Selbstauskunft

Versuch in Slam Poetry.

 

Ich bin ein Frosch, doch nicht grün hinter den Ohren. Nicht unschuldig, hab dennoch das Naive nicht verloren. Sozialromantikerin par Excellence, aber denk nicht, dass du mir was vormachen kannst. Ich seh lieb aus, doch leg dich bloß nicht mit mir an. Ich bin kühl, chaotisch, neurotisch und bissig, aber voll Gefühl. Zwischen Gutmensch und böser Fee bin ich ein Ping Pong Ball, zwischen weinen und lachen und ach verdammt. Ich weiß es nicht. Ich hab wahrscheinlich einen Knall.

Ich bin die, die ich bin
wer das ist, willst du wissen?
Selbst, wenn ich es dir sage, wirst du
dein eigenes Bild von mir malen,
deine eigene Fahne auf mir hissen.

Bin Feministin, finde Frauen oft doof und kann Ismen nicht leiden. Bin spontan, aber kann mich meistens nicht entscheiden. Steh auf Sanftheit und Liebe, doch brüll zurück, wenn einer mir blöd kommt. Will geben und auch nehmen. Gehalten sein, nicht gefangen. Bin laut aber liebe das Leise, zwischen reden und schweigen, lachen und weinen will ich alles. Will nicht nur zehn Prozent, sondern hundert Prozent Leben. In voller Fahrt auf meine eigene Weise.

Ich bin die, die ich bin
wer das ist, willst du wissen?
Selbst, wenn ich es dir sage, wirst du
dein eigenes Bild von mir malen,
deine eigene Fahne auf mir hissen.

Ich bin die Leinwand für deine Projektion, für Missgunst, Neid, die Sehnsucht nach dem Vater oder Sohn, die du zu selten siehst, und dann nutzt du als Ventil deinen Hass und die Lust, mich kleinzumachen. Greif zu. Nimm, was du brauchst und filz aus bunter Wolle dir dein eigenes Bild von mir. Ein wuscheliges Feindbild hübsch verziert nach deiner Facon. Ich weiß genau, das ist für dich nicht schwer. Glaub mir, ich würde lachen, wenn’s nicht so traurig wär’.

Ich bin die, die ich bin
wer das ist, willst du wissen?
Selbst, wenn ich es dir sage, wirst du
dein eigenes Bild von mir malen,
deine eigene Fahne auf mir hissen.

Ich bin eine Sammlung von Facetten. Für den Satz dank ich meinem Sohn, ein Künstler und Wortakrobat. Danke auch für seinen Freigeist, ein besserer Lohn für mich, als der verdammte Muttertag. Und seinen Schwestern dank ich für den Humor und für ihr Lachen, das mich wärmt und mir behagt, wenn mir der Hagel ins Gesicht fegt oder Zweifel an mir nagt. Ach und der eine, der große Kleine, auch ein Klangartist und ein Reimer,  ein Sohn, aber nicht meiner. Dem danke ich für seine frohe Kraft und seinen Sonnenmut. Wie seinem Vater. So weit so gut.

Ich bin die, die ich bin
wer das ist, willst du wissen?
Selbst, wenn ich es dir sage, wirst du
dein eigenes Bild von mir malen,
deine eigene Fahne auf mir hissen.

Bin Familienmensch, ich lieb sie alle, doch will ständig meine Ruh, um statt zu chillen, nur zu wuseln, konfuses Zeug zu denken und den Wald vor Bäumen nicht zu sehen. Bin oft beschränkt und kann mich nicht beschränken. Bin schüchtern, linkisch, maulfaul, soll öffentlich ich sprechen, doch hör nicht auf zu quasseln, nehm den Mund zu voll, wenn einer wirklich mit mir redet über das Leben, über den Tod. Den Sinn und alles das dazwischen. Wenn wir dem Schicksal ein paar Stunden aus der Tasche klauen. Für Momente denken, wir könnten ihm entwischen, uns dann trennen und wieder eigene Wege gehen bis auf ein nächstes Mal, oder uns niemals wiedersehen.

Ich bin die, die ich bin
wer das ist, willst du wissen?
Selbst, wenn ich es dir sage, wirst du
dein eigenes Bild von mir malen,
deine eigene Fahne auf mir hissen.

