Talk about Pop Muzik

Im Mai war ich auf einem Konzert der Band Elysian Fields im Café de la Danse in Paris. Das Café de la Danse liegt in der Nähe der Bastille, ca 15 Minuten Fußweg entfernt vom Bataclan, dem Veranstaltungslokal, in dem IS Terroristen am 13. 11. 2015 während eines Konzerts ein Blutbad angerichtet haben.
Ich weiß nicht, wie es Euch gegangen wäre, aber für mich war es ein beklemmendes Gefühl, durch dieses Viertel zu laufen und ausgerechnet dort, zu einem Konzert zu gehen. Die Band Elysian Fields mit der wunderbaren Sängerin Jennifer Charles, ist eine meiner Lieblingsbands, die ich zweimal im kleinen Rahmen in Dortmund und Düsseldorf live erlebt hatte.
Vor dem Einlass standen wir zusammen mit mehreren anderen Konzertbesuchern  eine halbe Stunde in der Passage Louis Philippe vor dem  Café und warteten auf Einlass. Es nieselte auf das Kopfsteinpflaster und in meinen Jackenkragen, obwohl ich ihn hochgestellt hatte. Warmer, feiner Regen.
Die Passage Louis Philippe  ist ein schmale, unspektakuläre Straße, eher ein Gasse.
In dem ganzen Viertel um die Bastille herrscht ein buntes und erfrischendes Treiben von Menschen aller Hautfarben und Nationalitäten. Sie wogen durch die engen Straßen mit den kleinen Läden, Lokalen und Cafés. Bunte Menschenblüten, die der Frühlingswind bewegt. Das  hat einen ganz speziellen Zauber. Ich spürte, dass ich den nur halb genießen konnte, dass ich manchmal nervös über die Schulter sah und an den Terroranschlag dachte. Ich hasste diese Gedanken und die Beklemmung, die sie in mir auslösten, aber es gelang mir nicht, sie völlig zu vertreiben. Da blieb so ein unangenehmes Kitzeln im Verstand und im Bauch.
Schließlich wurden die Türen geöffnet. Ich ertappte mich dabei, wie ich einen Platz mit kurzem Fluchtweg ansteuerte. Das ist echter Mist, dachte ich, aber es ist halt so. Und was nützt es, sich zu verbiegen.
Das Konzert begann. Es war verzaubernd.
Die warme, sinnliche Stimme und Gestik von Jennifer Charles, die Gitarrenklänge von Oren Bloedow, das Licht, das die grob gemauerte Bühnenwand in einen goldenen Schimmer tauchte, das begeisterte Publikum und der Rotwein, ließen meine Beklemmung fast verschwinden, aber sie lauerte heimtückisch im Hintergrund und starrte mir verbiestert ins Gesicht, wenn einer der Security Typen oben auf der Galerie erschien und sich über die Brüstung beugte.
Bis zu diesem einen, magischen Moment, in dem Jennifer Charles fragte, ob das Publikum bereit sei für ein kleines Experiment.
„Fühlt ihr Euch an einem guten Ort“, fragte sie.
„Fühlt Ihr Euch sicher?“
„Ja!“
„Fühlt ihr Euch so sicher, dass wir das Licht löschen können?“
„Ja!“
Das Licht ging aus.
Der Raum lag komplett im Dunkeln. Musik erklang. Und dann die Stimme von Jennifer. Sie sang „Pop Muzik, talk about pop pop Muzik.“
Ich hörte die Worte und die Musik und ich verstand. Ich glaube jeder verstand es. Es war trotzig, es war tief und es war frei. Wir machen unsere Musik, hieß das, unsere Pop Musik, und die lassen wir uns von niemandem verbieten oder nehmen. Nicht von Fanatikern, nicht von irgendeinem religiösen Wahn und nicht von der eigenen Angst. Man kann versuchen, uns einzuschüchtern, aber wir werden unsere Musik nicht beenden. Wir werden weiter machen und leben so frei wir können.  Mit Musik. Mit Pop Musik.
Das Lied endete.
