Luxusproblem

Die Farbe erinnert mich an dunkles Bienenwachs oder an Waldhonig, eher Ocker als Gelb. Der Duft ist eine Mischung aus Lorbeer und Oliven, auch eine Ahnung von Orient trifft Okzident, ein Hauch von Tausendundeiner Nacht und eine Prise Sommernachtstraum.
Ach, ich weiß es nicht genau. Ich weiß nur, ich liebe diesen Duft. Und ich liebe die Form, ein unregelmäßiger, stabiler Würfel.
Kostbar sieht das aus. Irgendwie auch rau. Minimalistisch.
Ist nicht gerade das Schlichte, das Ursprüngliche oft wertvoller, als es im ersten Moment aussieht? Diese Art von Wert, die sich auf den zweiten Blick offenbart. Aufrichtige Freundschaft. Echte Liebe. Die Schönheit eines frisch gewaschenen oder regennassen Gesichtes. Die ansteckende Fröhlichkeit eines Kinderlachens, ein unscheinbares Fädchen Safran, oder eben dieses unauffällige Stück Seife. Das Letzte seiner Art in meinem Haus.
Anfangs besaß ich fünf von ihnen, hergestellt nach einem 1200 Jahre alten Verfahren in der syrischen Metropole Aleppo, von Hand geschnitten, mit einem Prägestempel versehen, gestapelt und neun Monate bis zur endgültigen Reife getrocknet.
Neun Monate.
Das war damals.
Vor dem Krieg.
Je länger er andauerte, je brutaler er sich ausweitete, umso sparsamer ging ich mit der Seife um. Ich benutzte zwischendurch Olivenseife aus Italien oder Frankreich, cremige, duftende, glatte Stücke mit Lavendel und Zitrone. Doch keine von ihnen konnte mir Lorbeer und tausendundeine Nacht ersetzen.
Soll ich es benutzen, das letzte Stück?
Unschlüssig nehme ich es in die Hand, rieche daran. Werde ich je wieder eine dieser, handgeschöpften Kostbarkeiten in den Händen halten? Ich habe keine Ahnung, wenn ich danach fragen könnte. Hier sitze ich und beklage das Verschwinden einer Seife.
Ein verdammtes Luxusproblem?
Ja.
Aber auch der Untergang einer Welt.
Das Verschwinden einer Kultur.
Aleppo steht düster und zerstört.
Scheherezade hat keine Tränen mehr.
Aleppo schweigt.

haarige Momente

Also unter uns Frauen, oder eigentlich sogar auch unter uns Männern, Haare sind irgendwie eine sehr komplexe Angelegenheit. Also die in der Suppe auch, aber ich meine hier die Haare auf unseren Köpfen. In Romanen steht manchmal so schön: Die braunen Haare fielen ihr in weichen Wellen bis auf die Schultern.  (fragt mich bitte jetzt nicht, welche Romane ich lese.)
S
oweit so gut, aber glänzten sie auch, die braunen Wellen? Oder sind gar die Spitzen gespalten? Und das Braun? Echt, oder Polycolor? Gar nicht so einfach.
Also gut, meine sind frisch gewaschen. Vielleicht liegen sie gleich. Vielleicht auch nicht.
Ob sie glänzen, oder struppig sind, ich werde in jedem Fall lesen.
Heute abend in der Severinstorburg in Köln. Ich hab vor einiger Zeit in der Anthologie“Trümmerseele“ ein Gedicht veröffentlicht.  Der Erlös des Verkaufs  geht an ein Berliner Flüchtlings Hilfe Projekt.
Und ja, die Lesung kostet fünf Euro Eintritt, der kommt auch der Flüchtlingshilfe zugute.
Ausser mir werden noch fünfzehn andere von den hundert, im Buch veröffentlichten Autoren ihre Texte vortragen.
Also wer Zeit und Lust hat, um 18:00 Uhr in der Severinstorburg am Clodwigplatz in Köln
kann man mich hören und live erleben, ob die Haare liegen.
Wer nur das Buch erwerben will, findet es hier im Blog unter der Rubrik Veröffentlichungen.
Bis bald

 

 

