Eine Nacht für Juli Quartalslesung dritter Teil

Elsa hält ihr die Zigarettenschachtel hin. Die Zigarette fühlt sich glatt und neu an.
„Filterzigaretten haben so etwas makelloses“, sagt Juli, „meine selbst gedrehten sehen von Anfang an krumm und benutzt aus“.
Elsa lacht. Ein großes Lachen, bei dem Juli sich beinahe entspannt fühlt.
„Ich wollte dir heute Morgen nicht zu nahe treten. Keine Ahnung wieso, aber alle Patientinnen, mit denen ich gesprochen hatte, haben von ihren Eierstöcken erzählt. Meine Frage war eine Art Verlegenheitsscherz, um ins Gespräch zu kommen.“
Juli sieht in das freundliche Gesicht, spürt, wie ihre Augen überfließen wollen, versucht, die Tränen mit den Händen zu stoppen.
„Oh Gott“, stammelt Elsa, „kann ich was für dich tun? Ich wusste ja nicht“
Juli schüttelt den Kopf. Sie reibt mit dem Unterarm über die Augen, eine schnelle Bewegung, eigensinnig, verärgert, als ob sie nicht nur Tränen wegwischen will.
„Du hast keine Ahnung“, sagt sie, „ich könnte dir die Geschichte erzählen, aber sie ist lang, und ich weiß nicht genau, wo sie anfängt.“
Elsa gibt ihr ein Taschentuch.
„Ich hab die ganze Nacht Zeit.“
Juli putzt sich die Nase, zerknüllt das Taschentuch in der Faust, senkt den Kopf. Mit den hellbraunen, kurzen Haarfransen erinnert sie an ein zerzaustes Amseljunges. Sie mustert Elsa mit einem abschätzenden Blick aus den Augenwinkeln.
„Ach verdammt, was soll’s, wenn du es echt hören willst. Gibst du mir noch eine von deinen Kippen?“
Wer wäre besser geeignet zum Reden, als eine Mitpatientin, eine wie Elsa, die sie danach nie wieder sehen würde?
Sie zündet die Zigarette an, zieht den Rauch tief in die Lungen, genießt einen Moment den herben Geschmack des Tabaks auf der Zunge und taucht ein in den Raum, in dem ihre Geschichte sich verbirgt.

