Nur ein Märchen

Königin im dunklen Schloss
spricht mit tausend Katzen
weiß nicht mehr, wer sie ist.

Hüterin der Schlüssel dreht
das Glücksrad jeden Tag
fragt niemals nach dem Sinn.

Wer sieht, was er nicht
sehen darf, den holt
der Reißwolf bei Nacht,
heult ein Blutlied aus Stahl.

Kleines Mädchen Namenlos
trägt den Schlüssel aus Glas
verborgen im hellen Kleid.

Vasallen erstarrt beim Tanz
im Thronsaal ohne Licht
kichern tonlos und dumm.

Tag des Erinnerns
der Spuk vorbei
sie öffnen die Augen
sind endlich frei.

Katzenkind im Silberturm
kennt das geheime Wort
schweigt hundert Jahre lang.

Fahrstuhlführer ohne Ziel sucht
auf und ab den siebten Stock
im Dornbusch rostet sein Schwert.

Tag des Erinnerns
Licht flutet den Raum
Herzen erblühen
vergessen den Traum.

(c) Gabriele Auth

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Foto/ Comfreak on Pixabay

Auf der Höhe

Kleiner Teich im Grün
Eisvogelflug und
Lachen im Regen
Hand in Hand
Glück hat viele Farben

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Kinder
spielen Slenderman
Väter
ertrunken im Wodkaglas
Mütter
kleben am Flachbildschirm
Hirne geknebelt

Seelen
im Pixelbrei
Freundschaft
verendet im Social Media
Realität verschwimmt
Wahrheit wird Lüge bei
Talk-Shows und Reality-TV

U-Bahn-Tunnel
Menschenklone
kaltes Licht
Gesichter hinter
Smartphonemauern
rote Ampeln
Stop and go

Neonleuchten
im Großraumbüro
weißes Rauschen
im Gehirn
Funktionieren
im Kreis im Kreis
IM KREIS …

Draußen
fliegen Vögel,
ist der Himmel weit
Sonne durch Wolken
das Licht
du kannst es fühlen,
öffne .

(c) Gabriele Auth

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Foto/G.Auth

Mut

lass uns zusammen
traurig sein
Melancholie durch
unsere Adern ziehen
und Wahrheit

lass das Lachen
uns verbannen
das brüllt wir
wären stark und
unbeschwert

stark ist der Mut
zur Traurigkeit
in einer Welt
voll Pixelglanz
und Einhornstaub

lass uns zusammen
traurig sein
Wahrhaftigkeit aus
unseren Körpern
leuchten

(c) Gabriele Auth
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Foto/Pixabay

Mein Kater und ich

Manchmal wünschte ich, ich wär mein Kater. Der denkt nicht nach, er lebt und liebt, wie es sich grad ergibt; ganz ohne Stress und Menschentheater. Er hadert nicht mit sich und  zweifelt nie, soll er die Maus nun fangen oder lieber nicht. Wird er gekrault, dann schnurrt er laut und faucht dir böse ins Gesicht, wenn Streicheln grad nicht seiner Vorstellung von schön entspricht. Faucht und rollt sich dann zusammen, ohne  zu fragen, ob er dich erschreckt hat, ob du ihn nun verachtest, vielleicht sogar verstößt. Schmiegt sich zufrieden auf das Sofa, die Pfoten hoch, den weichen Bauch entblößt. Er seufzt im Schlaf. Ich seh‘ ihm zu und frag mich ob er träumt. Leg‘ mich zu ihm, schließe die Augen, lausch‘ dem Schnurrgebrummse, träume mit.

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Schöpfung

Einer gibt mehr
als ein Scherflein
Einer wirft immer
den ersten Stein
Einer gibt den
Verräterkuss
Und
Einer hält nie durch
bis zum Schluss.

