Nur ein Moment

Sie reden.
Über das und dies.
Er erzählt von Wünschen, Plänen.
Sie breitet Träume vor ihm aus.
Auch die kleinen Ärgernisse ihrer Tage.
Daneben legt sie ihre Ängste.
Er spricht vom Scheitern.
Sie gesteht, nichts, was sie tut,
wird je ausreichen .
Nichts gut genug sein.
Er lächelt, zwinkert ihr zu,
antwortet mit einem lässigen Spruch.
Sie lachen.
Sehen sich an.
Seine Augen Blaugrau
mit gelben Sprenkeln.
Sie schaut auf ihre Hände.
Das Lachen verweht.
Er senkt den Blick.
Eine Strähne seiner Haare
weht ihm ins Gesicht.
Er pustet sie zur Seite.
Sie beobachtet es,
fühlt sich dünnhäutig.
Einfach so.
Er sieht aus dem Fenster.
Rund und rot ist der Mond.
Rot wie ihre Haare.
Ihr Blick folgt dem seinen.
Sie sehen beide
auf diesen leuchtenden Mond.
Ihre Hände nah beieinander,
berühren sich nicht.
Er spürt, er wird sie nie besser kennen,
ihr nie näher sein, als genau jetzt.
Nur ein Moment.
Wahrheit klingt im Schweigen.

(c) Gabriele Auth

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Foto Pixabay

Sacre du printemps 2

Vögel jubeln wie verrückt
Sonne erleuchtet triebhaftes Grün
Am Himmel ein Flugzeug
zieht …. keine Ahnung wohin.
Kopf in den Wolken
Füße im Gras
Dazwischen ein Dehnen
Ein inneres Summen
Fließen und Sehnen
Zuhause im Sein
Wohliges Frühlingsglück.

© Gabriele Auth

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Foto Pixabay

Masken, oder was passiert, wenn eine Autorin mit einem Songwriter chattet

Meide die fröhlichen Masken
sie schmeicheln dir trügerisch
sie leben von deiner Beachtung
doch geht es nicht um dich

Du für dich, bleibe dir
in deinem Leben treu
du für dich, entdecke dich
immer wieder neu

Sie stehen im Schein der Anderen
drum wollen sie dein Licht
du endest, wenn sie bleiben
es endet ohne dich

Du für dich, halte dich
an deinem Leben fest
du mit dir steh zu dir
pfeif‘ auf diesen Rest.

© Gabriele Auth/Frank Chatoupis

 

art-2174145_1280 (1)Foto by Gellinger on Pixabay

Von Dingen

Ich hab keine Lust von
Dingen zu erzählen,
bei denen mir
die Tränen kämen.

Von dem Mann,
der um sich beisst
aus Einsamkeit,
seine Frau anbrüllt
wenn er betrunken ist
und hinterher

tut es ihm leid.

Ihr habt keine Lust,
davon zu hören,
von diesen Dingen,
die euch verstören.

Von der Frau, die
Flaschen sammelt,
in Containern wühlt,
weil die Rente nie reicht.
Der Mann ist tot
Die Kinder haben

meist keine Zeit.

Ich hab keine Lust von
Dingen zu erzählen,
bei denen mir
die Tränen kämen.

