Lillith

Hell war ich, als man mich schuf. Und aufrecht. Meine Lippen wie Blätter einer Rose. Sanft.
Meine Flügel leuchteten im Licht des ersten Tages.
Ach ja, und  Salomo, er schrieb das Hohelied für mich.
Gefährtin wollte ich sein, dem Ersten wie dem Letzten.
Nicht untertan.
Die Schlange deiner Angst wand sich um deine Seele, sprühte dir Gift in den Verstand. Sie weckte Lust und Hochmut bis das Feuer deiner Gier den Sinn dir trübte.
„Ich bin der Herr“, so brülltest du.
Deine Stimme war ein Messer.
Die Flügel wolltest du mir brechen und schuldig nanntest du mich, schuldig an deiner Angst und deiner Geilheit.
Hass fraß sich in dein Herz.
Hass weckte deine Arglist.

Und da war niemand.
Ausser uns, den Erstlingen.

Ach, ich hätte dich geliebt, doch ging ich fort.
Ließ dich zurück mit deinem Zorn und all der Gier nach Macht.
Zu schwach warst du für meine wilde Liebe.

Da schuf man dir ein neues Wesen und band es an dein Blut.
Eine, die keine Flügel hatte, eine, die bereit war, sich zu beugen.
Wie du sie hasst, sie schlägst, durch deine Tage schleifst, dass ihre Brüste bluten und  Steine ihr das Herz zerfetzen.
Wenn du sie schändest, röhrt deine Lust meinen Namen.
Doch deine Lippen bleiben trocken, stumm, verschlossen wie die Tür zur Liebe.
Und wenn du sie ins Feuer schleuderst, sie steinigst, knebelst, sie zwingst Gesicht und Körper zu verhüllen bis zur Unkenntlichkeit, oder sich nackt und schutzlos den Hieben deiner Blicke preiszugeben wie eine Ware auf dem Wühltisch deiner Lust, suchst du verzweifelt mich in ihr.

Spürst du den Funken, der uns beide schuf in ihrem Wesen?

Ja, ich verließ dich, doch war es nie mein Ziel, dich zu besiegen, nur unsere Ebenbürtigkeit wollte ich leben.
Mit dir.
Ihr Schmerz, ihr Leid – der Preis, den ich für dein Versagen zahle-  Adam.

Als meine Mutter leuchtete

Heute ist Muttertag, ein Tag genauso gut wie jeder andere, um diese Erinnerung hier zu veröffentlichen:

Die Natur trägt ihr Spätsommerkleid. Das Laub der Bäume schimmert gelb und rot. Dem Leuchten haftet eine fragile Patina der Vergänglichkeit an. Wie ein zögerndes Lächeln huscht die Morgensonne in mein Fenster. Ich sitze mit meinem Kaffee am Küchentisch und beobachte das Streifenmuster aus Licht und Schatten auf der Tischplatte. In den Lichtbahnen treten einige Brotkrümel zu Tage, die im Schatten kaum zu erkennen sind. Draußen zwitschern Vögel ihre Lebensfreude in den Himmel. Sonnentrunken.

