Die Bühne ist bereitet, ein ganzes Leben schon. Aus den Kulissen klingt der Chor der Nornen und tausendfach durchbohren Blicke mir die Haut. Ich trage keinen Blickschutzfaktor, nur mein Herz. Und Liebe.
Das Lied der Nornen hat die Düsternis verloren und auch das Augenpaar der ersten Stunde, es macht mir keine Angst mehr. Ich muss nicht mehr agieren, steh einfach still erwartungslos, öffne die Arme weit und auch der Tod ist nur ein neues Bühnenbild.
leben
Fast ein schönster Tag
Die ganze Fülle, vom Sternenhimmel bis zum Sonnenaufgang, und dazwischen dieser Typ mit der Gitarre und seinen Beatles Songs. Alle reden wie ein großer verquerer Gesang. Wir lachen durcheinander mit Augen und Händen und wir kickern rundherum und singen laut while my guitar gently weeps, bestellen noch ein Bier und mittendrin ein federleichtes Schweigen, einfach so, und bald ist Weihnachten.
Zeichen aus dem Heimatbunker
Begegnungen wie frisch gefallener Schnee. Der Raum zwischen uns, eine unberührte Fläche. Behutsam setzen wir unsere Spuren ins Weiß. Manchmal mit einer ungestümen Bewegung, immer wieder scheu zurückweichend und leise die harte Spur verwischend. So entstehen Zeichen und Muster. Sie glitzern im Licht. Wir erfreuen uns an ihnen. Unter dem Schnee, die Erde bereitet sich vor auf Frühlingsblühen.
Kostbarkeiten
Kostbarkeiten
Der kühle Kuss der Nacht nach einem heißen Sommertag.
Der Blick aus den Augen eines Neugeborenen.
Das Tschilpen der Spatzen an einem Frühlingstag.
Das Prasseln des Sommerregens auf der Haut.
Sonnendurchstrahlte Wolken.
Die Farbe des Meeres kurz vor Sonnenuntergang.
Der Blick von einem Berggipfel.
Erste Fußstapfen auf einer Schneefläche.
Ein Blick in die Augen einer heimlichen Liebe.
Der Geruch von Regen.
Haut an Haut mit Dir.
Der Duft eines Tannenwaldes.
Der Geschmack von harzigem Wein im Schatten eines Maulbeerbaumes.
Das Singen der Zikaden Im Olivenhain.
Dein Lächeln wenn ich zur Tür hereinkomme.
Dein Pfeifen wenn Du zur Tür hereinkommst.
Leben mit allen Sinnen.
Seidelbast
Die Beeren des Seidelbast rot leuchtend
und giftig wie unechte Freundschaft.
Haiku für eine ehemalige Freundin, die Haikus liebt
Paris
Menschen rennen schreiend durcheinander.
Weinende Frauen
Verängstigte Kinder
Blaulicht
Polizei
Feuerwehr
und
jede Menge Journalisten und Kameras.
Paris am Abend des 13.11. 2015
Tagesschau Sondersendung bis tief in die Nacht.
Immer wieder dieselben Bilder, die gleichen fassungslosen Kommentare der Nachrichtensprecher in Dauerschleife.
Geteiltes, kollektives Entsetzen.
Hundert Prozent mediale Aufmerksamkeit auf allen Kanälen, TV, Internet, social media, Presse. Aufmerksamkeit für den Terror.
Und auf dem Boden neben deutschen Fernsehsesseln ein paar einsame, unbeachtete Chipskrümel.
Was, wenn Medien und Menschen einfach erstmal schweigen würden?
Kerzen anzünden, Hand in Hand auf die Straße gehen, deutschlandweit, europaweit, weltweit?
Ich denke an glückliche Momente auf dem Platz vor Notre Dame, auf den Stufen von Sacre Coeur und auf der Pont Neuf bei Sonnenuntergang.
Während ich so denke, schreibe ich diesen Text und stelle ihn in die Öffentlichkeit.
Verrückte, aus den Fugen geratende Welt.
Karneval des Untergangs, oder Geburtswehen einer neuen Zeit?
Wird Europa ein Kind gebären?
Welchen Namen wird es tragen?
Lösung
Löse mich
aus Enge,
Kleingeist
Stumpfsinn,
meinem Leben,
der alten Haut.
Entfaltet,
federleicht
und frei
flieg ich,
ins Neue,
Offene.
Struktur
Im Uhrzeigersinn
dreht es sich,
bewegt es sich,
im Rahmen, den
das Leben steckt.
Breche ich aus,
fließt um mich
die Zeit in
jede Richtung
im eigenen Sinn.
Stehe staunend
am Ufer,
frag mich wohin.
Drehe und wende
das chaotische Herz.
Hier hin und
dort her, doch
immer weiter
im Rahmen, den
das Leben steckt.
Es tanzt in mir
die Lebensmusik
und ich tanze mit
in ihrem Rythmus
im ureigenen Sinn.
© gabriele auth
Verlockend rot leuchtet der Wein
Da sitze ich
allein mit mir
verlockend rot
leuchtet der Wein
in meinem Glas.
Fühle mich quer,
verliere mich,
fixiere mich
so tief in mir
und find mich nicht.
Mit der Gitarre
setzt er sich zu mir
lacht, spielt und singt
vertrauter Blick
verheißungsvoller Klang.
Ich lausche,
schließ die Augen,
mich zieht das Lied,
ich finde mich
in seinem Rythmus.
Zwei sind wir
er und ich
verlockend rot
leuchtet der Wein
in meinem Glas
Wind
Am Anfang
war der Wind,
formloser Atem
des Ursprungs,
strich über
dunkles Nichts
und Alles,
war Klang, war
schöpferisches
Wort,
es werde
Licht und Form
und Wesen
ohne Zahl.
Im letzten
Hauch erwacht
der Mensch
hilflos und nackt
zum Aufstieg
oder Fall.
© gabriele auth
