Heilsarmeekapellenmädchen (vielleicht ein Liebeslied)

Heilsarmeekapellenmädchen
ohne Schuhe am Strand
Möwen schreien über ihr.
Wolken ziehen ihre Bahn,
sehn Heilsarmeekapellen –
Mädchen  gar nicht an.

Hilfsmatrose mit rotem Schal,
den Kopf voll Unsinn
kommt durch den Sand.
Sein Blick folgt den Wolken
übers Meer, er träumt von
Timbuktu und Samarkand.

Und der Wind ruft Marie
Der Wind schweigt nie.

Sie dreht sich um
es berührt ihn ihr Blick
holt ihn aus der Ferne zurück.
Zögernd hebt sie die Hand
stumm sieht er sie an
sein Schal weht im Wind,

Und der Wind ruft Marie
Der Wind schweigt nie.

Wo Meer und Möwen
ein roter Schal und Blicke
sich begegnen im Wind
Hände sprechen, Lippen sehn’
zwei paar Füße
im Tanz sich drehen.

Und der Wind ruft Marie
Nur der Wind schweigt nie

(c) Text: Gabriele Auth – Musik: Thomas Auth
inspiriert von Tom Waits und Jimmi Hendrix

 

 

Akademia – Eine Oper

 

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Wie frei ist die Kunst?

Dies ist eine, wenn nicht sogar die zentrale Frage in der Kunstwelt. Sie ist gleichzeitig auch Dreh und Angelpunkt von „Akademia“.
Die vierstündige Oper verfügt über das Potential zu begeistern und gleichzeitig  zu polarisieren. Der Status Quo der Gesellschaft und der Kunstszene wird in Frage gestellt, seziert und kritisiert.
Hierzu bedient sich das Stück szenischer Mittel, die an Beuys und seine „Soziale Skulptur“ denken lassen. Oder anders ausgedrückt, jede Szene funktioniert wie eine solche soziale Skulptur  im Kampf um Erneuerung .

Ein Hilferuf?
„Akademia“ zeigt, gespiegelt im Mikrokosmos Kunstakademie, den Zustand unserer Gesellschaft und ihrer unerfüllten Sehnsucht nach Veränderung, nach Entwicklung zum Besseren. In der ersten Szene heißt es:

„Raus aus dem alten Muff,
die Welt mit Kunst zu speisen
mit Glorreichen Werken.
Leitend soll sie voran gehen.“

Leitend soll sie voran gehen, ein Auftrag, den die Kunst, wenn man „Akademia“ glauben darf, nicht oder nicht mehr erfüllt.

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Kunst als Geldwert, Einengung durch immer mehr Reglementierung  und Einschränkung, eine Verwaltung und eine Akademie-Leitung, die mit Kunst nichts mehr am Hut zu haben scheinen,  Flucht in Alkohol, in Depression, nichtige Gespräche, aber auch der Funke einer revolutionären Idee, einer vollständigen Umwälzung, und der immer wieder aufflackernden Liebe zur Kunst, all das begegnet der Protagonistin Lara Wittenberg in den sechs Szenen der Oper.
Das Publikum erlebt hautnah mit, wie Lara zu Beginn mit großem  Idealismus und noch größerer Freude ihre Aufnahme als Studentin an der Kunstakademie feiert, begleitet sie von Szene zu Szene  durch  wachsende  Enttäuschung  und Niedergeschlagenheit, bis sie zum Schluss desillusioniert und verzweifelt gegen eine Wand aus Professoren, Mitstudenten und Verwaltungskräften anrennt, fällt, wieder aufsteht, fällt … und schließlich am Boden liegen bleibt.

Nach vier Stunden reicht es auch mal“, heißt es am Ende,
„ Solange braucht es, um eine  Protagonistin sterben zu lassen. Und so musste es doch kommen.  Laras Idealismus war unsterblich wie eine genmanipulierte, unzerbrechliche Seifenblase, die niemals zu platzen vermag.  Stattdessen ist Lara selbst zerbrochen.“

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Unter der Leitung von Aylin Leclaire hat ein Team von hundert Künstlern, bestehend aus Studenten der Kunstakademie Düsseldorf, Schauspielern, Sängern und Musikern, ein ausdrucksstarkes, bildgewaltiges und nachhaltig wirkendes Stück mit bemerkenswerten Kulissen auf die Beine gestellt. Jeder von ihnen verzichtete auf Gage. Die Einnahmen dienen zur Deckung der erst in Teilen gedeckten Produktionskosten, sowie hoffentlich auch noch für die geplante DVD und den Katalog zur Oper.