Der Kater hat heute Nacht auf den Küchenboden gepinkelt. Er ist nach einem Schlaganfall erblindet. Seitdem gleichen seine Sinne rostigen Messern, stumpf wie seine Krallen. Oft verliert er die Orientierung und läuft im Kreis, die Augen suchend auf den Boden gerichtet. Dann trage ich ihn zum Katzenklo oder in sein Körbchen. Vertraute Fixpunkte in seinem dunklen Universum. Von dort aus kann er sich an Wänden und Möbeln entlang durch die Räume tasten. Hin und wieder rollt er sich nach dem Fressen neben dem Futternapf zusammen und schläft ein. Sein Schnurren hebt sich vor jedem Atemzug zu einem kleinen, pfeifenden Keuchen.
Mir fällt es schwer, Alter und Verfall zu begegnen. Es weckt Mitleid in mir, gleichzeitig eine unbestimmte Wut, Gereiztheit und den Wunsch davonzulaufen. Ich mag dem Prozess des Sterbens nicht begegnen, dem unwillkommenen Ausblick auf die eigene Zukunft. Verweigertes Wissen.
Nicht nur die Kraft der Sinne scheint im Alter abzunehmen, alles verengt sich, wird kraftlos. Nach und nach versiegt der Lebenssaft und der Körper welkt wie die Blätter an den Bäumen. Glühendes Laub. Eigensinnige Schönheit des Sterbens in der Natur. Ein farbenprächtiger letzter Triumph.
Der Anblick des Katers lässt mich an meine Mutter denken, an die Zeit, in der ihr Verfall unübersehbar wurde. Zwei Wochen vor ihrem Tod saß sie in der Sonne auf dem Balkon, eingehüllt in ihren flauschigen Morgenmantel, in dem ihr zerbrechlich gewordener Körper zu verschwinden schien, als wolle er sich in sich selber zurückziehen. Das Blau des Mantels vertiefte die Farbe ihrer Augen. Unwillkürlich fühlte ich mich an kostbares Porzellan erinnert, das von vielen Lagen Seidenpapier umhüllt ist. Ihr Blick war nach Innen gerichtet wie in unbegreifliche Tiefen. Ihr feines, weißes Haar leuchtete in der Sonne. Eine hinfällige Fee.  Nie zuvor hatte ich sie so strahlend gesehen. Und nie wieder danach.
Sie hat mich geboren, genährt, aber ich habe sie nicht wirklich kennengelernt, nie ihr Wesen ergründet. Ich weiß nicht, ob sie sich selbst kannte und ich erriet in all den Jahren nicht, wie sie für mich empfand. Meinte sie, mich zu verstehen und mir nahe zu sein, oder fühlte sie die Ferne ebenso wie ich?
Vielleicht waren wir einander vertrauter, als wir ahnten oder zugeben wollten. Die Gefühle, die sie in mir weckte, als ich Kind war, sind mir entglitten, verblasst wie die alten Fotos von ihr. Ich erinnere mich, dass ich als Erwachsene nicht wollte, dass sie mich berührte. Wir umarmten uns und vollzogen die üblichen Gesten, doch ich ließ nicht zu, dass sie mich im Wesen anrührte, mein Herz in Bewegung versetzte. Ich vermute, sie hat meine Befangenheit geteilt. Doch in diesem zeitlosen Moment auf dem Balkon vor dem Hintergrund des wolkenlosen Frühlingshimmels malte das Licht mit schmerzlicher Intensität die nicht gelebte Schönheit auf das Gesicht meiner Mutter. Ich entdeckte die Reinheit kindlicher Unschuld, ewig und vergänglich zugleich. Wie ein feines Messer drang sie unter meine Oberfläche. Ich sah das Kind in ihr, die erblühende Frau, die behütende Mutter, die Greisin. Ich ahnte, was sie war und mehr noch, was sie hätte sein können.

aus: „Mensch lernt von Mensch“,  Masou Verlag 2015

Einfach so

Die verwirrende innere Wundheit, das unwirkliche Gefühl im eigenen Blutstrom zu versinken, ein Rauschen und Flimmern in den feinen Kapillargefäßen zu spüren, wenn du erfährst, dass jemand unerwartet gestorben ist. Jemand, den du nicht gut, aber gut genug kanntest, dass sich jetzt Tränen in deinen Augen sammeln. Jemand, der mehrere Jahre jünger war als du, sportlich, schlank, augenscheinlich gesund. Nur dass sein Herz jäh still stand. Aus heiterem Himmel. An einem sonnigen Frühlingstag. Einfach so.

Der letzte Demiurg

Radikal –
der Lauf der Zeit.
Bist du bereit?
Weggeknallt und abgestellt
lauscht du dem Schrei
der Krähen,
die ohne Scham und gierig
sich um das fahle Fleisch
der Toten scharen.
In der Mitte des Orkans
ist Stille.
Zeit nichts als der Wahn
des letzten Demiurgen.
Vergiss und staune.

