Am Abgrund

Am Abgrund
eilen wir hin und her,
vor und zurück, bis
unsere Zehen fast schon
in die Tiefe ragen, und
schreckensstarr
wenden wir uns ab.

Am Abgrund
fragen wir uns nach
dem Sinn des
Lebens und des
höher, weiter, schneller.
Soll das denn alles
falsch gewesen sein?

Am Abgrund
zögern, zaudern wir,
ein Wein und eine
letzte Zigarette,
ein kurzer Schauder
und dann der Sprung?
Oder auch nicht?

Am Abgrund
stehen wir und warten,
dass einer kommt mit
einer allerletzten
Antwort auf die
Fragen, die wir nie
zu stellen wagten

Am Abgrund
wissen wir nicht,
ob wir stürzen werden,
oder fliegen können.
Arsch auf Grundeis.
Da zählt nichts mehr,
nur noch der Sprung.

Komm,
lass uns
f l i e g e n.

 

(co) Gabriele Auth
 

Jahrmarkt

Auf dem Jahrmarkt
der Befindlichkeiten
dreht das Riesenrad sich
im vier-achtel-Takt.
Es kreist und dreht
und hebt sich, bis jeder
die Wut, die Angst und
den kleinsten Schmerz
hinaufgespien hat
ins Himmelblau
ins Wolkenweiß
würgend in den
Wellentälern
der Unnahbarkeit.
Wenn dann am Ende
die Juke-Box schweigt,
weil weiß und klar
Wahrheit und Mut sich
in die Gondeln schleichen.
tanzen schweigend sie
nach Haus,
die Umgewandelten.

(c) gabriele auth

Zieh mit dem Fluss

Geh nicht hinaus,
draußen lauern sie,
fahle Gestalten wie
Asche im Nebel,
gebeugt, gescheitert,
verloren in sich.
Sie sehen dich nicht.

Vermeide die Stadt,
den Leierkastenmann.
Mit toten Fingern,
mit knochigem Grinsen
treibt die Orgel er an,
verloren in sich.
Er sieht dich nicht.

Sieh auch nicht hin,
wenn sie rennen,
wenn sie fliehen,
vor ihrer Sinnlosigkeit,
die Münder wie Gräber,
verloren in sich.
Sie spüren dich nicht.

Dreh der Welt
den Rücken zu,
zieh mit dem Fluss
und bleib bei dir,
nur Du und Du.
 

Vergessen (für eine Liebe)

Will vergessen, wie du aussiehst,
dein Blick, dein Haar, das ganze Du,
doch dieses Kribbeln, wenn wir lachten
ist immer noch hier, summt weiter in mir.

Seltsam, wie der Wind das Leben
auseinanderfegt, wie dürres Herbstlaub,
wie feiner Sand, der sich auf alles legt,
auch auf die Erinnerung.

Werd vergessen, wie ich weinte,
bin darüber beinahe froh, deine Finger
in meinem Haar, ein leiser Gesang
zartherber, erlöschender Klang.

Seltsam, wie der Wind das Leben
um die Häuser fegt, wie dürres Herbstlaub,
wie feiner Sand, der sich auf alles legt,
auch auf die Erinnerung.

Hab vergessen, wie du fortgingst
will es auch nie wieder sehn,
deine stumme Gestalt, geschlossene Tür,
ich blieb hier,alleine bei mir.

Seltsam, wie der Wind das Leben
durcheinanderweht, wie dürres Herbstlaub,
wie feiner Sand, der sich auf alles legt,
auch auf die Erinnerung.

Ex ist e(i)nz

Ex ist Eins,
verbinde zur Zwei,
füg‘ alles zusammen,
erschaffe die Drei.
Existenz ist nicht leben.
Leben ist mehr,
ist lachen und träumen.
Komm, zeig es mir.
Fliegend auf Wolken,
tauchend ins Sein,
erschließen wir Wege,
öffnen die Tür.
Existieren und leben
verknüpfen wir
zum Großen
zum Ganzen.
Im Kleinen allein
fügen sich Teilchen
zur vollkommenen Form,
zerfallen ins Nichts.
Neugeburt.

Der letzte Demiurg

Radikal –
der Lauf der Zeit.
Bist du bereit?
Weggeknallt und abgestellt
lauscht du dem Schrei
der Krähen,
die ohne Scham und gierig
sich um das fahle Fleisch
der Toten scharen.
In der Mitte des Orkans
ist Stille.
Zeit nichts als der Wahn
des letzten Demiurgen.
Vergiss und staune.

Angst vorm Fliegen

Lasse das Messer in der Tasche.
Obwohl,
es könnte mich beschützen,
wenn ich ohne Halt
in mir verloren steh.
Okay,
trag es nun ungeöffnet in der Hand.
Vielleicht kann es mich stärken,
wo ich mich hilflos in den
Fesseln meines Lebens seh’.
Ja,
ich öffne es und halte es wie
Schild und Schwert zugleich.
Blassgrauer Stahl
schluckt alles Licht.
Ich stehe, atme,
warte auf ein Signal,
das mir Beruhigung schenkt.
Endlich sinkt der Arm,
schließt sich das Messer
und der Kreis.
Unbeschwert lass ich
das unbrauchbare
zu Boden trudeln,
gehe meinen Weg
unbeeindruckt von
Unwägbarkeit.

© Gabriele Auth

furchtlos

Ernüchterung, die kranke Blässe nach dem Tag der Pauken und Trompeten.
Das klirrend klare Drehmoment des Denkens, wenn schwer und lahm das Herz sich in der Mäßigkeit verliert.  Ernüchterung, wenn alle Türen fast geschlossen und nur die eine weit geöffnet steht, die giftig leuchtend in die Steppe führt. Wo Hände ziellos in den Niemandshimmel greifen und Blicke mutverloren stolpern über dürres Gras. In einem Atemzug vergeht die Welt und am Horizont verhallt der Jubel der Chimären.  Furchtlos schleicht ein Sonnenstrahl ins Grau.

Im Lächeln einer Katze

Leben pur und ohne Limit, im Maßstab Eins zu Eins, ohne zu zögern den Rausch des Urknalls leben und Mensch und Schöpfung im Einklang fühlen. Jedes für sich ohne Verlassenheit im Teilchenbeschleuniger der Wahrheit, im Licht und frei.
Im Lächeln einer Katze schwingt  der ganze Kosmos.

Kulissen

Die Bühne ist bereitet, ein ganzes Leben schon. Aus den Kulissen klingt der Chor der Nornen und tausendfach durchbohren Blicke mir die Haut. Ich trage keinen Blickschutzfaktor, nur mein Herz. Und Liebe.
Das Lied der Nornen hat die Düsternis verloren und auch das Augenpaar der ersten Stunde, es macht mir keine Angst mehr. Ich muss nicht mehr agieren, steh einfach still erwartungslos, öffne die Arme weit und auch der Tod ist nur ein neues Bühnenbild.