Vergessen (für eine Liebe)

Will vergessen, wie du aussiehst,
dein Blick, dein Haar, das ganze Du,
doch dieses Kribbeln, wenn wir lachten
ist immer noch hier, summt weiter in mir.

Seltsam, wie der Wind das Leben
auseinanderfegt, wie dürres Herbstlaub,
wie feiner Sand, der sich auf alles legt,
auch auf die Erinnerung.

Werd vergessen, wie ich weinte,
bin darüber beinahe froh, deine Finger
in meinem Haar, ein leiser Gesang
zartherber, erlöschender Klang.

Seltsam, wie der Wind das Leben
um die Häuser fegt, wie dürres Herbstlaub,
wie feiner Sand, der sich auf alles legt,
auch auf die Erinnerung.

Hab vergessen, wie du fortgingst
will es auch nie wieder sehn,
deine stumme Gestalt, geschlossene Tür,
ich blieb hier,alleine bei mir.

Seltsam, wie der Wind das Leben
durcheinanderweht, wie dürres Herbstlaub,
wie feiner Sand, der sich auf alles legt,
auch auf die Erinnerung.

Ex ist e(i)nz

Ex ist Eins,
verbinde zur Zwei,
füg‘ alles zusammen,
erschaffe die Drei.
Existenz ist nicht leben.
Leben ist mehr,
ist lachen und träumen.
Komm, zeig es mir.
Fliegend auf Wolken,
tauchend ins Sein,
erschließen wir Wege,
öffnen die Tür.
Existieren und leben
verknüpfen wir
zum Großen
zum Ganzen.
Im Kleinen allein
fügen sich Teilchen
zur vollkommenen Form,
zerfallen ins Nichts.
Neugeburt.

Der letzte Demiurg

Radikal –
der Lauf der Zeit.
Bist du bereit?
Weggeknallt und abgestellt
lauscht du dem Schrei
der Krähen,
die ohne Scham und gierig
sich um das fahle Fleisch
der Toten scharen.
In der Mitte des Orkans
ist Stille.
Zeit nichts als der Wahn
des letzten Demiurgen.
Vergiss und staune.

Angst vorm Fliegen

Lasse das Messer in der Tasche.
Obwohl,
es könnte mich beschützen,
wenn ich ohne Halt
in mir verloren steh.
Okay,
trag es nun ungeöffnet in der Hand.
Vielleicht kann es mich stärken,
wo ich mich hilflos in den
Fesseln meines Lebens seh’.
Ja,
ich öffne es und halte es wie
Schild und Schwert zugleich.
Blassgrauer Stahl
schluckt alles Licht.
Ich stehe, atme,
warte auf ein Signal,
das mir Beruhigung schenkt.
Endlich sinkt der Arm,
schließt sich das Messer
und der Kreis.
Unbeschwert lass ich
das unbrauchbare
zu Boden trudeln,
gehe meinen Weg
unbeeindruckt von
Unwägbarkeit.

© Gabriele Auth

Wandel

Mit der Zeit kommt Einsamkeit.
Etwas zerbricht.
Mit der Zeit kommt Traurigkeit.
Lachen fällt aus dem Gesicht.
Das Reden leerer Klang
vom Geben und Nehmen,
vom Halten und Lassen,
ein falscher Gesang.

Mit der Zeit verstehst du
wer du bist.
Mit der Zeit nimmst du
alles wie es ist
bist  dein eigener Freund,
bist Lachen und Lieben,
Sehen und Verstehen
dem Leben vereint.

Mit der Einheit die Leichtigkeit.
Das Herz versteht.
Mit der Einheit die Freundlichkeit.
In dir klingt ein Lied.
Jedes Wort ein großer Gesang
vom Geben und Nehmen
vom Halten und Lassen
ein Seelenklang.