Jakobs Christkind

Jakob kann nicht einschlafen.
Er denkt an morgen. Er verspürt so ein kribbeliges Freudegefühl.
Wie soll denn dabei das Einschlafen funktionieren?
Morgen ist Weihnachten. Da kommt das Christkind und bringt Geschenke für Jakob. Vielleicht einen großen Bagger, oder sogar das Feuerwehrauto, das er im Fernsehen gesehen hat. Richtig fahren konnte das. Der Junge im Fernsehen hat auf einen Knopf gedrückt und hui ist das Auto tatü tata losgebraust. So eines wünscht sich Jakob. Dann wird er ein richtiger, toller Feuerwehrmann sein. Jetzt, wo er daran denkt, kann er erst recht nicht mehr einschlafen.
Er öffnet die Augen.
Im Zimmer ist es nicht so dunkel wie sonst. Draußen schneit es. Dicke Flocken stupsen gegen die Fensterscheibe. Der Garten ist zugedeckt mit einer glitzernden, weißen Schneedecke. Es sieht aus, als flimmerten darauf winzige blaue, rote und gelbe Lichter. Jakob klettert aus seinem Hochbett und tapst zum Fenster. Das Schneegestöber wird immer dichter. Schön sieht das aus. Über der Terrassentür des Nachbarhauses hängt ein Stern, der abwechselnd rot, gelb und blau aufleuchtet.
Ob die tanzenden Lichter im Schnee von dem Stern kommen?

Jakob will es genau wissen. Er zieht seinen Schneeanzug an, schlüpft in die warmen Winterstiefel und wickelt sich seinen bunten Lieblingsschal um den Hals. Den hat die Oma für ihn gestrickt. Er ist weich wie das Fell von Titus, dem Kater. Am Haken hängt die rote Wollmütze. Jakob findet, dass sie sich kratzig anfühlt. Mama sagt, das wäre Quatsch. Mama muss die Mütze ja auch nicht aufsetzen.
„Jakob, setz deine Mütze auf“, sagt sie immer und dann streiten sie ein bisschen und am Ende gewinnt Mama. Aber sie schläft jetzt.
Jakob kann tun, was er will.
Er klatscht in die Hände. Lacht, die Augen leuchtend wie blaugrüne Glasmurmeln. Er öffnet die Tür, dreht sich noch einmal um, sieht die Mütze, die einsam am Haken baumelt, geht zurück, nimmt Mütze und Handschuhe, steckt sie in die Taschen seines Schneeanzugs. Vielleicht braucht man ja doch eine Mütze, wenn man nachts in den Garten geht und es so stark schneit.
Im Haus ist es sehr still. Nur das Ticken der  alten Standuhr im Wohnzimmer ist zu hören. Papa und Mama liegen schon lange im Bett.
Jakob ist ganz alleine wach.
Das ist noch nie passiert, aber heute ist eben ein besonderer Abend, der Abend, bevor das Christkind kommt. Da kann alles passieren. Vorsichtig tastet Jakob sich durch den dunklen Flur zur Gartentür. Beinahe wäre er über den Schirmständer gestolpert. Puh, das hätte einen Krach gegeben.
Die Tür zum Garten quietscht beim Öffnen. Es hört sich an wie Titus, als Mama ihm einmal auf den Schwanz getreten ist. Ob das Quietschen sie aufgeweckt hat?
Jakob bleibt stehen wie ein Denkmal.
Im Haus ist es immer noch still. Glück gehabt. Leise huscht er hinaus vor die Tür. Schneeflocken schweben ihm ins Gesicht. Er fängt ein paar von ihnen mit der Zunge auf. Sie werden zu kleinen Wassertropfen, die ganz anders schmecken als Regen oder Wasser aus dem Wasserhahn. Sie schmecken nach Winter, nach Sternenluft.
Jakob sieht die Lichter des bunten Weihnachtssterns auf der zugeschneiten Wiese tanzen. Der Schnee glitzert, eine große helle Fläche, die noch niemand betreten hat. Langsam macht Jakob den ersten Schritt ins Weiß und wieder einen und noch einen, eine lange Spur von Schritten bis zum Holunderbusch.
Was ist das?
Dort hinten, hinter dem Apfelbaum, nahe an der Hecke, da, wo das kleine Gartentor ist, da hat sich doch etwas bewegt.
Er macht noch zwei Schritte, versucht zu erkennen, was da ist. Jemand steht dort und sieht zu ihm herüber. Seine Augen gewöhnen sich allmählich an die Dunkelheit. Es sieht aus, als stünde ein Kind an der Hecke. Er schleicht ein Stückchen weiter, hält wieder an. Ja. Es ist ein Kind. Etwas kleiner als Jakob. Es steht ganz still. Er geht noch näher heran. Jetzt sehen sie sich an, Jakob und das andere Kind, ein Mädchen in einem hellen, dünnen Kleid.
„Ist dir nicht kalt“, fragt Jakob. „Du hast keine Jacke an.“
Das Mädchen sieht ihn an, ihre Augen dunkel wie die Augen von Jakobs Lieblingsteddy. Er geht noch ein Stückchen näher und streckt die Hand aus. Das Mädchen weicht einen Schritt zurück, starrt ihn weiter an.
„Hallo, ich bin Jakob“.
Sie klatscht in die Hände und sagt etwas in einer Sprache, die Jakob nicht versteht.
„Ich dachte, du bist das Christkind“, antwortet er. „Du hast so ein schönes Gesicht. Und deine Haare und deine Augen leuchten.“ Er lächelt, hält dem Mädchen weiter die Hand hin. Sie legt ihre Hand in seine. Ganz kalt fühlt sie sich an. Jakob zieht seine Handschuhe aus der Tasche. Den einen stülpt er ihr über die kalte Hand. Dann hält er ihr den anderen hin und macht Zeichen, dass sie ihn nehmen soll. Sie zögert kurz, nimmt den zweiten Handschuh und zieht ihn an.
„Shirin“, flüstert sie, „ich Shirin.“ Dabei tappt sie sich mit der Hand auf die Brust.
Jakob versteht.
„Jakob“, sagt er und zeigt mit dem Finger auf sich „ich bin Jakob“.
Das Mädchen lächelt.
Jakob merkt wie sein Mund mit lächelt. Shirin nimmt seine Hand und zieht ihn durch das kleine Gartentor. Dahinter liegt die große Wiese vom Turnverein. Das Mädchen zeigt auf die Turnhalle am anderen Ende.„Shirin da geht“ sagt sie.
„Du musst in die Turnhalle gehen?“
Sie nickt, sagt wieder einen langen Satz in der fremden Sprache. Dann lässt sie seine Hand los und geht weiter, auf die Turnhalle zu. Jakob sieht ihr einen Moment nach.
„Warte, ruft er dann und läuft hinter ihr her „Shirin, warte.“
Sie dreht sich um. Ihre Locken sehen ein bisschen nass aus, viele Schneeflocken haben sich darauf niedergelassen. Jakob nimmt seinen bunten Strickschal ab, wickelt ihn behutsam um Shirins Hals. Sie lacht. Da zieht er noch die rote Wollmütze aus der Tasche und setzt sie auf ihren Kopf.
„Das Christkind soll nicht frieren“ sagt er und umarmt Shirin. Es fühlt sich an, als könnte sie kaputtgehen, wenn man nicht aufpasst, leicht und dünn wie ein kleiner Vogel. Sie schlingt ihre Arme um Jakob und küsst ihn erst auf die eine, dann auf die andere Wange.
„Ma’ as Salama “, flüstert sie.
Dann läuft sie flink in Richtung Turnhalle. Jakob sieht so lange hinter ihr her, bis sie nicht mehr zu erkennen ist. Seine Augen brennen ein bisschen vom langen Hinsehen. Langsam dreht er sich um und geht zurück über die Wiese. Seine alten Fußspuren sind vom Schnee verwischt. In seiner Brust hat er ein flatteriges Gefühl, warm und schön.
„Das Christkind heißt Shirin“, flüstert er als er zurück ins Haus geht.

