Mein Kater und ich

Manchmal wünschte ich, ich wär mein Kater. Der denkt nicht nach, er lebt und liebt, wie es sich grad ergibt; ganz ohne Stress und Menschentheater. Er hadert nicht mit sich und  zweifelt nie, soll er die Maus nun fangen oder lieber nicht. Wird er gekrault, dann schnurrt er laut und faucht dir böse ins Gesicht, wenn Streicheln grad nicht seiner Vorstellung von schön entspricht. Faucht und rollt sich dann zusammen, ohne  zu fragen, ob er dich erschreckt hat, ob du ihn nun verachtest, vielleicht sogar verstößt. Schmiegt sich zufrieden auf das Sofa, die Pfoten hoch, den weichen Bauch entblößt. Er seufzt im Schlaf. Ich seh‘ ihm zu und frag mich ob er träumt. Leg‘ mich zu ihm, schließe die Augen, lausch‘ dem Schnurrgebrummse, träume mit.

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Schöpfung

Einer gibt mehr
als ein Scherflein
Einer wirft immer
den ersten Stein
Einer gibt den
Verräterkuss
Und
Einer hält nie durch
bis zum Schluss.

Der Mörder ist manchmal
dem Himmel  nah
Der Gerechte gefangen
in Selbstgerechtigkeit
Mensch dem Menschen
ein Unmensch oft
Doch
erschaffen für Liebe,
Freundschaft, Wahrhaftigkeit.

(c) Gabriele Auth

 

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Foto/Pixabay

Damals

Ob es damals Liebe war?
Eine Antwort gab es nie.
Schweigen füllt die Jahre.

 
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Foto/Pixabay

Till Brönner – Melting Pott

Eindrücke einer Ausstellung

Der Musiker und Fotograf Till Brönner ist keiner aus dem Pott. Seine Kindheit verbrachte er in Viersen, Rom und Bonn Bad Godesberg, wurde zu einem der berühmtesten deutschen Jazz Musiker und lebt inzwischen in Berlin und Los Angeles. Die Anfrage der Brost Stiftung, ob er sich vorstellen könne, den Ruhrpott ein Jahr lang fotografisch zu erkunden, erreichte ihn in Kalifornien.
Ruhrpott und Kalifornien, ein Gegensatz, wie man ihn sich größer kaum vorstellen kann. Brönner ließ sich zum Glück darauf ein.
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Da kommt also einer mitten im Winter aus der kalifornischen Sonne und nähert sich dem zerfurchten Gesicht des Ruhrgebiets, um es mit der Kamera zu ergründen. Einer, der nicht von hier, nicht von Innen kommt. Ich war gespannt, ob das funktioniert.

Es gibt zahllose Fotos aus dem Ruhrgebiet. Innenansichten von Fotografen, die hier aufgewachsen sind, Bilder von verrußten Hausfassaden, in denen blankgeputzte Fenster mit weißen Gardinen leuchten wie die Augen in den kohlenstaubgeschwärzten Gesichtern der Kumpels, die dort wohnen. Stoische Gesichter, die selten oder nie zu lachen scheinen. Fördertürme, dunkler Rauch über Kokereien, triste Straßen, Männer, die mit Bierflaschen in der Hand am Kiosk an der Ecke stehen, eine Sicht auf den Ruhrpott wie man sie kennt. Der aktuelle Blick von Außen, den Till Brönner hinzufügt, umfasst auch solche Szenen, doch er bleibt nicht dabei stehen, sondern gibt der Region mit seinen Bildern eine feine, neue Würde. Seine Bildästhetik ist verhalten, klar, manchmal fast kühl, aber immer feinfühlig und empathisch, nichts, das dem Betrachter ins Gesicht springt und brüllt: Wir sind das Ruhrgebiet. Eher steht ein Wispern im Raum: Schau genau hin, unter der Oberfläche gibt es eine Vielfalt, die sich zu entdecken lohnt.