© gabriele auth

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Foto Pixabay

Juli – Schnipsel aus dem zweiten Teil

Es war früher Morgen. Wolken zogen über den grauen Himmel. Schnell trieb der Wind sie vor sich her. An einer Stelle brach die Sonne durch das Grau. Wie in einer Laterna Magica sah das aus. Der Deutsche Wetterdienst hatte Orkanböen vorhergesagt.
Schön.
Das passte perfekt zu meiner Stimmung. Die zaghafte, noch schüchterne Ruhe des „Alles ist gut“ die immer wieder aufgewirbelt wurde vom Wind des Zweifels. Durchzogen von Wolken der Traurigkeit.
Von Regenschauern aufgepeitscht bis sie am Boden lag in einer schlammigen Verzweiflungspfütze.
Wie kann es, so wie es ist, denn gut sein?
Wie kann das Traurige gut sein, wenn ich es nicht ändern kann?
Die Spannung zwischen ändern wollen und annehmen müssen, zwischen Handeln und Nichthandeln.
Gedanken rasten wie Wolken, flogen durch Gehirnwindungen, prallten aufeinander, verkeilten sich zu Fragen ohne Antworten, wollten nach Außen drängen.
Wohin?
In Worte?
Der Orkan schwoll an. Gedanken fegten in Fetzen über den inneren Himmel, verknoteten sich mit Gefühlen, trieben wieder auseinander, verändert und doch gleich geblieben in ihrer Dunkelheit.
Annehmen streckte seine Fühler aus, Sonnenstrahlen, die durch die Wolkendecke leuchteten.
Unerbittlich zart raunte es:
Nimm es wie es ist, du kannst es nicht ändern.
Aber ich will.
Du kannst nicht.
Warum?
Keine Antwort.
WA RUM?
Weil es so ist.
ABER ICH WILL ES ÄNDERN!
Du kannst nicht.
Aber es tut weh.
Weil du dich wehrst.
Aber das muss ich doch. Ich kann doch nicht…
Du musst
NEIN
Nimm es an.
Vielleicht versuche ich es.
Du musst.
Aber…
Jeder muss sein Leben selber leben. Auch die, die dir lieb sind.
Aber…
Besonders die, die dir lieb sind.

Kein Aber?
Okay, Ich versuch’s

-Stille-

Die Sonne gewinnt immer, weil das Licht schneller ist als der Wind.

© gabriele auth

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Foto/Pixabay

Abgesang auf Weihnachten

Überall Weihnachtslichter.
Rundherum „Oh Tannenbaum“.
Engel mit leuchtenden Gesichtern.
Komm, lass uns hier abhauen.
Lass uns in die Tiefe tauchen,
zwischen Lichterketten
Glühwein und Lamettaglanz
die Wahrheit finden, das,
wonach sich alle sehnen,
das ungehörte Echo eines
fast vergessenen Gesangs.
Nicht die goldene Uhr,
das I-Phone, die Playstation,
oder ein kostbares Parfum,
nicht große Worte von
Frieden, Freiheit, Einigkeit,
stillen den Hunger,
der auch nach dem Fest noch
unvermindert drängt,
die Sehnsucht nach
den kleinen Dingen, nach
Berührung unserer Hände,
Blicken, die sich finden.
Gesichter aufmerksam
einander zugewandt.
Geteiltes Lachen, Achtung
vor dem Anderen, der fremd
und  unbegreiflich scheint.
Komm, lass uns hier abhauen
und Tiefseetaucher werden
in unser Wesen weit hinein,
wo wir den Ursprung finden,
das Nichts, wo alles still,
neu, unversehrt und
Liebe wieder möglich ist.
© gabriele auth

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Foto: Pixabay

 

Weihnachten

Am Fenster sitzen und den Schneeflocken zuschauen, wie sie in einem wirbelnden Tanz zur Erde schweben.
Lautlos stupsen sie an die Fensterscheibe, rutschen langsam herunter. Draußen ist alles ist mit einer puderigen Schneedecke überzogen, die Bäume, die Wiesen und das Dach des Gartenhäuschens.

Schnee ist so irdisch wie jede andere Naturerscheinung. Und doch hat er etwas Unirdisches, Magisches in seiner Lautlosigkeit. Er verwischt Wege und Straßen, dämpft alle Klänge, lässt die vertraute Welt neu und unberührt aussehen.
Wenn man Schnee unter einem Mikroskop betrachtet, zeigt jede einzelne Schneeflocke die Form eines feinen Kristalls.

Keine ist wie die andere. Sie sind wie winzige, gefrorene Sterne.