Die Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich fühlte mich frei von Beklemmung und Ängstlichkeit, fühlte mich wie nach einem warmen Bad, gereinigt und entspannt. Es war eine Initiation, ein sehr eigenes Ritual des Einatmens von Musik und des Ausatmens, Ausdehnens in den Raum hinein.
Wir schienen eins in diesem einen Moment. Alle.  Nahmen den Raum ein, füllten ihn wirklich aus mit uns, mit Gegenwärtigkeit und waren glücklich.
Das war so einer dieser magischen Momente, wie sie Musik erschaffen kann, einer der Momente, die der Grund dafür sind, warum Dikatoren solche Musik hassen, warum radikale Islamisten sie verbieten möchten.
Es war die Kraft der Musik, die Theodorakis ins Gefängnis gebracht hat und die die  Militärjunta in Chile dazu veranlasste, dem Sänger Viktor Jara zuerst die Finger zu brechen, dann die Gitarre zu zerstören und ihn schließlich zu ermorden.
Und trotz all der Gewalt lebte der Geist seiner Musik.
Ich bin Jennifer Charles dankbar für ihre Sensibilität, ihre Intuition und diesen Moment.
Und hier ist das Video, das T. dort gedreht hat. Es ist nicht das beste Material. Ich weiß  nicht, ob für andere spürbar wird, wie es war, aber in mir löst es unmittelbar wieder dieses Gefühl aus.
Ja, wir können frei sein, wenn wir uns dafür entscheiden.

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Eine Nacht für Juli Quartalslesung letzter Teil

Bei der Oma gefiel es mir, trotz der strengen Lehrer in der katholischen Schule und trotz des sonntäglichen Kirchgangs für den ich früh um fünf aufstehen und fast noch im Halbschlaf die Sonntagskleider anziehen musste. Die Erwachsenen gingen ohne Frühstück in die Messe. Wir Kinder bekamen Honigmilch, auf der sich eine zarte Haut bildete.
In der Kirche schwebte ein Übelkeit erregender Geruch nach Weihrauch, alten Mauern und feuchten Mänteln. „Oh Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, und so wird meine Seele gesund“, wiederholte die versammelte Kirchengemeinde jeden Sonntag. Wieder und wieder.
Ich hatte keine Vorstellung, an welcher Krankheit die Seele der Leute litt oder wo im Körper sie zu finden wäre. Als ich Mutter und Oma fragte, lachten sie.
„Ach Juli, du Schäfchen“, sagte Oma. „Keiner ist krank, das ist nur ein Gebet, das man aufsagt.“
Niemand erklärte mir, warum wir bei der Oma wohnten.
„Es ist eine schwierige Zeit“, sagte meine Mutter.
Manchmal lauschte ich den Gesprächen der Erwachsenen, die meine Anwesenheit vergaßen, wenn ich mich still mit meiner Puppe beschäftigte. So erfuhr ich, dass Vater seine Arbeit verloren hatte und dass wir nicht in unsere Wohnung zurück konnten, weil die auch weg war. Ich verstand nicht, wie ein Zuhause und eine Arbeit einfach verschwinden konnten. Wochen später hörte ich Mutter und Oma darüber sprechen, dass Vater endlich Arbeit hätte und auch bald eine neue Wohnung finden würde.
Warum suchte er eine neue? Warum suchte er nicht nach der alten, verloren gegangenen? Ich traute mich nicht, danach zu fragen.
„Wo wohnt der Papa denn jetzt?“, fragte ich stattdessen. Mutter presste die Lippen zusammen und ging aus dem Zimmer. Oma nahm mich in den Arm.
„Er wohnt jetzt bei seiner Mama“, sagte sie.
„Bei Oma Dutti?“
„Ja.“
„Aber ich wünsch mir, dass er unsere Wohnung findet.“
Oma lachte.
„Die findet er ganz bestimmt“, sagte sie und strich mir über den Kopf. Ihre Hände rochen nach Minze und nach etwas anderem, etwas, dass ich nicht benennen konnte. Es gehörte zu ihr wie die vielen kleinen Falten in ihrem Gesicht und die gute Butter, die sie mir aufs Brot strich.
