Sechs Uhr morgens.
T. schläft noch tief und fest neben mir im Bett. Vielleicht träumt er von England. Der Wecker und sein dröges Miep Miep sind heute deaktiviert. Mein Leben tickt allerdings jetzt im Vogeltakt. Ob ich frei habe oder nicht, ungefähr um sechs wird gefüttert.
Der Federling schreit. Ich husche mit einem Lächeln ins Badezimmer, wo sich schon der aufgesterrte Schnabel aus dem Kartonnest reckt. Wer hätte gedacht, dass ich noch mal mit Freuden um sechs Uhr aufstehen würde? Ich, Madame mein-Biorythmus-lässt-aufstehen-vor-sieben-nicht-zu.
Es gibt wieder dieses Quark-Ei Gemisch. Nach dem Frühstück will ich Mehlwürmer und Aufzuchtfutter besorgen. Vorsichtshalber bitte ich T, sich um den Spatz zu kümmern, während ich einkaufe.
Als ich zurück komme, liegt der Kleine satt und zufrieden in seinem Heu-auf-Wärmflasche-Nest. Die Fütterung scheint gut geklappt zu haben. T ist äußerlich pragmatischer als ich, aber ich bin überzeugt, dass der Piepmatz einen Platz in seinem Herz erobert hat.
Die Mehlwürmer sehen aus wie etwas, vor dem ich normalerweise schreiend wegrennen würde. Okay, das ist übertrieben, aber auf jeden Fall wie etwas, um das ich einen sehr großen Bogen machen würde. Sie sind dankenswerterweise in einer hochwandigen durchsichtigen Kunststoffdose. Ich hoffe, sie ist auch wirklich hoch genug. Es wimmelt und wimmelt nämlich. So orange und madenweiß. Man muss die Dinger im Kühlschrank aufbewahren, damit sie länger haltbar sind. Sie halten auch dann höchsten zwei Wochen, bevor sie sich verpuppen und später zu irgendwelchen Käfern werden.
Zwei und zwei zusammengezählt sagt, es könnten Mehlkäfer sein. Keine Ahnung, ob es die überhaupt gibt. Keine Lust, Tante Google zu fragen. Bei der nächsten Futterrunde stehen jedenfalls außer Quark mit Ei auch Mehlwürmer auf der Speisekarte. Den ersten findet der Federling lecker. Bevor ich ihm einen zweiten geben kann, ruft T aus dem Wohnzimmer:
„Gibst du ihm lebende Mehlwürmer?“
„Nein, ich spieße sie auf. Dann sind sie doch kaputt.“
„Nee, sind sie nicht. Im Internet steht, dass man ihre Köpfe kaputt machen muss, weil sie sich in den Magenwänden des Vogels festfressen können.“
Verdammter Mist. Ich fische mit der Pinzette zwei von den Dingern aus der Schachtel und sehe sie mir genauer an. Sie haben tatsächlich eine rötliche, kugelige Verdickung an einem Ende. Offensichtlich der Kopf. Darunter sind ein paar winzige Krabbelbeine, mit denen sie sich fortbewegen.
Irgendwie tun sie mir leid, als sie versuchen, der Pinzette zu entkommen. Ich zerquetsche trotzdem ihre Köpfe. Es knackt wie ein Hundefloh.
Ich frage mich, was mit mir nicht stimmt. Ich meine, ich bin Vegetarierin und kille hier grad Mehlwürmer, damit so ein kleiner Spatz sie essen kann. Vermutlich wurden sie speziell für diesen Zweck gezüchtet. Und das Gewimmel in der Schachtel sieht verdammt nach Massentierhaltung aus. Verstörend irgendwie.
Andererseits nimmt man ja auch Antibiotika, um Bakterien zu töten. Ab wann gilt eigentlich ein Wesen als Tier und als Lebe-Wesen? Natur ist eine komplexe und geheimnisvolle Angelegenheit, wo Leben und Tod ihren Platz haben und das vermutlich im perfekten Gleichgewicht. Manchmal denke ich, wir wissen zwar viel, haben aber trotzdem keine Ahnung.