Es ist Dezember. Menschen sehnen sich nach Licht in dieser dunkelsten Zeit des Jahres, in der in manchen Teilen der Welt die Sonne selten am Himmel zu sehen ist. Das Erdreich scheint zu schlafen und zu träumen. Es wirkt beinahe, als würde es den Atem anhalten. Vor einigen Tagen war Wintersonnenwende. Der kürzeste Tag und die längste Nacht des Jahres. Von da an wurde es jeden Tag unmerklich etwas früher hell und ein bisschen später dunkel. Das Weihnachtsfest rückte mit jeder Morgendämmerung näher.

Weihnachten ist immer.

Was für ein seltsamer Gedanke so mitten in der Nacht.
Wie kann denn Weihnachten immer sein?

Die schneebedeckten Bäume und Sträucher wirken in ihrem Schweigen, als würden sie warten, als würde die ganze Erde auf etwas warten.
Aber worauf?
In vielen Kulturen wurde die Geburt des Lichtes lange vor dem Christentum schon gefeiert.
Was also ist vor zweitausend Jahren anders gewesen?

Durch das Fenster kommt ein feiner, weicher Schimmer in den Raum.
Langsam zur Haustür tasten, hinaus in den Vorgarten.
Vom Himmel rieseln  Millionen Schneeflocken zu Boden. Wenn man den Mund öffnet, schweben die zarten Flocken auf die Zunge. Weich und kühl landen sie und verwandeln sich in kleine, kalte Wassertropfen. Sie schmecken anders, als Wasser normalerweise schmeckt. Schnee hat einen eigenen Geschmack, fast nach nichts, und doch nach etwas, das es sonst nicht gibt, fein und ungewöhnlich.

Häuser und Straßen liegen im Dunkeln. Man erkennt nur die weißen Hauben der Dächer. Den Rest verschluckt die Nacht.
Der Schnee, der über allem liegt, glitzert, als hätte er das Sternenlicht eingefangen, als ob jede Flocke ein winzig kleines Licht enthielte.

Stille.

In der Lautlosigkeit  wächst ein eigenartiges Gefühl, eine Art Ziehen, so, als wollte das Herz fort mit dem ganzen Menschen, als hätte es Heimweh nach etwas Unbekanntem, nach etwas, was fehlt.

Das Gefühl wird stärker, schwillt an, bis es überall im Körper zu spüren ist.

Es will im Inneren singen. Weinen. Lachen. Alles auf einmal.

Es will heraus strömen und sich überall verteilen, bis hinauf zu den Sternen.

Es macht klein und gleichzeitig groß, traurig und gleichzeitig glücklich.

So kann man eine ganze Weile vor der Tür stehen, in den Schneeflockenwirbel sehen und schließlich schneebedeckt, mit kalten Wangen zurück ins Haus gehen.
Da sind noch keine Worte, für dieses eigenartige Gefühl dort draußen.

Was war es, das fehlte, in diesem Moment vor der Tür?
Welche Sehnsucht?

Leise schleicht sich die Erinnerung an die längste und dunkelste Nacht des Jahres in die Gedanken, an die Wintersonnenwende und daran, dass Menschen sich so sehr nach einem Licht sehnen, das sie in der Tiefe des Herzens berühren kann.

Damals, vor zweitausend Jahren, muss so ein Licht im Wesen der Dinge sichtbar oder erlebbar geworden sein. Besonders im Inneren der Menschen.
Eine Art Urknall.

Gedanken wirbeln jetzt durcheinander wie Schneeflocken.
So, wie die Natur auf das Licht wartet, so warten die Menschen auf die Geburt des Lichtes in sich selber, und so, wie es in der Natur wiedergeboren wird, kann es auch in ihnen geboren werden, ein leuchtender Stern.

Wieso wiedergeboren?

Wenn es wiedergeboren werden kann, dann muss es ja vorher schon einmal da gewesen sein. Es geht vielleicht nicht nur um dieses eine Mal vor zweitausend Jahren. Aber mit diesem einen Mal hat etwas angefangen, etwas, das vielleicht nicht aufhören wird, ob man es feiert oder nicht.