Für Vater mag es ein Glück gewesen sein, dass er bei Oma Dutti untergekommen war, aber mir fehlten seine Geschichten und Lieder. Ein betrunkener Vater war wie ein gebrochenes Bein. Gar keinen Vater zu haben fühlte sich an wie ein amputiertes Bein, irreparabel, dauerhaft von Krücken abhängig, halb.
Ein halbes Jahr später saßen wir wieder vereint beim Frühstück. Die neue Wohnung lag in einer typischen Ruhrgebietsstadt. Mir gefiel es dort. Wo vor dem Krieg die hochmütigen Häuser der Jahrhundertwende ihre Schornsteine in den Himmel gereckt hatten, deckte die Natur einen grünen Belag über die Brachen. Dort gruben die großen Jungen tiefe Löcher, die wie breite Gräber aussahen. Sie trugen alte Matratzen, Teppiche und Decken hinein und deckten alles mit Brettern ab.
Meine Freundinnen und ich standen und sahen mit aufgerissenen Augen, wie die Budenbauer mit Zigaretten und Streichhölzern im Untergrund verschwanden. Sie waren Helden.
„Dürfen wir mit?“, traute ich mich ein Mal zu fragen. Der Anführer hakte die Daumen in die Hosentaschen, sah uns mit zusammengezogenen Brauen an, nickte knapp.
„Na gut, ausnahmsweise.“
Wir folgten ihm nach unten. Es roch nach Erde und Rauch. Schweigend saßen wir an kühle Lehmwände gelehnt, die feuchten Hände ineinander verschlungen, ehrfürchtig und voll Verlangen, groß und stark zu sein.
Wenn ich meine Eltern ansah, kam mir das erwachsen sein allerdings nicht besonders erstrebenswert vor. Ihr Kettenkarussell des Streitens und Versöhnens drehte sich wie ein verdammtes Perpetuum Mobile.

Eine Nacht für Juli Quartalslesung dritter Teil

Elsa hält ihr die Zigarettenschachtel hin. Die Zigarette fühlt sich glatt und neu an.
„Filterzigaretten haben so etwas makelloses“, sagt Juli, „meine selbst gedrehten sehen von Anfang an krumm und benutzt aus“.
Elsa lacht. Ein großes Lachen, bei dem Juli sich beinahe entspannt fühlt.
„Ich wollte dir heute Morgen nicht zu nahe treten. Keine Ahnung wieso, aber alle Patientinnen, mit denen ich gesprochen hatte, haben von ihren Eierstöcken erzählt. Meine Frage war eine Art Verlegenheitsscherz, um ins Gespräch zu kommen.“
Juli sieht in das freundliche Gesicht, spürt, wie ihre Augen überfließen wollen, versucht, die Tränen mit den Händen zu stoppen.
„Oh Gott“, stammelt Elsa, „kann ich was für dich tun? Ich wusste ja nicht“
Juli schüttelt den Kopf. Sie reibt mit dem Unterarm über die Augen, eine schnelle Bewegung, eigensinnig, verärgert, als ob sie nicht nur Tränen wegwischen will.
„Du hast keine Ahnung“, sagt sie, „ich könnte dir die Geschichte erzählen, aber sie ist lang, und ich weiß nicht genau, wo sie anfängt.“
Elsa gibt ihr ein Taschentuch.
„Ich hab die ganze Nacht Zeit.“
Juli putzt sich die Nase, zerknüllt das Taschentuch in der Faust, senkt den Kopf. Mit den hellbraunen, kurzen Haarfransen erinnert sie an ein zerzaustes Amseljunges. Sie mustert Elsa mit einem abschätzenden Blick aus den Augenwinkeln.
„Ach verdammt, was soll’s, wenn du es echt hören willst. Gibst du mir noch eine von deinen Kippen?“
Wer wäre besser geeignet zum Reden, als eine Mitpatientin, eine wie Elsa, die sie danach nie wieder sehen würde?