Wie auch immer, der Federling jedenfalls mag Mehlwürmer und bekommt sie auch bei der nächsten Fütterung. Das Nestlingsfutter ist nicht so sein Ding, aber es gibt ja immer noch Quark-Ei-Brösel.
Am Abend, nach der letzten Mahlzeit halte ich den Winzling in den Händen. Er hat in der kurzen Zeit bereits mehr Federn bekommen. Sein kleiner Körper passt perfekt in meine Handwölbung. Ich halte ihn lange so. Zwischendurch öffnet er kurz die Augen, wendet den Kopf in meine Richtung und sieht mich an. Das macht mich ganz schwach, als wäre ich selber so klein und hilflos. Als ich später im Bett liege, habe ich vor dem Einschlafen, wie einen Abdruck auf der Handfläche, immer noch das Gefühl, als hielte ich ihn in der Hand .
Ich lasse mich selten mit Haut und Haaren auf ein anderes Lebewesen ein. Keine Ahnung wieso.
Warum es mich jetzt bei dem Piepmatz so erwischt, weiß ich nicht. Es ist einfach so, sobald ich ihn höre, sehe, füttere, oder in der Hand halte, pustet es mich innerlich weg.
leben
Spatzentage 2
Ich träume. Sommerwiesen in der Toskana, das Zirpen der Zikaden, Vogelgezwitscher. Die Luft riecht nach Hitze und Rosmarin. Schön. Der Gesang der Vögel wird lauter, gräbt sich mit drängender Energie in meine Ohren. Trommelfelle vibrieren.
Ich öffne die Augen. Keine Spur von blauem Sommerhimmel. Grau und dämmrig ist das Schlafzimmer. Ich sehe auf den Wecker. Viertel vor sechs. Noch etwas über eine Stunde bis er loslegt.
Doch aus dem Badezimmer tönt bereits jetzt das hungrige Rufen eines Spatzenbabies. Es klingt nach maximaler Verzweiflung. Noch schneller käme ich, glaube ich, nur dann aus dem Bett, wenn es brennen würde. Ich hole mir die Dose mit der Quark-Ei Mischung und trage den Karton mit unserem teilgefiederten Gast behutsam ins Esszimmer. Das Schreien wird lauter, schwillt an, bis das erste Bröckchen im Schnabel gelandet ist, dann stoppt es ein paar Sekunden und fängt unvermindert von vorne an. So geht es etwa fünf Minuten. Zum Glück hat T. den Zahnstocher, den ich zum Füttern benutze abgerundet.
Der kleine Spatz schenkt mir einen kurzen Blick aus einem Auge. Dann schiebt sich ein graues Augenlid von unten über die Pupille. Der Federling schläft satt und zufrieden ein. Ich tapse zurück ins Bett, wo T. noch friedlich schläft. Er sieht fast so zerzaust aus wie der Spatz. Großartig, dass ich heut nicht arbeiten muss, denke ich und dass wir danach beide noch zwei Tage frei haben. Ich wühle mich in meine Decken und schalte um auf Kuschelmodus, aus dem mich Ts. Wecker eine Stunde später wieder zurück pfeifft mit seinem nervigen Miep, Miep, Miep. Er wird unterstützt von einem hungrigen Tschilpen aus dem Bad. Ich versenke erneut Quark-Ei-Bröckchen im Schnabel des Federlings. In meinem Hals spüre ich dabei so einen seltsamen Kloß. Ich spüle ihn später mit Kaffee weg.
Frühstück am Laptop ist besser, als man vermutet. Vor allen Dingen, wenn es in den unendlichen Weiten des virtuellen Raumes etwas über Spatzen und ihre Brut zu lesen gibt.
Mein Fazit nach eineinhalb Stunden: Ich brauche Mehlwürmer, Handaufzuchtfutter und eine riesige Kiste Geduld.