Ein kleiner Same aus Licht, der in der Winternacht des Herzens Kraft sammelt und wächst.

Könnte dies das Geheimnis von Weihnachten sein?
Jenseits aller religiösen Lehren, Regeln und Dogmen. In Freiheit. Unberührt von menschlicher Kontrolle?
Dass es immer wieder geschehen kann, in jeder Minute?
Immer wieder jetzt?
Könnte Weihnachten immer sein?

© gabriele auth

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Foto: cocoparisienne at Pixabay

Obst geht immer

 

Das kleine Einkaufszentrum liegt in einem wenig beachteten Stadtteil im Norden meiner Heimatstadt. Dort, wo sich alte Zechensiedlungen neben Fünfziger-Jahre-Betonkästen ducken und einzelne Straßenzüge mit ihren pastellfarbigen Altbauten an die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg erinnern.
Neben Dönerbuden und Sonnenstudios wird der graue Ruhrpottcharme seit einigen Jahren bereichert durch orientalische Lebensmittelläden. Stets umweht von einem Duft nach Oliven, Minze und etwas, was ich nicht einordnen kann. Fremd, doch vertraut zugleich.
An einigen Ecken behaupten sich zwischen den Miethäusern noch immer die typischen Trinkhallen, die Buden, vor denen knorrige alte Männer die Zeit tot schlagen. Ehemalige Kumpel und Stahlarbeiter. Rauchend. Bier trinkend. Gespräche drehen sich im Kreis um Fußball und das Leben nach dem Arbeitsleben. Der Satz Ich geh ma eben anne Bude kann jeden Zeitraum von zehn  Minuten bis fünf Stunden umfassen.
Mittendrin, am Marktplatz, das Einkaufszentrum. Ein altmodisch solider Gebäudekomplex aus den frühen sechziger Jahren. Sein spröder Sex-Appeal hat nichts gemeinsam mit dem Hochglanz-Shopping-Palast, der in der Innenstadt am Ende der Fußgängerzone lauert und, einem gigantischen Ufo nicht unähnlich, eine unüberschaubare Warenfülle und angesagte Labels präsentiert.
Obwohl es nichts derartig Großartiges darstellt, ist das kleine Einkaufszentrum Anziehungs- und -Treffpunkt für die Bewohner des Stadtteils. Sie kommen, um gesehen zu werden, den neusten Tratsch auszutauschen, zum Kaffeetrinken, Stöbern und natürlich zum Einkaufen. Teenies mit Smartphones, oder den Kopfhörern ihrer MP3-Player im Ohr, treffen sich hier. Stehen meist zu laut lachend bei Mac Donalds, wirken ein bisschen gegen den Strich gebürstet.
Rentner aus dem nahegelegenen Seniorenzentrum sitzen zu zweit oder zu dritt auf den Bänken, beobachten Alle und Alles.
Das „Center Management“ denkt sich regelmäßig Attraktionen aus, denen meist ein altertümlich schlichter Charme anhaftet.
Da laden kantige Oldtimer aus den Siebzigern zum Probesitzen ein. Ein anderes Mal dürfen die Besucher sich an den Scheiben großer Terrarien die Nase platt drücken, wo Reptilien sich zwischen üppig wuchernden Pflanzen verkriechen.
Die meisten Leute versammeln sich bei Mac Donalds und in der modernen Center-Apotheke. Big Mac oder Aspirin braucht immer irgendwer.

