Englisches Tagebuch Teil 1: Belgien geloopt

England, immer wieder England, Insel, die mir Sinne und Denken anfeuert, so dass meine Füße sich fühlen wie Wurzeln und mein Körper wie Stamm und Krone eines Baumes, dessen Äste sich zum Himmel strecken und im Wind wiegen, während Vögel ihre Nester bauen bevor sie in die Morgensonne taumeln.
So einen Baum macht diese seltsam schrullige Insel aus mir.
Und das allerseltsamste ist, es fühlt sich so gut an, dass ich dort immer wieder sein will.
T. teilt meine Begeisterung. Ich bezweifle, dass er auch das Gefühl der Baumwerdung teilt.
Wir sitzen wieder einmal im Auto und fahren in Richtung Großbritannien, beziehungsweise in Richtung Frankreich zur Fähre. Wenn man vom Ruhrgebiet mit dem Auto nach Calais gelangen will, findet man sich in der Regel irgendwann in Belgien wieder, genauer gesagt auf der Autobahn durch das von Jaques Brel so liebevoll besungene platte Flanderland. An diesem ersten Mai bedeutet das, Teil eines endlosen Convois von Autos zu sein, die sich -stop and go- weiterschieben.
„Wo, verdammt, wollen die alle hin“, frage ich niemand besonderen.
„Ans Meer“, antwortet T. „ans Meer“.
Nun ja, was soll eine gelangweilte belgische Familie an einem semisonnigen Mai Feiertag auch sonst mit der Zeit anfangen?
Warum demonstrieren die eigentlich nicht, wie es sich gehört am Tag der Arbeit?
Die Landschaft schleppt sich vorbei, irgendwie unverändert, flach, unspektakulär.
Langweilig.
Ich könnte schwören, dass wir seit Stunden an demselben Stück Weideland vorbei kriechen. Allein der Anblick einer Herde von Eseln verändert ab und zu die Aussicht und lässt mich vermuten, dass wir uns möglicherweise doch fortbewegen.
Das Navi sagt, dass wir die Fähre um eine Stunde verpassen werden.
Wir fragen nach einer Umgehungsstrecke.
Das Navi sagt, dass wir über Land ungefähr fünf Minuten vor Abfahrt der Fähre im Hafen von Calais ankommen werden.
Ein guter Plan.
Also ab auf die Landstraße. Sofort wechselt die Kulisse. Statt der Esel sehen wir jetzt eine Ackerfläche samt Windmühle.
„Muss schön sein, in so einer Mühle zu wohnen“, sagt T.
Ich bin nicht sicher, ob ich zustimmen will. Ich meine, in einem runden Haus zu leben, das auf einer endlosen Fläche steht, die keine winzige Erhebung zeigt soweit das Auge reicht?
Dagegen scheinen die Türme von Mordor ein Vergnügungspark. Als Gott die Meditation erschuf, muss er in einer runden Mühle gesessen haben. Es ist einfach, alles gleich zu achten, wenn es nichts anderes gibt, einen Verstand zu leeren, in den sowieso nichts rein will.
„Verschollen in Belgien“, sage ich, schalte den CD Player ein und überlasse es den Songs von Eszther Balint die allgegenwärtige Leere und Flachheit auf eine Anhöhe aus Melancholie und Weltschmerz zu führen. Ein wohliger, sentimentaler Schauer lässt mich spüren, dass ich noch lebe.
„Ich muss pinkeln“, sage ich.
T. hält an einer Tankstelle mit Shop und Café, beide leider geschlossen, Inhaber vermutlich auf dem Weg ans Meer.
Egal, pinkeln kann man auch in dem Gestrüpp, das trotzig zwischen der Seitenwand des Gebäudes und dem Zaun des angrenzenden Ackers wächst. In Belgien dienen Zäune vermutlich zur Auffindung des eigenen Hauses.
T. raucht während ich Dehnungsübungen für meine bewegungshungrigen Bein und Armmuskeln mache.
Als wir wieder ins Auto steigen, teilt uns das Navi mit, dass wir die Fähre verpassen werden. Ist jetzt auch schon egal. Weiter geht die Fahrt durchs platte Land bis am rechten Straßenrand ein blaues Schild mit einem Kranz aus gelben Sternen das Überschreiten der französischen Grenze verkündet.
Allmählich verändert sich die Landschaft. Vive la France. Ein bisschen riecht man schon das Meer. Hundert Jahre Belgien liegen hinter uns, und der Begriff Dankbarkeit bekommt eine neue Dimension. Am Ende erreichen wir Calais zweieinhalb Stunden später als geplant und zahlen 25 Euro Aufpreis für das Ticket mit einer späteren Fähre.

3 Gedanken zu “Englisches Tagebuch Teil 1: Belgien geloopt

  1. Schön! Ich war noch nie in England … Belgien finde ich eigentlich gar nicht so schlimm. Wir waren früher öfter in Gent, Brügge oder Brüssel – daran muss ich immer denken, wenn ich da durch fahre 🙂

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