Teil 8. Art Deco Café oder reality beats virtuality

T ist oft auf Twitter unterwegs.
Das wäre nicht erwähnenswert, wenn er nicht, und das ist der springende Punkt, eine Twitter-Freundin hätte, die in Beaminster lebt. Er kennt sie nur virtuell, wie das so ist bei sozialen Netzwerken im Web. Man hat massenhaft Freunde, aber die meisten von ihnen noch nie außerhalb des Internets  getroffen. Ihre Lebenswirklichkeiten berühren deine in der Tiefe des virtuellen Raumes wie angemalte Schatten. Irgendwie bizarr.
Das ist kein Neuland, das ist eher Shadowland.
Ich meine, du verbringst einen großen Teil des Tages mit diesen Leuten, siehst ihre Katzenfotos und Partybilder, auf denen sie mit einem bescheuerten Lächeln einen Caipirinha oder so etwas schwenken. Du liest vielleicht ihre Meinung über die Finanzkrise oder bloß über den European Song Contest. Ich hoffe immer, dass ihre Bilder und die Sachen, die sie über sich erzählen, real sind und nicht frei erfunden. Wie kann ich wissen, ob der lustige Typ, mit dem ich im Facebook Chat schreibe, nicht in Wirklichkeit ein ungewaschener, pickeliger Nerd mit fettigen Haaren ist, der am Laptop sitzt und zwischen zwei Kommentaren Fingernägel kaut bis Blut auf seine Tastatur tröpfelt?
Das erinnert mich an früher. An Brieffreundschaften, die durch die Bravo zustande kamen. Gibt’s die Bravo überhaupt noch? Für alle, die sie nicht kennen, das war eine Art Magazin für Teenies. In jedem Heft gab es eine Seite, auf der man Brieffreunde aus aller Welt finden konnte. Kein Witz. Ich hatte sogar mal eine Brieffreundin in Oregon. Heute besteht diese Kontakt-Seite bestimmt nur noch aus Twitter oder Facebook links. Vielleicht gibt’s die Bravo auch schon längst nicht mehr. Im Ernst, wer braucht schon solchen Kram wie einen Starschnitt von Bushido? Obwohl, Doktor Sommer kommt wahrscheinlich nie aus der Mode.
Wie auch immer. Früher schickte man also lange Briefe mit Fotos von sich. Manchmal  auch nicht von sich, sondern sicherheitshalber von dem attraktivsten Mädchen der Klasse, oder dem coolsten Jungen.  Das unvergleichliche Gefühl, wenn wieder ein Brief mit einer ausländischen Marke im Kasten lag. Nostalgie.
Ehrlich, eine Internetfreundschaft ist daneben eine Notiz-Zettel-Beziehung.
Twitter schießt sowieso den Vogel ab. Man ist dort nicht einmal befreundet, man folgt sich nur gegenseitig.  Wie in dem Märchen „Die goldene Gans“. Das ist die Geschichte von einem Typen, der eine goldene Gans mit sich herumträgt. Das Tier hat die seltsame Eigenschaft, dass jeder, der es anfasst, kleben bleibt. Und damit nicht genug, wer Einen aus der Klebe-Kette anfasst, hängt selber dran.
Klingt unglaubwürdig? Ist es auch. Märchenstund’ hat Trug im Mund, genau wie Werbung und  Politik.
Zurück zur goldenen Gans. Die Idee ist sozusagen ein Vorläufer von Twitter. Man kann sich Twitter so vorstellen, dass es Millionen von Typen mit einer goldenen Gans im Arm gibt. Und fast alle kennen sich gar nicht wirklich, aber sie kleben aneinander fest.
Okay, also T und ich, wir kennen uns tatsächlich und folgen uns gegenseitig und T und L folgen sich auch gegenseitig, aber sie kennen sich nicht real. Und L lebt in Beaminster, wo wir wie gesagt auch grad wohnen. Kann mir noch jemand folgen?
T hat bei Twitter Fotos hochgeladen von dem Hügel mit dem vielen Bärlauch und den blauen Glockenblumen.  Seine Follower, also seine Verfolger, und Millionen andere, die an der Gans kleben, können es sehen. Natürlich sieht L es auch. Sie schreibt, dass wir unbedingt ins Art Deco Café in Beaminster kommen sollen, es gäbe dort kulinarische Kleinigkeiten, die auf hungrige Gäste warten. Die feinen Haare in meinem Nacken vibrieren wie kleine Antennen, als ich ihre Nachricht lese. Das passiert immer, wenn mich im virtuellen Raum ein Hauch von Realität streift. T googelt Art Deco Café, Beaminster , und wir klicken uns durch die Bildergalerie. Das Café sieht ziemlich gemütlich aus.
