Traumatage 1

Stell dir vor, das Leben bietet dir die Gelegenheit, ein verschüttetes, ungelöstes Trauma zu erkennen, neu zu fühlen und schließlich loszulassen.

Aber, und das ist der entscheidende Punkt, es wird abscheulich weh tun. Und du kannst scheitern.

Wie reagierst du?

Zögerst du? Willst du dich weiter einrichten im warmen, dunklen Nichtwissen?

Denkst du frei nach Adler: „Lass doch die Toten ihre Toten begraben“.  

Stell dir vor, die Toten begraben ihre Toten nicht. Stattdessen graben sie sich durch dein Herz tief in den Körper und flüstern dir zu: „Lerne, uns zu lieben. Lerne, den Tod zu lieben. Lerne die alte Erschütterung zu umarmen. Schau durch sie hindurch und finde ein verlassenes Kind. Sei behutsam, liebevoll, während du das Trauma  aus deinem Herzen, deiner Brust ziehst und dem Fluss des Lebens übergibst.
Dann reiche Herrn Adler die Hand und richte deine Aufmerksamkeit auf die Zukunft.

Gibt es eine Gottverlassenheit oder nur Menschenverlassenheit und Selbstverlassenheit?

Hängen diese Drei eventuell zusammen? Wenn du dich von allen oder auch nur von einem, für dich wesentlichen Menschen verlassen fühlst, hast du dich dann in Wahrheit selbst verlassen?

Gottverlassenheit.

Gott. Möglicherweise stößt einem dieses Wort bitter auf. Ist Gott ein Hoax, eine Fehlermeldung, mit der Menschen sich seit Jahrtausenden in die Irre führen lassen?

Oder führen sie sich selbst?
Religion, ein Denkfehler, der dem Menschen die Unschuld raubt, ihn abtrennt von sich selbst, vom Bewusst-Sein, von der Erkenntnis des Lebens?
Starr verdorrende Seitenarme des ewigen Flusses?
Religionen lassen ausreichend Wasser, um nicht zu verdursten, doch nicht genug, um den Durst zu stillen. Durst, den es nicht gäbe ohne Religion, ohne unantastbare Gottesidee.
Gott los sein.
Das Leben annehmen in seiner Fülle, in seinem Nichts und Alles.
Vorletzter Satz, des Nazareners am Kreuz:
„Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“

Oder vielleicht in anderer Übersetzung:
„Mein Gott, wie hast Du mich erleuchtet.“

Schließen diese beiden Übersetzungen einander aus?  
Im Loslassen von Religion und starrer Gottesidee, in der Verlassenheit liegt Erlösung, schwingt am Ende der Satz:
„Es ist vollbracht“.
Ist diese Gottverlassenheit ein Fluch oder vielleicht der Same der Auferstehung?
Wem es leichter fällt, der mag das Wort „Gott“ durch Licht oder Liebe ersetzen.

Was das alles soll?

Am besten, ich fange am Anfang an, oder zumindest an dem Punkt, der gut am Anfang meiner Geschichte stehen kann.
Das war für mich der Moment, als ich in die Finsternis gefallen bin. Ganz unvermittelt. Von einer Sekunde zur anderen.
(c) Gabriele Auth, Juni2021

Foto Jan-Mallander on Pixabay

Winterende

Am Straßenrand
Sonnenglitzern auf
Resten von Schnee
„Lovely“ von Billie Eilish
im Autoradio
Eine Prise Glück

https://www.youtube.com/watch?v=xirk18P889U

Kleines schwarzes Tier

Nah an meinem Herzen
lehnt ein schwarzes Tier
struppig wie eine
alte Schuhbürste.
Beinahe niedlich
sieht es aus.

Es nagt sich mit
spitzen Zähnen
in mein Fleisch.
Ich habe ihm gesagt,
es soll verschwinden.

(co) Gabriele Auth

Foto/ Pixabay

Beinahe unbewusst


Wenn ich viele Leben
leben könnte
wenn in meiner Mitte
eine Sonne leuchtete,
Strahlen sich in alle
Richtungen ausstrecken
wie neugierige Finger
während ich dem
schwarzborstigen Tier
erzähle, ich hätte es
nur kurz in mein Herz
geschlossen
vorübergehend
in Kurzzeitpflege
sozusagen. 

Auf Lichtstrahlen
reisen
Freundin sein
vielleicht sogar
freundlich.

Unter mächtigen
Zedern sitzen
den Vater finden,
den ich nicht hatte,
beschützend,
unerschütterlich, stark,
vor allem stark.

ein Kreis aus Zedern
ein wunderbarer,
ein heilender Ort.

Ich könnte
viele Leben leben,
das Licht aus
meiner Mitte trinken
es ausstrahlen,
während ich
zum Abschied
einem kleinen,
schwarzborstigen Tier
die Ohren kraule
beinahe unbewusst.

© Gabriele Auth 2020

Foto: Thomas Auth



Auf dem Wasser laufen – Plauderei mit meinem Kater

Das Frühstück ist vorbei. Wir sitzen satt und zufrieden am Tisch, mein Kater und ich. Wir plaudern noch ein bisschen, unser  geschätztes Morgenritual, Essen, trinken, reden. Heute geht es um „social distancing“ und all diese Corona Dinge.
„Gabo“, sagt er zu mir, das ist sein Name für mich, wobei er das O etwas in die Länge zieht wie ein „Meow“.  „Gabo, denkst du, dass Europa und Amerika getrennt sind, weil das Meer sie unterbricht?“
Ich lache, ich weiß, er hat aus meinem Roman zitiert.
„Baston“, antworte ich, „du Schlitzohr, als ob du nicht  genau wüsstest, was ich denke. Die Kontinente bleiben tief unten unter dem Meeresspiegel verbunden. Wir empfinden die Trennung nur weil wir nicht auf dem Wasser laufen können“, führe ich das Zitat fort.
„Eben“, sagt mein Kater und maunzt belustigt. „So ähnlich ist es auch mit der sozialen Distanz. Wo Herzen und Seelen sich in der Tiefe berühren, gibt es keine Trennung.“
Er sieht mich an. Seine großen, grünen Augen haben diesen katzentypischen geheimnisvollen Schimmer. Während wir schweigen, denke ich, er hat wie meistens recht. Unvermittelt spüre ich die Nähe und Wärme der Herzen, mit denen meines verbunden ist. Ich atme tief und zufrieden ein. Baston legt den Kopf auf die getigerten Pfoten, schließt die Augen und schnurrt. Er ist eben ein weiser alter Kater.

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Krähenflug

Manchmal ist das Leben
eine Aaskrähe
im kreischenden Schwung
mitten in dein Gesicht.
Du versuchst zu verstehen.
Widerstrebende  Arme sich
wandelnd zum Empfangen.
Federn streifen dein Gesicht
Angriff wird Liebkosung
Unversehens gibt das Leben
Liebe
mit sanftem Schwung
im Tanz mit dir verwoben.

(c) Gabriele Auth

common-raven-4010290_1280Foto/ Alexas Fotos on Pixabay

Kampf

Manchmal ist das Leben
ein rotes Tuch und du
ein verwundeter Stier
kämpfst doch weißt nicht
ist es je genug oder wirst du
am Ende verlieren

IMG_4359Painting Jonathan Auth/oil on canvas