Und, ich weiß jetzt, dass mein kleiner Ziehvogel jede zweite Stunde gefüttert werden muss, aber dafür nachts von circa 22 Uhr bis morgens um sechs schlafen wird. Es scheint, als wären Spatzenbabies in dieser Hinsicht den menschlichen Babies ähnlich.
Okay, dann stelle ich mich eben innerlich auf einen anderen Lebensrythmus ein. Und ehrlich, ich freue mich darauf.
Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, schreit der kleine Findevogel wieder nach Nahrung. Nach dem Füttern nehme ich ihn in meine Handhöhle. Im Nest sitzen die Jungen dicht gedrängt beieinander. Ich meine, wie soll er sich wohl fühlen, wenn er hier immer nur alleine in seinem Kartonnest liegt? So völlig ohne Körperkontakt? Der alte Fritz hat mal ein Experiment mit Babies gemacht. Sie wurden rundum versorgt, aber nicht gestreichelt oder im Arm gehalten. Sie haben nicht überlebt. Grausam oder?
Ich bin überzeugt, dass auch ein Spatzenbaby kuscheln möchte.
Ich spreche leise zu ihm. Ja, ich spreche mit einem Spatzen. Ich erzähle ihm, was für ein wunderschönes Wesen er ist und wie groß und kräftig er bald sein wird.
Er antwortet nicht.
Sein winziger Körper fühlt sich ganz warm an in meinen Händen. Ich habe gelesen, dass Vögel eine höhere Körpertemperatur haben, als Menschen ungefähr 39° bis 42°.
„Es ist ein verdammtes Geschenk, dich in den Händen zu halten und groß ziehen zu dürfen, Federling“, sage ich und spüre wie meine Augen ein bisschen überlaufen, als er ein winziges, leises Zirpen und so etwas Ähnliches wie ein Schnalzen von sich gibt.
Glück hat manchmal kleine Federn.
Englisches Tagebuch Teil 5: Beaminster Church
Beaminster ist ein kleiner, alter Ort mit einer noch älteren, Kirche aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Fast fühle ich mich in diese Zeit versetzt, als ich umringt von typisch englischen Natursteinhäusern durch die engen Gassen gehe. Hier wurde das Buch Tess d’Urbanville von Thomas Hardy verfilmt, der ein Kind Dorsets war.
Auch der kleine Ort, in dem Dumbledore seine Kindheit verbrachte, ähnelt im Film dem, in dem wir hier gelandet sind.
Ich würde jetzt gerne erzählen, dass an unserem ersten Tag die Sonne scheint, das Wetter gebärdet sich jedoch wie eine unzufriedene Ehefrau. Wolkenverhangen, diesig. Immerhin weint der Himmel nicht.
Wir haben uns aus dem Haus gewagt, um den Ort zu erkunden und entdecken den alten Friedhof, der wie in einer brüderlichen Umarmung die Kirche umschlingt.
Der älteste Grabstein, von 1420, gibt keinen Namen preis. Er neigt sich müde zur Seite, so weit, dass man ihn stützen möchte. Überhaupt scheinen die meisten Steine archaisch und schief, die Inschriften verwittert, die Oberflächen von ockerfarbenen und weißgrauen Flechten überzogen.
Ein greiser, ein sterbender Ort für die Verstorbenen, erzählt wortlos die Geschichte der Vergänglichkeit, liebevoll überschattet von knorrigen Bäumen, deren mächtige Kronen zu singen scheinen.
Während T. mit der Kamera zu verewigen versucht, was nicht ewig sein kann, sitze ich auf einer Bank und genieße Ruhe. Vereinzelt kriechen Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke wie vorwitzige Kinderfinger ins Nutellaglas und verschwinden genauso schnell wieder.
Als T. die Fototour beendet, betreten wir die Kirche. Der Raum, der uns umfängt, hat nichts gemeinsam mit den ernsten, in schwermütigem Schweigen verharrenden katholischen Kirchen, die ich zum Beispiel in Italien gesehen habe. Die, in denen es so stark nach Weihrauch riecht, dass die Stirnhöhle bebt.