Ich komme gerne hierher, lasse mich durch die Ladenstraße treiben, stöbere in Geschäften, deren Sortiment mir fast genauso vertraut ist wie mein Wohnzimmer, weil es sich im Laufe einer Saison nur unwesentlich ändert. Ab und zu sitze ich in dem italienischen Eiscafé und bestelle Cappuccino.
„Mit aufgeschäumter Milch oder mit Sahne“, fragt die Bedienung immer.
„Ein Cappuccino mit Sahne ist strenggenommen kein Cappuccino mehr, es ist einfach ein Kaffee mit Sahne“, erklärte ich ihr damals bei meinem ersten Besuch. Sie lachte.
„Dann können wir den Laden dicht machen“, antwortete sie. „Hier wollen die Leute Sahne und sie schimpfen, wenn sie nur Milchschaum auf ihrem Kaffe finden.
Da lachte ich auch.
Italien ist weit. Zu weit vielleicht.

Vor dem Springbrunnen im Erdgeschoss stehen Kinder wie verzaubert. Offene Münder, leuchtende Augen, erinnern mich daran, dass es eine Zeit im Leben gibt, in der alles ein Wunder sein kann.
Wann genau verlernt man das Staunen, wann nimmt man die Magie im Leben nicht mehr wahr, denke ich, stelle mich zu den Kindern, beobachte das Spiel der farbig angeleuchteten Wasserstrahlen. Die Kleinen hüpfen, lachen, johlen.
„Fall mir da bloß nicht rein!“, rufen die Mütter.
„Nicht auffem Beckenrand laufen.“
„Komm jetzt, die Mama will weiter, du kriegst auch ein Eis“.

Der Springbrunnen hat eine Intervallschaltung. Nachdem abwechselnd mal von links, mal von rechts einige sprudelnde Bögen das blau geflieste Becken überfliegen, entsteht eine abrupte Pause, in der das Wasser unbewegt glitzert.
– Stille –
Die Kinder halten die Luft an. Bis der erste Wasserstrahl mit einem lauten Zischen wieder einsetzt, seinen leuchtenden Bogen über das Becken schlägt. Sofort schwappt eine meterhohe Welle aus Kreischen und Gelächter bis fast hinauf zum Parkdeck.
Ich lächle, kehre dem wässrigen Schauspiel den Rücken, schlendere weiter.
Vor der Parfümerie steht eine beinahe perfide geschminkte Verkäuferin. Sie drückt mir eine Feder in die Hand. Ich schnuppere daran. Der Duft tackert sich mit Wucht auf meine Nasenschleimhaut. Karamellklebrig. Neongrell. Ich lasse die Feder in der Tasche meines Parkas verschwinden, wo sie weiter voll pinker Leidenschaft ihre Duftwolke verströmt.
Ein paar Schritte weiter, im Eingangsbereich der Buchhandlung, stehen die üblichen Tische mit preisreduzierten Mängelexemplaren. Da liegen sie zu Stapeln aufgetürmt. Ich suche jedes Mal die Mängel der einzelnen Bücher, nehme sie in die Hand, blättere, wende, lese. Die Einbände glänzen neu und unversehrt, weder Kratzer, noch Transportspuren stören die Makellosigkeit. Der einzige sichtbare Makel, der jedem Exemplar anhaftet, ist der Stempel auf dem Schnitt, der es unwiderruflich als Mängelexemplar ächtet.
Na ja, Ladenhüter klingt auch nicht netter, denke ich und kaufe einen Krimi. Beim Weitergehen fällt mir ein, dass ich Briefmarken brauche.

