Ohnmacht

November. Gelsenkirchen Hauptbahnhof. Später Nachmittag. Das Hamsterrad des Feierabendverkehrs dreht sich. Viele müde Menschen. Kauflustige Hausfrauen, Rentnerinnen, die kleine Hunde an langen Leinen hinter sich herziehen und Männer aller Altersgruppen mit Aktentaschen oder Rucksäcken. Leere Blicke. Finger die über Smartphones wischen. Jugendliche mit Musikstöpseln in den Ohren. Alltag.
Ich schwimme mit dem Strom Richtung Bahnhofsgebäude, vorbei am Drogeriemarkt, neben dessen Eingangstür eine Holzbank zum Ausruhen einlädt. Ob ich mich setzen soll? Mein Bedürfnis, nachhause zu kommen ist größer als meine Lust auf eine kurze Pause mitten im Getümmel. Wenige Schritte nachdem ich die Bank hinter mir gelassen habe, höre ich eine heisere Frauenstimme hinter mir schreien
„Untersteh dich, noch mal abzuhauen!“
Begleitet von Kinderweinen.
Ich drehe mich um. Auf der Bank ein Junge, vier oder fünf Jahre alt vielleicht. Die schreiende Frau ragt über ihm auf. Ihre Hände fahren durch die Luft, landen immer wieder in dem Kindergesicht. Sie brüllt, dass ihre Stimme fast überschnappt.
Ich stehe eine Sekunde starr. Verdammt, das ist ein Kind. Ich setze mich in Bewegung. Als ich die Bank erreiche, spricht bereits eine andere Passantin die Frau an.
„Hören sie auf, das Kind zu schlagen. Das geht gar nicht.“
„Kümmern Sie sich um ihren eigenen Kram“ brüllt es zurück und die Angesprochene rennt in den Drogeriemarkt. Die Passantin, eine junge Frau mit langen, braunen Haaren und einem bunten Strickschal geht vor der Bank in die Hocke, redet leise mit dem weinenden Kind. Der Junge schluchzt und starrt auf den Boden. Ich sehe wie die Schlägerin sich noch einmal umdreht, zurück gerannt kommt, schreit:
„Und das soll jetzt okay sein, sich an den Jungen ranmachen und sich in fremde Angelegenheiten einmischen?“
„Klar mische ich mich ein“, antwortet die Junge. „Sie haben das Kind geschlagen. Das ist es, was nicht in Ordnung ist.“
„Das geht Sie gar nichts an. Ich hatte schon meine Gründe.“
„Für so was gibt es keinen Grund“, sage ich jetzt.
„Was wollen Sie denn, sich auch noch um Sachen kümmern, die Sie nichts angehen?“ keift die Frau mich an und setzt sich neben den Jungen auf die Bank. Aus wässrig blauen Augen sieht sie uns an. Ich schätze sie auf Mitte fünfzig. Ihre Haare sind schulterlang und strohig vom Blondieren.
„Ich seh mir doch nicht an, wie Sie auf Ihr Kind einschlagen“ antworte ich.
„Das ist nicht mein Kind.“
„Umso schlimmer“, ruft eine Passantin mit blauem Kopftuch, die ebenfalls stehen geblieben ist.
„Ich rufe das Jugendamt an“, eine andere.
„Halten Sie sich da raus“, brüllt die Frau auf der Bank.
Ihr Credo.
Der Junge weint leise in sich hinein, die braunen Augen starr geradeaus gerichtet. Unter seiner Strickmütze lugen ein paar dunkle Haarsträhnen hervor. Die Frau mit dem bunten Schal streicht ihm über die Schulter. Er hält beide Hände zwischen die Knie gepresst. Rote Flecken leuchten auf seinen Wangen. Zeichen der Ohnmacht.
„Ich bin vom Jugendamt“, höre ich eine Stimme hinter mir, drehe mich um. Da steht eine Frau mit Smartphone in der Hand.
„Die Polizei ist unterwegs“, sagt sie. „Hat jemand gesehen, wie das Kind geschlagen wurde?“
Sie blickt in die Runde der Passanten. Einige nicken.
„Ich hab den Jungen nicht geschlagen“, kreischt die Blonde und springt von der Bank, das Kind am Arm hochziehend.
„Los jetzt, wir gehen.“
Sie zerrt den Kleinen mit sich, versucht im Strom der Einkäufer unterzutauchen. Drei Frauen hasten hinter ihr her. Ich sehe ihnen nach wie sie in die Fußgängerzone einbiegen. Von rechts kommt ein Polizeiwagen. Die Frau vom Jugendamt spricht kurz mit dem Fahrer. Der Wagen schiebt sich wie ein Keil in die Menge hinter der Blonden her.
Die Jugendamtsmitarbeiterin kommt auf mich zu.
„Haben Sie gesehen, wie das Kind geschlagen wurde?“
Ich nicke.
„Würden Sie mir Ihren Namen und Ihre Telefonnummer geben und bezeugen, dass die Mutter den Jungen verprügelt hat? Die anderen Zeugen sind ja alle hinter ihr hergelaufen.“
Ich nicke, nenne ihr meine Daten und erzähle, was ich gesehen habe.
Eine halbe Stunde später im Zug. Mein Handy klingelt. Die Polizei, die nach meinen Beobachtungen fragt.
Die Bahn ist voll. Ich stehe im Gang, sehe während ich rede, dass mehrere Fahrgäste zuhören.
„Ich stehe in einer brechendvollen Bahn“, sage ich zu der Beamtin. Jetzt wissen hier alle Bescheid.“
Manche Fahrgäste grinsen. Die Beamtin bedankt sich und wünscht mit einen schönen Abend. Na ja.
„Bei Kontonummer und Geheimzahl, sollte man Schluss machen“, sagt ein Mann neben mir und lacht. Ich versuche mitzulachen, aber es gelingt mir nicht so richtig. Ich fühle mich hilflos. Wie die schlagende Frau? Wie der kleine Junge? Nein, ich bin nicht so ausgeliefert wie er. Jemand, der so klein und hilflos ist wie er, sollte nicht ausgeliefert sein. So viel Ohnmacht.
Verdammte Welt.

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