„Krass, das hab’ ich bei unserer ersten Runde durch den Ort gesehen“, sage ich, und der Hauch von Realität verwandelt sich in eine frische Brise. „Ich dachte mir gleich, dass es nett sein müsste, da zur Tea-Time oder sonst wann einzulaufen.“
„Perfekt“, sagt T und schließt die Seite mit den Fotos,  „unser Frühstück für morgen ist gebucht.“
Am nächsten Vormittag betreten wir einen behaglichen Raum mit grün gestrichenen Wänden, an denen Ölbilder hängen, die vermutlich von lokalen Künstlern stammen.
Hinter einer Glastheke begrüßt uns eine hübsche, blonde Frau. Sie hat etwas Schelmisches im Blick, unterstützt von einem schüchternen Lächeln. Eine interessante Kombination.
„Das könnte L sein“, flüstert T, als wir uns an einen der kleinen Tische setzen. Ich kenne ihr Twitter-Profil-Bild und stimme ihm zu, aber ganz sicher sind wir beide nicht. Die Blonde kommt an unseren Tisch und nimmt die Bestellung auf. Falls sie Ts Twitter Freundin ist, hat sie keine Chance, ihn zu identifizieren, er hat als Profilbild ein kleines Blümchen.
T hat einen etwas schrägen Sinn für Humor.
Das Frühstück ist ein Gedicht, eine Ode an die Frische und  an das Wesentliche, was natürlich wie jedes Gedicht Geschmacksache ist. Der Schokokuchen zum Abschluss ist allerdings eher Rokkoko als Bauhaus und eine Sünde wert. Einerseits möchte ich allen empfehlen, nach Beaminster zu fahren und das Café selber zu testen. Andererseits ist es bei mir oft so dass Dinge, die mir in leuchtenden Farben geschildert werden, manchmal farblos erscheinen, wenn ich sie selber erlebe. Ich glaube, Menschen neigen zu überhöhten Vorstellungen, wenn ihnen etwas angepriesen wird. Manchmal werden diese Vorstellungen von der Realität übertroffen, ein anderes Mal eben nicht. Es ist wie beim russischen Roulette. Du weißt nie, wann die Kugel trifft.
Zurück zu der netten Bedienung. Als wir den zweiten Kaffee bestellen, fragt T, ob sie seine Twitter Freundin L ist.
„Oh, how nice, wie schön“, antwortet sie und lacht. „Ich habe in den letzten Tagen schon Ausschau nach deutschen Gästen gehalten.“ Es klingt irgendwie erleichtert.
„Ein Mal waren sogar ein paar Deutsche im Café, aber die kamen mir nicht richtig vor.“ Sie sagt es natürlich auf englisch, geht zur Theke, um unseren Kaffee zu zapfen und ruft dem Mann in der Küche zu: „Sieh mal, hier sind die beiden Deutschen, von denen ich erzählt habe.“
Der Besitzer des Cafés kommt aus der Küche zu uns an den Tisch, schüttelt uns die Hände und fragt wie uns Dorset gefällt.  „We felt in love with it“, sagen wir. Seine Mundwinkel wandern in Richtung Ohrläppchen. Ich ahne, dass er unsere Freude teilt, vermutlich schon sein Leben lang. Bevor er zurück in die Küche geht, wünscht er uns „a nice stay“. Wir  wünschen ihm einen sonnigen Tag.
Mein Blick begegnet dem von T. Es ist einer dieser makellosen Momente,  in denen man dasselbe empfindet.
Neben uns sitzen zwei alte Männer, jeder an einem eigenen Tisch. Sie reden miteinander wie Nachbarn, die sich von Haustür zu Haustür etwas zurufen. Es geht allerdings nicht ums Wetter, oder um Fußball.
„Farage hats vergeigt“, sagt der eine.
„Ach, hat er es nicht gepackt?“ antwortet der andere und nickt in seine Teetasse.
„ Ja, so ist das wohl“, sagt der erste und nickt ebenfalls. „Thus is life. So what?
