Spatzentage 3

Sechs Uhr morgens.
T. schläft noch tief und fest neben mir im Bett. Vielleicht träumt er von England. Der Wecker und sein dröges Miep Miep sind heute deaktiviert. Mein Leben tickt allerdings jetzt im Vogeltakt. Ob ich frei habe oder nicht, ungefähr um sechs wird gefüttert.
Der Federling schreit. Ich husche mit einem Lächeln ins Badezimmer, wo sich schon der aufgesterrte Schnabel aus dem Kartonnest reckt. Wer hätte gedacht, dass ich noch mal mit Freuden um sechs Uhr aufstehen würde? Ich, Madame mein-Biorythmus-lässt-aufstehen-vor-sieben-nicht-zu.
Es gibt wieder dieses Quark-Ei Gemisch. Nach dem Frühstück will ich Mehlwürmer und Aufzuchtfutter besorgen. Vorsichtshalber bitte ich T, sich um den Spatz zu kümmern, während ich einkaufe.
Als ich zurück komme, liegt der Kleine satt und zufrieden in seinem Heu-auf-Wärmflasche-Nest. Die Fütterung scheint gut geklappt zu haben. T ist äußerlich pragmatischer als ich, aber ich bin überzeugt, dass der Piepmatz einen Platz in  seinem Herz erobert hat.
Die Mehlwürmer sehen aus wie etwas, vor dem ich normalerweise schreiend wegrennen würde. Okay, das ist übertrieben, aber auf jeden Fall wie etwas, um das ich einen sehr großen Bogen  machen würde. Sie sind dankenswerterweise in einer hochwandigen durchsichtigen Kunststoffdose. Ich hoffe, sie ist auch wirklich hoch genug.  Es wimmelt und wimmelt nämlich. So orange und madenweiß. Man muss die Dinger im Kühlschrank aufbewahren, damit sie länger haltbar sind. Sie halten auch dann höchsten zwei Wochen, bevor sie sich verpuppen und später zu irgendwelchen Käfern werden.
Zwei und zwei zusammengezählt sagt, es könnten Mehlkäfer sein. Keine Ahnung, ob es die überhaupt gibt. Keine Lust, Tante Google zu fragen. Bei der nächsten Futterrunde stehen jedenfalls außer Quark mit Ei auch Mehlwürmer auf der Speisekarte. Den ersten findet der Federling lecker. Bevor ich ihm einen zweiten geben kann, ruft T aus dem Wohnzimmer:
„Gibst du ihm lebende Mehlwürmer?“
„Nein, ich spieße sie auf. Dann sind sie doch kaputt.“
„Nee, sind sie nicht. Im Internet steht, dass man ihre Köpfe kaputt machen muss, weil sie sich in den Magenwänden des Vogels festfressen können.“
Verdammter Mist. Ich fische mit der Pinzette zwei von den Dingern aus der Schachtel und sehe sie mir genauer an. Sie haben tatsächlich eine rötliche, kugelige Verdickung an einem Ende. Offensichtlich der Kopf. Darunter sind ein paar winzige Krabbelbeine, mit denen sie sich fortbewegen.
Irgendwie tun sie mir leid, als sie versuchen, der Pinzette zu entkommen. Ich zerquetsche trotzdem ihre Köpfe. Es knackt wie ein Hundefloh.
Ich frage mich, was mit mir nicht stimmt. Ich meine, ich bin Vegetarierin und kille hier grad Mehlwürmer, damit so ein kleiner Spatz sie essen kann. Vermutlich wurden sie speziell für diesen Zweck gezüchtet. Und das Gewimmel in der Schachtel sieht verdammt nach Massentierhaltung aus. Verstörend irgendwie.
Andererseits nimmt man ja auch Antibiotika, um Bakterien zu töten. Ab wann gilt eigentlich ein Wesen als Tier und als Lebe-Wesen? Natur ist eine komplexe und geheimnisvolle Angelegenheit, wo Leben und Tod ihren Platz haben und das vermutlich im perfekten Gleichgewicht. Manchmal denke ich, wir wissen zwar viel,  haben aber trotzdem keine Ahnung.
Wie auch immer, der Federling jedenfalls mag Mehlwürmer und bekommt sie auch bei der nächsten Fütterung. Das Nestlingsfutter ist  nicht so sein Ding, aber es gibt ja immer noch Quark-Ei-Brösel.
Am Abend, nach der letzten Mahlzeit halte ich den Winzling  in den Händen. Er hat in der kurzen Zeit bereits mehr Federn bekommen. Sein kleiner Körper passt perfekt in meine Handwölbung. Ich halte ihn lange so. Zwischendurch öffnet er kurz die Augen, wendet den Kopf in meine Richtung und sieht mich an. Das macht mich ganz schwach, als wäre ich selber so klein und hilflos. Als ich später im Bett liege, habe ich vor dem Einschlafen, wie einen Abdruck auf der Handfläche, immer noch das Gefühl, als hielte ich ihn in der Hand .
Ich lasse mich selten mit Haut und Haaren auf ein anderes Lebewesen ein. Keine Ahnung wieso.
Warum es mich jetzt bei dem Piepmatz so erwischt, weiß ich nicht. Es ist einfach so, sobald ich ihn höre, sehe, füttere, oder in der Hand halte, pustet es mich innerlich weg.

4 Gedanken zu “Spatzentage 3

  1. Mehlwürmer gibt es. Es braucht nur Mehl und eine gewisse Feuchte, und schon wimmelt es von diesen gelben Viechern. Ich erinnere sie vor allem von einem Bauernhof …
    Frag mich aber bloß nicht, wo sie herkommen.
    Das ist wie mit den winzigen Fliegen, die im Sommer um die Obstschale kreisen: Man möchte es eigentlich gar nicht wissen 🙂

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