Das Gotteshaus in Beaminster hat etwas heiteres, fast verspieltes, scheinbar immer in Auflösung und Wandel begriffenes. Achtet mich, aber nehmt mich nicht zu ernst, scheint es zu flüstern und verströmt seinen Geruch nach vergilbtem Papier, Staub und feuchtem Mauerwerk.
Rechts neben der Eingangstür entdecken wir die Kinderecke. An einer Pinwand hängen Listen, in die die Kinder sich für Back oder Bastelaktionen eintragen können. An einem runden, ferrariroten Plastiktisch, Marke Ikea klobig, sitzen Puppen, handgestrickt aus bunter Wolle. Alle haben sie sorgfältig aufgestickte, lächelnde Gesichter. Fast unheimlich.
Ich stelle mir die Ladies der Gemeinde vor, wie sie bei einer Tasse Tee und ein paar Scones mit clotted cream, die Nadeln schwingen.
Wir müssen lachen. Es ist so schräg, so exzentrisch, so zum Verlieben britisch.
Vor dem Verlassen der Kirche erwerbe ich gegen eine Spende noch The Dorset cooking book. Die Rezepte wurden von Gemeindemitgliedern gesammelt.
Der Erlös aus dem Verkauf soll dem Erhalt der Kirche dienen.
Ich denke, sie hat es verdient.
Ich bin Shirin
Ich bin Shirin.
Das ist das Einzige, das ich weiß.
Aber vielleicht stimmt auch das nicht.
Vielleicht ist es falsch, wie alles andere.
Wie mein Leben.
Ich bin Shirin.
Sie sagen, sie haben mich
am Strand gefunden, aber
kann man einen Menschen finden
wie ein Stück Strandgut.
Ich bin Shirin.
Alles, woran ich mich erinnere,
ist dieser Name und die Farbe des Bootes,
in dem wir saßen, meine Umi und ich,
zusammen mit dreihundert anderen.
Ich bin Shirin
Das Meer brennt in den Augen.
Es schmeckt wie Tränen.
Umi kommt nicht mehr.
Es gibt nur noch mich.
© gabi m. auth
Tatort
Menschen können nicht fliegen wie die Vögel.
Wenn sie sich über die Wolken heben, sitzen sie meist in langen Metallröhren mit starren Flügeln, die von kräftigen Motoren in der Luft gehalten werden.
Manchmal, stürzen sie, rasen hilflos in eine Tiefe, in der sie zerbrechen, Mensch wie Maschine.
So wie in Südfrankreich.
Und über den Trümmern erhebt sich das Weinen und Klagen der Mütter und Väter, der Brüder, Schwestern, Kinder und der Freunde all jener, die Herz an Herz verbunden waren mit den Gestürzten.
Und Viele, die nicht getroffen sind, klagen mit in ihrer Betroffenheit der Verschonten, halten erschrocken, voller Mitgefühl , aber erleichtert die Hände ihrer Liebsten, davon gekommen, doch ahnend, die einzige Sicherheit im Leben ist der Tod.
Und manchmal die Liebe.
Menschen können nicht unbegrenzt schwimmen, nicht wie die Fische, die sich frei in den Meeren zwischen den Kontinenten bewegen.
Wenn Menschen die Meere durchqueren, sitzen sie meist in schwimmenden Kisten, die von kräftigen Motoren vorwärts bewegt werden.
Manchmal sind diese Kisten die einzige Hoffnung auf ein Leben ohne Hunger, Krieg und Angst. Sie sind oft alt und leck, und sie sinken, ziehen die Menschen mit sich in die Tiefe und in die Weite des Ozeans, wo die Kraft schwindet und die Lungen sich füllen mit Tränen des Mittelmeeres .
Körper tanzen auf den Wellen, unbeweint, fremd, ungerufen bis der letzte Atemzug verklingt, ein krampfhaftes Gluckern.
Stille.
