Beaminster ist ein kleiner, alter Ort mit einer noch älteren, Kirche aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Fast fühle ich mich in diese Zeit versetzt, als ich umringt von typisch englischen Natursteinhäusern durch die engen Gassen gehe. Hier wurde das Buch Tess d’Urbanville von Thomas Hardy verfilmt, der ein Kind Dorsets war.
Auch der kleine Ort, in dem Dumbledore seine Kindheit verbrachte, ähnelt im Film dem, in dem wir hier gelandet sind.
Ich würde jetzt gerne erzählen, dass an unserem ersten Tag die Sonne scheint, das Wetter gebärdet sich jedoch wie eine unzufriedene Ehefrau. Wolkenverhangen, diesig. Immerhin weint der Himmel nicht.
Wir haben uns aus dem Haus gewagt, um den Ort zu erkunden und entdecken den alten Friedhof, der wie in einer brüderlichen Umarmung die Kirche umschlingt.
Der älteste Grabstein, von 1420, gibt keinen Namen preis. Er neigt sich müde zur Seite, so weit, dass man ihn stützen möchte. Überhaupt scheinen die meisten Steine archaisch und schief, die Inschriften verwittert, die Oberflächen von ockerfarbenen und weißgrauen Flechten überzogen.
Ein greiser, ein sterbender Ort für die Verstorbenen, erzählt wortlos die Geschichte der Vergänglichkeit, liebevoll überschattet von knorrigen Bäumen, deren mächtige Kronen zu singen scheinen.
Während T. mit der Kamera zu verewigen versucht, was nicht ewig sein kann, sitze ich auf einer Bank und genieße Ruhe. Vereinzelt kriechen Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke wie vorwitzige Kinderfinger ins Nutellaglas und verschwinden genauso schnell wieder.
Als T. die Fototour beendet, betreten wir die Kirche. Der Raum, der uns umfängt, hat nichts gemeinsam mit den ernsten, in schwermütigem Schweigen verharrenden katholischen Kirchen, die ich zum Beispiel in Italien gesehen habe. Die, in denen es so stark nach Weihrauch riecht, dass die Stirnhöhle bebt.
Das Gotteshaus in Beaminster hat etwas heiteres, fast verspieltes, scheinbar immer in Auflösung und Wandel begriffenes. Achtet mich, aber nehmt mich nicht zu ernst, scheint es zu flüstern und verströmt seinen Geruch nach vergilbtem Papier, Staub und feuchtem Mauerwerk.
Rechts neben der Eingangstür entdecken wir die Kinderecke. An einer Pinwand hängen Listen, in die die Kinder sich für Back oder Bastelaktionen eintragen können. An einem runden, ferrariroten Plastiktisch, Marke Ikea klobig, sitzen Puppen, handgestrickt aus bunter Wolle. Alle haben sie sorgfältig aufgestickte, lächelnde Gesichter. Fast unheimlich.
Ich stelle mir die Ladies der Gemeinde vor, wie sie bei einer Tasse Tee und ein paar Scones mit clotted cream, die Nadeln schwingen.
Wir müssen lachen. Es ist so schräg, so exzentrisch, so zum Verlieben britisch.
Vor dem Verlassen der Kirche erwerbe ich gegen eine Spende noch The Dorset cooking book. Die Rezepte wurden von Gemeindemitgliedern gesammelt.
Der Erlös aus dem Verkauf soll dem Erhalt der Kirche dienen.
Ich denke, sie hat es verdient.
Gedanken
Englisches Tagebuch Teil 4: Glockenklang
Katholische Kirchenglocken haben für meine Ohren etwas Alttestamentarisches.
Dieses tiefe Bum Bom Bom Bum Bum Bom.
Das erinnert mich an Gott, wie er erhobenem Zeigefinger im brennenden Dornbusch erscheint, eine Steintafel in der Hand, eine Augenbraue leicht hochgezogen, im Gesicht diesen Ausdruck von du-sollst-keine-anderen-Götter-neben-mir-haben.
Ein Klang, in dem eine düstere Vorahnung des unendlichen ora et labora schwingt. Scharen von Gläubigen ziehen am inneren Auge vorbei zum Gottesdienst. Manche freiwillig, andere zwangsverpflichtet, sich unwürdig fühlende Diener der zehn Gebote, die sie sich kaum alle merken, geschweige denn ständig befolgen können.
Ganz anders das Geläut anglikanischer Glocken mit ihrem fast jazzigen Dam Da Dam Da Da Dam Dam Da Dam Da Da Dam.
