Brausepulver

Mein Denken ist Ahoi-Brause, Himbeer und Waldmeister, prickelnd auf der Zunge, künstliche Aromen in die Synapsen knallend, wild sprudelnd, Himmelblaugrün und Rosa. Mein Herz sieht dem Verstand beim Schäumen zu und lächelt, weiß schon längst, was ich im Himbeerschaum nicht finden kann, weiß immer alles und hat uns trotzdem lieb, mein übersprudelndes Denken und mich.

Wirklichkeit

Lass uns wirklich sein,
so
Herz bei Kopf eintauchen
in den zeitlosen Moment,
jeder auf seine Weise,
jeder sein eigenes im wir,
ohne Urteil wahrnehmend.
Im Gleichgewicht.
In der Wahrung
des Gegensatzes.
In vollkommener
Gleichwertigkeit,
so
lass uns wirklich sein.

Nicht Cinderella

Die bin ich, die in rein gar nichts passt, war meiner Mutter allzu dünn, zu blass als Kind und später dann zu schwarz, zu bunt, zu sehr Zigeunerin.
Die Lehrer kamen leidlich mit mir klar, weil ich so wortreich reden konnte. Doch diese aufmüpfige Art, die störte ihr gepflegtes Bild.
Vater fand seine Tochter wohlgeraten, solang sie keine Widerworte gab. Nur meine Freunde passten nicht in sein Konzept. Von denen spürte mancher, dass auch ich nicht in seines passte. Zu wenig Weibchen. Zu sehr Blaustrumpf. Zu rot die Nägel und trotzdem nicht Femme Fatale.
Kann nicht gut singen, spiel kein Instrument, und hab ich Geld, geb ich es einfach aus so völlig ohne Sinn für hohe Kanten.
Es sind wohl mehr als tausend Schubladen, in die ich nicht hineingepasst und abertausend Worte, die mich mahnten und mich nie erreichten.
Oh ja, ich habe es versucht, hab mich gebogen, hab die Ferse abgehackt um in manch engen Schuh zu passen, den irgendein altkluger Prinz mir reichte.
Hat nie geklappt. Blut war im Schuh und ich mal wieder nicht die blonde Fee, das liebliche Dornröschen oder Aschenputtel.
Doch in mir klingt Musik, dass Herz und Seele tanzen, wann immer ich den Klängen lausche, und Liebe ohne Ziel und Limit füllt mich aus.
Gebt eure Schuhe und den klugen Rat ruhig denen, welche wohlgeraten und adrett euch eure Wünsche von den Lippen lesen.
Ich tanze weiter mit den Sternen, die über mir und in mir kreisen.
Ich bin die böse Schwester, bin die schwarze Fee.
Ich bin nicht nett.

Neujahr

Süße Melancholie des Neujahrstages.
Altes nicht ganz vergessen und gegangen.
Neues noch nicht wahr und offenbar.
Herz im Mittelpunkt der Möglichkeiten,
zwischen Tod, Geburt und Neubeginn.
Und dann der Regen in den kahlen Birken
und die dunklen Silhouetten von Krähen
am grauweißen Himmel und jedes Lächeln
ein Sonnenstrahl, Vorbote aufkeimender Wärme.
Fülle.

Wenn der Geist der Weihnacht….

Bei Facebook tobt der Christmasstorm. Alle wünschen allen frohe Weihnachten und alles scheint so friedlich, hell und schön. Syrien ist weit, der Krieg ein kleiner Schatten nur im großen Licht. Wir feiern unsere eigene Kultur selten so einig wie zu Weihnachten. Und hinter all dem Glitter, dem Gesang über das Christuskind, den Bildern von Engeln, Ochs und Eselein, schwingt eine Ahnung, dass es mehr zu feiern gibt als ein Kind in einer Krippe, mehr als Süßer die Glocken nie klingen und mehr als Stille Nacht, heilige Nacht. Und immer schon sucht Mensch nach Worten für dieses Wunder, für die eine große Liebe, die leuchtende, erfüllende, für die es keine großen Worte gibt, nur eine tiefe Stille zwischen allen Zeilen. Liebe Licht und Wahrheit, ein gleichschenkeliges Dreieck, die Sterne stumme Zeugen. Schweigend staune ich und ahne, dass hinter den Kulissen die Dunkelheit sich vorbereitet auf ihren nächsten Auftritt und erst verschwinden wird, wenn der Geist der Weihnacht immer ist.