Wer kennt die Namen? Wer lauscht dem Weinen und Klagen der Väter und Mütter, der Brüder, Schwestern, Kinder und Freunde?
Manchmal klingt Schweigen so schrill, dass es schmerzt.
Und nach der Tagesschau kommt Tatort, es gibt Chips. Werden Thiel und Börne es richten?
© gabi m. auth
Gesichter
Manche sehen aus wie Blumen, Margeriten oder Rosen. Rosen sind sehr beliebt. Andere sind wie Fabelwesen, kleine, pinkfarbene Drachen, blaue Einhörner und Mangas. So etwas in der Art eben.
Dann gibt es die prosaischen oder die politischen, die nur einen Schriftzug tragen. Irgendwie trotzig.
Und da sind natürlich die, die ein Gesicht haben, das wie ein Gesicht aussieht, ansprechend wie ein echter Ansprechpartner.
Oft ist das Abbild ihres Gesichtes schon viele Jahre alt, vielleicht sogar aus der Kindheit. Oder es ist das Gesicht von jemand anderem.
Manchmal weiß ich es.
Ein anderes Mal weiß ich es nicht und frage auch nicht danach.
So viele Gesichter in diesem Buch, so viele Phrasen, bunte Bilder und Plattitüden.
Katzen sind beliebt und weise Sprüche. Oh ja.
Dazwischen immer wie auch eine Perle, ein Edelstein oder zumindest ein Halbedelstein, etwa eine wunderschöne Musik, ein berührender kleiner Film, oder Texte, die so voller Leben scheinen.
Und dann findet sich in manchen Momenten ein echter Austausch, einer, der anregt, der Lust auf mehr macht oder nachhallt wie ein geflüstertes Geheimnis.
Und ich spüre einen Hauch des Menschen hinter dem Gesicht, gleich eine winzigen, warmen Brise mitten im Winter.
Hin und wieder wird so ein Gesicht dann klarer, eine Stimme am Telefon ergänzt das Bild und selten, sehr selten, stehe ich auf einem Platz mitten in der Stadt, die Sonne scheint und eine Person kommt auf mich zu. Ein Gesicht aus dem Gesichtsbuch hat plötzlich einen Körper, einen Gang, eine Mimik und zwei lebendige Augen, die den ganzen Menschen offenbaren.
Wir lachen und freuen uns, dass wir den Sprung gewagt haben.
Und einmal mehr wird klar, dass das Gesichtsbuch, ja, dass die ganze virtuelle Welt im besten Fall eine Gehhilfe ist, wenn es richtig gut läuft, sogar eine, die eine Freundschaft begründen kann.
So ganz real.
mein bester Freund
Mein bester Freund
warst du,
einer fürs Kino,
oder für Konzerte,
und zum reden,
ganz besonders
zum reden.
Etwas an dir
ließ mich hören,
zuhören, stundenlang,
ein sehendes Hören,
ich sah dich an
und mochte, wie
dein Reden aussah.
Und dein Lächeln,
leise, und trotzdem
durchmaß es den Raum
wie mit leichten,
federnden Schritten,
Vorbote eines
neuen Gefühls.
Das Erstaunen, als
wir es entdeckten,
das füreinander
neu sein und
dieses Gefühl
in der Brust,
wie Flügelschlag.
Liebe nannten wir es.
Und wir lachten.
In deinen Augen
sah ich meine Frage
gespiegelt, wie
ein flimmerndes
Nichtbegreifen.
Warum gerade du?
Wir sind geblieben,
einfach so,
und das Staunen
blieb mit uns
die ganze Zeit
Liebende und
Beste Freunde.
© gabi m. auth
Apollos Atem
Wie es riecht, so unbeschreiblich,
süßwürzig, luftigfrisch
nach aufbrechender Erde,
nach sprießendem Grün, und
nach Staub in den Sonnenstrahlen.
Winzige Blüten recken
ihre blauen Köpfe ins Licht,
und die Vögel, sie jubeln
und singen und hören nicht auf,
ein Chor der Lust auf Leben
Apollos belebender Atem
streicht liebevoll schelmisch
über jedes Wesen, die großen,
wie die allerkleinsten, und es lacht
und lacht, und alles lacht mit, Frühling.