Sie scheinen eher zum Spiel zu rufen, statt zur Arbeit. Neutestamentarisch. Ein lasset-die-Kindlein-zu-mir-kommen swingt in ihrem Klang, und ein -kommt alle, die ihr mühselig und beladen seid – oder so etwas Ähnliches.
Ein kluger Gott, der das Dienen zum Spiel macht für seine Anhänger , die gebunden werden mit leuchtenden Seidenbändern, so zart, kein Gramm leichter als rasselnde Ketten, aber so unendlich viel hipper.
Englisches Tagebuch Teil 3: Banksy versus Yoghananda oder from Dover to Beaminster
Die Strecke von Dover nach Dorset zieht sich wie immer in die Länge. Ich könnte fast schwören, dass sie jedes Mal ein paar Meilen länger wird. England ist nicht zufällig das Land von Hogwarts und Dumbledore. Zum Glück sind an einem Feiertag nur wenige LKWs unterwegs und wir haben freie Fahrt auf der Autobahn Richtung London, wo sich normalerweise ein Autokonvoi, der länger ist als Voldemorts Schlange, in Richtung Hauptstadt schiebt .
Hinter London verwandelt sich die Autobahn in eine Schnellstraße, die ihren Namen vermutlich beim Bingo gewonnen hat, eine Art mehrspurige Landstraße, ungefähr alle acht Kilometer unterbrochen durch einen Kreisverkehr. Slow down steht auf der Fahrbahn und dann ab in den Roundabout und wieder Gas geben.
T. hat den Linksverkehr gut drauf, vielleicht hat er eine vorinstallierte Linksfahrer App. Es ist vermutlich trotzdem anstrengend, links zu fahren wie alle hier, aber im Gegensatz zu den anderen das Steuer auf der falschen Seite zu haben.
Ich biete sicherheitshalber keinen Fahrerwechsel an. T. würde sich sowieso nicht darauf einlassen. Ich meine, wer möchte seine Reise schon in einem Krankenhaus beginnen, oder wohlmöglich in einem Sarg? Wobei der Gedanke, über den Klippen von Charmouth oder am Golden Cap als Asche in den Wind gestreut zu werden, begleitet vom Klagelied der Möwen, etwas seltsam Anziehendes hat.
Muss aber noch nicht sein.
T. teilt meine Auffassung offensichtlich und kutschiert uns unversehrt ans Ziel, vorbei an Stonehenge, das rechts neben uns majestätisch still in der Abendsonne ruht. Früher konnten Besucher sich ungehindert zwischen den riesigen Steinen bewegen. Inzwischen ist das ganze verdammte Ding eingezäunt. Schwer zu sagen, wovor es mehr geschützt werden muss, vor Graffity Künstlern mit Rucksäcken voller Spraydosen oder vor Esoterik Freaks, die sich mit Seidenbändern an die Steine fesseln und keltische Lieder chanten.
Banksy versus Yoghananda. Ich schätze, Banksy wäre mir lieber.
Wir erreichen unser Cottage in Beaminster kurz vor Mitternacht.
Müde, glücklich, allways in love with Dorset.
Englisches Tagebuch Teil 2: Über den Kanal
Man kann sich England aus der Luft nähern, es sich in einem Flieger erarbeiten, in den man beispielsweise in Düsseldorf einsteigt und nach ungefähr einer Stunde mit feuchten Händen und erhöhtem Puls in London oder Bristol wieder aussteigt.
Man kann es sich aber auch verdienen, indem man an einem ersten Mai mit dem Auto quer durch Belgien nach Calais fährt, dort auf die Fähre geht, wo man sich möglichst noch vor dem Ablegen eine Portion Chips mit Senf und Mayonnaise holt, sich an einen Tisch setzt mit Blick auf die Hafenausfahrt und auf den Horizont starrt, wo bei klarem Wetter bereits schemenhaft die Küste Großbritanniens zu erahnen ist und mit jeder Kartoffelspalte, die im Mund verschwindet, ein Stück näher rückt.
Für mich die einzige Art auf die Insel zu reisen.
Während ich also meine Chips esse und English Breakfast Tea schlürfe, schiebt sich das Schiff durch die Hafenausfahrt in den Channel, Bugspitze voraus auf Dover zu.
Es schlingert leicht und wir beschließen an Deck zu gehen und auf den Horizont zu sehen, was in Kombination mit frischer Luft schonender für den Magen ist, besonders dann, wenn der Seegang stärker wird.