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Besonders erwähnt sei auch die Bereitschaft der Leitung des geschichtsträchtigen  Düsseldorfer Künstlervereins Malkasten, die Aufführungen im Malkasten-Park zu genehmigen, und zu unterstützen, nicht zu vergessen, der Support durch verschiedene Sponsoren.
Ein Teil der Kulisse, eine begehbare Arche, gebaut von Studenten und ehemaligen Studenten der Kunstakademie, wird noch einige Zeit im Park zu besichtigen sein und an eine Woche voller Leidenschaft für die Freiheit der Kunst und für Poesie erinnern.

Ich habe drei von  sechs Aufführungen besucht, war jedes Mal verzaubert und entdeckte  Details, die mir vorher entgangen waren, zum Beispiel ein Zitat aus einem meiner Lieblingslieder.  Es wäre nicht bei diesen drei Besuchen geblieben, doch viele tolle und berührende Erlebnisse enden bekanntermaßen wenn es am schönsten ist.
So auch „Akademia – Eine Oper“.
Jetzt freue ich mich auf die DVD und den Katalog.

IMG_2998Fotos/ Thomas Auth

Zum Abschluss möchte ich Joseph Beuys zu Worte kommen lassen, der an dieser Oper vielleicht seine Freude gehabt hätte:

„Wichtig ist mir die Offenheit. Man muss herausstellen, was man ist. Es gibt gar keinen Grund dafür, seine Fehler, Mängel oder Verzerrungen zu verstecken. Dass es für die ganze Welt erst interessant und produktiv wird, wenn die Menschen sagen: Ich habe nichts zu verbergen! Die Wahrheit ist, dass ich ein fehlerhaftes unvollkommenes Wesen bin. Indem ich das dem anderen zeige, entsteht ein kreativer Prozess. Diese Wunde, dieses Fragmentarische muss man anschauen und dann weitergehen, sich ergänzen lassen vom anderen. Das gemeinsame Vorhaben bringt die Menschheit überhaupt erst in Gang.“

 

 

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Mairegen

Mairegen tanzt
auf meinem Fenster
wie Lust, wie Leben
wie Millionen
H2O Gespenster,
spritzt und pladdert
es macht ihm Spaß,
dem Regen
gurgelnd rinnt er
macht alles nass
tränkt Baum und Strauch,
versammelt sich
zu einer Riesenpfütze
erfrischt die Katze,
tränkt meine rote Mütze
und für den Garten
ist er ein Segen.

(c) Gabriele Auth

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Foto Pixabay

Auf ein Wort bei Musik, Wein und Bier. 

Meine erste größere Lesung in diesem Jahr. Begleitet werde ich von der Musikerin Martina Lichter (MmeLaGroketterie), deren Musik gut zu meinem Roman „Juli – What the bird said“ passt. Martina wird zusätzlich zu ihren eigenen Liedern auch die Cover Versionen von zwei bekannten Songs spielen, von denen das eine im Roman vorkommt.  Kommt vorbei, wir freuen uns auf Euch.

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Wurzeln und Flügel

So eine Stimme. Sanft wie die erste Frühlingssonne. Warm und belebend. Einhüllend. Sie weckt die Erinnerung an die Arme der Mutter, den Duft von Apfelkuchen, an das Gefühl stark zu sein, ein eigentümlicher kleiner Kosmos voller verheißungsvoller Sterne und bittersüßer Tränen der Schwäche. Den Klang des eigenen Blutes entdecken und ihn spüren, den großen, unablässigen Flow, der ein Lächeln ins Gesicht zaubert und allmählich übergeht in den treibenden Rythmus des Steppenwindes.
Nina Simone. Zurücklehnen. Genießen.
Since I Fell for You, Sunday in Savanna, Westwind……

Wurzeln und Flügel.

