Spatzentage 2

Ich träume. Sommerwiesen in der Toskana, das Zirpen der Zikaden, Vogelgezwitscher. Die Luft riecht nach Hitze und Rosmarin. Schön. Der Gesang der Vögel wird lauter, gräbt sich mit drängender Energie in meine Ohren. Trommelfelle vibrieren.
Ich öffne die Augen. Keine Spur von blauem Sommerhimmel. Grau und dämmrig ist das Schlafzimmer. Ich sehe auf den Wecker. Viertel vor sechs. Noch etwas über eine Stunde bis er loslegt.
Doch aus dem Badezimmer tönt bereits jetzt das hungrige Rufen eines Spatzenbabies. Es klingt nach maximaler Verzweiflung. Noch schneller käme ich, glaube ich, nur dann aus dem Bett, wenn es brennen würde.  Ich hole mir die Dose mit der Quark-Ei Mischung und trage den Karton mit unserem teilgefiederten Gast behutsam ins Esszimmer. Das Schreien wird lauter, schwillt an, bis das erste Bröckchen im Schnabel gelandet ist, dann stoppt es ein paar Sekunden und fängt unvermindert von vorne an. So geht es etwa fünf Minuten.  Zum Glück hat T. den Zahnstocher, den ich zum Füttern benutze abgerundet.
Der kleine Spatz schenkt mir einen kurzen Blick aus einem Auge. Dann schiebt sich ein graues Augenlid von unten über die Pupille.  Der Federling schläft satt und zufrieden ein. Ich tapse zurück ins Bett, wo T. noch friedlich schläft. Er sieht fast so zerzaust aus wie der Spatz.  Großartig, dass ich heut nicht arbeiten muss, denke ich und dass wir danach beide noch zwei Tage frei haben. Ich wühle mich in meine Decken und schalte um auf Kuschelmodus, aus dem mich Ts. Wecker eine Stunde später wieder zurück pfeifft mit seinem nervigen Miep, Miep, Miep. Er wird unterstützt von einem hungrigen Tschilpen  aus dem Bad. Ich versenke erneut Quark-Ei-Bröckchen im Schnabel des Federlings. In meinem Hals spüre ich dabei so einen seltsamen Kloß. Ich spüle ihn später mit Kaffee weg.
Frühstück am Laptop ist besser, als man vermutet. Vor allen Dingen, wenn es in den unendlichen Weiten des virtuellen Raumes etwas über Spatzen und ihre Brut zu lesen gibt.
Mein Fazit nach eineinhalb Stunden: Ich brauche Mehlwürmer, Handaufzuchtfutter und eine riesige Kiste Geduld.
Und, ich weiß jetzt, dass mein kleiner Ziehvogel jede zweite Stunde gefüttert werden muss, aber dafür nachts von circa 22 Uhr bis morgens um sechs schlafen wird. Es scheint, als wären Spatzenbabies in dieser Hinsicht den menschlichen Babies ähnlich.
Okay, dann stelle ich mich eben innerlich auf einen anderen Lebensrythmus ein. Und ehrlich, ich freue mich darauf.
Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, schreit der kleine Findevogel wieder nach Nahrung. Nach dem Füttern nehme ich ihn in meine Handhöhle. Im Nest sitzen die Jungen dicht gedrängt beieinander. Ich meine, wie soll er sich wohl fühlen, wenn er hier immer nur alleine in seinem Kartonnest liegt?  So völlig ohne Körperkontakt?  Der alte Fritz hat mal ein Experiment mit Babies gemacht. Sie wurden rundum versorgt, aber nicht gestreichelt oder im Arm gehalten. Sie haben  nicht überlebt. Grausam oder?
Ich bin überzeugt, dass auch ein Spatzenbaby kuscheln möchte.
Ich spreche leise zu ihm. Ja, ich spreche mit einem Spatzen. Ich erzähle ihm, was für ein wunderschönes Wesen er ist und wie groß und kräftig er bald sein wird.
Er antwortet nicht.
Sein winziger Körper fühlt sich ganz warm an in meinen Händen. Ich habe gelesen, dass Vögel eine höhere Körpertemperatur haben, als Menschen ungefähr  39° bis 42°.
„Es ist ein verdammtes Geschenk, dich in den Händen zu halten und groß ziehen zu dürfen,  Federling“, sage ich und spüre wie meine Augen ein bisschen überlaufen, als er ein winziges, leises Zirpen und so etwas Ähnliches wie ein Schnalzen von sich gibt.
Glück hat manchmal kleine Federn.

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