Auf dem Wasser laufen – Plauderei mit meinem Kater

Das Frühstück ist vorbei. Wir sitzen satt und zufrieden am Tisch, mein Kater und ich. Wir plaudern noch ein bisschen, unser  geschätztes Morgenritual, Essen, trinken, reden. Heute geht es um „social distancing“ und all diese Corona Dinge.
„Gabo“, sagt er zu mir, das ist sein Name für mich, wobei er das O etwas in die Länge zieht wie ein „Meow“.  „Gabo, denkst du, dass Europa und Amerika getrennt sind, weil das Meer sie unterbricht?“
Ich lache, ich weiß, er hat aus meinem Roman zitiert.
„Baston“, antworte ich, „du Schlitzohr, als ob du nicht  genau wüsstest, was ich denke. Die Kontinente bleiben tief unten unter dem Meeresspiegel verbunden. Wir empfinden die Trennung nur weil wir nicht auf dem Wasser laufen können“, führe ich das Zitat fort.
„Eben“, sagt mein Kater und maunzt belustigt. „So ähnlich ist es auch mit der sozialen Distanz. Wo Herzen und Seelen sich in der Tiefe berühren, gibt es keine Trennung.“
Er sieht mich an. Seine großen, grünen Augen haben diesen katzentypischen geheimnisvollen Schimmer. Während wir schweigen, denke ich, er hat wie meistens recht. Unvermittelt spüre ich die Nähe und Wärme der Herzen, mit denen meines verbunden ist. Ich atme tief und zufrieden ein. Baston legt den Kopf auf die getigerten Pfoten, schließt die Augen und schnurrt. Er ist eben ein weiser alter Kater.

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Empörung

Mittwochabend. Der Kopf ist voll mit Ideen und kleinen Szenen für einen neuen Roman. Zu spät, um sich hinzusetzen und loszuschreiben. Besonders, wenn man weiß, dass um acht Uhr am nächsten Morgen der Wecker scheppern wird.
Vielleicht reicht es für ein paar kurze Notizen. Und dann noch schnell ein bisschen an einem neuen Songtext feilen.
Ein kurzer Blick auf Facebook. Hängen bleiben an einem Wort.
Eigentlich an drei Wörtern.
Schüsse. Tote. Shishabar.
Rechter Terror flackert es in Großbuchstaben auf der Leinwand meines Kopfkinos. RECHTER TERROR  in kreischendem Orange.
Später  im Bett, gleichzeitig schockstarr und aufgescheucht. Es ist ein langer Weg bis zum Einschlafen.
Morgens beim Frühstück, überfallartig, ohne Vorwarnung, mehr ein Fühlen, als ein Gedanke: Meine türkischen und syrischen Freunde, jeder von ihnen hätte in einer dieser Shisha-Bars  sitzen können, entspannt, zufrieden, mit anderen ins Gespräch vertieft.
Tot. Oder schwer verletzt. Blutend am Boden liegend. Schreiend.
Tränen drängen sich nach außen.
T. sieht mich an. Irritiert. Fragt, was los ist. „Hanau“, sage ich, „es könnte jederzeit auch unsere Freunde treffen“
Er nickt. Wir sehen uns an. Schweigen.
Neben der Trauer wächst noch etwas im Inneren. Es lässt sich zuerst nicht genau benennen. Fast fühlt es sich an wie Hass. Aber nein, das sind sie nicht wert, die braunen Brandstifter, die seit Jahren darauf hinarbeiten unser Land ein weiteres Mal in den Sumpf zu stampfen, die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen. Brandstifter, die versuchen, die Reste, die von unserer Kultur der Dichter und Denker nach dem Sturm des Faschismus noch geblieben sind, endgültig zu zerstören, jede Feinheit des Denkens, die wunderbare Melancholie, die uns einst ausmachte, auszumerzen und zu ersetzen durch Stumpfsinn, Niedertracht, Terror. Sie sind es nicht wert, sich ihretwegen durch Hass vergiften zu lassen. Doch sie haben einen Sturm der Empörung verdient. Einen starken, kühlen Zorn, der sie in die Schranken weist, wo er ihnen und ihren Spuren begegnet. In den Landtagen und Parlamenten. In den Clubs und Kneipen. Auf Fußballplätzen und Rockkonzerten. Auf den Straßen und an den Wahlurnen.
Ja, auch an den Wahlurnen, denn, machen wir uns nichts vor, Braun geht auch in Blau-weiß-Rot.
Wir brauchen keinen starken Führer.
Wir brauchen eine starke, klare, weise Empörung.
Einen neuen Aufstand der Anständigen.

Vielleicht sollte ich ein anderes Buch schreiben.
Vielleicht sollte ich es „Alice im Mörderland“ nennen“
Vielleicht sollte ich auch einfach fortgehen.

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Foto/kholisrevenge on Pixabay

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schöpfung

Einer gibt mehr
als ein Scherflein
Einer wirft immer
den ersten Stein
Einer gibt den
Verräterkuss
Und
Einer hält nie durch
bis zum Schluss.

Der Mörder ist manchmal
dem Himmel  nah
Der Gerechte gefangen
in Selbstgerechtigkeit
Mensch dem Menschen
ein Unmensch oft
Doch
erschaffen für Liebe,
Freundschaft, Wahrhaftigkeit.

(c) Gabriele Auth

 

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Foto/Pixabay