Auf dem Weg zum Außendeck geht T. vor mir her. Er hat diesen leicht wiegenden, breitbeinigen Seemannsgang.
An Deck stehen Holztische, Stühle, und Bänke mit hohen Lehnen. Kaum jemand ist hier heraufgekommen. Auf einer der Bänke sitzt eine Frau, vor sich auf dem Tisch ein Glas mit Rotwein, neben sich auf der Bank ein Buch. Sie lächelt in den Wind, der sanft mit ihren Haaren spielt.
Während T. das Deck durchstreift, die Kamera im Anschlag, lege ich mich auf eine Bank, meinen Rucksack unter dem Kopf und schließe die Augen. Unter mir spüre ich das Brummen der Motoren, liege wie in einer Wiege, die mich sacht in den Schlaf schaukelt.
Das Meer kann eine Mutter sein, liebevoll sorgend, aber auch verschlingend, wenn man nicht stark genug ist.
Als ich aufwache, sind wir ungefähr in der Mitte des Kanals. Ich hole mein Buch aus dem Rucksack, Herrndorfs Arbeit und Struktur. Seine Lust auf Leben angesichts des heranschleichenden Todes in seinem Gehirn, treibt mir die Tränen in die Augen. Ich halte es nicht lange aus, klappe das Buch wieder zu und sehe auf den Horizont.
Das Leben kann wunderbar sein, schillernd und bunt wie ein Schmetterling. Ein paar Flügelschläge, ein bisschen Taumeln im Sonnenlicht und in den Staub sinken.
So verdammt kurz.
Links gleiten jetzt die Klippen von Dover vorbei. Ich heule, wie jedes Mal und denke an diesen Robin Hood Film mit Kevin Costner – Der König der Diebe – wo er englischen Boden betritt, auf die Knie sinkt und die Stirn in den Sand presst.
Ich verzichte darauf, seine Geste nachzuahmen. Ich vermute, es würde an der Anlegestelle von Dover nicht ganz so würdevoll wirken.
Englisches Tagebuch Teil 1: Belgien geloopt
England, immer wieder England, Insel, die mir Sinne und Denken anfeuert, so dass meine Füße sich fühlen wie Wurzeln und mein Körper wie Stamm und Krone eines Baumes, dessen Äste sich zum Himmel strecken und im Wind wiegen, während Vögel ihre Nester bauen bevor sie in die Morgensonne taumeln.
So einen Baum macht diese seltsam schrullige Insel aus mir.
Und das allerseltsamste ist, es fühlt sich so gut an, dass ich dort immer wieder sein will.
T. teilt meine Begeisterung. Ich bezweifle, dass er auch das Gefühl der Baumwerdung teilt.
Wir sitzen wieder einmal im Auto und fahren in Richtung Großbritannien, beziehungsweise in Richtung Frankreich zur Fähre. Wenn man vom Ruhrgebiet mit dem Auto nach Calais gelangen will, findet man sich in der Regel irgendwann in Belgien wieder, genauer gesagt auf der Autobahn durch das von Jaques Brel so liebevoll besungene platte Flanderland. An diesem ersten Mai bedeutet das, Teil eines endlosen Convois von Autos zu sein, die sich -stop and go- weiterschieben.
„Wo, verdammt, wollen die alle hin“, frage ich niemand besonderen.
„Ans Meer“, antwortet T. „ans Meer“.
Nun ja, was soll eine gelangweilte belgische Familie an einem semisonnigen Mai Feiertag auch sonst mit der Zeit anfangen?
Warum demonstrieren die eigentlich nicht, wie es sich gehört am Tag der Arbeit?
Die Landschaft schleppt sich vorbei, irgendwie unverändert, flach, unspektakulär.
Langweilig.
Ich könnte schwören, dass wir seit Stunden an demselben Stück Weideland vorbei kriechen. Allein der Anblick einer Herde von Eseln verändert ab und zu die Aussicht und lässt mich vermuten, dass wir uns möglicherweise doch fortbewegen.
Das Navi sagt, dass wir die Fähre um eine Stunde verpassen werden.
Wir fragen nach einer Umgehungsstrecke.
Das Navi sagt, dass wir über Land ungefähr fünf Minuten vor Abfahrt der Fähre im Hafen von Calais ankommen werden.
Ein guter Plan.
Also ab auf die Landstraße. Sofort wechselt die Kulisse. Statt der Esel sehen wir jetzt eine Ackerfläche samt Windmühle.