Sie zündet die Zigarette an, zieht den Rauch tief in die Lungen, genießt einen Moment den herben Geschmack des Tabaks auf der Zunge und taucht ein in den Raum, in dem ihre Geschichte sich verbirgt.

Ich weiß nicht. Wo soll ich anfangen? Mit Sven und Eric? Nach der Sache mit Frank? Oder mit meinen Eltern? Ja, meine Eltern, ich fange bei ihnen an. Ich muss ungefähr sieben gewesen sein, als ich kapierte, dass mein Vater nicht der Held war, für den ich ihn hielt. Mitten in der Nacht hatte mich ein Poltern im Treppenhaus geweckt, ich huschte zur Zimmertür, öffnete sie einen Spalt und blinzelte hindurch.
Der Geruch von Zigarettenrauch, Bier und Frikadellen mit Senf stahl sich in den Flur und kroch mir in die Nase, als Vater zur Wohnungstür hereinkam.
„Is was später geworden“, sagte er zu meiner Mutter, die in ihrem verwaschenen, gelben Morgenmantel in der Schlafzimmertür stand. Vater tastete sich mit schlurfenden Schritten ins Wohnzimmer. Man hörte die Sprungfedern des Sofas knarren, als er sich hinsetzte. Ich konnte mir gut vorstellen, wie er da saß, nach vorne gebeugt, mit hängendem Kopf, die Arme schlaff auf den Schenkeln. Ich hatte ihn tausend Mal so sitzen sehen, wenn er nach Bier roch.
Mutter ging in die Küche. Ich wusste, dass sie ihm Brote schmierte. In der Stille schwoll das Schaben des Brotmessers zusammen mit dem Geräusch des Wasserkessels zu einem einsamen Rhythmus an.
Als Mutter das Tablett durch den Flur trug, hielt sie ihren Rücken angestrengt gerade.
Ich schlich in die Diele, linste durch die halb geöffnete Wohnzimmertür, rieb mir den Schlaf aus den Augen.
Vaters Anblick ließ sich nicht wegwischen.
Er aß mit unsicherer Hand, den Blick auf den Teller geheftet. Mutter stand vor ihm, sah ihn an, stumm, die Arme verschränkt, die Lippen zusammengepresst, bis es aus ihr herausplatzte,
„Du bist besoffen! “
Sein Gesicht erstarrte. Rot und schief sah es aus. Die Hand stockte mitten im Griff nach der nächsten Wurststulle.
„Dummer Bauerntrampel.“
Er schleuderte den Teller mit den Broten, von denen eines gegen die Wand klatschte. Im Zeitlupentempo rutschte es
die Tapete hinunter und zog einen breiten Leberwurststreifen hinter sich her.
Ich stand mit nackten Füßen auf dem Linoleum, kaute auf der Unterlippe, starrte die Tür an, hörte meine Eltern brüllen, eine millionenfach abgespulte Litanei von Beleidigungen, Vorwürfen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Ich dachte, die würden nie wieder aufhören.
Mein Hals fühlte sich eng an, so als ob mir ganz langsam die Luft ausginge, immer ein bisschen weniger, bis keine mehr da wäre.
Frierend schlich ich zurück ins Kinderzimmer, wo ich im Bett lag, die kalten Füße aneinander reibend, die Decke über den Kopf gezogen, auf Stille wartend. Meine kleine Schwester schlief mit geöffnetem Mund in ihrem Bett. Ihr gleichmäßiges Atmen klang laut und nervtötend in meinen Ohren.
Ich weinte nicht. Nicht wie damals, als ich klein war und ohne Licht nicht einschlafen konnte. Vater hatte mich geschlagen und das Licht gelöscht.
Damals, ja, da lag ich heulend im dunklen Zimmer und starrte in die Schatten.
Ein Leberwurstbrot auf einer Tapete. Warum sollte ich darüber weinen?