Kulissen

Die Bühne ist bereitet, ein ganzes Leben schon. Aus den Kulissen klingt der Chor der Nornen und tausendfach durchbohren Blicke mir die Haut. Ich trage keinen Blickschutzfaktor, nur mein Herz. Und Liebe.
Das Lied der Nornen hat die Düsternis verloren und auch das Augenpaar der ersten Stunde, es macht mir keine Angst mehr. Ich muss nicht mehr agieren, steh einfach still erwartungslos, öffne die Arme weit und auch der Tod ist nur ein neues Bühnenbild.

Fast ein schönster Tag

Die ganze Fülle, vom Sternenhimmel bis zum Sonnenaufgang, und dazwischen dieser Typ mit der Gitarre und seinen Beatles Songs. Alle reden wie ein großer verquerer Gesang. Wir lachen durcheinander mit Augen und Händen und wir kickern rundherum und singen laut while my guitar gently weeps, bestellen noch ein Bier und mittendrin  ein federleichtes Schweigen, einfach so, und bald ist Weihnachten.

Zeichen aus dem Heimatbunker

Begegnungen wie frisch gefallener Schnee. Der Raum zwischen uns, eine unberührte Fläche. Behutsam setzen wir unsere Spuren ins Weiß. Manchmal mit einer ungestümen Bewegung, immer wieder scheu zurückweichend und leise die harte Spur verwischend. So entstehen Zeichen und Muster. Sie glitzern im Licht. Wir erfreuen uns an ihnen. Unter dem Schnee, die Erde  bereitet sich vor auf Frühlingsblühen.

Kostbarkeiten

Kostbarkeiten

Der kühle Kuss der Nacht nach einem heißen Sommertag.

Der Blick aus den Augen eines Neugeborenen.

Das Tschilpen der Spatzen an einem Frühlingstag.

Das Prasseln des Sommerregens auf der Haut.

Sonnendurchstrahlte Wolken.

Die Farbe des Meeres kurz vor Sonnenuntergang.

Der Blick von einem Berggipfel.

Erste Fußstapfen auf einer Schneefläche.

Ein Blick in die Augen einer heimlichen Liebe.

Der Geruch von Regen.

Haut an Haut mit Dir.

Der Duft eines Tannenwaldes.

Der Geschmack von harzigem Wein im Schatten eines Maulbeerbaumes.

Das Singen der Zikaden Im Olivenhain.

Dein Lächeln wenn ich zur Tür hereinkomme.

Dein Pfeifen wenn Du zur Tür hereinkommst.

Leben mit allen Sinnen.