Der Mörder ist manchmal
dem Himmel  nah
Der Gerechte gefangen
in Selbstgerechtigkeit
Mensch dem Menschen
ein Unmensch oft
Doch
erschaffen für Liebe,
Freundschaft, Wahrhaftigkeit.

(c) Gabriele Auth

 

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Foto/Pixabay

Damals

Ob es damals Liebe war?
Eine Antwort gab es nie.
Schweigen füllt die Jahre.

 
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Foto/Pixabay

Till Brönner – Melting Pott

Eindrücke einer Ausstellung

Der Musiker und Fotograf Till Brönner ist keiner aus dem Pott. Seine Kindheit verbrachte er in Viersen, Rom und Bonn Bad Godesberg, wurde zu einem der berühmtesten deutschen Jazz Musiker und lebt inzwischen in Berlin und Los Angeles. Die Anfrage der Brost Stiftung, ob er sich vorstellen könne, den Ruhrpott ein Jahr lang fotografisch zu erkunden, erreichte ihn in Kalifornien.
Ruhrpott und Kalifornien, ein Gegensatz, wie man ihn sich größer kaum vorstellen kann. Brönner ließ sich zum Glück darauf ein.
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Da kommt also einer mitten im Winter aus der kalifornischen Sonne und nähert sich dem zerfurchten Gesicht des Ruhrgebiets, um es mit der Kamera zu ergründen. Einer, der nicht von hier, nicht von Innen kommt. Ich war gespannt, ob das funktioniert.

Es gibt zahllose Fotos aus dem Ruhrgebiet. Innenansichten von Fotografen, die hier aufgewachsen sind, Bilder von verrußten Hausfassaden, in denen blankgeputzte Fenster mit weißen Gardinen leuchten wie die Augen in den kohlenstaubgeschwärzten Gesichtern der Kumpels, die dort wohnen. Stoische Gesichter, die selten oder nie zu lachen scheinen. Fördertürme, dunkler Rauch über Kokereien, triste Straßen, Männer, die mit Bierflaschen in der Hand am Kiosk an der Ecke stehen, eine Sicht auf den Ruhrpott wie man sie kennt. Der aktuelle Blick von Außen, den Till Brönner hinzufügt, umfasst auch solche Szenen, doch er bleibt nicht dabei stehen, sondern gibt der Region mit seinen Bildern eine feine, neue Würde. Seine Bildästhetik ist verhalten, klar, manchmal fast kühl, aber immer feinfühlig und empathisch, nichts, das dem Betrachter ins Gesicht springt und brüllt: Wir sind das Ruhrgebiet. Eher steht ein Wispern im Raum: Schau genau hin, unter der Oberfläche gibt es eine Vielfalt, die sich zu entdecken lohnt.

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In einem Film zur Ausstellung, sagt Johan Simons, der Intendant des Bochumer Schauspielhauses, über das Ruhrgebiet:
„Man kommt nie dahinter, was das hier eigentlich alles ist.“
Till Brönner hat sich einem Verstehen, dem Dahinterkommen angenähert. Seine Fotos entwerfen ein Portrait, das mir, die ich mitten im Pott aufgewachsen und ihm in einer Art Hassliebe verbunden bin, gleichzeitig vertraut und ungewohnt erscheint.
Gesichter von Prominenten aus dem Ruhrgebiet, nebeneinander aufgereiht wie Gemälde in der langen Ahnengalerie eines Schlosses und diesen auch ähnlich in ihrer Farbwirkung.

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Stahlarbeiter wie Protagonisten aus einem Science-Fiction-Film. Eine spröde, orangefarbene Rolltreppe, auf der ein Mensch nach oben fährt.
Der düstere Kokerei Turm, der auf den ersten Blick an einen Turm aus einem chinesischen Martial-Arts-Film erinnert.

