Lass uns wirklich sein,
so
Herz bei Kopf eintauchen
in den zeitlosen Moment,
jeder auf seine Weise,
jeder sein eigenes im wir,
ohne Urteil wahrnehmend.
Im Gleichgewicht.
In der Wahrung
des Gegensatzes.
In vollkommener
Gleichwertigkeit,
so
lass uns wirklich sein.
lyrik
Nicht Cinderella
Die bin ich, die in rein gar nichts passt, war meiner Mutter allzu dünn, zu blass als Kind und später dann zu schwarz, zu bunt, zu sehr Zigeunerin.
Die Lehrer kamen leidlich mit mir klar, weil ich so wortreich reden konnte. Doch diese aufmüpfige Art, die störte ihr gepflegtes Bild.
Vater fand seine Tochter wohlgeraten, solang sie keine Widerworte gab. Nur meine Freunde passten nicht in sein Konzept. Von denen spürte mancher, dass auch ich nicht in seines passte. Zu wenig Weibchen. Zu sehr Blaustrumpf. Zu rot die Nägel und trotzdem nicht Femme Fatale.
Kann nicht gut singen, spiel kein Instrument, und hab ich Geld, geb ich es einfach aus so völlig ohne Sinn für hohe Kanten.
Es sind wohl mehr als tausend Schubladen, in die ich nicht hineingepasst und abertausend Worte, die mich mahnten und mich nie erreichten.
Oh ja, ich habe es versucht, hab mich gebogen, hab die Ferse abgehackt um in manch engen Schuh zu passen, den irgendein altkluger Prinz mir reichte.
Hat nie geklappt. Blut war im Schuh und ich mal wieder nicht die blonde Fee, das liebliche Dornröschen oder Aschenputtel.
Doch in mir klingt Musik, dass Herz und Seele tanzen, wann immer ich den Klängen lausche, und Liebe ohne Ziel und Limit füllt mich aus.
Gebt eure Schuhe und den klugen Rat ruhig denen, welche wohlgeraten und adrett euch eure Wünsche von den Lippen lesen.
Ich tanze weiter mit den Sternen, die über mir und in mir kreisen.
Ich bin die böse Schwester, bin die schwarze Fee.
Ich bin nicht nett.
Neujahr
Süße Melancholie des Neujahrstages.
Altes nicht ganz vergessen und gegangen.
Neues noch nicht wahr und offenbar.
Herz im Mittelpunkt der Möglichkeiten,
zwischen Tod, Geburt und Neubeginn.
Und dann der Regen in den kahlen Birken
und die dunklen Silhouetten von Krähen
am grauweißen Himmel und jedes Lächeln
ein Sonnenstrahl, Vorbote aufkeimender Wärme.
Fülle.
Trümmerseele
Ich möchte heute eine Lyrik-Anthologie vorstellen, zu der ich auch einen Text beigetragen habe. Der Erlös kommt der Flüchtlingshilfe Moabit zugute. Ich freue mich sehr, dass mein Text angenommen wurde und besonders freue ich mich, dass auch Konstantin Wecker einen Text beigesteuert hat.
Das lyrische Ich
Es tänzelt und biegt sich, lacht dir breit ins Gesicht, scheint nah, real und sehr greifbar. Willst du es fassen, entwindet es sich, verbirgt sich in fliehenden Versen, schleicht hinter Wänden aus prosaischer Lust, unsichtbar gegen den Rhythmus. Verknotet den Duktus, verspottet den Jambus und zeigt frech die Zunge dem Daktylus. Ach, selten bleibt es sich treu, es gleitet stets wandelbar von Hass zu Liebe durch gleich Gültigkeit, paraphrasiert und projiziert, haucht Gefühle wie Seifenblasen in den luftleeren Raum und verteilt Sonnen am Vollmondhimmel. Es leidet und liebt. Es seufzt und lacht. Bis du denkst es wäre du, und es macht sich davon wie ein Dieb in der Nacht als wär’s weder ich, noch wär es je du, als wäre es nie gewesen.
Die Andere
Die andere ist immer da, stets schöner, klüger, liebenswerter. Die, die meiner Mutter Freude macht, die meinen Mann beglückt. die niemals zweifelt, scheitert oder stürzt. Das Bild in mir, das mir den Blick verwehrt auf mich. Die dunkle Königin, wer hat sie auf den Thron gesetzt? Ich wollte sein wie sie, mein ganzes Leben schon und hasste sie, weil es mir nicht gelang. Der Schatten ist sie, der das Wesen hemmt. Millionen Mal hab ich gekämpft. Millionen Mal schloss ich die Tür und hör ihr Rufen noch und noch. Ich werde zu ihr gehen, sie umarmen, die Hand ihr reichen und den dunklen Spiegel schleifen.
Wenn der Geist der Weihnacht….
Bei Facebook tobt der Christmasstorm. Alle wünschen allen frohe Weihnachten und alles scheint so friedlich, hell und schön. Syrien ist weit, der Krieg ein kleiner Schatten nur im großen Licht. Wir feiern unsere eigene Kultur selten so einig wie zu Weihnachten. Und hinter all dem Glitter, dem Gesang über das Christuskind, den Bildern von Engeln, Ochs und Eselein, schwingt eine Ahnung, dass es mehr zu feiern gibt als ein Kind in einer Krippe, mehr als Süßer die Glocken nie klingen und mehr als Stille Nacht, heilige Nacht. Und immer schon sucht Mensch nach Worten für dieses Wunder, für die eine große Liebe, die leuchtende, erfüllende, für die es keine großen Worte gibt, nur eine tiefe Stille zwischen allen Zeilen. Liebe Licht und Wahrheit, ein gleichschenkeliges Dreieck, die Sterne stumme Zeugen. Schweigend staune ich und ahne, dass hinter den Kulissen die Dunkelheit sich vorbereitet auf ihren nächsten Auftritt und erst verschwinden wird, wenn der Geist der Weihnacht immer ist.
Kulissen
Die Bühne ist bereitet, ein ganzes Leben schon. Aus den Kulissen klingt der Chor der Nornen und tausendfach durchbohren Blicke mir die Haut. Ich trage keinen Blickschutzfaktor, nur mein Herz. Und Liebe.
Das Lied der Nornen hat die Düsternis verloren und auch das Augenpaar der ersten Stunde, es macht mir keine Angst mehr. Ich muss nicht mehr agieren, steh einfach still erwartungslos, öffne die Arme weit und auch der Tod ist nur ein neues Bühnenbild.
Fast ein schönster Tag
Die ganze Fülle, vom Sternenhimmel bis zum Sonnenaufgang, und dazwischen dieser Typ mit der Gitarre und seinen Beatles Songs. Alle reden wie ein großer verquerer Gesang. Wir lachen durcheinander mit Augen und Händen und wir kickern rundherum und singen laut while my guitar gently weeps, bestellen noch ein Bier und mittendrin ein federleichtes Schweigen, einfach so, und bald ist Weihnachten.
Zeichen aus dem Heimatbunker
Begegnungen wie frisch gefallener Schnee. Der Raum zwischen uns, eine unberührte Fläche. Behutsam setzen wir unsere Spuren ins Weiß. Manchmal mit einer ungestümen Bewegung, immer wieder scheu zurückweichend und leise die harte Spur verwischend. So entstehen Zeichen und Muster. Sie glitzern im Licht. Wir erfreuen uns an ihnen. Unter dem Schnee, die Erde bereitet sich vor auf Frühlingsblühen.