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In einem Film zur Ausstellung, sagt Johan Simons, der Intendant des Bochumer Schauspielhauses, über das Ruhrgebiet:
„Man kommt nie dahinter, was das hier eigentlich alles ist.“
Till Brönner hat sich einem Verstehen, dem Dahinterkommen angenähert. Seine Fotos entwerfen ein Portrait, das mir, die ich mitten im Pott aufgewachsen und ihm in einer Art Hassliebe verbunden bin, gleichzeitig vertraut und ungewohnt erscheint.
Gesichter von Prominenten aus dem Ruhrgebiet, nebeneinander aufgereiht wie Gemälde in der langen Ahnengalerie eines Schlosses und diesen auch ähnlich in ihrer Farbwirkung.

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Stahlarbeiter wie Protagonisten aus einem Science-Fiction-Film. Eine spröde, orangefarbene Rolltreppe, auf der ein Mensch nach oben fährt.
Der düstere Kokerei Turm, der auf den ersten Blick an einen Turm aus einem chinesischen Martial-Arts-Film erinnert.

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Brönner schafft es, der Region mit seinen Bildern ein neues Gesicht zu geben, ohne ihr etwas zu nehmen. Mit sensiblem Blick fängt er Momente ein, in denen die Menschen oft wie Kämpfer wirken, Helden ihres eigenen Alltags, denen der Fotograf immer wieder ein Lächeln entlockt, ein fast verstecktes, ein sprödes, ein verschmitztes oder ein glückliches.
Seine Bilder sind wie seine Musik. Jazz.
Im Gespräch  bestätigt der Künstler, dass für ihn Musik und Fotografie in einer  inspirierenden, sich ergänzenden Wechselwirkung stehen.

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Das Amerika Deutschlands nennt Brönner den Pott. Das lässt sich durchaus so ausdrücken, da das Ruhrgebiet, ähnlich wie die USA, seit je her ein Schmelztiegel ist.
Mir scheint es jedoch noch in anderer Hinsicht zutreffend. Mit ihrem rotzigen Humor, ihrer direkten Art, ihrer Tragik und ihrem Mut, könnten die in den USA erdachten Guardians of the Galaxy direkt aus dem Ruhrpott kommen.

Mein Lieblingsbild in der Foto Ausstellung ist ein eher unspektakuläres, eines, das mich an meine Kindheit erinnert. Es heißt Karneval in Essen und zeigt drei Menschen, die aus dem Fenster sehen. Drei Gesichter, die zu sagen scheinen: Wir sind das Ruhrgebiet.
Nicht laut, doch selbstbewusst mit einem feinen Schmunzeln. Till Brönner erzählt, es sei das erste Motiv, das er fotografiert hatte und das ihn motivierte weiterzumachen, ein Umstand, der jetzt den Besuchern des Museums zugute kommt. Mich könnte dieses Foto dazu verführen, eine Kurzgeschichte oder einen Roman über diese drei zu schreiben.

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Last, but not least, sei noch  erwähnt, dass die thematische Zusammenstellung und die Hängung der Bilder deren Wirkung wunderbar ergänzen.

Ein großes Dankeschön an Till Brönner, der für einen Austausch und Fragen zur Verfügung stand, an die Kuratorin Eva Müller-Remmert für die Führung durch die Ausstellung und an das Museum Küppersmühle für Moderne Kunst für die Einladung zu dieser schönen  Preview.
Danke natürlich auch an Thomas Auth für die Fotos von der Ausstellung .

Übrigens, ein Bild hat den Titel Pommes Schranke. Aber geht hin und seht selbst,
wenn Ihr in der Nähe seid. Wenn nicht, geht trotzdem.
Die Ausstellung eröffnet am 3. Juni. Es lohnt sich.
Glück auf.

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Wo …

Wo Wölfe wieder Kreide fressen,
die alten Lieder heulen,
hungrige Schnauzen in den Wind gereckt
Wo schwerer Stiefel Gleichschritt
den beschwingten Beat vertreibt
Wo Pazifist zum Schimpfwort wird
und Gutmensch einen Narren meint
Wo dumpfer Hass auf alles Fremde
schon wieder Nationalstolz heißt
Wo man das Unsagbare
wohl noch sagen dürfen will,
Rassismus nur als Bagatelle gilt,
„Heimat“ wir sind mehr wert meint
Wo dunkle Potentaten offen
braune  Parolen zischen
und Grenzen sichern
jede Menschlichkeit verneint
Wo unter Linden sich wieder
Herrenmenschen finden,
mein schönes Land, in dieser Zeit,
da sei zum Widerstand bereit.