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Brönner schafft es, der Region mit seinen Bildern ein neues Gesicht zu geben, ohne ihr etwas zu nehmen. Mit sensiblem Blick fängt er Momente ein, in denen die Menschen oft wie Kämpfer wirken, Helden ihres eigenen Alltags, denen der Fotograf immer wieder ein Lächeln entlockt, ein fast verstecktes, ein sprödes, ein verschmitztes oder ein glückliches.
Seine Bilder sind wie seine Musik. Jazz.
Im Gespräch  bestätigt der Künstler, dass für ihn Musik und Fotografie in einer  inspirierenden, sich ergänzenden Wechselwirkung stehen.

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Das Amerika Deutschlands nennt Brönner den Pott. Das lässt sich durchaus so ausdrücken, da das Ruhrgebiet, ähnlich wie die USA, seit je her ein Schmelztiegel ist.
Mir scheint es jedoch noch in anderer Hinsicht zutreffend. Mit ihrem rotzigen Humor, ihrer direkten Art, ihrer Tragik und ihrem Mut, könnten die in den USA erdachten Guardians of the Galaxy direkt aus dem Ruhrpott kommen.

Mein Lieblingsbild in der Foto Ausstellung ist ein eher unspektakuläres, eines, das mich an meine Kindheit erinnert. Es heißt Karneval in Essen und zeigt drei Menschen, die aus dem Fenster sehen. Drei Gesichter, die zu sagen scheinen: Wir sind das Ruhrgebiet.
Nicht laut, doch selbstbewusst mit einem feinen Schmunzeln. Till Brönner erzählt, es sei das erste Motiv, das er fotografiert hatte und das ihn motivierte weiterzumachen, ein Umstand, der jetzt den Besuchern des Museums zugute kommt. Mich könnte dieses Foto dazu verführen, eine Kurzgeschichte oder einen Roman über diese drei zu schreiben.

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Last, but not least, sei noch  erwähnt, dass die thematische Zusammenstellung und die Hängung der Bilder deren Wirkung wunderbar ergänzen.

Ein großes Dankeschön an Till Brönner, der für einen Austausch und Fragen zur Verfügung stand, an die Kuratorin Eva Müller-Remmert für die Führung durch die Ausstellung und an das Museum Küppersmühle für Moderne Kunst für die Einladung zu dieser schönen  Preview.
Danke natürlich auch an Thomas Auth für die Fotos von der Ausstellung .

Übrigens, ein Bild hat den Titel Pommes Schranke. Aber geht hin und seht selbst,
wenn Ihr in der Nähe seid. Wenn nicht, geht trotzdem.
Die Ausstellung eröffnet am 3. Juni. Es lohnt sich.
Glück auf.

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Wo …

Wo Wölfe wieder Kreide fressen,
die alten Lieder heulen,
hungrige Schnauzen in den Wind gereckt
Wo schwerer Stiefel Gleichschritt
den beschwingten Beat vertreibt
Wo Pazifist zum Schimpfwort wird
und Gutmensch einen Narren meint
Wo dumpfer Hass auf alles Fremde
schon wieder Nationalstolz heißt
Wo man das Unsagbare
wohl noch sagen dürfen will,
Rassismus nur als Bagatelle gilt,
„Heimat“ wir sind mehr wert meint
Wo dunkle Potentaten offen
braune  Parolen zischen
und Grenzen sichern
jede Menschlichkeit verneint
Wo unter Linden sich wieder
Herrenmenschen finden,
mein schönes Land, in dieser Zeit,
da sei zum Widerstand bereit.

(c) Gabriele Auth

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Foto/ G.Auth

Sacre du printemps 2

Vögel jubeln wie verrückt
Sonne erleuchtet triebhaftes Grün
Am Himmel ein Flugzeug
zieht …. keine Ahnung wohin.
Kopf in den Wolken
Füße im Gras
Dazwischen ein Dehnen
Ein inneres Summen
Fließen und Sehnen
Zuhause im Sein
Wohliges Frühlingsglück.

© Gabriele Auth

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Foto Pixabay