„Muss schön sein, in so einer Mühle zu wohnen“, sagt T.
Ich bin nicht sicher, ob ich zustimmen will. Ich meine, in einem runden Haus zu leben, das auf einer endlosen Fläche steht, die keine winzige Erhebung zeigt soweit das Auge reicht?
Dagegen scheinen die Türme von Mordor ein Vergnügungspark. Als Gott die Meditation erschuf, muss er in einer runden Mühle gesessen haben. Es ist einfach, alles gleich zu achten, wenn es nichts anderes gibt, einen Verstand zu leeren, in den sowieso nichts rein will.
„Verschollen in Belgien“, sage ich, schalte den CD Player ein und überlasse es den Songs von Eszther Balint die allgegenwärtige Leere und Flachheit auf eine Anhöhe aus Melancholie und Weltschmerz zu führen. Ein wohliger, sentimentaler Schauer lässt mich spüren, dass ich noch lebe.
„Ich muss pinkeln“, sage ich.
T. hält an einer Tankstelle mit Shop und Café, beide leider geschlossen, Inhaber vermutlich auf dem Weg ans Meer.
Egal, pinkeln kann man auch in dem Gestrüpp, das trotzig zwischen der Seitenwand des Gebäudes und dem Zaun des angrenzenden Ackers wächst. In Belgien dienen Zäune vermutlich zur Auffindung des eigenen Hauses.
T. raucht während ich Dehnungsübungen für meine bewegungshungrigen Bein und Armmuskeln mache.
Als wir wieder ins Auto steigen, teilt uns das Navi mit, dass wir die Fähre verpassen werden. Ist jetzt auch schon egal. Weiter geht die Fahrt durchs platte Land bis am rechten Straßenrand ein blaues Schild mit einem Kranz aus gelben Sternen das Überschreiten der französischen Grenze verkündet.
Allmählich verändert sich die Landschaft. Vive la France. Ein bisschen riecht man schon das Meer. Hundert Jahre Belgien liegen hinter uns, und der Begriff Dankbarkeit bekommt eine neue Dimension. Am Ende erreichen wir Calais zweieinhalb Stunden später als geplant und zahlen 25 Euro Aufpreis für das Ticket mit einer späteren Fähre.
Ich bin Shirin
Ich bin Shirin.
Das ist das Einzige, das ich weiß.
Aber vielleicht stimmt auch das nicht.
Vielleicht ist es falsch, wie alles andere.
Wie mein Leben.
Ich bin Shirin.
Sie sagen, sie haben mich
am Strand gefunden, aber
kann man einen Menschen finden
wie ein Stück Strandgut.
Ich bin Shirin.
Alles, woran ich mich erinnere,
ist dieser Name und die Farbe des Bootes,
in dem wir saßen, meine Umi und ich,
zusammen mit dreihundert anderen.
Ich bin Shirin
Das Meer brennt in den Augen.
Es schmeckt wie Tränen.
Umi kommt nicht mehr.
Es gibt nur noch mich.
© gabi m. auth
Tatort
Menschen können nicht fliegen wie die Vögel.
Wenn sie sich über die Wolken heben, sitzen sie meist in langen Metallröhren mit starren Flügeln, die von kräftigen Motoren in der Luft gehalten werden.
Manchmal, stürzen sie, rasen hilflos in eine Tiefe, in der sie zerbrechen, Mensch wie Maschine.
So wie in Südfrankreich.
Und über den Trümmern erhebt sich das Weinen und Klagen der Mütter und Väter, der Brüder, Schwestern, Kinder und der Freunde all jener, die Herz an Herz verbunden waren mit den Gestürzten.
Und Viele, die nicht getroffen sind, klagen mit in ihrer Betroffenheit der Verschonten, halten erschrocken, voller Mitgefühl , aber erleichtert die Hände ihrer Liebsten, davon gekommen, doch ahnend, die einzige Sicherheit im Leben ist der Tod.
Und manchmal die Liebe.
Menschen können nicht unbegrenzt schwimmen, nicht wie die Fische, die sich frei in den Meeren zwischen den Kontinenten bewegen.
Wenn Menschen die Meere durchqueren, sitzen sie meist in schwimmenden Kisten, die von kräftigen Motoren vorwärts bewegt werden.
Manchmal sind diese Kisten die einzige Hoffnung auf ein Leben ohne Hunger, Krieg und Angst. Sie sind oft alt und leck, und sie sinken, ziehen die Menschen mit sich in die Tiefe und in die Weite des Ozeans, wo die Kraft schwindet und die Lungen sich füllen mit Tränen des Mittelmeeres .