Ich weiß nicht. Wo soll ich anfangen? Mit Sven und Eric? Nach der Sache mit Frank? Oder mit meinen Eltern? Ja, meine Eltern, ich fange bei ihnen an. Ich muss ungefähr sieben gewesen sein, als ich kapierte, dass mein Vater nicht der Held war, für den ich ihn hielt. Mitten in der Nacht hatte mich ein Poltern im Treppenhaus geweckt, ich huschte zur Zimmertür, öffnete sie einen Spalt und blinzelte hindurch.
Der Geruch von Zigarettenrauch, Bier und Frikadellen mit Senf stahl sich in den Flur und kroch mir in die Nase, als Vater zur Wohnungstür hereinkam.
„Is was später geworden“, sagte er zu meiner Mutter, die in ihrem verwaschenen, gelben Morgenmantel in der Schlafzimmertür stand. Vater tastete sich mit schlurfenden Schritten ins Wohnzimmer. Man hörte die Sprungfedern des Sofas knarren, als er sich hinsetzte. Ich konnte mir gut vorstellen, wie er da saß, nach vorne gebeugt, mit hängendem Kopf, die Arme schlaff auf den Schenkeln. Ich hatte ihn tausend Mal so sitzen sehen, wenn er nach Bier roch.
Mutter ging in die Küche. Ich wusste, dass sie ihm Brote schmierte. In der Stille schwoll das Schaben des Brotmessers zusammen mit dem Geräusch des Wasserkessels zu einem einsamen Rhythmus an.
Als Mutter das Tablett durch den Flur trug, hielt sie ihren Rücken angestrengt gerade.
Ich schlich in die Diele, linste durch die halb geöffnete Wohnzimmertür, rieb mir den Schlaf aus den Augen.
Vaters Anblick ließ sich nicht wegwischen.
Er aß mit unsicherer Hand, den Blick auf den Teller geheftet. Mutter stand vor ihm, sah ihn an, stumm, die Arme verschränkt, die Lippen zusammengepresst, bis es aus ihr herausplatzte,
„Du bist besoffen! “
Sein Gesicht erstarrte. Rot und schief sah es aus. Die Hand stockte mitten im Griff nach der nächsten Wurststulle.
„Dummer Bauerntrampel.“
Er schleuderte den Teller mit den Broten, von denen eines gegen die Wand klatschte. Im Zeitlupentempo rutschte es
die Tapete hinunter und zog einen breiten Leberwurststreifen hinter sich her.
Ich stand mit nackten Füßen auf dem Linoleum, kaute auf der Unterlippe, starrte die Tür an, hörte meine Eltern brüllen, eine millionenfach abgespulte Litanei von Beleidigungen, Vorwürfen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Ich dachte, die würden nie wieder aufhören.
Mein Hals fühlte sich eng an, so als ob mir ganz langsam die Luft ausginge, immer ein bisschen weniger, bis keine mehr da wäre.
Frierend schlich ich zurück ins Kinderzimmer, wo ich im Bett lag, die kalten Füße aneinander reibend, die Decke über den Kopf gezogen, auf Stille wartend. Meine kleine Schwester schlief mit geöffnetem Mund in ihrem Bett. Ihr gleichmäßiges Atmen klang laut und nervtötend in meinen Ohren.
Ich weinte nicht. Nicht wie damals, als ich klein war und ohne Licht nicht einschlafen konnte. Vater hatte mich geschlagen und das Licht gelöscht.
Damals, ja, da lag ich heulend im dunklen Zimmer und starrte in die Schatten.
Ein Leberwurstbrot auf einer Tapete. Warum sollte ich darüber weinen?
Ich hatte begriffen, dass unser Familienleben nicht in Ordnung war. Das Gefühl klebte sich an meine Fersen, verfolgte mich durch die Kindheit wie ein unverwechselbarer Geruch, der an mir haften blieb, wie sehr ich auch versuchte, ihn abzustreifen. Ich wollte einen nüchternen Vater, ich wollte eine Familie, wie meine Freundinnen sie hatten.
Nüchtern war er mein König.
Wenn er getrunken hatte, sah er aus, als würde er zusammenschrumpfen, saß mit stierem Blick vor dem Fernseher und ließ die Fingernägel gegeneinander klacken.
Klack und klack und klack.
Ein jämmerliches Geräusch.
Früher haben wir ihn manchmal von der Arbeit abgeholt. Der Weg führte über eine Brücke. Meine Beine waren kurz, die Brücke lang. Schwindelerregend.
Am anderen Ende sah ich ihn oft schon auftauchen, eine vertraute Gestalt im grauen Mantel. Und ich rannte so schnell ich konnte über die Brücke, die mich in den Abgrund zu zerren schien, stürzte mich in die sicheren Arme meines Vaters.
Wie ich mich sicher fühlen konnte, obwohl er mich schlug?
Schwer zu sagen.
Als mein Meerschweinchen starb, bettete er es in eine Zigarrenkiste und bastelte ein kleines Holzkreuz mit einer Münze im Schnittpunkt der Hölzer.
So ein Vater war er.
Ich wusste, dass er dreiundvierzig in den Krieg gezogen war, zur Kriegsmarine wie sein großer Bruder, von dem nur noch ein Foto übrig war, das in Omas Wohnzimmerschrank stand. Das und ein Brief vom Reichskriegsministerium, in dem stand, dass er als Held gestorben sei. Oma bewahrte das Schreiben in ihrer Bibel auf.
Vater war mit neunzehn Jahren nach Sibirien verfrachtet worden. Jedes Jahr zu Weihnachten kroch die Erinnerung in ihm hoch wie eine verdorbene Mahlzeit, die man nicht verdauen kann. Ein unverzichtbarer Teil unseres Weihnachtsfestes. Es begann am Heiligen Abend in der Kneipe mit diesem Morgenbesäufnis unter Männern, das sie Frühschoppen nannten. Zuhause warteten wir ungeduldig und voll Hoffnung, ob er rechtzeitig kommen würde, um den Baum zu schmücken. Das war sein Vorrecht. Ganz gleich, wie angetrunken er war, er hängte penibel, ohne dass seine Hand jemals zitterte, einen Lamettafaden neben den anderen auf die Zweige.
Wie silberne Vorhänge hingen sie dort aufgereiht.
Für Mutter musste alles Silber sein, die Kugeln, die Christbaumspitze, die Weihnachtsengel und die Vögel mit dem Pinselschwanz, die man an die Zweige klemmen konnte. Ich vergötterte die Vögelchen und hielt sie für verwunschene Geschöpfe, die vielleicht eines Tages fliegen würden.