(c) Gabriele Auth

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Foto/ G.Auth

Sacre du printemps 2

Vögel jubeln wie verrückt
Sonne erleuchtet triebhaftes Grün
Am Himmel ein Flugzeug
zieht …. keine Ahnung wohin.
Kopf in den Wolken
Füße im Gras
Dazwischen ein Dehnen
Ein inneres Summen
Fließen und Sehnen
Zuhause im Sein
Wohliges Frühlingsglück.

© Gabriele Auth

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Foto Pixabay

Von Dingen

Ich hab keine Lust von
Dingen zu erzählen,
bei denen mir
die Tränen kämen.

Von dem Mann,
der um sich beisst
aus Einsamkeit,
seine Frau anbrüllt
wenn er betrunken ist
und hinterher

tut es ihm leid.

Ihr habt keine Lust,
davon zu hören,
von diesen Dingen,
die euch verstören.

Von der Frau, die
Flaschen sammelt,
in Containern wühlt,
weil die Rente nie reicht.
Der Mann ist tot
Die Kinder haben

meist keine Zeit.

Ich hab keine Lust von
Dingen zu erzählen,
bei denen mir
die Tränen kämen.

© gabriele auth

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Foto Pixabay

Weihnachten

Am Fenster sitzen und den Schneeflocken zuschauen, wie sie in einem wirbelnden Tanz zur Erde schweben.
Lautlos stupsen sie an die Fensterscheibe, rutschen langsam herunter. Draußen ist alles ist mit einer puderigen Schneedecke überzogen, die Bäume, die Wiesen und das Dach des Gartenhäuschens.

Schnee ist so irdisch wie jede andere Naturerscheinung. Und doch hat er etwas Unirdisches, Magisches in seiner Lautlosigkeit. Er verwischt Wege und Straßen, dämpft alle Klänge, lässt die vertraute Welt neu und unberührt aussehen.
Wenn man Schnee unter einem Mikroskop betrachtet, zeigt jede einzelne Schneeflocke die Form eines feinen Kristalls.

Keine ist wie die andere. Sie sind wie winzige, gefrorene Sterne.

Es ist Dezember. Menschen sehnen sich nach Licht in dieser dunkelsten Zeit des Jahres, in der in manchen Teilen der Welt die Sonne selten am Himmel zu sehen ist. Das Erdreich scheint zu schlafen und zu träumen. Es wirkt beinahe, als würde es den Atem anhalten. Vor einigen Tagen war Wintersonnenwende. Der kürzeste Tag und die längste Nacht des Jahres. Von da an wurde es jeden Tag unmerklich etwas früher hell und ein bisschen später dunkel. Das Weihnachtsfest rückte mit jeder Morgendämmerung näher.

Weihnachten ist immer.

Was für ein seltsamer Gedanke so mitten in der Nacht.
Wie kann denn Weihnachten immer sein?

Die schneebedeckten Bäume und Sträucher wirken in ihrem Schweigen, als würden sie warten, als würde die ganze Erde auf etwas warten.
Aber worauf?
In vielen Kulturen wurde die Geburt des Lichtes lange vor dem Christentum schon gefeiert.
Was also ist vor zweitausend Jahren anders gewesen?

Durch das Fenster kommt ein feiner, weicher Schimmer in den Raum.
Langsam zur Haustür tasten, hinaus in den Vorgarten.
Vom Himmel rieseln  Millionen Schneeflocken zu Boden. Wenn man den Mund öffnet, schweben die zarten Flocken auf die Zunge. Weich und kühl landen sie und verwandeln sich in kleine, kalte Wassertropfen. Sie schmecken anders, als Wasser normalerweise schmeckt. Schnee hat einen eigenen Geschmack, fast nach nichts, und doch nach etwas, das es sonst nicht gibt, fein und ungewöhnlich.

Häuser und Straßen liegen im Dunkeln. Man erkennt nur die weißen Hauben der Dächer. Den Rest verschluckt die Nacht.
Der Schnee, der über allem liegt, glitzert, als hätte er das Sternenlicht eingefangen, als ob jede Flocke ein winzig kleines Licht enthielte.

Stille.

