Frau Lot

Dreh dich nicht um
Schau nicht zurück
Sagte man ihr
Doch sie
Wagt den Blick
Über die Schulter
Der Körper erstarrt.
Verstummt ihr Mund
Das Salz der Tränen
Netzt den Grund.

Sie mussten fort
Raus aus dem Dreck,
Aus dem Chaos
Den Lügen
Einfach nur weg

Es bleibt alles zurück
Angst Leid und Zorn
Ihre Schritte schwer
Verworren der Weg
Zukunft im Blick.

Den Lärm der Stadt
Hört sie noch lang.
Rauch steigt hinauf.
Düster und schwer
Frisst er das Land.

Ihr Herz pocht matt.
Der Duft ihrer Rosen
Verloren, verweht und
Sie will es nur
Ein Mal noch sehen.

Dreh dich nicht um
Schau nicht zurück
Sagte man ihr
Doch sie
Wagt den Blick
Über die Schulter
Der Körper erstarrt.
Verstummt ihr Mund
Das Salz der Tränen
Netzt den Grund.

 

 

Lillith

Lillith, du Schöne
aus Erde erschaffen,
dem Himmel durch
Flügel verbunden.*

Bewahrerin unserer
wildsanften Natur.
Dämonin
nennen sie dich.
sie, die ihre Lust zu
Geilheit gerinnen lassen
aus Angst vor dem Flug,
aus Furcht vor der
Freiheit des Windes,
der deine Schwingen
mit Leidenschaft
umspielt und trägt.

Mutter, Tochter, Frau,
weit deine Arme,
groß, verloren, einsam
dein Herz.

Sie verschließen ihre Tür,
vernageln die Fenster,
zitternd vor Sorge,
du könntest sie anrühren,
in ihren Betten liegend,
lüstern, hoffend,
schreckensstarr ,
die sehnsüchtig
glänzenden Augen
voll Scham geschlossen.

Verstohlen trommeln
ihre Finger den Rhythmus
der Begierde, während
sie warten, warten,

dass du gehst,
vorbeigehst, oder
endlich kommst,
sie zu anzurühren
zart
schamlos
tief
so,
dass ihnen Glück
aus jeder Pore
dränge,
ein dunkelrotes
Leuchten.

Am Ende der Nacht
weinen,
verfluchen sie dich,
weil sie die Last
deiner Liebe
nicht tragen können,
die Last
so süß
so leicht
im Tageslicht der
Wahrhaftigkeit.

© gabriele auth

 

* aus dem babylonischen Talmud

 

bluesgeboren

Fundstück aus meiner Text-Schublade. Das muss Anfang bis Mitte der Neunziger entstanden sein und es gibt eine Version als Songtext und eine als Lyrik. Hier die Lyrikversion.

an solchen tagen läufst du
durch die straßen
fühlst dich unbestimmt allein
es ist nicht weil keiner da ist
es ist nur dein so sein
sitzt in kneipen sprichst mit leuten,
lachst außen aber innerlich
fühlst du dich verfroren
bluesgeboren

kannst nicht schlafen,
weil dich eine
dunkle sehnsucht treibt
sehnsucht ohne namen
nach tod, nach leben, nach
irgendwas, das bleibt
hunger nach du-weißt-nicht-was
bist hier, und doch verloren
bluesgeboren

spürst blicke in denen
auch dieser hunger brennt
hörst deine eigne sehnsucht
in fremdem lachen schwingen
finger, die sanfte
heimwehstrahlen spinnen
bist nicht allein zur
Traurigkeit erkoren
bluesgeboren

© gabriele auth

 

 

 

 

 

Als meine Mutter leuchtete

Ich habe gerade ein wunderbares Buch zu Ende gelesen, in dem es nicht nur, aber auch um den Tod ging. Es erinnerte mich an einen Text aus meinem ersten Buch „Mensch lernt von Mensch“ , den ich hier noch nie gepostet habe, einen Text über meine Mutter:

Als Meine Mutter leuchtete

Die Natur trägt ihr Spätsommerkleid. Das Laub der Bäume schimmert gelb und rot. Dem Leuchten haftet eine fragile Patina der Vergänglichkeit an. Wie ein zögerndes Lächeln huscht die Morgensonne in mein Fenster. Ich sitze mit meinem Morgenkaffee am Küchentisch, beobachte das Streifenmuster aus Licht und Schatten auf der Tischplatte. In den Lichtbahnen treten einige Brotkrümel zu Tage, die im Schatten kaum zu erkennen sind. Draußen zwitschern Vögel Lebensfreude in den Himmel. Sonnentrunken.