 

Ausgerechnet Sulke

Ich hatte einen Freund. Ist lange her. Er hielt es für eine Liebesbeziehung, ich war zu jung, um es überhaupt irgendwo einzuordnen. Aber Liebe war es ganz sicher nicht auf meiner Seite. Was es auf jeden Fall war, war erster Sex. Immerhin. Daraus wurde zusammenziehen, Wohnung einrichten, das ganze Beziehungsding. Dazu gehörte auch eine Stereoanlage mit Plattenspieler. Kennt das noch jemand?
Ich hörte Doors, Beatles, Pink Floyd, Bob Dylan und so. Und wenn es mal deutsch wurde, dann waren es Konstantin Wecker, BAP, Ton Steine Scherben und Klaus Hoffmann.
Er hörte Johnny Cash, Emmilou Harries, Abba, und wenn es deutsch wurde, war es Stefan Sulke.  Ich erinnere mich an Ach Lotte, watt machen wa nu? Ach Lotte, wo gehn wa nu hin?
Eine Frage, der ich eines Tages auch gegenüberstand. Nur, dass ich nicht Lotte hieß.
Die Beziehung endete desaströs, was mir Sulke für immer verleidete. Dachte ich. Bis ich vor kurzem  zu einem Konzert ging, weil dort unter anderem auch die tolle Katja Werker auftrat.
Und dann kam da dieser Typ auf die Bühne und sang Lieder von Sulke.
Ausgerechnet.
Er machte das gut. Mit verhaltenem Gefühl, ganz ohne kitschig zu sein. Dabei trug er rote Schuhe. So ein richtiges Wahnsinnsrot. Rudi Gall hieß er. Vorher nie gehört, aber was soll ich sagen, ich war sofort auf seiner Seite.
Heute bekam ich zwei Cds mit seinen Sulke Liedern. Seitdem höre ich die rauf und runter. Endlich hat mal einer Stefan Sulke aus meiner vergeigten Beziehung erlöst.
Jetzt hoffe ich, dass Rudi Gall auch eigene Songs schreibt. Ich würd sie mir anhören.

 

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Gall singt Sulke – Live Impressionen

 

Irgendwie verbaut

Ein Lied, für das mein Mann der Impulsgeber war mit einer Geschichte, die er mir erzählt hat und das er in einer etwas veränderten Version vertont hat. Ich hoffe, ich kann demnächst eine Aufnahme davon posten.

Der Sperrmüll unten auf der Straße
liegt im Regen, durchgewühlt
ich steh am Fenster und ich warte,
dass du mal anrufst. Das wäre schön.

Der alte Typ von Gegenüber steigt in
sein Auto, ich glaub das  ist neu,
ich seh ihm nach und frage mich,
warum kommst du nicht mal vorbei.

Habe dir von meinen Träumen erzählt
In deinen Augen die Sterne geseh’n
Würd’ dich gern fragen, was das mit uns ist,
doch ich weiß es selber nicht genau

Vielleicht geh’ ich heut noch bei dir vorbei
tu’ dann so, als ob es Zufall wär’
als ob dein Haus auf meinem Weg läg’
als ob es nichts Besonderes sei.

Hab mit dir Planeten entdeckt,
geredet, gelacht als ob’s kein Morgen gäb’
möcht dir gern sagen, was du für mich bist
keine Ahnung, ob ich mich das trau.

Hab mir selber nie vertraut
den richtigen Moment nicht erkannt.
jetzt steh ich hier, hör dem Regen zu
das mit uns ist irgendwie verbaut.
steh nutzlos rum ein kaputter Stuhl
ratlos und stumm.
– – –
das mit uns ist irgendwie verbaut.

© gabriele auth

 

 

Moddi – Ein Konzert

Er betritt die Bühne mit der Gitarre in der Hand, ein schlanker, junger Mann mit blonden, verwuschelten Locken, die spinnwebfein sein Gesicht umrahmen.
„Hello, I am happy to be back in Münster again“, sagt er und fragt, wie viele von den Anwesenden ihn schon bei seinem ersten Auftritt hier gesehen haben. Arme gehen in die Höhe. Moddi, wie er sich selber nennt, zählt laut. Es sind achtundzwanzig.
„You may ask, what happend to your favorite barefoot Hobbit“ sagt er dann. Seine blauen Augen glänzen, als er lächelnd ins Publikum sieht und auf seine Füße zeigt.
„Was mag passiert sein, dass ich nun Schuhe trage?“
Er wirkt tatsächlich wie eine Erscheinung aus Herr der Ringe, eine Mischung aus Hobbit und Elb in Jeans mit roten Baseballschuhen, grauem T-Shirt und einer Gitarre.

Man merkt es sicher, dieser junge Norweger hat bereits in den ersten Minuten mein Herz erobert. Dabei habe ich noch keinen Ton von seiner Musik gehört, bin beinahe zufällig durch die Einladung eines Freundes hier im Pumpenhaus Münster gelandet. Jetzt stimmt Moddi das erste Lied an, singt vom Krieg und davon, dass das Töten für einen Soldaten zur Gewohnheit werden kann.