In der Lautlosigkeit  wächst ein eigenartiges Gefühl, eine Art Ziehen, so, als wollte das Herz fort mit dem ganzen Menschen, als hätte es Heimweh nach etwas Unbekanntem, nach etwas, was fehlt.

Das Gefühl wird stärker, schwillt an, bis es überall im Körper zu spüren ist.

Es will im Inneren singen. Weinen. Lachen. Alles auf einmal.

Es will heraus strömen und sich überall verteilen, bis hinauf zu den Sternen.

Es macht klein und gleichzeitig groß, traurig und gleichzeitig glücklich.

So kann man eine ganze Weile vor der Tür stehen, in den Schneeflockenwirbel sehen und schließlich schneebedeckt, mit kalten Wangen zurück ins Haus gehen.
Da sind noch keine Worte, für dieses eigenartige Gefühl dort draußen.

Was war es, das fehlte, in diesem Moment vor der Tür?
Welche Sehnsucht?

Leise schleicht sich die Erinnerung an die längste und dunkelste Nacht des Jahres in die Gedanken, an die Wintersonnenwende und daran, dass Menschen sich so sehr nach einem Licht sehnen, das sie in der Tiefe des Herzens berühren kann.

Damals, vor zweitausend Jahren, muss so ein Licht im Wesen der Dinge sichtbar oder erlebbar geworden sein. Besonders im Inneren der Menschen.
Eine Art Urknall.

Gedanken wirbeln jetzt durcheinander wie Schneeflocken.
So, wie die Natur auf das Licht wartet, so warten die Menschen auf die Geburt des Lichtes in sich selber, und so, wie es in der Natur wiedergeboren wird, kann es auch in ihnen geboren werden, ein leuchtender Stern.

Wieso wiedergeboren?

Wenn es wiedergeboren werden kann, dann muss es ja vorher schon einmal da gewesen sein. Es geht vielleicht nicht nur um dieses eine Mal vor zweitausend Jahren. Aber mit diesem einen Mal hat etwas angefangen, etwas, das vielleicht nicht aufhören wird, ob man es feiert oder nicht.

Ein kleiner Same aus Licht, der in der Winternacht des Herzens Kraft sammelt und wächst.

Könnte dies das Geheimnis von Weihnachten sein?
Jenseits aller religiösen Lehren, Regeln und Dogmen. In Freiheit. Unberührt von menschlicher Kontrolle?
Dass es immer wieder geschehen kann, in jeder Minute?
Immer wieder jetzt?
Könnte Weihnachten immer sein?

© gabriele auth

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Foto: cocoparisienne at Pixabay

Vorfreude

Heute ist der erste Advent. Viele Menschen freuen sich schon auf Weihnachten, auf Liebe, Freunde, gutes Essen, Geschenke, viele Lichter und vielleicht sogar Schnee in einer dunklen Zeit.
Klar, ich freue mich auch darauf. Aber, wenn ich den ganzen Konsum und Kaufrausch mal wegstreiche, kann ich doch das ganze Jahre versuchen, Liebe, Freundschaft, Licht und gutes Essen zu genießen.  Ich kann liebevoll mit Anderen und mit mir selber sein. Und Geschenke?
Die müssen nicht aus dem Kaufhaus, vom Weihnachtsmarkt oder von Amazon kommen.  Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber was meine Augen nachhaltiger zum Leuchten bringen kann als eine goldene Kette, ist zum Beispiel ein schöner Abend mit guten Freunden. Das ist ein Geschenk für jeden Tag im Jahr, natürlich auch für Weihnachten. Oder ein Tag am Meer, die Umarmung eines geliebten Menschen, das Schnurren einer Katze, Sonnenlicht hinter Baumkronen,  ganz mit sich im Reinen ein gutes Buch zu lesen, Musik  hören …
Die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. Nur den Schnee, den kann es nicht jeden Tag geben.
Was das mit dem Sinn von Weihnachten zu tun hat?
Ich weiß es nicht, aber ich denke, wenn jeder Tag ein Geschenk ist, immer wieder jetzt und jetzt, dann kann Weihnachten immer sein. Und mal so aus religiöser Sicht, das Kind in der Krippe ist ja nicht nur  am 24. Dezember da. Oder?
Bei mir ist es aktuell so, dass ich mich nicht nur auf Weihnachten, sondern auch schon auf ein paar andere Tage freue, etwas weiter voraus.
Ich freue mich auf  den nächsten  März.
Warum?
Vom 21.März bis zum 24. März gibt es die Leipziger Buchmesse, „Leipzig liest“. Und ich möchte wieder dabei sein.
Also in diesem Sinne, eine tolle Adventszeit, (Weihnachts)Glück das ganze Jahr und vielleicht sehen wir uns in Leipzig. Wenn nicht, lesen wir uns hier. Natürlich nicht erst im März.