Angst vorm Fliegen

Lasse das Messer in der Tasche.
Obwohl,
es könnte mich beschützen,
wenn ich ohne Halt
in mir verloren steh.
Okay,
trag es nun ungeöffnet in der Hand.
Vielleicht kann es mich stärken,
wo ich mich hilflos in den
Fesseln meines Lebens seh’.
Ja,
ich öffne es und halte es wie
Schild und Schwert zugleich.
Blassgrauer Stahl
schluckt alles Licht.
Ich stehe, atme,
warte auf ein Signal,
das mir Beruhigung schenkt.
Endlich sinkt der Arm,
schließt sich das Messer
und der Kreis.
Unbeschwert lass ich
das unbrauchbare
zu Boden trudeln,
gehe meinen Weg
unbeeindruckt von
Unwägbarkeit.

© Gabriele Auth

furchtlos

Ernüchterung, die kranke Blässe nach dem Tag der Pauken und Trompeten.
Das klirrend klare Drehmoment des Denkens, wenn schwer und lahm das Herz sich in der Mäßigkeit verliert.  Ernüchterung, wenn alle Türen fast geschlossen und nur die eine weit geöffnet steht, die giftig leuchtend in die Steppe führt. Wo Hände ziellos in den Niemandshimmel greifen und Blicke mutverloren stolpern über dürres Gras. In einem Atemzug vergeht die Welt und am Horizont verhallt der Jubel der Chimären.  Furchtlos schleicht ein Sonnenstrahl ins Grau.

Nicht Supergirl oder Das Ende der Verfügbarkeit

Immer wieder raten, was Einer will. Es aus Augen lesen bevor es ausgesprochen ist. Die verdammte Verantwortung spüren für Alles und Jeden. Für jeden Klecks an der Wand, jede Träne und jedes mürrische Zischen im Umkreis von tausend Kilometern. Wer wird sich verantwortlich fühlen, wer das Fenster schließen, wenn der Sturm mich an die Wand drückt, wenn Furcht mein Rückrat fast verdreht? Ist da wer? Im Sturm? Ausser mir? Ich knalle das Fenster selber zu. Stemme mich mit aller Kraft dagegen, begegne dem Tosen. Ich für mich. Verantwortlich. Das Ende der Verfügbarkeit. Everybodies darling is not everybodies friend. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, werde ich da sein, wenn deine Welt aus Mauern besteht, eine offene Tür sein zwischen Wänden aus Stahl, zu dem Raum, in dem du dich selber triffst. Da sein. Mehr nicht. Berührbar, nicht verfügbar.

Zeugung

Dunkelheit. Stufenloses Blau. Sanft. Warm. Zärtlich. Wasserweich.  Feuergleich. Tanzendes Licht. Eine Stimme. Liebevoll lockend. Ruft dich auf, einzutauchen.  Geschlossene Augen. Singender Geist. Traum. Leben, das war. Leben, das kommt. Die Aufgabe. Vorbei. Zieht vorbei. Nirgends hinzugehen. Sein.
Was wirst du tun? Sterngeborener.
Sterngeborener. Wer rief ?
Verblassen des Traumes. Fort. Fort. Augen öffnen sich. Sternenstaub flieht von den Lidern. Pures Leben. Die Stimme ruft, sanft ziehend. Eine Spirale, magisch, unwiderruflich, hinein, hinunter, in großen Kreisen, kleiner werdend. Spiralenfall. Einsenken aus unendlichem Blau in endliches rotbraunes Dämmern, Wasser statt Luft. Fließen statt sein.

Vorfreude

12493962_172520189778189_1669081616957397013_oHeute einfach mal ein bißchen Werbung in eigener Sache, weil ich mich darauf freue, am Freitag eine neue Lesungsreihe aus der Taufe zu heben.
Die Lesung mit der Glückskatze

Wandel

Mit der Zeit kommt Einsamkeit.
Etwas zerbricht.
Mit der Zeit kommt Traurigkeit.
Lachen fällt aus dem Gesicht.
Das Reden leerer Klang
vom Geben und Nehmen,
vom Halten und Lassen,
ein falscher Gesang.

Mit der Zeit verstehst du
wer du bist.
Mit der Zeit nimmst du
alles wie es ist
bist  dein eigener Freund,
bist Lachen und Lieben,
Sehen und Verstehen
dem Leben vereint.

Mit der Einheit die Leichtigkeit.
Das Herz versteht.
Mit der Einheit die Freundlichkeit.
In dir klingt ein Lied.
Jedes Wort ein großer Gesang
vom Geben und Nehmen
vom Halten und Lassen
ein Seelenklang.