Sie nicken unisono und wenden sich dem Wetter zu.
Vor zwei Tagen waren Wahlen in Groß Britannien und Nigel Farage, quasi der Frontmann seiner Partei, der UKIP, hat nicht das Ergebnis erzielt, das er sich erhofft hat. Dabei hat die UKIP unterm Strich erschreckend gut abgeschnitten.  Das Parteiprogramm  ist für meinen Geschmack ziemlich nationalistisch.
Also, damit  ich hier nicht falsch verstanden werde, ich liebe mein Land. Klingt vielleicht komisch, ist aber so. Trotz GroKo und alledem. Und die Dämmerung am Wattenmeer in Deutschland lässt meine Augen genauso leuchten wie ein stiller Hügel voller Bärlauch in Dorset. Das Bewusstsein für die eigenen Wurzeln und die eigene Kultur ist schön, solange man die eigene Wichtigkeit nicht meterhoch über allen anderen vermutet.
Die  unbequeme Idee, dass unsere Wurzeln im Grunde die gleichen sind, wartet im Schatten der menschlichen Hybris auf den Moment zum Ausbruch.
Nationalisten surfen immer so selbstverliebt auf der Idee, dass die eigene Krone mit ihren  Verästelungen die wertvollste ist. Krone der Schöpfung sozusagen. Aber Unterbäume und Herrenbäume gibt es nicht.
Die Wurzel ist Mensch.
Dieser Farage hat jedenfalls, wie ich finde,  einen köstlichen, britischen Humor. Man könnte sagen, dass ich sein Krönchen mag. Ich merke, wie sich bei dem Gedanken ein Grinsen zwischen meinen Ohren breit macht.
„Was ist so komisch“, fragt T.
„Dieser Farage ist irgendwie ein verflixt witziger Typ“, sage ich und stecke mir den letzten Bissen meines Sandwiches in den Mund.  Meine Geschmacksknospen blühen auf. Kauen, genießen, schlucken. Schweigen.
Eine alte Lady betritt das Café.  Mit einem Seufzer lässt sie die Tür hinter sich zufallen. Groß und hager steht sie einen Moment mitten im Raum. Unter ihrem Strohhut ringeln sich ein paar widerspenstig aussehende graue Locken. Ihre   purpurne Jacke leuchtet mit dem lavendelfarbenen Rock um die Wette und gewinnt. Eine große Ledertasche baumelt über der linken Schulter der Lady . In der Hand trägt sie einen Stockschirm mit Rosenmuster. Sie steuert eine Ecke des Cafés an, wo sie sich mit einem weiteren Seufzer auf die Couch fallen lässt, den Schirm an die Wand lehnt und aus ihrer Handtasche eine flache, silberne Flasche hervor kramt.
„Fuck, verdammtes alt werden“, sagt sie laut zu niemand bestimmtem und nimmt einen Schluck aus der Flasche. Ihre Augen funkeln graublau.
„Alte Knochen knirschen und werden morsch. Da wird man total depressiv.“
Ihr Satz kreist in langsam abebbenden Schallwellen durch den Raum. Die Lady schickt ein krauses Grinsen in die Runde, stellt die Silberflasche auf den Tisch, lehnt sich ächzend zurück, zieht ein Buch aus der Tasche und liest.
„Ich liebe die Briten“, sage ich.
T lacht. Ich kann mich nie entscheiden, ob ich seine Augen bei graublau oder graugrün einordnen soll.  Sie lachen auf jeden Fall immer mit.
Wir gehen zur Theke, um zu bezahlen und uns von L zu verabschieden.
„T sagt, dass du Bücher schreibst und einen Preis für dein Kinderbuch bekommen hast“, sage ich.
Sie winkt ab, „Ach das, ja, ich mache auch Musik und male. Ich weiß nicht, was daraus mal wird. Es macht mir einfach Spaß.“ Sie lächelt dieses sympathische, schüchterne Lächeln. Später höre ich mir ihre Musik bei soundcloud und bandcamp an und denke, dass sie zu bescheiden ist. Mir gefällt es, wie sie singt. Ich werde auch versuchen, ihr Buch zu bekommen.
Es ist immer wieder schön, wenn aus Virtualität Realität wird.
Wir folgen uns jetzt auf Twitter.

3 Gedanken zu “Teil 8. Art Deco Café oder reality beats virtuality

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