Der Kater hat heute Nacht auf den Küchenboden gepinkelt. Er ist nach einem Schlaganfall erblindet. Seitdem gleichen seine Sinne rostigen Messern, stumpf wie seine Krallen. Oft verliert er die Orientierung und läuft im Kreis, die Augen suchend auf den Boden gerichtet. Dann trage ich ihn zum Katzenklo oder in sein Körbchen. Vertraute Fixpunkte in seinem dunklen Universum. Von dort aus kann er sich an Wänden und Möbeln entlang durch die Räume tasten. Hin und wieder rollt er sich nach dem Fressen neben dem Futternapf zusammen und schläft ein. Sein Schnurren hebt sich vor jedem Atemzug zu einem kleinen, pfeifenden Keuchen.

Mir fällt es schwer, Alter und Verfall zu begegnen. Es weckt Mitleid in mir, gleichzeitig eine unbestimmte Wut, Gereiztheit und den Wunsch davonzulaufen. Ich mag dem Prozess des Sterbens nicht begegnen, dem unwillkommenen Ausblick auf die eigene Zukunft. Verweigertes Wissen.
Nicht nur die Kraft der Sinne scheint im Alter abzunehmen, alles verengt sich, wird kraftlos. Nach und nach versiegt der Lebenssaft und der Körper welkt wie die Blätter an den Bäumen. Glühendes Laub. Eigensinnige Schönheit des Sterbens in der Natur. Ein farbenprächtiger letzter Triumph. Der Anblick des Katers lässt mich an meine Mutter denken, an die Zeit, in der ihr Verfall unübersehbar wurde.
Zwei Wochen vor ihrem Tod saß sie in der Sonne auf dem Balkon, eingehüllt in ihren flauschigen Morgenmantel, in dem ihr zerbrechlich gewordener Körper zu verschwinden schien, als wolle er sich in sich selber zurückziehen. Das Blau des Mantels vertiefte die Farbe ihrer Augen. Unwillkürlich fühlte ich mich an kostbares Porzellan erinnert, das von vielen Lagen Seidenpapier umhüllt ist. Ihr Blick war nach Innen gerichtet wie in unbegreifliche Tiefen. Ihr feines, weißes Haar leuchtete in der Sonne. Eine hinfällige Fee.  Nie zuvor hatte ich sie so strahlend gesehen. Und nie wieder danach.

Sie hat mich geboren und genährt, aber ich habe sie nicht wirklich kennengelernt, nie ihr Wesen ergründet. Ich weiß nicht, ob sie sich selbst kannte, und ich erriet in all den Jahren nicht, wie sie für mich empfand. Meinte sie, mich zu verstehen und mir nahe zu sein, oder fühlte sie die Ferne ebenso wie ich? Vielleicht waren wir einander vertrauter, als wir ahnten oder zugeben wollten. Die Gefühle, die sie in mir weckte, als ich Kind war, sind mir entglitten, verblasst wie alte Fotos von ihr. Ich erinnere mich, dass ich als Erwachsene nicht wollte, dass sie mich berührte. Wir umarmten uns und vollzogen die üblichen Gesten, doch ich ließ nicht zu, dass sie mich im Wesen anrührte, mein Herz in Bewegung versetzte. Ich glaube, sie hat meine Befangenheit geteilt. Doch in diesem zeitlosen Moment auf dem Balkon vor dem Hintergrund des wolkenlosen Frühlingshimmels malte das Licht mit schmerzlicher Intensität die nicht gelebte Schönheit auf das Gesicht meiner Mutter. Ich entdeckte die Reinheit kindlicher Unschuld, ewig und vergänglich zugleich. Wie ein feines Messer drang sie unter meine Oberfläche. Ich sah das Kind in ihr, die erblühende Frau, die behütende Mutter, die Greisin. Ich ahnte, was sie war und mehr noch, was sie hätte sein können.

© gabriele auth

 

 

 

 

Tanz (aus Gründen)

Wo ist der Raum,
in dem wir tanzten,
als wär das Morgen
ein Phantom?
Wer stahl das Licht
aus unseren Augen
jetzt flutet Dunkelheit
den Traum.

Kommt, kommt
lasst uns tanzen
bis der Morgen den
Nachthimmel küsst.
Kommt, kommt
lasst uns lachen
bis das Herz
jeden Kummer vergisst.

Wo ist die Musik,
die für uns erklang,
als der Traum zu
den Sternen flog?
Wann sank das Lachen
wie Regen ins Meer?
Warum kommt die
Freude nicht zurück?

Kommt, kommt
lasst uns lachen
bis der Morgen den
Nachthimmel küsst.
kommt, kommt
lasst uns tanzen
bis das Herz
jeden Kummer vergisst.