Hippie-Else hat jemand mal zu mir gesagt. Was solls, ich steh dazu, dass ich hennarote Haare und bunte Freundschaftsbändchen mag. Trag trotzdem meistens schwarz und grau. Du schimpfst mich Gutmensch, ich nenn mich fair. Es geht nicht um Klamotten, es geht um unser Wesen, deins und meins, ums Leben, um Bewusstsein, Liebe und noch mehr den Flow, der unsere Herzen tanzen lässt. Um alle für einen, und dass man da ist und versteht, wenn sich jemand in sich selbst verirrt. Nenn mich ruhig irre, lach mich aus. Ich bleib bei mir und lache mit, bin gern verrückt und stolz darauf.

Ich bin die, die ich bin
wer das ist, willst du wissen?
Selbst, wenn ich es dir sage, wirst du
dein eigenes Bild von mir malen,
deine eigene Fahne auf mir hissen.

Wirke oft ungerührt, arrogant und unantastbar, bin aber bloß scheu. Und wer mich wirklich berührt, den werd ich nicht verlassen. Bleibe treu, selbst wenn du gehst. Bin lautlos noch bei dir, egal wohin der Wind dich weht und nenn dich Freundin oder Freund. Es sind nur wenige, die diesen Namen tragen. Obwohl ich manchmal in der Menge bade, scheint Berührung ein rares Phänomen. Genug. Die Reihe ist an dir, die Schubladen zu öffnen. Ich sitz in allen und pass in keine. Bin Freundin, Feindbild, Mutter, Frau. Ein Biest. Einfach ein Vogel, der vorüber fliegt und leise seine Krallen über deine Kopfhaut zieht.

Ich bin die, die ich bin
wer das ist, willst du wissen?
Selbst, wenn ich es dir sage, wirst du
dein eigenes Bild von mir malen,
deine eigene Fahne auf mir hissen.
 

 

 

Ist

Fast alles, was wir zu wissen meinen,
Spekulation.
Der Rest eine Mischung aus Fetzen
von Erkennen und
Schweigen.

Das meiste, was wir
über andere denken,
Ein Spiegelbild.
Der Rest ein Potpourri aus
echter Wahrnehmung
und Illusion.

Was wir wollen und meinen,
was wir fühlen und,
wie wir scheinen,
ob wir schreien oder flüstern.
Nur Metaphern für das Leben.
Für Abneigung und Sympathie,
für Morgen und für Gestern.

Was wir uns
nicht zu denken trauen,
nicht zu fühlen wagen,
nicht sehen oder
erkennen wollen.
Wahrheit.

Was wir wissen könnten,
wenn wir furchtlos wären,
wirklich sehen würden,
wach und urteilsfrei,
ist Liebe, sind wir selbst,
ist jetzt.
Ist.

© gabriele auth

Jahresringe

Bilder vom
Krieg.
Anblick des
Leids.
Lähmende Ahnung
von Hilflosigkeit.
Der Versuch, zu
verstehen.
Der Wille, zu
sehen.

Die offene Tür.
Eine helfende Hand.
Dies Leben.
Diese Menschen.
Die Geschichte.
Dies Land.

Erinnerung
an Liebe.
Spuren von
Glück.
Jahresringe ins
Wesen geprägt.
Der Blick
nach vorne.
Ein Gruß
zurück.
 

Glück gehabt

Paranoia Mädchen
folgt dem
weißen Kaninchen
traumverloren im
Scheinwerferlicht,
hey, lass uns feiern,
die Titanic sinkt
ein anderes Mal
schau, Godot hockt
draußen vor der Tür,
und regennass glänzt
eine Lichterkette
am Weihnachtsbaum
im Vorgarten.
Glück gehabt, und
Fröhliche Weihnachten

Am Abgrund

Am Abgrund
eilen wir hin und her,
vor und zurück, bis
unsere Zehen fast schon
in die Tiefe ragen, und
schreckensstarr
wenden wir uns ab.

Am Abgrund
fragen wir uns nach
dem Sinn des
Lebens und des
höher, weiter, schneller.
Soll das denn alles
falsch gewesen sein?

Am Abgrund
zögern, zaudern wir,
ein Wein und eine
letzte Zigarette,
ein kurzer Schauder
und dann der Sprung?
Oder auch nicht?

Am Abgrund
stehen wir und warten,
dass einer kommt mit
einer allerletzten
Antwort auf die
Fragen, die wir nie
zu stellen wagten

Am Abgrund
wissen wir nicht,
ob wir stürzen werden,
oder fliegen können.
Arsch auf Grundeis.
Da zählt nichts mehr,
nur noch der Sprung.