Körper tanzen auf den Wellen, unbeweint, fremd, ungerufen bis der letzte Atemzug verklingt, ein krampfhaftes Gluckern.
Stille.
Wer kennt die Namen? Wer lauscht dem Weinen und Klagen der Väter und Mütter, der Brüder, Schwestern, Kinder und Freunde?
Manchmal klingt Schweigen so schrill, dass es schmerzt.
Und nach der Tagesschau kommt Tatort, es gibt Chips. Werden Thiel und Börne es richten?
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Gesichter
Manche sehen aus wie Blumen, Margeriten oder Rosen. Rosen sind sehr beliebt. Andere sind wie Fabelwesen, kleine, pinkfarbene Drachen, blaue Einhörner und Mangas. So etwas in der Art eben.
Dann gibt es die prosaischen oder die politischen, die nur einen Schriftzug tragen. Irgendwie trotzig.
Und da sind natürlich die, die ein Gesicht haben, das wie ein Gesicht aussieht, ansprechend wie ein echter Ansprechpartner.
Oft ist das Abbild ihres Gesichtes schon viele Jahre alt, vielleicht sogar aus der Kindheit. Oder es ist das Gesicht von jemand anderem.
Manchmal weiß ich es.
Ein anderes Mal weiß ich es nicht und frage auch nicht danach.
So viele Gesichter in diesem Buch, so viele Phrasen, bunte Bilder und Plattitüden.
Katzen sind beliebt und weise Sprüche. Oh ja.
Dazwischen immer wie auch eine Perle, ein Edelstein oder zumindest ein Halbedelstein, etwa eine wunderschöne Musik, ein berührender kleiner Film, oder Texte, die so voller Leben scheinen.
Und dann findet sich in manchen Momenten ein echter Austausch, einer, der anregt, der Lust auf mehr macht oder nachhallt wie ein geflüstertes Geheimnis.
Und ich spüre einen Hauch des Menschen hinter dem Gesicht, gleich eine winzigen, warmen Brise mitten im Winter.
Hin und wieder wird so ein Gesicht dann klarer, eine Stimme am Telefon ergänzt das Bild und selten, sehr selten, stehe ich auf einem Platz mitten in der Stadt, die Sonne scheint und eine Person kommt auf mich zu. Ein Gesicht aus dem Gesichtsbuch hat plötzlich einen Körper, einen Gang, eine Mimik und zwei lebendige Augen, die den ganzen Menschen offenbaren.
Wir lachen und freuen uns, dass wir den Sprung gewagt haben.
Und einmal mehr wird klar, dass das Gesichtsbuch, ja, dass die ganze virtuelle Welt im besten Fall eine Gehhilfe ist, wenn es richtig gut läuft, sogar eine, die eine Freundschaft begründen kann.
So ganz real.
mein bester Freund
Mein bester Freund
warst du,
einer fürs Kino,
oder für Konzerte,
und zum reden,
ganz besonders
zum reden.
Etwas an dir
ließ mich hören,
zuhören, stundenlang,
ein sehendes Hören,
ich sah dich an
und mochte, wie
dein Reden aussah.
Und dein Lächeln,
leise, und trotzdem
durchmaß es den Raum
wie mit leichten,
federnden Schritten,
Vorbote eines
neuen Gefühls.
Das Erstaunen, als
wir es entdeckten,
das füreinander
neu sein und
dieses Gefühl
in der Brust,
wie Flügelschlag.
Liebe nannten wir es.
Und wir lachten.
In deinen Augen
sah ich meine Frage
gespiegelt, wie
ein flimmerndes
Nichtbegreifen.
Warum gerade du?
Wir sind geblieben,
einfach so,
und das Staunen
blieb mit uns
die ganze Zeit
Liebende und
Beste Freunde.
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Apollos Atem
Wie es riecht, so unbeschreiblich,
süßwürzig, luftigfrisch
nach aufbrechender Erde,
nach sprießendem Grün, und
nach Staub in den Sonnenstrahlen.
Winzige Blüten recken
ihre blauen Köpfe ins Licht,
und die Vögel, sie jubeln
und singen und hören nicht auf,
ein Chor der Lust auf Leben
Apollos belebender Atem
streicht liebevoll schelmisch
über jedes Wesen, die großen,
wie die allerkleinsten, und es lacht
und lacht, und alles lacht mit, Frühling.
© gabi m. auth
