Spatz in der Hand

Wie ein dunkler Fleck liegt er auf dem gepflasterten Hof. Zwischen den Ställen und dem Wohnhaus. Im Schatten. Noch fast nackt. Nur an den Flügeln, dem winzigen Kopf und am Rücken zeigen sich erste flaumige Ansätze des Gefieders.
Das Tschilpen der Spatzen klingt unverändert. Wie gewöhnlich sitzen sie in der Dachrinne aufgereiht. Am Dachfirst entdecke ich eine Öffnung, hinter der ich das Nest vermute. Von dort ertönt seit Tagen das unablässige Schreien der Nestlinge nach Nahrung.
Eine Stimme fehlt nun.
Behutsam hebe ich den kleinen Vogel vom Boden auf und bette ihn in meine Hand. Seine Lider sind geschlossen. Die zarte Wölbung lässt das Rund der Augen erahnen. Knapp darunter,  der gelbe Schnabel, der wie ein hilfloses Lächeln aussieht und viel zu groß scheint für den feingliedrigen Kopf. Der Spatz schmiegt den Bauch in meine Hand, die langen, ungelenken Beine eng an den Körper gezogen, embryonal. Nahezu gewichtslos. Archaisch wirkt der Nestling, fast wie ein winziger Flugsaurier. Er atmet.
Der ganze Körper ein Atmen, ein Heben und Senken, ein Ausdehnen und Zusammenziehen. Zwischendurch öffnet sich leicht der Schnabel, als ob er mehr Luft in sich hineinziehen wolle, Luft und Leben. Dann ein verlorener, krächzender Laut, fast unhörbar, nicht zu vergleichen mit dem Schreien der Geschwister dort oben am Dach. Einen Moment zeigt sich seine feine Zunge.
Wie muss die Lunge gepresst sein durch den Aufschlag auf den harten Stein. Das Haus ist ungefähr fünf Meter hoch, der freie Fall unendlich weit für einen jungen Vogel, der die Flügel noch nicht zum Flug ausbreiten kann.
Ich bedecke den Findling vorsichtig mit der hohlen Hand, wünschte, ich könnte ihn in sein Nest zurücktragen.
Unerreichbar.
In meinem Inneren nistet jetzt ein beunruhigend vertrautes Gefühl. Es dehnt sich allmählich aus. Ein pochendes Wundsein im Herzen und ein Zusammenballen im Bauch.
Als Kind wollte ich alles retten, unterschiedslos, Wespen aus halbvollen Limonadengläsern, Vögel mit gebrochenen Flügeln, oder junge, mutterlose Katzen, denen ich Milch aus einer Puppennuckelflasche einflößte.
Das Gefühl, das ich nun in mir spüre, ist wie ein inneres Aufbäumen, ein energisches Nein zu dem lautlos wartenden Tod. Ein trotziger Griff nach Leben, nach Erhalt jedes winzigen Lebens, besonders eines Lebens, das erst begonnen hat. Ich will, dass diesem Spatz ein Federkleid wächst, will, dass er die Augen öffnet und mit flinken Kopfbewegungen die Umgebung beobachtet. Ich will, dass er mit den anderen in der Dachrinne sitzt und tschilpt. Ich will, dass er die Flügel ausbreitet und fliegt, der ganze Körper ein jubelnder Flug am Himmel.
– Ich will –
In meinen Händen spüre ich das Auf und Ab des Atems und den feinen Herzschlag.
Ich werde kämpfen.
Vorsichtig, aber energisch hauche ich auf den zerbrechlichen Körper, eine erste Hilfe, um ihn vor dem Auskühlen zu schützen. Kurz wende ich meinen Blick von dem Findling ab, nach oben, zum Küchenfenster, rufe zu meinem Mann hinauf, er soll ein Nest aus Wärmeflasche und Wollsocken bauen. Dann hauche ich weiter auf das Vögelchen in meinen Händen.
Jetzt öffnet sich der gelbe Schnabel, und es krächzt aus ihm heraus.
Wie hilflos, dieses Krächzen, dieser Schnabel, diese fest an den Körper gepressten Flügel, dieser Mensch mit einem gestürzten Vogel in der Hand.
Wann habe ich angefangen zu weinen?
Meine Hände müssen das Vögelchen wärmen. Ich kann die Tränen nicht wegwischen, neige den Kopf zur Schulter und reibe die Wange an meinem Pullover trocken. Ich hauche wieder und wieder auf den kleinen Vogel in meiner Handhöhle, im gleichmäßigen Rhythmus meines eigenen Atems.
Wird sein Atmen angestrengter, der Herzschlag langsamer?
Ganz leise entschlüpft er sich und mir, als ob sich sein Leben durch meine Finger gestohlen hätte. Die Brust hebt und senkt sich nicht mehr.
Kein Herzschlag.
Ich öffne meine Hände, blicke auf die zerbrechliche Kreatur. Das Köpfchen ist leicht zur Seite geneigt, der große Schnabel zusammengepresst, so anrührend verletzbar, so schmerzlich still. Mit einem Finger streiche ich über die spärlichen Federn.
Die Entscheidung über Leben und Tod liegt nicht in meiner Macht.
Ich stehe vor dem Haus, ein totes Spatzenbaby in der Hand und verstehe.
© gabi m. auth

Veröffentlicht in Lebensmomente,  litarische Anthologie, Methusalem Verlag 2014.

2 Gedanken zu “Spatz in der Hand

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