Schweigen. Dann Applaus.
Und Pal Moddi Knudsen erzählt, wie er, der sonst Lieder vom Meer und von der Liebe singt, dazu kam, auf der Bühne Schuhe zu tragen und Protestsongs zu singen.
Wie er zu einem Konzert in Tel Aviv eingeladen war und E-Mails aus ganz Europa bei ihm eintrafen, geschrieben von Menschen, die sich solidarisch erklärten mit dem palästinensischen Volk. Sie alle forderten, er solle den Auftritt in Tel Aviv absagen als ein politisches Statement für Palästina.
Moddi antwortete hunderte von Malen, er sei kein politischer Sänger, er singe Lieder vom Meer und von der Liebe.
Im gleichen Zeitraum sammelten sich in seinem E-Mail Postfach weitere hunderte von Mails, verfasst von Israelis und ihren Freunden aus aller Welt. Sie schrieben, wie wunderbar es doch sei, dass er mit seinem Auftritt in Tel Aviv ein Statement abgäbe für die Sache Israels.
Er antwortete erneut hunderte von Malen, seine Lieder seien kein politisches Statement, er sei einfach ein Sänger.
Die Flut der E-Mails aus beiden Richtungen riss nicht ab.
Moddi war traurig und bestürzt und sagte das Konzert ab. Er wollte sich von keiner Seite instrumentalisieren lassen.
In dieser Stimmung erreichte ihn eine Nachricht von Brigitte Grimstad, einer in Norwegen sehr bekannten und gefeierten Sängerin. Sie blickt auf eine ähnliche Erfahrung zurück. In den achtziger Jahren hatte sie einen Text des britischen Autors Richard Burgess vertont. Das Lied handelte von dem israelischen Brigade Kommandeur Eli Geva, der sich 1982 dem Befehl, in Beirut einzumarschieren, widersetzte und stattdessen seinen Abschied nahm.
Als bekannt wurde, dass Brigitte Grimstad im Rahmen einer Tournee in Jerusalem auftreten sollte, wurde sie im Vorfeld von verschiedenen Seiten aufgefordert, den Song über Eli Geva dort nicht zu singen. Der norwegische Botschafter in Jerusalem teilte ihr mit, er verließe mit seinen Begleitern geschlossen den Saal, sollte sie das Lied singen. Brigitte Grimstad sagte das Konzert ab.

Pal Moddi Knudsen dachte nach. Er fragte sich, wie viele Lieder es gibt, die offiziell oder inoffiziell geächtet und verboten sind, machte sich auf die Suche und wurde fündig.
Das bisherige Ergebnis stellt er bei seiner aktuellen Tournee vor. Sein neues Album, auf dem er zwölf dieser Lieder eingespielt hat, heisst Unsongs.
Er hat die Ursprungsländer dieser Lieder bereist, sprach mit deren Verfassern, Zeitzeugen oder Nachkommen. Die Gespräche wurden in Videos dokumentiert und sind zu finden auf der Projektseite unsongs.com
Nachdem Moddi dies alles erzählt hatte, sang er die ungesungenen Lieder, begleitet von seiner Gitarre und einer jungen Cellistin.
Das Publikum war mehr als zwei Stunden elektrisiert.

Ich höre seitdem immer wieder die Unsongs und bin dankbar für einen Musiker, für einen Menschen wie Pal Moddi Knudsen, der so aufrichtig, so wahrhaftig und bezaubernd auf einer Bühne steht und mit seiner Musik geächteten Songwritern und deren Songs ein Denkmal setzt, indem er ihre Geschichten erzählt und ihre Lieder so singt, dass man das Leben in ihnen spüren kann. Sie berühren mich alle, doch am meisten das Punk Gebet von Pussy Riot. Aber davon erzähle ich ein anderes Mal.