Mein Weg führt vorbei an der ehemaligen Hertie-Filiale. Der dreistöckige Gebäudetrakt steht schon ewig leer. Auf den großen Schaufenstern kleben riesige Fotos von lächelnden Frauen, die dynamisch und schick ihre Einkaufstüten schwenken.
Wir bauen für Sie um – Bald noch schöner, noch attraktiver! steht auf den Plakaten. Darunter ein kleiner, unspektakulärer Aushang mit der nüchternen Information
provisionsfrei zu vermieten.
An Hertie erinnert nur der große, geschwungene Schriftzug, der sich wie um Fassung ringend, trotzig rot an die Wand über den Eingangstüren klammert.
Ich staune immer noch, dass so viele deutsche Traditionsfirmen pleite sind. Einst waren sie starke Säulen des Handels, untrennbar mit einem überschäumenden Wirtschaftswunder verknüpft.
Das Wirtschaftswunder hat sich wohl erledigt.
Wie zur Bekräftigung scheint  dieser leer stehende Kasten mir höhnisch ins Gesicht zu lachen. Unmittelbar schleichen sich Bilder des Malers Otto Dix auf meine innere Leinwand.
Lästiges Kopfkino.
Was wohl aus den Mitarbeitern von Hertie geworden ist? Zum Schluss hatten sie selten gelächelt, manchmal mit den Kunden über die drohende Schließung gesprochen. Gekränkt. Noch nicht bereit, zu begreifen, dass man sie an die Wand gefahren hatte. Immer wieder mal schimmerte durch die Bitterkeit die Hoffnung auf ein Wunder. Untermalt von dem fröhlichen Slogan der aus den Lautsprechern dudelte
ZUM GLÜCK GIBT’S HERTIE“.
Ich lasse das entseelte Warenhaus links liegen. Fahre die Rolltreppe hinauf zur Lottoannahmestelle, wo man Briefmarken kaufen kann. Schließe mich der langen Reihe hoffnungsvoller Lottospieler an. Es ist Freitag. Fast alle halten ihren Tippschein in der Hand. Mit beinahe heiligem Ernst. Das potentielle Ticket in ein sorgloses Leben. Über den Köpfen, zum Greifen nah, wabert der Hunger nach Wohlstand. Nach Erlösung aus dem „Zum-Leben-zu-wenig-zum-Sterben-zu-viel-Gefühl“.  Vier Millionen im Jackpot.
Wenn das keine Chance ist …
Vom Backshop gegenüber zieht der Duft von Pflaumenkuchen in meine Nase. Begierig sauge ich ihn ein, bezahle die Briefmarken, schlendere meiner Kuchenlust nach.
Neben dem Bäcker, im Eingangsbereich des Supermarktes, lenke ich  meine Schritte um. Eine Verkaufspyramide aus Obstkisten zieht mich an.
Glänzende Mandarinen. Verheißungsvoll liegen sie vor mir. Noch verlockender, als der  Kuchen, Stück für Stück eingebettet in helle Holzkisten. Duftende Früchte, deren knotige Oberfläche zum Anfassen, zum Auswählen einlädt, einige von ihnen eingehüllt in feines Seidenpapier. In einer Pappkiste daneben liegen Netze mit Clementinen, deutlich preiswerter, aber ich weiß aus Erfahrung, dass das Rot der Netze die Früchte leuchtender erscheinen lässt, als sie sind. Entschlossen wende ich mich den anderen, den netzfreien Kleinoden spanischer Mandarinenplantagen zu.
Aus dem Laden kriechen mir Instrumentalversionen alter Beatles Hits ins Ohr.
Yesterday, all my trouble seemed so far away, singe ich in Gedanken mit.
Neben mir steht eine Frau, klein, ein wenig gebeugt. Kurze graue Haare. Graue Jacke. Ein irgendwie graues Gesicht. Hinter ihr parkt eine dieser Einkaufstaschen auf Rädern. Hackenporsche sagt man hier. Die kleine, graue Frau betrachtet die Preisschilder, greift nach einem Clementinennetz, zieht die Hand wieder zurück, sieht mich nachdenklich an. Sie beobachtet wie ich einzelne Mandarinen aus einer Kiste auswähle und in die Tüte lege.
„Die sind teurer“, sagt sie und seufzt.
Ihre Stimme klingt matt mit einem geduckt anmutenden Unterton. Das Lächeln um ihren Mund ist kaum wahrnehmbar.
„Ja, die sind teurer“, antworte ich, „aber sie sind saftiger und leckerer“.
Die Frau nimmt eine der duftenden Früchte in die Hand, betrachtet sie mit zweifelndem Blick.
„Hinterher ärgert man sich“, sagt sie leise, „wenn man die billigen im Netz genommen hat, und dann schmecken die gar nicht“.
„Ja“, stimme ich zu.
Ein unübersehbar breites Lächeln gibt ihrem Gesicht einen rosigen Schimmer, als sie jetzt Mandarinen in eine Tüte legt.
„Ich nehm dann auch mal die teuren.“
Sie knotet den Plastikbeutel zu. Aus ihrer Stimme verflüchtigt sich das Grau. Sie klingt erleichtert, fast freudig.
„Darauf hab ich jetzt richtig Appetit gekriegt“, sagt sie in mein lächelndes Gesicht.
„Wissen Sie, wegen der Chemotherapie und dem Krebs vertrag‘ ich sowieso fast nichts mehr. Aber Obst geht noch. Obst geht immer.
Da kann ich mir ruhig mal was leisten“.