© gabriele auth

Mojo und weil Julia gefragt hat

Traueraugen,
der Blick eine Wand,
gemauert aus
Splittern des
gebrochenen
Wesens.
Zerrissenheit.
Leben sterben.
Sterben leben.
Alle Türen
aufgebrochen,
eingetreten.
Zu früh.
Dazwischen
sich verströmen,
so viel zu geben,
sprudelnder Quell
sinnlos versickernd
im Sand.
Niemand versteht.

© gabriele auth

Schneewittchen

Ihr Blick will Wärme
streunt frierend
über tote Ebenen
sucht Halt im Grau.
Am Horizont
eine Bergkette.
Schwarze Vögel kreisen
Über sieben Hügeln.

Beklemmung,
Herz einschnürend
Die Arme wie Stein.
Enge. Oh. Enge.
Kopf stößt an Wände
wieder und wieder.
Schwarze Vögel kreisen
Über sieben Hügeln.

Ein Schrei im Grau.
Das Echo verfliegt.
Duft von Äpfeln
im Gläsernen Sarg.
Feine Tränen wie
Nieselregen.
Schwarze Vögel kreisen
Über sieben Hügeln.

© gabriele auth

 

 

 

 

Woanders

Wollte zum Abschied ein Lied für dich schreiben, ganz in Moll, nur in der Mitte heimlich einen Dur-Akkord. Verdammt, ich kann doch keine Noten und spiel kein Instrument. Du siehst, du solltest besser bleiben. Und außerdem ist Abschied nicht mein Element. Schon klar, damit bist du nicht zu erweichen. Vielleicht lern ich noch schnell Posaune, Akkordeon oder Klavier? Noch besser wär’ Gitarre. Ja. Drei bis vier Akkorde sollten reichen. Die merk ich mir und ging zum Terminal. Da würd’ ich singen, laut, falsch und ganz besonders schrill. Alle Leute würden’s hören und wissen, dass hier Einer ist, der weg geh’n will.  Ich würde ungeheuer peinlich sein. Schlimmer als bei Wahrheit oder Pflicht. Und weil kein Baum da wär, würde ich irgendwas erklimmen. Vielleicht eine Laterne. So genau weiß ich es gerade nicht. Verstörend dissonant ließ ich die Finger über Saiten holpern und stimmte alte Schlager an, Vicky Leandros, Udo Jürgens, vielleicht auch Freddy Quinn. Es gibt keine Laternen dort? Egal, ich würde trotzdem durch die Töne stolpern und du könntest nicht weg, weil du am Check-In  anstehst für den Flug nach Nirgendwo. Mal ehrlich, wer außer dir will denn da hin?
Du würdest dich noch umdreh’n, zu mir sagen: „Hör auf, mit dem Geheule, das ist so grottenschlecht, dass man am liebsten auf der Stelle sterben will“.  Und ich würd’ rufen: „Das geschieht dir recht. Bleib bloß nicht stehn. Geh weiter. Einfach weiter. Los hau schon ab. Ich will dich weg gehen sehn“.
Dann lachtest du, sähst mich an und sagtest: „Machs gut. Es war nicht schlimm mit dir.“
Ich würde schweigen. Und wenn du weg wärst, würde ich so tun, als ob ein Staubkorn mir ins Auge flog, würd drüber lachen…..ach, und überhaupt, du wärst ja gar nicht weg. Wärst nur Woanders. Das ist die Wahrheit.
Aber auch ein kleiner Selbstbetrug.

Drachenflug

Weil heute,
heute ist und
weil es regnet,
hab ich ein Lied
für dich gemacht
und weil Gedanken
Karussell fahr’n
wie wilde Kinder
an manchen Tagen
in mancher Nacht.

Bist nur ein Flüstern
im leeren Raum,
ein blasses Bild
an meiner Wand
ich weiß nicht,
ist es Wahrheit
oder Traum,
greif ich ins Leere
oder hältst du
meine Hand?

In meinem Kopf
geh ich an Orte
die wir zusammen
einst geliebt,
wenn du jetzt
vor mir stündest,
fehlten uns die Worte?
Würden wir lachen,
oder wäre unser
Blick getrübt?

Gäb’ es
den Funken noch,
der früher
uns reden, lachen,
lieben ließ,
als wir auf Wellen
von Ideen flogen
wir waren,
Feuerdrachen,
die Welt ein Paradies.

Weil heute,
heute ist und
weil es regnet,
hab ich ein Lied
für dich gemacht
und weil Gedanken
Karussell fahr’n
wie wilde Kinder
an manchen Tagen
in mancher Nacht.

© Gabriele Auth

 

Traum (eine Notiz)

Traum im
Traum
im
Traum
Zerbrochene Flügel
Gläserner Raum
Ein verpixeltes Bild
von Liebe
das Herz
Traum im
Traum
im
Traum
Verstand gesperrt
in Gedanken
Den Schlüssel verloren
im Raum
Gefallen
in den
multiversalen
Traum im
Traum
im
Traum