Ich hatte begriffen, dass unser Familienleben nicht in Ordnung war. Das Gefühl klebte sich an meine Fersen, verfolgte mich durch die Kindheit wie ein unverwechselbarer Geruch, der an mir haften blieb, wie sehr ich auch versuchte, ihn abzustreifen. Ich wollte einen nüchternen Vater, ich wollte eine Familie, wie meine Freundinnen sie hatten.
Nüchtern war er mein König.
Wenn er getrunken hatte, sah er aus, als würde er zusammenschrumpfen, saß mit stierem Blick vor dem Fernseher und ließ die Fingernägel gegeneinander klacken.
Klack und klack und klack.
Ein jämmerliches Geräusch.
Früher haben wir ihn manchmal von der Arbeit abgeholt. Der Weg führte über eine Brücke. Meine Beine waren kurz, die Brücke lang. Schwindelerregend.
Am anderen Ende sah ich ihn oft schon auftauchen, eine vertraute Gestalt im grauen Mantel. Und ich rannte so schnell ich konnte über die Brücke, die mich in den Abgrund zu zerren schien, stürzte mich in die sicheren Arme meines Vaters.
Wie ich mich sicher fühlen konnte, obwohl er mich schlug?
Schwer zu sagen.
Als mein Meerschweinchen starb, bettete er es in eine Zigarrenkiste und bastelte ein kleines Holzkreuz mit einer Münze im Schnittpunkt der Hölzer.
So ein Vater war er.
Ich wusste, dass er dreiundvierzig in den Krieg gezogen war, zur Kriegsmarine wie sein großer Bruder, von dem nur noch ein Foto übrig war, das in Omas Wohnzimmerschrank stand. Das und ein Brief vom Reichskriegsministerium, in dem stand, dass er als Held gestorben sei. Oma bewahrte das Schreiben in ihrer Bibel auf.
Vater war mit neunzehn Jahren nach Sibirien verfrachtet worden. Jedes Jahr zu Weihnachten kroch die Erinnerung in ihm hoch wie eine verdorbene Mahlzeit, die man nicht verdauen kann. Ein unverzichtbarer Teil unseres Weihnachtsfestes. Es begann am Heiligen Abend in der Kneipe mit diesem Morgenbesäufnis unter Männern, das sie Frühschoppen nannten. Zuhause warteten wir ungeduldig und voll Hoffnung, ob er rechtzeitig kommen würde, um den Baum zu schmücken. Das war sein Vorrecht. Ganz gleich, wie angetrunken er war, er hängte penibel, ohne dass seine Hand jemals zitterte, einen Lamettafaden neben den anderen auf die Zweige.
Wie silberne Vorhänge hingen sie dort aufgereiht.
Für Mutter musste alles Silber sein, die Kugeln, die Christbaumspitze, die Weihnachtsengel und die Vögel mit dem Pinselschwanz, die man an die Zweige klemmen konnte. Ich vergötterte die Vögelchen und hielt sie für verwunschene Geschöpfe, die vielleicht eines Tages fliegen würden.

Es gehörte zum Heilig-Abend-Ritual, dass Vater nach der Bescherung die Weihnachtsgeschichte vorlas. Die Geburt des Christkindes war der kürzere Teil. Danach legte er die Bibel zur Seite und wandte sich dem längeren Teil zu, der Geschichte seiner zweiten Geburt, acht Jahre nach Kriegsende, als er vor der Tür seiner Mutter
gestanden hatte. Seine Augen wurden nass, wenn er davon erzählte und manchmal holte er seine Mundharmonika aus dem Schrank und spielte das Wolgalied.
In dem Haus, in das der Krieg seine Familie verschlagen hatte, einer zum Wohnhaus umfunktionierten Synagoge, hatte auch die Familie meiner Mutter gewohnt. Mutter hatte sich in den mageren Kriegsheimkehrer verliebt. „Er war ein Charmeur“ erzählte sie gerne.
Ich glaubte ihr.
Kurz nach meinem achten Geburtstag rief er mich mit seiner feierlichen Weihnachtsstimme ins Wohnzimmer. Es muss ein Sonntag gewesen sein, aus der Küche roch es nach Braten und Gurkensalat.