Pott Pearls

Das vielgeschmähte, einst voller Ruß und Schlote, mein Land im Westen, wo über Hochöfen der Himmel brennt. Wo die Augen der Großväter leuchteten in müden Gesichtern, bedeckt mit dunklem Staub, der von der Kohle zeugte. Mit schwieligen Händen aus dem Schacht gegraben.
Und meine Stadt, die spröde, die oft nach Seeluft schmeckt. Nicht mehr so ganz im Inland und doch noch nicht am Meer. Da, wo alte Kerle „anne Bude“ gehen. Bei Bier und Kurzem mit den Kumpels reden. Über Rot-Weiß und über Kalle von nebenan, den seine schwarze Lunge langsam um die Ecke bringt. Mit schweren Schuhen schlurfen sie durch schmutzigbraunen Schnee. Über ihnen der Himmel, grau und drückend wie die Last der Jahre. Doch wenn sie lachen spürt man Sonne. Mutter heisst „Mudder“. Man sagt: „Komma här“ wenn man sich ruft. Und viele Worte klingen rauh und schroff wie alte Steine, dort, wo man oft auch mit dem Herzen sieht.
Wo am Kanal die Kähne tief im Wasser liegen. Wo braungebrannte Bengels von der Brücke springen. Sie lachen, wenn das Wasser aufspritzt. Voll prickelnder Erleichterung und weil die Mädchen kreischen vor Angst. Und aus Bewunderung.
Wie oft hab ich ihn schon verlassen, fand sanfte Hügel, weites Meer, fand liebevolle Worte in einem anderen Land. Wie oft sprach ich davon, nie mehr zurückzukehren. Ich weiss, das Paradies hat er mir nie versprochen. Doch wenn ich aus den sonnig süßen Weiten mich langsam auf ihn zu bewege, den Kreis durchbreche und die schwere Luft mir fast den Atem nimmt, dann singt ganz leise auch ein Liebeslied in mir. Ein Lied für seine grauen Städte und sein helles Herz. Ruhrpott, so unfassbar. So rätselhaft vertraut. So bittersüß geliebt.

Der Staub der Zeit

Die unerfüllte Liebe altert nicht. Die Last der Jahre zwingt sie niemals in die Knie. Sie leuchtet umso schöner, je länger sie vergangen ist. Und der Staub der Zeit glänzt im  Rückblick  wie Sternenstaub aus einer anderen Welt.
Nostalgie hat einen weichen Klang.
Dann plötzlich steht ihr voreinander. Und eure Stimmen sprechen nicht die lang gehegten Worte. Der Schimmer der Erinnerung verblasst im Licht der Wirklichkeit. Nichts gibt es, was ihr euch zu sagen hättet, ausser:
„Weisst Du noch?“ und „Ist lange her“.

Im Lächeln einer Katze

Leben pur und ohne Limit, im Maßstab Eins zu Eins, ohne zu zögern den Rausch des Urknalls leben und Mensch und Schöpfung im Einklang fühlen. Jedes für sich ohne Verlassenheit im Teilchenbeschleuniger der Wahrheit, im Licht und frei.
Im Lächeln einer Katze schwingt  der ganze Kosmos.

Für Istanbul

Und Konstantinopel brennt
Rauch steigt zum Himmel
Blut und Tränen netzen
die uralte Erde und
die Götter weinen.
Und der freie
Mensch?
Ein
Traum
erschaffen
am Ende des Tages
vollendet von der Hand
eines kalten Demiurgen
Der Zauber verfliegt im Rauch
und die Zeit löscht Feuer und Leid.

 

 

Brausepulver

Mein Denken ist Ahoi-Brause, Himbeer und Waldmeister, prickelnd auf der Zunge, künstliche Aromen in die Synapsen knallend, wild sprudelnd, Himmelblaugrün und Rosa. Mein Herz sieht dem Verstand beim Schäumen zu und lächelt, weiß schon längst, was ich im Himbeerschaum nicht finden kann, weiß immer alles und hat uns trotzdem lieb, mein übersprudelndes Denken und mich.