Strandgut

Ein kleiner Junge allein am Strand.
Er liegt auf dem Bauch, die Beine angezogen
wie Kleinkinder es oft tun, wenn sie schlafen.
Sein rotes T-Shirt ist ein bisschen hochgerutscht.
Es ist nass, genau wie seine feinen, dunklen Haare.
Genau wie seine blaue Hose und seine Schuhe.
Er scheint zu schlafen, aber er wird nicht erwachen.
Das Meer wiegte ihn in den Armen. Es trug ihn an den Strand.
Er saß in einem Boot mit seinen Eltern, seiner Schwester und Anderen.
Die Hoffnung auf ein neues Leben, ein Leben in Frieden, trieb sie aufs Meer .

Ein kleiner Junge allein am Strand.
Mutter und die Schwester hat das Meer genommen.
Sie sind allein, der kleine Junge und der Vater, der übrig blieb.
Der Eine wird nie mehr lernen, zu verstehen.  Der andere hat es verlernt.
Sie sind zwei von vielen. Kinder, Mütter und Väter, deren Gesichter und Namen verborgen sind
hinter Zahlen, hundert, tausend, zwanzigtausend, achthunderttausend,  Millionen.

Ein kleiner Junge allein am Strand.
Er heißt Ailan. Sein Bild geht um die Welt.
Es steht für die all die Gesichter und Namen hinter den Zahlen.
Sein Bild klagt an, die Politik der Zäune, der Mauern, der unmenschlichen Verträge und Quoten, den Geiz, die Gier und die stählernen Herzen.
Sein Bild demaskiert die scheinheiligen Phrasen und freundlichen Worte derer, die von Asylbetrug sprechen und werft sie raus meinen, oder lasst sie gar nicht erst herein.
Sein Bild brandmarkt die Stammtischparolen und die Brandsätze der ewig gestrigen, der Verlierer eines untergegangenen Reiches, das niemals hätte existieren dürfen.
Ailan wurde drei Jahre alt.
Ein kleiner Junge allein am Strand

Tatort

Menschen können nicht fliegen wie die Vögel.
Wenn sie sich über die Wolken heben, sitzen sie meist in langen Metallröhren mit starren Flügeln, die von kräftigen Motoren in der Luft gehalten werden.
Manchmal,  stürzen sie, rasen hilflos in eine Tiefe, in der sie zerbrechen, Mensch wie Maschine.
So wie in Südfrankreich.
Und über den Trümmern erhebt sich das Weinen und Klagen der Mütter und Väter, der Brüder, Schwestern, Kinder und der Freunde all jener, die Herz an Herz verbunden waren mit den Gestürzten.
Und Viele, die nicht getroffen sind, klagen mit in ihrer Betroffenheit der Verschonten, halten erschrocken, voller Mitgefühl , aber erleichtert die Hände ihrer Liebsten, davon gekommen, doch ahnend, die einzige Sicherheit im Leben ist der Tod.
Und manchmal die Liebe.

Menschen können nicht unbegrenzt schwimmen, nicht wie die Fische, die sich frei in den Meeren zwischen den Kontinenten bewegen.
Wenn Menschen die Meere durchqueren, sitzen sie meist in schwimmenden Kisten, die von kräftigen Motoren vorwärts bewegt werden.
Manchmal sind diese Kisten die einzige Hoffnung auf ein Leben ohne  Hunger, Krieg und Angst. Sie sind oft alt und leck, und sie sinken, ziehen die Menschen mit sich  in die Tiefe und in die Weite des Ozeans, wo die Kraft schwindet und die Lungen sich füllen mit Tränen des Mittelmeeres .

Körper tanzen auf den Wellen, unbeweint, fremd, ungerufen bis der letzte Atemzug verklingt, ein krampfhaftes Gluckern.
Stille.
Wer kennt die  Namen?  Wer lauscht dem Weinen und Klagen der Väter und Mütter, der Brüder, Schwestern, Kinder und Freunde?
Manchmal klingt Schweigen so schrill, dass es schmerzt.
Und nach der Tagesschau kommt Tatort, es gibt Chips.  Werden Thiel und Börne es richten?

© gabi m. auth