Es gehörte zum Heilig-Abend-Ritual, dass Vater nach der Bescherung die Weihnachtsgeschichte vorlas. Die Geburt des Christkindes war der kürzere Teil. Danach legte er die Bibel zur Seite und wandte sich dem längeren Teil zu, der Geschichte seiner zweiten Geburt, acht Jahre nach Kriegsende, als er vor der Tür seiner Mutter
gestanden hatte. Seine Augen wurden nass, wenn er davon erzählte und manchmal holte er seine Mundharmonika aus dem Schrank und spielte das Wolgalied.
In dem Haus, in das der Krieg seine Familie verschlagen hatte, einer zum Wohnhaus umfunktionierten Synagoge, hatte auch die Familie meiner Mutter gewohnt. Mutter hatte sich in den mageren Kriegsheimkehrer verliebt. „Er war ein Charmeur“ erzählte sie gerne.
Ich glaubte ihr.
Kurz nach meinem achten Geburtstag rief er mich mit seiner feierlichen Weihnachtsstimme ins Wohnzimmer. Es muss ein Sonntag gewesen sein, aus der Küche roch es nach Braten und Gurkensalat.
„ Ich will dir etwas zeigen, Juliana.“
Er stand am Wohnzimmerschrank. In der Hand hielt er ein Buch. Einen Fotobildband, auf dessen Umschlag ein gelber Stern leuchtete. Seite für Seite blätterte er vor mir um. Unverwandt sah ich auf die Bilder. Ich konnte nicht begreifen, dass die lumpigen Berge, die aussahen, wie auf den Haufen geworfene Altkleider, Menschen sein sollten, ermordete Menschen.
„Das darf nie wieder passieren, Juli. Merk dir das, niemals wieder.“
Es klang knautschig und fremd als wäre die Zunge zu groß für seinen Mund. Seine Augen blickten mich eindringlich an, wässrig blaue Glasmurmeln mitten im Weiß der Augäpfel.
Ich nickte stumm. Wie sollte ausgerechnet ich jemals den Tod von Menschen verhindern? Am Abend lag ich im Bett und fürchtete mich, die Augen zu schließen, weil dann die Bilder zurückkamen. Ich hörte Vaters Stimme in meinem Kopf. „Niemals wieder“.
In der nächsten Zeit nahm ich manchmal heimlich das Buch aus dem Schrank. In meinem Bauch kribbelte es,
wenn ich es öffnete und mit schnellen Fingern durch die Seiten blätterte. Ich hoffte, dass das Schreckliche irgendwann verschwände. Doch es blieb unverändert anwesend, auf ewig eingeschlossen in schwarz-weißen Fotos zwischen zwei Buchdeckeln. Wenn ich Mutter danach fragte, versicherte sie, dass man in der Kleinstadt nichts mitbekommen hatte.

Ein einziges Mal unternahm sie einen Ausbruch aus der Ehe. Sie zog mit uns Kindern zu ihrer Mutter, die noch immer in der Synagoge wohnte.
Das Gebäude war aufregend anders als jedes andere Haus, das ich kannte. Eine Freitreppe führte hinauf zu der Haustür aus massivem Holz. Schnitzereien hoben sich davon ab, Symbole und Schriftzeichen, die fremd und geheimnisvoll für mich waren. Im Inneren wartete die kuppelförmige Eingangshalle. Wenn ich sie betrat, wischte die Stille alles andere zur Seite. Mit angehaltenem Atem sank ich in die Umarmung einer Atmosphäre aus Dämmerlicht, Größe und der schweigenden Anwesenheit vergangener Leben. So gegenwärtig schien dieser Raum und gleichzeitig wie der unerforschte Teil einer versunkenen Welt.
Am Ende der Halle führte rechts eine Holztreppe hinauf, von der auf jeder Etage Gänge mit vielen Türen abzweigten.
Meine Großmutter wohnte unter dem Dach. Über ihrer Wohnungstür hing ein ausgestopfter Bussard, der sich an einen verstaubten Ast klammerte. Ich hatte nie zuvor etwas gesehen, das so lebendig wirkte, ohne sich jemals zu rühren. Selbst wenn ich ihn wachsam beobachtete, zeigte der Bussard kein Anzeichen einer Bewegung.
Er sah aus starren Augen ins Leere wie in eine vergessene Zeit.
Aus Omas Küchenfenster stürzte der Blick hinunter auf einen weiträumigen Innenhof. Waschküche, Hühnerstall und ein Schuppen schmiegten sich an eine verwitterte Steinmauer. Dort trafen sich die Kinder zum Spielen. Die großen Mädchen spielten in erregendem Tempo drei kleine Bälle gegen die Wand und fingen sie in einem anmutigen Tanz der Hände wieder auf. Ich versuchte es ihnen nachzumachen, aber immer entglitt mir einer der Bälle und fiel zu Boden.
„ Juli, Juli, die schafft es nie“, sang Heike, die Älteste. Die anderen sangen mit.
Ich hasste sie.

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