„ Ich will dir etwas zeigen, Juliana.“
Er stand am Wohnzimmerschrank. In der Hand hielt er ein Buch. Einen Fotobildband, auf dessen Umschlag ein gelber Stern leuchtete. Seite für Seite blätterte er vor mir um. Unverwandt sah ich auf die Bilder. Ich konnte nicht begreifen, dass die lumpigen Berge, die aussahen, wie auf den Haufen geworfene Altkleider, Menschen sein sollten, ermordete Menschen.
„Das darf nie wieder passieren, Juli. Merk dir das, niemals wieder.“
Es klang knautschig und fremd als wäre die Zunge zu groß für seinen Mund. Seine Augen blickten mich eindringlich an, wässrig blaue Glasmurmeln mitten im Weiß der Augäpfel.
Ich nickte stumm. Wie sollte ausgerechnet ich jemals den Tod von Menschen verhindern? Am Abend lag ich im Bett und fürchtete mich, die Augen zu schließen, weil dann die Bilder zurückkamen. Ich hörte Vaters Stimme in meinem Kopf. „Niemals wieder“.
In der nächsten Zeit nahm ich manchmal heimlich das Buch aus dem Schrank. In meinem Bauch kribbelte es,
wenn ich es öffnete und mit schnellen Fingern durch die Seiten blätterte. Ich hoffte, dass das Schreckliche irgendwann verschwände. Doch es blieb unverändert anwesend, auf ewig eingeschlossen in schwarz-weißen Fotos zwischen zwei Buchdeckeln. Wenn ich Mutter danach fragte, versicherte sie, dass man in der Kleinstadt nichts mitbekommen hatte.

Ein einziges Mal unternahm sie einen Ausbruch aus der Ehe. Sie zog mit uns Kindern zu ihrer Mutter, die noch immer in der Synagoge wohnte.
Das Gebäude war aufregend anders als jedes andere Haus, das ich kannte. Eine Freitreppe führte hinauf zu der Haustür aus massivem Holz. Schnitzereien hoben sich davon ab, Symbole und Schriftzeichen, die fremd und geheimnisvoll für mich waren. Im Inneren wartete die kuppelförmige Eingangshalle. Wenn ich sie betrat, wischte die Stille alles andere zur Seite. Mit angehaltenem Atem sank ich in die Umarmung einer Atmosphäre aus Dämmerlicht, Größe und der schweigenden Anwesenheit vergangener Leben. So gegenwärtig schien dieser Raum und gleichzeitig wie der unerforschte Teil einer versunkenen Welt.
Am Ende der Halle führte rechts eine Holztreppe hinauf, von der auf jeder Etage Gänge mit vielen Türen abzweigten.
Meine Großmutter wohnte unter dem Dach. Über ihrer Wohnungstür hing ein ausgestopfter Bussard, der sich an einen verstaubten Ast klammerte. Ich hatte nie zuvor etwas gesehen, das so lebendig wirkte, ohne sich jemals zu rühren. Selbst wenn ich ihn wachsam beobachtete, zeigte der Bussard kein Anzeichen einer Bewegung.
Er sah aus starren Augen ins Leere wie in eine vergessene Zeit.
Aus Omas Küchenfenster stürzte der Blick hinunter auf einen weiträumigen Innenhof. Waschküche, Hühnerstall und ein Schuppen schmiegten sich an eine verwitterte Steinmauer. Dort trafen sich die Kinder zum Spielen. Die großen Mädchen spielten in erregendem Tempo drei kleine Bälle gegen die Wand und fingen sie in einem anmutigen Tanz der Hände wieder auf. Ich versuchte es ihnen nachzumachen, aber immer entglitt mir einer der Bälle und fiel zu Boden.
„ Juli, Juli, die schafft es nie“, sang Heike, die Älteste. Die anderen sangen mit.
Ich hasste sie.

Eine Nacht für Juli Lesung erster Teil

Was, wenn Gott eine Frau wäre?