Foto/ ferdelans2008 on Pixabay

Strandgut

Ein kleiner Junge allein am Strand.
Er liegt auf dem Bauch, die Beine angezogen
wie Kleinkinder es oft tun, wenn sie schlafen.
Sein rotes T-Shirt ist ein bisschen hochgerutscht.
Es ist nass, genau wie seine feinen, dunklen Haare.
Genau wie seine blaue Hose und seine Schuhe.
Er scheint zu schlafen, aber er wird nicht erwachen.
Das Meer wiegte ihn in den Armen. Es trug ihn an den Strand.
Er saß in einem Boot mit seinen Eltern, seiner Schwester und Anderen.
Die Hoffnung auf ein neues Leben, ein Leben in Frieden, trieb sie aufs Meer .

Ein kleiner Junge allein am Strand.
Mutter und die Schwester hat das Meer genommen.
Sie sind allein, der kleine Junge und der Vater, der übrig blieb.
Der Eine wird nie mehr lernen, zu verstehen.  Der andere hat es verlernt.
Sie sind zwei von vielen. Kinder, Mütter und Väter, deren Gesichter und Namen verborgen sind
hinter Zahlen, hundert, tausend, zwanzigtausend, achthunderttausend,  Millionen.

Ein kleiner Junge allein am Strand.
Er heißt Ailan. Sein Bild geht um die Welt.
Es steht für die all die Gesichter und Namen hinter den Zahlen.
Sein Bild klagt an, die Politik der Zäune, der Mauern, der unmenschlichen Verträge und Quoten, den Geiz, die Gier und die stählernen Herzen.
Sein Bild demaskiert die scheinheiligen Phrasen und freundlichen Worte derer, die von Asylbetrug sprechen und werft sie raus meinen, oder lasst sie gar nicht erst herein.
Sein Bild brandmarkt die Stammtischparolen und die Brandsätze der ewig gestrigen, der Verlierer eines untergegangenen Reiches, das niemals hätte existieren dürfen.
Ailan wurde drei Jahre alt.
Ein kleiner Junge allein am Strand