© gabi m. auth
Isola Sicilia
Kann dich nicht verlieren,
dein Name unvergänglich
in mein Herz gebrannt,
ein süßes Feuermal.
Mit heißen Fingern wühlte
der Scirocco sich
in meine Augen, bis sie
halb blind und starr
schemenhafte Kräfte
auf den Feldern ahnten.
Die tanzten silbern dort
und schön.
Betörend und kühl salbte
Tramontana die Wunden
meiner Nacht, wehte in
mein glühendes Hirn,
bezwang die Geister,
und lehrte mich sehen.
Unbegreifliche Schönheit
der Vergänglichkeit.
Abblätternde Farbe
auf einer alten Tür,
sanft verwitternd
wie das Leben.
Wie ich dich hasste, als
in der Glut des Sommers,
Schmetterlinge starben,
zerbrechliche Flügel
betäubt im Straßenstaub,
einer für jeden meiner Träume.
Und wie liebte ich dich, wenn
Abendsonne das Leben färbte,
ein graublaues Meer aus
Zärtlichkeit und Gier nach Leben
mich in den Armen wiegte,
unbegreiflich still.
Leuchtende Insel, du
schöne, stolze Königin,
geschändet, verraten ,
tausendfach geschmäht.
Offenbartest, was ich bin
und heiltest den Schmerz
einer Leidenschaft, der
unheilvollen, vergifteten,
die niemals atmete.
Als die Trauer zerrann,
wurde Freiheit geboren,
das Kind der Liebe.
© gabriele auth
Um drei ist Kaffeezeit
Um drei ist Kaffeezeit,
sie tanzen dumpf den Reigen,
unberührt von Herz oder Verstand,
rechts-seit-schritt-seit.
und rundherum im Kreise,
brav auf den Teller blickend,
niemals über seinen Rand.
Um drei ist Kaffeezeit,
sie ducken sich, wo sie nicht
treten können und treten,
wo ein anderer sich duckt
und grölen Abendland und beten,
und haben Schaum vorm Mund,
wenn sich ein Moslem muckt.
Um drei ist Kaffeezeit,
man trinkt jetzt Cappuccino.
Man ist modern, und findet Hellas toll.
Dem faulen Griechen allerdings,
dem würde man gern sagen,
von nichts kommt nichts, und
dass er sich am Riemen reißen soll.
Um drei ist Kaffeezeit,
ich danke und verzichte
nehmt’s mir nicht übel,
mit eurer Zeit habe ich
nichts am Hut, und allen
Griechen sei gesagt, ich
danke Euch für Mikis, für
seine Lieder, wie für euren Mut
Um drei ist Kaffezeit,
es lebe hoch der Stinkefinger,
den die verdienen, die voll Wut
nur lamentieren laut und schrill.
Am Un-Wesen wird nicht
die Welt genesen, hätt einen Wunsch ich,
ich wüsste, was ich will.
Um drei ist Kaffeezeit
Zur Hölle mit dem Stumpfsinn.
Ich wünschte Freiheit uns,
und einen wachen Geist,
der Piefigkeit und Hochmut
von der Erde wehte, mal hier
mal dort, mal laut, mal leis.
Um drei ist Kaffeezeit,
ich wünschte er würd wehen,
im nahen und im fernen Osten,
in Europa, in Russland, USA.
Rund um den Globus soll er toben,
bis alle Hirne endlich sauber,
die Augen offen und die Herzen klar.
Und Liebe, als ein Kind der Freiheit,
umfange jeden, ohne Ansehen
seiner Haut und seiner Religion.
Wenn wir uns so die Hände reichten,
schlöss um die Erde sich der Kreis,
Leben kann ein wunderbarer Ort sein,
für den, der es zu schätzen weiß.
© gabi m. auth
Danke an Thomas Sonnabend und seinen Blog für die Anregung.