 

Eli Geva’s Lied

Talk about Pop Muzik

Im Mai war ich auf einem Konzert der Band Elysian Fields im Café de la Danse in Paris. Das Café de la Danse liegt in der Nähe der Bastille, ca 15 Minuten Fußweg entfernt vom Bataclan, dem Veranstaltungslokal, in dem IS Terroristen am 13. 11. 2015 während eines Konzerts ein Blutbad angerichtet haben.
Ich weiß nicht, wie es Euch gegangen wäre, aber für mich war es ein beklemmendes Gefühl, durch dieses Viertel zu laufen und ausgerechnet dort, zu einem Konzert zu gehen. Die Band Elysian Fields mit der wunderbaren Sängerin Jennifer Charles, ist eine meiner Lieblingsbands, die ich zweimal im kleinen Rahmen in Dortmund und Düsseldorf live erlebt hatte.
Vor dem Einlass standen wir zusammen mit mehreren anderen Konzertbesuchern  eine halbe Stunde in der Passage Louis Philippe vor dem  Café und warteten auf Einlass. Es nieselte auf das Kopfsteinpflaster und in meinen Jackenkragen, obwohl ich ihn hochgestellt hatte. Warmer, feiner Regen.
Die Passage Louis Philippe  ist ein schmale, unspektakuläre Straße, eher ein Gasse.
In dem ganzen Viertel um die Bastille herrscht ein buntes und erfrischendes Treiben von Menschen aller Hautfarben und Nationalitäten. Sie wogen durch die engen Straßen mit den kleinen Läden, Lokalen und Cafés. Bunte Menschenblüten, die der Frühlingswind bewegt. Das  hat einen ganz speziellen Zauber. Ich spürte, dass ich den nur halb genießen konnte, dass ich manchmal nervös über die Schulter sah und an den Terroranschlag dachte. Ich hasste diese Gedanken und die Beklemmung, die sie in mir auslösten, aber es gelang mir nicht, sie völlig zu vertreiben. Da blieb so ein unangenehmes Kitzeln im Verstand und im Bauch.
Schließlich wurden die Türen geöffnet. Ich ertappte mich dabei, wie ich einen Platz mit kurzem Fluchtweg ansteuerte. Das ist echter Mist, dachte ich, aber es ist halt so. Und was nützt es, sich zu verbiegen.
Das Konzert begann. Es war verzaubernd.
Die warme, sinnliche Stimme und Gestik von Jennifer Charles, die Gitarrenklänge von Oren Bloedow, das Licht, das die grob gemauerte Bühnenwand in einen goldenen Schimmer tauchte, das begeisterte Publikum und der Rotwein, ließen meine Beklemmung fast verschwinden, aber sie lauerte heimtückisch im Hintergrund und starrte mir verbiestert ins Gesicht, wenn einer der Security Typen oben auf der Galerie erschien und sich über die Brüstung beugte.
Bis zu diesem einen, magischen Moment, in dem Jennifer Charles fragte, ob das Publikum bereit sei für ein kleines Experiment.
„Fühlt ihr Euch an einem guten Ort“, fragte sie.
„Fühlt Ihr Euch sicher?“
„Ja!“
„Fühlt ihr Euch so sicher, dass wir das Licht löschen können?“
„Ja!“
Das Licht ging aus.
Der Raum lag komplett im Dunkeln. Musik erklang. Und dann die Stimme von Jennifer. Sie sang „Pop Muzik, talk about pop pop Muzik.“
Ich hörte die Worte und die Musik und ich verstand. Ich glaube jeder verstand es. Es war trotzig, es war tief und es war frei. Wir machen unsere Musik, hieß das, unsere Pop Musik, und die lassen wir uns von niemandem verbieten oder nehmen. Nicht von Fanatikern, nicht von irgendeinem religiösen Wahn und nicht von der eigenen Angst. Man kann versuchen, uns einzuschüchtern, aber wir werden unsere Musik nicht beenden. Wir werden weiter machen und leben so frei wir können.  Mit Musik. Mit Pop Musik.
Das Lied endete.
Die Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich fühlte mich frei von Beklemmung und Ängstlichkeit, fühlte mich wie nach einem warmen Bad, gereinigt und entspannt. Es war eine Initiation, ein sehr eigenes Ritual des Einatmens von Musik und des Ausatmens, Ausdehnens in den Raum hinein.
Wir schienen eins in diesem einen Moment. Alle.  Nahmen den Raum ein, füllten ihn wirklich aus mit uns, mit Gegenwärtigkeit und waren glücklich.
Das war so einer dieser magischen Momente, wie sie Musik erschaffen kann, einer der Momente, die der Grund dafür sind, warum Dikatoren solche Musik hassen, warum radikale Islamisten sie verbieten möchten.
Es war die Kraft der Musik, die Theodorakis ins Gefängnis gebracht hat und die die  Militärjunta in Chile dazu veranlasste, dem Sänger Viktor Jara zuerst die Finger zu brechen, dann die Gitarre zu zerstören und ihn schließlich zu ermorden.
Und trotz all der Gewalt lebte der Geist seiner Musik.
Ich bin Jennifer Charles dankbar für ihre Sensibilität, ihre Intuition und diesen Moment.
Und hier ist das Video, das T. dort gedreht hat. Es ist nicht das beste Material. Ich weiß  nicht, ob für andere spürbar wird, wie es war, aber in mir löst es unmittelbar wieder dieses Gefühl aus.
Ja, wir können frei sein, wenn wir uns dafür entscheiden.