Ohnmacht

November. Gelsenkirchen Hauptbahnhof. Später Nachmittag. Das Hamsterrad des Feierabendverkehrs dreht sich. Viele müde Menschen. Kauflustige Hausfrauen, Rentnerinnen, die kleine Hunde an langen Leinen hinter sich herziehen und Männer aller Altersgruppen mit Aktentaschen oder Rucksäcken. Leere Blicke. Finger die über Smartphones wischen. Jugendliche mit Musikstöpseln in den Ohren. Alltag.
Ich schwimme mit dem Strom Richtung Bahnhofsgebäude, vorbei am Drogeriemarkt, neben dessen Eingangstür eine Holzbank zum Ausruhen einlädt. Ob ich mich setzen soll? Mein Bedürfnis, nachhause zu kommen ist größer als meine Lust auf eine kurze Pause mitten im Getümmel. Wenige Schritte nachdem ich die Bank hinter mir gelassen habe, höre ich eine heisere Frauenstimme hinter mir schreien
„Untersteh dich, noch mal abzuhauen!“
Begleitet von Kinderweinen.
Ich drehe mich um. Auf der Bank ein Junge, vier oder fünf Jahre alt vielleicht. Die schreiende Frau ragt über ihm auf. Ihre Hände fahren durch die Luft, landen immer wieder in dem Kindergesicht. Sie brüllt, dass ihre Stimme fast überschnappt.
Ich stehe eine Sekunde starr. Verdammt, das ist ein Kind. Ich setze mich in Bewegung. Als ich die Bank erreiche, spricht bereits eine andere Passantin die Frau an.
„Hören sie auf, das Kind zu schlagen. Das geht gar nicht.“
„Kümmern Sie sich um ihren eigenen Kram“ brüllt es zurück und die Angesprochene rennt in den Drogeriemarkt. Die Passantin, eine junge Frau mit langen, braunen Haaren und einem bunten Strickschal geht vor der Bank in die Hocke, redet leise mit dem weinenden Kind. Der Junge schluchzt und starrt auf den Boden. Ich sehe wie die Schlägerin sich noch einmal umdreht, zurück gerannt kommt, schreit:
„Und das soll jetzt okay sein, sich an den Jungen ranmachen und sich in fremde Angelegenheiten einmischen?“
„Klar mische ich mich ein“, antwortet die Junge. „Sie haben das Kind geschlagen. Das ist es, was nicht in Ordnung ist.“
„Das geht Sie gar nichts an. Ich hatte schon meine Gründe.“
„Für so was gibt es keinen Grund“, sage ich jetzt.
„Was wollen Sie denn, sich auch noch um Sachen kümmern, die Sie nichts angehen?“ keift die Frau mich an und setzt sich neben den Jungen auf die Bank. Aus wässrig blauen Augen sieht sie uns an. Ich schätze sie auf Mitte fünfzig. Ihre Haare sind schulterlang und strohig vom Blondieren.
„Ich seh mir doch nicht an, wie Sie auf Ihr Kind einschlagen“ antworte ich.
„Das ist nicht mein Kind.“
„Umso schlimmer“, ruft eine Passantin mit blauem Kopftuch, die ebenfalls stehen geblieben ist.
„Ich rufe das Jugendamt an“, eine andere.
„Halten Sie sich da raus“, brüllt die Frau auf der Bank.
Ihr Credo.
Der Junge weint leise in sich hinein, die braunen Augen starr geradeaus gerichtet. Unter seiner Strickmütze lugen ein paar dunkle Haarsträhnen hervor. Die Frau mit dem bunten Schal streicht ihm über die Schulter. Er hält beide Hände zwischen die Knie gepresst. Rote Flecken leuchten auf seinen Wangen. Zeichen der Ohnmacht.
„Ich bin vom Jugendamt“, höre ich eine Stimme hinter mir, drehe mich um. Da steht eine Frau mit Smartphone in der Hand.
„Die Polizei ist unterwegs“, sagt sie. „Hat jemand gesehen, wie das Kind geschlagen wurde?“
Sie blickt in die Runde der Passanten. Einige nicken.
„Ich hab den Jungen nicht geschlagen“, kreischt die Blonde und springt von der Bank, das Kind am Arm hochziehend.
„Los jetzt, wir gehen.“
Sie zerrt den Kleinen mit sich, versucht im Strom der Einkäufer unterzutauchen. Drei Frauen hasten hinter ihr her. Ich sehe ihnen nach wie sie in die Fußgängerzone einbiegen. Von rechts kommt ein Polizeiwagen. Die Frau vom Jugendamt spricht kurz mit dem Fahrer. Der Wagen schiebt sich wie ein Keil in die Menge hinter der Blonden her.
Die Jugendamtsmitarbeiterin kommt auf mich zu.
„Haben Sie gesehen, wie das Kind geschlagen wurde?“
Ich nicke.
„Würden Sie mir Ihren Namen und Ihre Telefonnummer geben und bezeugen, dass die Mutter den Jungen verprügelt hat? Die anderen Zeugen sind ja alle hinter ihr hergelaufen.“
Ich nicke, nenne ihr meine Daten und erzähle, was ich gesehen habe.
Eine halbe Stunde später im Zug. Mein Handy klingelt. Die Polizei, die nach meinen Beobachtungen fragt.
Die Bahn ist voll. Ich stehe im Gang, sehe während ich rede, dass mehrere Fahrgäste zuhören.
„Ich stehe in einer brechendvollen Bahn“, sage ich zu der Beamtin. Jetzt wissen hier alle Bescheid.“
Manche Fahrgäste grinsen. Die Beamtin bedankt sich und wünscht mit einen schönen Abend. Na ja.
„Bei Kontonummer und Geheimzahl, sollte man Schluss machen“, sagt ein Mann neben mir und lacht. Ich versuche mitzulachen, aber es gelingt mir nicht so richtig. Ich fühle mich hilflos. Wie die schlagende Frau? Wie der kleine Junge? Nein, ich bin nicht so ausgeliefert wie er. Jemand, der so klein und hilflos ist wie er, sollte nicht ausgeliefert sein. So viel Ohnmacht.
Verdammte Welt.