Englisches Tagebuch Teil 2: Über den Kanal

Man kann sich England aus der Luft nähern, es sich in einem Flieger erarbeiten, in den man beispielsweise in Düsseldorf einsteigt und nach ungefähr einer Stunde mit feuchten Händen und erhöhtem Puls in London oder Bristol wieder aussteigt.
Man kann es sich aber auch verdienen, indem man an einem ersten Mai mit dem Auto quer durch Belgien nach Calais fährt, dort auf die Fähre geht, wo man sich möglichst noch vor dem Ablegen eine Portion Chips mit Senf und Mayonnaise holt, sich an einen Tisch setzt mit Blick auf die Hafenausfahrt und auf den Horizont starrt, wo bei klarem Wetter bereits schemenhaft die Küste Großbritanniens zu erahnen ist und mit jeder Kartoffelspalte, die im Mund verschwindet, ein Stück näher rückt.
Für mich die einzige Art auf die Insel zu reisen.
Während ich also meine Chips esse und English Breakfast Tea schlürfe, schiebt sich das Schiff durch die Hafenausfahrt in den Channel, Bugspitze voraus auf Dover zu.
Es schlingert leicht und wir beschließen an Deck zu gehen und auf den Horizont zu sehen, was in Kombination mit frischer Luft schonender für den Magen ist, besonders dann, wenn der Seegang stärker wird.
Auf dem Weg zum Außendeck geht T. vor mir her. Er hat diesen leicht wiegenden, breitbeinigen Seemannsgang.
An Deck stehen Holztische, Stühle, und Bänke mit hohen Lehnen. Kaum jemand ist hier heraufgekommen. Auf einer der Bänke sitzt eine Frau, vor sich auf dem Tisch ein Glas mit Rotwein, neben sich auf der Bank ein Buch. Sie lächelt in den Wind, der sanft mit ihren Haaren spielt.
Während T. das Deck durchstreift, die Kamera im Anschlag, lege ich mich auf eine Bank, meinen Rucksack unter dem Kopf und schließe die Augen. Unter mir spüre ich das Brummen der Motoren, liege wie in einer Wiege, die mich sacht in den Schlaf schaukelt.
Das Meer kann eine Mutter sein, liebevoll sorgend, aber auch verschlingend, wenn man nicht stark genug ist.
Als ich aufwache, sind wir ungefähr in der Mitte des Kanals. Ich hole mein Buch aus dem Rucksack, Herrndorfs Arbeit und Struktur. Seine Lust auf Leben angesichts des heranschleichenden Todes in seinem Gehirn, treibt mir die Tränen in die Augen. Ich halte es nicht lange aus, klappe das Buch wieder zu und sehe auf den Horizont.
Das Leben kann wunderbar sein, schillernd und bunt wie ein Schmetterling. Ein paar Flügelschläge, ein bisschen Taumeln im Sonnenlicht und in den Staub sinken.
So verdammt kurz.
Links gleiten jetzt die Klippen von Dover vorbei. Ich heule, wie jedes Mal und denke an diesen Robin Hood Film mit Kevin Costner – Der König der Diebe – wo er englischen Boden betritt, auf die Knie sinkt und die Stirn in den Sand presst.
Ich verzichte darauf, seine Geste nachzuahmen. Ich vermute, es würde an der Anlegestelle von Dover nicht ganz so würdevoll wirken.

6 Gedanken zu “Englisches Tagebuch Teil 2: Über den Kanal

  1. Seufz…ich hoffe, Du lässt Dir noch Zeit mit dem Übersiedeln. Viiiel Zeit.
    Und ich hoffe, ich erfahre auch den Rest – hier, und persönlich 🙂

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