Ein Schrei der Entrüstung geht durch die Literaturwelt.
Bob Dylan erhält den Literaturnobelpreis.
Bob Dylan. Ein Musiker.
Wird Reich-Ranicki sich im Grab umdrehen, oder würde er eher lachend in die Hände klatschen? Beifall klatschen?
Ich stelle mir vor, er würde applaudieren.

Wem zu Dylan nur  Blowin In The Wind  einfällt, dem fällt tatsächlich nicht viel ein, und er sollte schweigen, bis er sich mit der Lyrik des Musikers auseinandergesetzt hat.
Lyrik, die so fragil sein kann, und doch so erdig, vielseitig wie das Leben und so wunderbar, dass man fragen könnte: „Hey, warum hat der den Preis nicht schon früher bekommen?“
Ja, er ist ein Musiker, aber seine Musik steht für mich persönlich eher an zweiter Stelle. Manchmal frage ich mich, ob es für Dylan selber vielleicht auch so ist.
Wie auch immer, Musik ist das Transportmittel für das, was er sagen will.
Und er hat viel zu sagen, dieser große alte Mann mit der charakteristischen Stimme.
Er singt vom Leben und Lieben. Er erzählt Geschichten über Menschen, die ihm begegnet sind, über Dinge, die er gesehen hat, über Amerika und darüber wie der amerikanische Traum in Ungerechtigkeit, Rassismus, Gewalt und Stumpfheit versinkt. Und manche seiner Texte aus den sechziger Jahren sind immer noch hochaktuell.
Bob Dylan ist ein Umherziehender, ein fahrender Sänger. Zu allererst ist er jedoch ein großer Geschichtenerzähler. Und genau dafür hat er den Literaturnobelpreis verdient, für seine Geschichten. Für sein Lebenswerk.
Es gibt etliche  Texte von ihm, die ich  gerne hier anfügen würde. Die unerträgliche Geschichte vom Tod des Emmet Till vielleicht, oder das Lied davon, lieber aufrecht zu sterben, wenn der große Atomkrieg kommt, statt sich im Bunker zu verkriechen.
Oder etwas von seiner Liebeslyrik, Love Minus Zerro/ No Limit  zum Beispiel.

Ich beschränke mich darauf, hier zwei seiner Texte vorzustellen, falls Ihr sie nicht schon kennt.
Das bekannte
All Along The Watchtower
und das weniger bekannte
If Dogs Run Free

There must be some way out of here“, said the joker to the thief,
„There’s too much confusion, I can’t get no relief.
Businessmen, they drink my wine, plowmen dig my earth,
None of them along the line know what any of it is worth.“

„No reason to get excited,“ the thief, he kindly spoke,
„There are many here among us, who feel that life is
but a joke.
But you and I, we’ve been through that, and this is not our fate,
So let us not talk falsely now, the hour is getting late.“

All along the watchtower, princes kept the view
While all the women came and went, barefoot servants, too.

Outside in the distance a wildcat did growl,
Two riders were approaching, the wind began to howl.

 

If dogs run free, then why not we
Across the swooping plain?
My ears hear a symphony
Of two mules, trains and rain
The best is always yet to come
That’s what they explain to me
Just do your thing, you’ll be king
If dogs run free.
If dogs run free, why not me
Across the swamp of time?
My mind weaves a symphony
And tapestry of rhyme
Oh, winds which rush my tale to thee
So it may flow and be
To each his own, it’s all unknown
If dogs run free.
If dogs run free, then what must be
Must be, and that is all
True love can make a blade of grass
Stand up straight and tall
In harmony with the cosmic sea
True love needs no company
It can cure the soul, it can make it whole
If dogs run free. 

Und beim nächsten Mal erzähle ich vielleicht von einer Musikerin, die den Literaturnobelpreis nicht bekommen hat, die aber auch wunderschöne Lyrik schreibt und singt.