Obst geht immer

 

Das kleine Einkaufszentrum liegt in einem wenig beachteten Stadtteil im Norden meiner Heimatstadt. Dort, wo sich alte Zechensiedlungen neben Fünfziger-Jahre-Betonkästen ducken und einzelne Straßenzüge mit ihren pastellfarbigen Altbauten an die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg erinnern.
Neben Dönerbuden und Sonnenstudios wird der graue Ruhrpottcharme seit einigen Jahren bereichert durch orientalische Lebensmittelläden. Stets umweht von einem Duft nach Oliven, Minze und etwas, was ich nicht einordnen kann. Fremd, doch vertraut zugleich.
An einigen Ecken behaupten sich zwischen den Miethäusern noch immer die typischen Trinkhallen, die Buden, vor denen knorrige alte Männer die Zeit tot schlagen. Ehemalige Kumpel und Stahlarbeiter. Rauchend. Bier trinkend. Gespräche drehen sich im Kreis um Fußball und das Leben nach dem Arbeitsleben. Der Satz Ich geh ma eben anne Bude kann jeden Zeitraum von zehn  Minuten bis fünf Stunden umfassen.
Mittendrin, am Marktplatz, das Einkaufszentrum. Ein altmodisch solider Gebäudekomplex aus den frühen sechziger Jahren. Sein spröder Sex-Appeal hat nichts gemeinsam mit dem Hochglanz-Shopping-Palast, der in der Innenstadt am Ende der Fußgängerzone lauert und, einem gigantischen Ufo nicht unähnlich, eine unüberschaubare Warenfülle und angesagte Labels präsentiert.
Obwohl es nichts derartig Großartiges darstellt, ist das kleine Einkaufszentrum Anziehungs- und -Treffpunkt für die Bewohner des Stadtteils. Sie kommen, um gesehen zu werden, den neusten Tratsch auszutauschen, zum Kaffeetrinken, Stöbern und natürlich zum Einkaufen. Teenies mit Smartphones, oder den Kopfhörern ihrer MP3-Player im Ohr, treffen sich hier. Stehen meist zu laut lachend bei Mac Donalds, wirken ein bisschen gegen den Strich gebürstet.
Rentner aus dem nahegelegenen Seniorenzentrum sitzen zu zweit oder zu dritt auf den Bänken, beobachten Alle und Alles.
Das „Center Management“ denkt sich regelmäßig Attraktionen aus, denen meist ein altertümlich schlichter Charme anhaftet.
Da laden kantige Oldtimer aus den Siebzigern zum Probesitzen ein. Ein anderes Mal dürfen die Besucher sich an den Scheiben großer Terrarien die Nase platt drücken, wo Reptilien sich zwischen üppig wuchernden Pflanzen verkriechen.
Die meisten Leute versammeln sich bei Mac Donalds und in der modernen Center-Apotheke. Big Mac oder Aspirin braucht immer irgendwer.

Ich komme gerne hierher, lasse mich durch die Ladenstraße treiben, stöbere in Geschäften, deren Sortiment mir fast genauso vertraut ist wie mein Wohnzimmer, weil es sich im Laufe einer Saison nur unwesentlich ändert. Ab und zu sitze ich in dem italienischen Eiscafé und bestelle Cappuccino.
„Mit aufgeschäumter Milch oder mit Sahne“, fragt die Bedienung immer.
„Ein Cappuccino mit Sahne ist strenggenommen kein Cappuccino mehr, es ist einfach ein Kaffee mit Sahne“, erklärte ich ihr damals bei meinem ersten Besuch. Sie lachte.
„Dann können wir den Laden dicht machen“, antwortete sie. „Hier wollen die Leute Sahne und sie schimpfen, wenn sie nur Milchschaum auf ihrem Kaffe finden.
Da lachte ich auch.
Italien ist weit. Zu weit vielleicht.

