Übelkeit erregender Geruch nach Weihrauch, alten Mauern und feuchten Mänteln.
»Oh Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, und so wird meine Seele gesund«, wiederholte die versammelte Kirchengemeinde jeden Sonntag. Wieder und wieder.
Was war das überhaupt, eine Seele? Wo im Körper war sie zu finden? Und was für eine Krankheit hatte die Seele der Leute? Als ich Mutter und Oma fragte, lachten sie.
»Ach Juli, du Schäfchen«, sagte Oma. »Keiner ist krank, das ist nur ein Gebet, das man aufsagt.«
Ich fand die Erwachsenen komisch. So oft wussten sie keine vernünftige Antwort.
Sie konnten mir auch nicht erklären, warum wir bei der Oma wohnten.
»Es ist eben eine schwierige Zeit«, sagte Mutter nur.
Manchmal lauschte ich den Gesprächen der Erwachsenen, die meine Anwesenheit vergaßen, wenn ich mich schweigend mit meiner Puppe beschäftigte. So erfuhr ich, dass Vater seine Arbeit verloren hatte und wir nicht in unsere Wohnung zurückkonnten, weil die ebenfalls weg war. Wie konnten ein Zuhause und eine Arbeit einfach so verschwinden? Das verstand ich nicht. Wochen später hörte ich Mutter und Oma darüber reden, dass Vater endlich Arbeit hatte und auch bald eine neue Wohnung finden würde. Warum suchte er eine andere? Warum suchte er nicht nach der alten, verloren gegangenen?
Ich traute mich nicht, danach zu fragen. »Wo wohnt der Papa denn jetzt«, fragte ich stattdessen. Mutter presste die Lippen zusammen und ging aus dem Zimmer.
Oma nahm mich in den Arm. »Er wohnt jetzt bei seiner Mama.«
»Bei Oma Dutti?«
»Ja.«
»Aber ich wünsch mir, dass er unsere Wohnung findet.«
Oma lachte. »Die findet er ganz bestimmt.«
Sie strich mir über den Kopf. Ihre Hände rochen nach Minze und nach etwas anderem, etwas, das ich nicht benennen konnte. Es gehörte zu ihr wie die vielen feinen Falten in ihrem Gesicht und die Butter, die sie mir dick aufs Brot strich. Für Vater mag es ein Glück gewesen sein, dass er bei Oma Dutti untergekommen war, aber mir fehlten seine Geschichten und Lieder. Ein betrunkener Vater war wie ein gebrochenes Bein. Gar keinen Vater zu haben, fühlte sich an wie ein amputiertes Bein, irreparabel, dauerhaft von Krücken abhängig, halb.“

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Juli – what the bird said

Ich muss zugeben, ein bißchen kribbelig bin ich jetzt schon. Vielleicht sogar ein bißchen mehr. Warum?
Weil mein nächstes Buch, mein zweites,  nun wirklich auf dem Weg ist. In ein paar Wochen ist es soweit. Unweigerlich. Und ja, das ist aufregend für mich.
Hier gibt es vorab schonmal das Cover zu sehen.
Und ich möchte erzählen, worüber ich mich auch noch riesig freue.
In der Einleitung und als Untertitel durfte ich ein Lied von der Singer/Songwriterin Katja Werker verwenden. Ihr Album, „Contact Myself“,  habe ich oft beim Schreiben gehört, und abgesehen davon, dass ich es sehr mag, passt es meiner Meinung sehr gut zur Stimmung und zum Inhalt meines  Romans.
Das Lied „What the bird said“ ist definitiv eines meiner Lieblingslieder.

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Nicht Cinderella & Der blaue Vorhang

Ich freue mich sehr, am 1.10. im Künstlerhaus Buschulte in Unna, lesen zu dürfen. Noch viel mehr freue ich mich über die Zusammenarbeit mit  Sara Buschulte, mit der ich danach sicher noch das eine oder andere Mal zu Nicht Cinderella & Der blaue Vorhang einladen werde.
Sara Buschulte ist die Sängerin und Songwriterin der Band Sara’s Wohnzimmer und erzählt in ihren Liedern vom Tanzen, Taumeln und wieder landen, von Schattensprüngen und Höhenflügen, vom Loslassen und Wiederfinden.
Die Musik bewegt sich zwischen Chanson, Folk, Pop und Jazz.
2015 erschien das erste Album „irgendwo zwischen Alltag und Illusion“
2017 das zweite Album „Schattensprung“.
Unsere erste gemeinsame Probe war ein schönes Erlebnis. Da hat alles gepasst.
Die Generalprobe in fünf Tagen wird uns startklar machen, um mit allen, die kommen zwei schöne Stunden zu erleben. Und  ich  werde auch einen Abschnitt aus meinem Roman Juli – What the bird said  lesen, der in einigen Wochen veröffentlicht wird.
Kommt vorbei.

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Sara Buschulte und Gabriele Auth