Juli öffnet die Augen. Der Satz verweht zu einem sanft wabernden Echo und die Vogelfrau, die vor Sekunden noch real zu sein schien, bleibt zurück in ihrer blauen Welt, letzte Impression eines bizarren Traumes.
Die ersten Strahlen der Morgensonne vertreiben den kühlen Atem der Nacht.
Auf dem Nachttisch steht das Frühstück.
Wurst und Käse sehen aus, als ob sie schwitzen. Der Anblick verstärkt die Übelkeit in Julis Magen. Sie trinkt einen Schluck von dem dünnen Kaffee, schließt die Augen, versucht zurückzugleiten in die Zone zwischen Schlaf und Wachzustand.
Als sie kapituliert, fällt ihr Blick auf die Vorhänge vor dem halb geöffneten Fenster. Babyblau. Bescheuerte Farbe, denkt sie.
Ein Lufthauch bauscht den Stoff auf wie ein Segel. Einen Moment stellt sie sich vor, das Krankenhaus wäre ein Boot, mit voller Takelage auf dem Weg in Richtung Horizont, auf und davon.
Juli dreht sich auf den Rücken, den Blick zur Zimmerdecke gerichtet. Sie denkt daran, wie sie als Kind oft auf dem Boden lag und solange nach oben starrte, bis sie das kribbelige Gefühl hatte, mit dem Rücken an der Decke zu kleben. Damals war der Perspektivwechsel leicht gewesen. Sie schließt die Augen, streicht mit den Händen über ihr Gesicht, spürt die Knochen unter der Haut, die Augenhöhlen, die Jochbeine, das Kinn.
Wie verwischt sie sich fühlt, abgenutzt wie ihr Nachthemd.
Eine Liedzeile kriecht in ihre Gedanken,
it’s feeling near as faded as my jeans.
Das trifft es auf den Punkt. Me and Bobby McGee von Janis Joplin. Als sie das Lied zum ersten Mal hörte, war Janis längst tot. Juli war vierzehn gewesen, und die große Stimme der kleinen Janis fuhr ihr unter die Haut. Sie gab der Melodie des Lebens einen Namen.
Blues.
Janis ist am Blues gestorben. Fast hätte sie es laut in den Raum gesprochen. Die Zeitungen hatten damals von einer Überdosis Heroin berichtet. Aber Juli ist überzeugt, dass die Droge nur ein Symptom war. Die Ursache musste eine Überdosis Blues gewesen sein.
Ein krampfartiger Schmerz fährt ihr durch Rücken und Unterleib. Sie spürt das Blut aus sich heraussickern, dreht sich auf die Seite, zieht die Beine an die Brust, umschlingt sie mit den Armen und fühlt sich einen Augenblick geborgen wie ein Fötus in der Gebärmutter.
Langsam ebbt der Schmerz ab. Zurück bleiben ein unangenehmes Ziehen und das drängende Bedürfnis zu rauchen. Juli kramt Tabak und Feuerzeug aus dem Nachttisch und dreht eine dünne Zigarette. Der letzte lauwarme Schluck Kaffee aus ihrer Tasse schmeckt bitter ohne stark zu sein.
Sie verzieht das Gesicht, verlässt das Krankenzimmer, geht, fast ohne die Füße anzuheben, in den Aufenthaltsraum, wo sie sich auf einen der blauen Plastikstühle setzt und die Zigarette anzündet. Ein leichter Schwindel zwingt sie, die Augen zu schließen. Sie überlässt sich der Musik in ihrem Kopf. Da ist nur die Melodie, And I’ll trade all my tomorrow for one single yesterday. Sie will auf keinen Fall in der Klinik bleiben. Nach der Visite würde sie nach Hause fahren.
Ihr Körper wiegt sich im Rhythmus der inneren Musik. Es fühlt sich an wie das Schaukeln eines Kinderwagens. Einfach die Zeit zurückdrehen, neu aus dem Mutterschoß kriechen in ein frisches, ungeöffnetes Leben. Ob auch Janis sich das gewünscht hätte?