Komm,
lass uns
f l i e g e n.

 

(co) Gabriele Auth
 

Seufzer Lounge

In der Bar der
gebrochenen Herzen,
klagt der Jemand dem
Niemand sein Leid.
Sie seufzen und
jammern und ahnen,
Herzrisse heilen
nicht durch die Zeit.
Zeit trocknet Tränen,
lässt Kummer verwehen,
doch Heilung bringt
zweifellos nur, diese eine,
sich selbst vergessende
Liebe, die im Inneren
keimt, blüht, verzeiht.

(c) Gabriele Auth

 

Vorfreude

…auf die Frankfurter Buchmesse, wo ich das eine oder andere Interview mit Newcomern führen werde und natürlich Kontakte mit Verlagen, Selfpublishern, Agenturen und  Autoren knüpfen oder einfach nur pflegen will.  Bin selbst gespannt, was es danach darüber zu erzählengibt.  Ganz sicher schreibe ich mindestens eine Rezension. Ich weiß auch schon über welche beiden Bücher.
So, damit es hier nicht gänzlich so unpoetisch wird, ein kleines bißchen Lyrik aus dem Heimatbunker:

Warum mit Engeln reden,
die kühl und ungerührt
im Äther schweben?
Verborgen in den Tiefen
meines Erdenlebens
klingt die Stimme meines
eigenen Schicksals,
das frei gewählt mir

auf dem Fuße folgt.

Mit einem Dreh zur Seite
begegne ich dem Blick,
sitze am klaren Wasser
meiner Möglichkeiten,
und wie Regenbogenlicht
entfaltet sich mein Weg, im
Vorwärtsgehen lausche ich
den Klängen aus der Mitte.

Lasst mich den Engeln
zum Abschied
einen Tango pfeifen.
Lebt wohl, ich brauch
euch gerade nicht bei mir,
mein Leben ist  mehr
als genug.

© gabriele auth

 

Bild einer Liebe

Federleicht ist mir
noch immer, wenn
ich dieses Lächeln seh’
auf einem alten Foto,
das ich in meinem
Schreibtisch fand.
unbeschwerte Erinnerung,
Rufe aus einem alten,
einem leuchtenden Land.

Wo ist es hin, all das,
was mit uns war,
das Lachen, das Reden,
das Staunen, das Erleben?
Ich seh’ im Spiegel
mein wehrloses Gesicht.
Da ist niemand, nur ich.
und das Bild einer Liebe.
Dich finde ich nicht.

(c) Gabriele Auth

 

Weltfriedenstag

Heut ist Weltfriedenstag, da laden Neonazis Flüchtlinge zum Tanztee.
Und AFD serviert dazu ein fulminantes Kalt-Buffet.
Mett-Igel an Fladenbrot und selbstverständlich alles streng Halal.
Heut ist man multikulturell und international.

Heut ist Weltfriedenstag, Assad lädt ein zum Volksfest
mit Hüpfburg, Kaffee, Kuchen, alles ganz gechilled.
Auf dem Bazar spielt eine ISIS Rockband.
Man tanzt dazu vergnügt und frei und wild.

Heut ist Weltfriedenstag und  bei den Saudis CSD,
selbst Onkel Trump geht mit und schlägt das Tamburin.
In Washington gibt’s ein Konzert zu Ehren Putins.
Marine le Pen sitzt lachend mit  ner Burka im Foyer.

Ach. Alle sind sich heute wohl gesonnen.
Kein Schuss stört das Idyll, nicht eine Bombe detoniert.
Sie reden miteinander liebevoll besonnen.
Man reicht Gebäck sich, Achtung oder Hände,
Zuwendung und wo nötig auch mal Geld.

Heut ist Weltfriedenstag, da wird nicht gebissen,
nicht aufeinander eingeschlagen, nicht einmal gebellt.
Morgen ist alles dann vorbei, da schlagen sie sich weiter unverzagt.
Heut ist Weltfriedenstag und ich hab einen Traum gehabt.

1755 Tage und eine Nacht

Sie war der
Wind
in seinen Segeln.
Das fühlte er.
Er war der
Hafen,
in den sie einlief.
Das wusste sie.
Gemeinsam
brachten sie
ihre Boote
zum sinken
in
eintausend
siebenhundert
fünfundfünfzig
Tagen
und einer
Nacht.
Verbrannten die
Segel,
jeder für sich
allein.