Vor dem Springbrunnen im Erdgeschoss stehen Kinder wie verzaubert. Offene Münder, leuchtende Augen, erinnern mich daran, dass es eine Zeit im Leben gibt, in der alles ein Wunder sein kann.
Wann genau verlernt man das Staunen, wann nimmt man die Magie im Leben nicht mehr wahr, denke ich, stelle mich zu den Kindern, beobachte das Spiel der farbig angeleuchteten Wasserstrahlen. Die Kleinen hüpfen, lachen, johlen.
„Fall mir da bloß nicht rein!“, rufen die Mütter.
„Nicht auffem Beckenrand laufen.“
„Komm jetzt, die Mama will weiter, du kriegst auch ein Eis“.

Der Springbrunnen hat eine Intervallschaltung. Nachdem abwechselnd mal von links, mal von rechts einige sprudelnde Bögen das blau geflieste Becken überfliegen, entsteht eine abrupte Pause, in der das Wasser unbewegt glitzert.
– Stille –
Die Kinder halten die Luft an. Bis der erste Wasserstrahl mit einem lauten Zischen wieder einsetzt, seinen leuchtenden Bogen über das Becken schlägt. Sofort schwappt eine meterhohe Welle aus Kreischen und Gelächter bis fast hinauf zum Parkdeck.
Ich lächle, kehre dem wässrigen Schauspiel den Rücken, schlendere weiter.
Vor der Parfümerie steht eine beinahe perfide geschminkte Verkäuferin. Sie drückt mir eine Feder in die Hand. Ich schnuppere daran. Der Duft tackert sich mit Wucht auf meine Nasenschleimhaut. Karamellklebrig. Neongrell. Ich lasse die Feder in der Tasche meines Parkas verschwinden, wo sie weiter voll pinker Leidenschaft ihre Duftwolke verströmt.
Ein paar Schritte weiter, im Eingangsbereich der Buchhandlung, stehen die üblichen Tische mit preisreduzierten Mängelexemplaren. Da liegen sie zu Stapeln aufgetürmt. Ich suche jedes Mal die Mängel der einzelnen Bücher, nehme sie in die Hand, blättere, wende, lese. Die Einbände glänzen neu und unversehrt, weder Kratzer, noch Transportspuren stören die Makellosigkeit. Der einzige sichtbare Makel, der jedem Exemplar anhaftet, ist der Stempel auf dem Schnitt, der es unwiderruflich als Mängelexemplar ächtet.
Na ja, Ladenhüter klingt auch nicht netter, denke ich und kaufe einen Krimi. Beim Weitergehen fällt mir ein, dass ich Briefmarken brauche.