© gabriele auth

(überarbeiteter Text aus meinem leider nicht mehr lieferbaren Buch  „Mensch lernt von Mensch“)

 

 

Status Quo

Goldener Oktober verglüht
unentschlossen am Horizont.
Nebelverhangen streunt
November über Dächer,
nimmt dem Tag die Farben.
Nur zwischen Wolkenfetzen
blitzt noch kühnes Himmelblau.
Das Echo eines Jugendlachens
schwebt trotzig um die Köpfe,
ehe Winterluft  spröde
über das Leben streicht.

© gabriele auth

Möglichkeiten

Über den Klimawandel wollte ich schreiben, vom Anblick verdorrender Bäume, brennender Wälder und braungelber Wiesen. Von der weiß glühenden Nachmittagssonne, die Träume von Regen weckt und Sehnsucht nach kühlen Wassertropfen auf heißem Asphalt.

Von Baumhäusern und vom Sterben im umkämpften Forst.
Oder von Düsterland, von der Grimasse des Faschismus, von dem verbotenen Gruß und dem Geruch nach viel zu vielen Toden.

Von Menschen, die sich unsichtbar fühlen, ungesehen, die, verstört vom Wandel ihres Lebensraumes, dem Zischeln brauner Schlangen lauschen und den alten Parolen glauben. Jene, die Schuld beim Fremden suchen, der nicht in ihrer Mitte wurzelt.

Blut und Boden
Blut und
Blut

Schreiben über die Anderen.
Die, die ihre Heimat verlassen, mit einem Rucksack und einem Smartphone voller Fotos von vertrauten Räumen und Gesichtern.
Eine zerbrechliche Schnur zwischen Herz und Heimat.
Bewahrer der Vergangenheit und Navigator in die Zukunft.

So groß die Verlorenheit, wenn die Schnur zerreißt.
Heimat.
Nicht nur Ort,
auch Erinnerung an gelebtes Leben,
auch Glaube an eine bessere Gegenwart.

Marode Boote. Der Todesbiss des Meeres.
Das Salz der Tränen, das sich mit dem Salz des Ozeans vereint.
Träume vom Ankommen.
Vom Erreichen des sicheren Ufers.
Sicher?

Wollte erzählen von den Bildern.
Immer wieder Bilder.
Eine Bilderflut, die den Atem raubt.
Zeitung. TV. Internet.
Bilder
Bilder
Bilder
Menschengesichter. Verzweiflung. Sorge. Angst.

Sekundenlang flackert Hoffnung im Klang eines Kinderlachens über schlammigem Grund.

Ach, warum nicht erzählen von einem Mann, der am Fenster steht?
Im Haus gegenüber auf dem Balkon sitzt eine Frau, ein Buch in der Hand, liest und lächelt dabei.
Ihr rotes Kleid leuchtet im Licht.
Ihre Haut ist dunkel, die Augen schokoladenbraun.
Vielleicht schaut sie auf,
Vielleicht sieht sie den Mann.
Vielleicht sehen sie sich an.

Eine Brücke aus Blicken.
Behutsam.
Eine Welt im Entstehen.
Die Möglichkeit von Liebe.

© gabriele auth