Etwas ist anders

„Zerbrich dir nicht den Kopf“, sagt er, „über uns oder über Sex. Du machst dir zu viele Gedanken.“
Er dreht das Feuerzeug zwischen den Fingern.
Sie schweigt. Sieht auf seinen gesenkten Kopf.  Seine Haare sind ein bisschen verstrubbelt.
Sie mag das.
Gedanken?
Es gibt Sätze, die in einer Minute alles ändern können. In Katastrophenfilmen sind es oft die Präsidenten, die diese Sätze zur Bevölkerung sagen.
Machen Sie sich keine Gedanken. Alles wird gut.
Währenddessen rast ein Komet auf die Erde zu, unverändert auf Kollisionskurs, begleitet von bedrohlicher Musik.
Dolby surround.
Man greift in die Popcorn-Tüte, teilt das Verlangen der Protagonisten, ein paar Klamotten zu packen und abzuhauen. Nur wohin? Da ist nichts, wohin man flüchten könnte.
Das ist das Verteufelte an solchen Sätzen, dass sie etwas Schicksalhaftes in sich tragen. Etwas, das sich der eigenen Kontrolle entzieht. Vielleicht bleibt man verschont. Der Komet zieht vorbei. Man weiß es nicht.
Und während Menschen so tun, als machten sie sich keine Gedanken, arbeitet die Regierung daran, die Katastrophe zu verhindern.

In ihrer Beziehung gibt es keine Regierung.
Es gibt sie beide, einen Mann und eine Frau.
Sein Satz schwebt noch zwischen ihnen im Raum, als sie bereits eingestiegen ist in den Brain-Shuttle. Auf ihrer inneren Leinwand läuft ein Film, er wie er zur Tür hinausgeht, ohne sich umzudrehen. Für immer.
In Dauerschleife.
Er legt das Feuerzeug zurück auf den Tisch. Sieht sie jetzt an. Im Kerzenlicht wirken seine Augen fast schwarz.
„Warum sagst du das?“ fragt sie. „So aus heiterem Himmel. Ich hab nicht mal angedeutet, dass ich mir Gedanken um uns mache. Ich mach mir keine.“
Er sitzt ihr gegenüber. Eben erst zurück von einer Reise für seine Firma. Er schweigt, sieht sie an mit diesem beruhigenden Präsidentenblick.
„Ich hatte das Gefühl, dass du dir den Kopf zerbrichst“, sagt er.
„Warum?“
„Keine Ahnung. Es war irgendwas, das du am Telefon gesagt hast. Ich erinnere mich nicht genau.“
Und dann spricht er ihn aus, den zweiten Satz, den, der den Kometen übergroß und bedrohlich in ihr Gesichtsfeld rückt.
„Jedes Mal, wenn ich für die Firma unterwegs war, fühle ich mich ein bisschen verändert. Ein Stück freier.“
Sie spürt wie etwas Kühles sich in ihr breit macht. Langsam, wie Regen, der durch ein undichtes Fenster tröpfelt.
Sie weiß, dass es stimmt, was er sagt. Nicht für jedes Mal, aber für dieses Mal ist es wahr. Sie wusste es, als er zur Tür hereinkam.
Etwas war anders. Etwas in seinem Blick.
Vielleicht würde bald alles anders sein.
Vielleicht würde der Komet in ihr Leben knallen.
Boom
Und Schluss.
Kann man für Liebe kämpfen?
Hollywood, die Popmusik, Romane, viele erzählen, dass man es kann. Doch Liebe ist kein Pokal für den Sieger einer Schlacht. Liebe geht, wenn der Kampf beginnt.
Aber, denkt sie, ich will nicht sitzen und warten, erstarrt wie ein Kaninchen im Licht eines Autoscheinwerfers.
„Wolltest du mir echt nur sagen, dass ich mir keine Gedanken machen soll“, fragt sie. „Oder wolltest du sagen, dass du frei sein willst?“
Er antwortet nicht.
Such die Liebe in dir, flüstert eine Stimme in ihrem Kopf.
Ist da Liebe in ihr für diesen Mann, der anders ist? Diesen Fremden?
Oder ist da nur der Komet, der alles pulverisieren könnte?
Ist sie nicht selbst eine Fremde?
Ein fremder Mann und eine fremde Frau.
Sie könnten sich kennenlernen, vielleicht sogar lieben.
Und die Freiheit?
Was ist mit seiner Freiheit?
„Such Freiheit in dir selber“, sagt sie. „Sie ist da, wo die Liebe ist. Ich hab sie dir nie genommen.
Sie sind ein Paar, Freiheit und Liebe.
Er zündet sich eine Zigarette an, bläst den Rauch in die Kerzenflamme. Es flackert bläulich.
Sie sehen sich an.

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