Mein Weg führt vorbei an der ehemaligen Hertie-Filiale. Der dreistöckige Gebäudetrakt steht schon ewig leer. Auf den großen Schaufenstern kleben riesige Fotos von lächelnden Frauen, die dynamisch und schick ihre Einkaufstüten schwenken.
Wir bauen für Sie um – Bald noch schöner, noch attraktiver! steht auf den Plakaten. Darunter ein kleiner, unspektakulärer Aushang mit der nüchternen Information
provisionsfrei zu vermieten.
An Hertie erinnert nur der große, geschwungene Schriftzug, der sich wie um Fassung ringend, trotzig rot an die Wand über den Eingangstüren klammert.
Ich staune immer noch, dass so viele deutsche Traditionsfirmen pleite sind. Einst waren sie starke Säulen des Handels, untrennbar mit einem überschäumenden Wirtschaftswunder verknüpft.
Das Wirtschaftswunder hat sich wohl erledigt.
Wie zur Bekräftigung scheint  dieser leer stehende Kasten mir höhnisch ins Gesicht zu lachen. Unmittelbar schleichen sich Bilder des Malers Otto Dix auf meine innere Leinwand.
Lästiges Kopfkino.
Was wohl aus den Mitarbeitern von Hertie geworden ist? Zum Schluss hatten sie selten gelächelt, manchmal mit den Kunden über die drohende Schließung gesprochen. Gekränkt. Noch nicht bereit, zu begreifen, dass man sie an die Wand gefahren hatte. Immer wieder mal schimmerte durch die Bitterkeit die Hoffnung auf ein Wunder. Untermalt von dem fröhlichen Slogan der aus den Lautsprechern dudelte
ZUM GLÜCK GIBT’S HERTIE“.
Ich lasse das entseelte Warenhaus links liegen. Fahre die Rolltreppe hinauf zur Lottoannahmestelle, wo man Briefmarken kaufen kann. Schließe mich der langen Reihe hoffnungsvoller Lottospieler an. Es ist Freitag. Fast alle halten ihren Tippschein in der Hand. Mit beinahe heiligem Ernst. Das potentielle Ticket in ein sorgloses Leben. Über den Köpfen, zum Greifen nah, wabert der Hunger nach Wohlstand. Nach Erlösung aus dem „Zum-Leben-zu-wenig-zum-Sterben-zu-viel-Gefühl“.  Vier Millionen im Jackpot.
Wenn das keine Chance ist …
Vom Backshop gegenüber zieht der Duft von Pflaumenkuchen in meine Nase. Begierig sauge ich ihn ein, bezahle die Briefmarken, schlendere meiner Kuchenlust nach.
Neben dem Bäcker, im Eingangsbereich des Supermarktes, lenke ich  meine Schritte um. Eine Verkaufspyramide aus Obstkisten zieht mich an.
Glänzende Mandarinen. Verheißungsvoll liegen sie vor mir. Noch verlockender, als der  Kuchen, Stück für Stück eingebettet in helle Holzkisten. Duftende Früchte, deren knotige Oberfläche zum Anfassen, zum Auswählen einlädt, einige von ihnen eingehüllt in feines Seidenpapier. In einer Pappkiste daneben liegen Netze mit Clementinen, deutlich preiswerter, aber ich weiß aus Erfahrung, dass das Rot der Netze die Früchte leuchtender erscheinen lässt, als sie sind. Entschlossen wende ich mich den anderen, den netzfreien Kleinoden spanischer Mandarinenplantagen zu.
Aus dem Laden kriechen mir Instrumentalversionen alter Beatles Hits ins Ohr.
Yesterday, all my trouble seemed so far away, singe ich in Gedanken mit.
Neben mir steht eine Frau, klein, ein wenig gebeugt. Kurze graue Haare. Graue Jacke. Ein irgendwie graues Gesicht. Hinter ihr parkt eine dieser Einkaufstaschen auf Rädern. Hackenporsche sagt man hier. Die kleine, graue Frau betrachtet die Preisschilder, greift nach einem Clementinennetz, zieht die Hand wieder zurück, sieht mich nachdenklich an. Sie beobachtet wie ich einzelne Mandarinen aus einer Kiste auswähle und in die Tüte lege.
„Die sind teurer“, sagt sie und seufzt.
Ihre Stimme klingt matt mit einem geduckt anmutenden Unterton. Das Lächeln um ihren Mund ist kaum wahrnehmbar.
„Ja, die sind teurer“, antworte ich, „aber sie sind saftiger und leckerer“.
Die Frau nimmt eine der duftenden Früchte in die Hand, betrachtet sie mit zweifelndem Blick.
„Hinterher ärgert man sich“, sagt sie leise, „wenn man die billigen im Netz genommen hat, und dann schmecken die gar nicht“.
„Ja“, stimme ich zu.
Ein unübersehbar breites Lächeln gibt ihrem Gesicht einen rosigen Schimmer, als sie jetzt Mandarinen in eine Tüte legt.
„Ich nehm dann auch mal die teuren.“
Sie knotet den Plastikbeutel zu. Aus ihrer Stimme verflüchtigt sich das Grau. Sie klingt erleichtert, fast freudig.
„Darauf hab ich jetzt richtig Appetit gekriegt“, sagt sie in mein lächelndes Gesicht.
„Wissen Sie, wegen der Chemotherapie und dem Krebs vertrag‘ ich sowieso fast nichts mehr. Aber Obst geht noch. Obst geht immer.
Da kann ich mir ruhig mal was leisten“.

© gabriele auth

(überarbeiteter Text aus meinem leider nicht mehr lieferbaren Buch  „Mensch lernt von Mensch“)